aus bma 09/01

von Andreas Christiansen

ClubAlles fing damit an, dass ich am Abend in diesen 70 cm breiten, schwarzen Kasten schaute, wovon laut Werbung nur 65 cm sichtbar sind. Da ich bis Lilo Wanders noch reichlich Zeit hatte, probierte ich diverse Knöpfe auf der Fernbedienung aus und landete beim „Nord Magazin”. Ihr wisst schon, die Sendung mit Hausmeister Erwin am Schluss. Da ich mit meinen Gedanken doch schon bei Lilo war, bekam ich von dem Bericht ĂŒber einen ausrangierten Zug irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern nur noch mit, wie eine Gruppe von Motorradfahrern sich dort eingenistet hatte. Dann kam auch schon Erwin mit seinem AlltagsĂ€rger – und Schluss.
Die Sache ließ mir keine Ruhe! Wir – die „Motorradfreunde Nordfriesland” – haben im FrĂŒhjahr und im Herbst eine einwöchige Tour im Programm, deren Ausarbeitung meist bei mir hĂ€ngen bleibt. Ich fand, dass das mit dem Zug eine tolle Sache werden könnte, außerdem wĂŒrde mir die GerĂ€uschkulisse heimisch vorkommen, denn ich wohne direkt an der Bahnlinie Hamburg – Westerland.
Also schnell die 11833 angerufen, um die Nummer des Senders herauszubekommen. Die Verbindung kam zustande und eine anfangs freundliche und sympathische Stimme verwandelte sich im Laufe des Ge- sprĂ€chs zunehmend ins Gegenteil. Ich hörte noch die Worte ich wĂ€re beim Sender, nicht beim Fremdenverkehrsverband und dann nur noch tĂŒt-tĂŒt-tĂŒt-… Ja, wir Nordfriesen wissen zwar nicht alles, aber doof sind wir auch nicht. So fiel mir also der Fremdenverkehrsverband „Meck-Pomm” ein – noch mal Danke, Tante.

 

Montag rief ich gleich in Rostock an, und da wusste man Bescheid: „Das kann nur der Zug in Kratzeburg sein.” Ich musste nachfragen: „Ratzeburg?” „Nein, nein, Kratzeburg!” Mir lief ein kalter Schauer ĂŒber den RĂŒcken. Ich dachte sofort an meine Lausbubenzeit, wo ich im HĂŒhnerstall immer die vermilbten Nester sauber machen musste, und es so bei mir regelmĂ€ĂŸig zu einer Kratzorgie kam. Ich bin „Baujahr 52”, und frĂŒher duschte man noch nicht drei Mal am Tag.
Jedenfalls kamen am Mittwoch die Prospekte, und mein Unwohlsein hatte sich gelegt. Da stand er nun, der Zug in Kratzeburg bei Waren an der MĂŒritz – direkt mit Blick auf den KĂ€bele See. NatĂŒrlich alles von der besten Seite fotografiert und auf Hochglanzpapier! Laut Abbildung genau das Richtige fĂŒr unsere Truppe. Also klĂ€rte ich nun weitere Einzelheiten: Termin, Preise usw. – Mitte Mai wĂ€re alles frei, hieß es.
am ZugJa und wer mich kennt, der weiß, das „PrĂ€si Dresi” immer fĂŒr eine Überraschung gut ist. So gab ich am nĂ€chsten Clubabend nur Termin, Kosten und das ungefĂ€hre Reiseziel bekannt mit dem Zusatz „feste Unterkunft, jeder sein Bett, mit Dusche und SanitĂ€r – fĂŒr 30 DM pro Nacht und Nase mit FrĂŒhstĂŒck”. TatsĂ€chlich hatten sich bis zum Anmeldeschluss 16 Mann und die unbelehrbare, durch nichts zu erschĂŒtternde Elke entschlossen, das Risiko einzugehen. Bis zum Abfahrtstermin hat noch so mancher versucht, herauszufinden, wo wir landen wĂŒrden. NatĂŒrlich bin ich nicht bestechlich, außer mit Geld, aber wer hat heutzutage davon noch was ĂŒbrig?
PĂŒnktlich, als der Sommer kam, ging es endlich los. Ich als Gespannfahrer nahm mir die Exoten vor: Gerhard mit dem Trike, Roller-GĂŒnni, die 125er Chopper und sonstiges Gesochse. Kalli spielte den Leithammel bei der zweiten Gruppe. Gefahren wurde natĂŒrlich Querfeldein und auf Nebenstrecken.
Schon am ersten Treffpunkt an der Esso-Tankstelle in Ratzeburg gab es die erste Überraschung. Esso war jetzt Avia, und Kalli fuhr und fuhr – immer den Tiger vor den Augen. Doch im Handy-Zeitalter war das kein Problem. Wir trafen uns dann bei Rosi’s Imbiss in der NĂ€he von Gadebusch wieder und nach gegenseitigen Schuldzuweisungen ging es flott weiter. Wir kamen wieder an unseren alten beachtlichen Schnitt von 50 km/h heran.
Die erste Abfahrt vor Schwerin, Richtung Crivitz, war unser nĂ€chster Treffpunkt. Doch scheinbar sprechen Kalli und ich nicht die gleiche Sprache, oder wieso war Kalli nicht da? Und so bescherte ich meiner Gruppe noch eine kostenlose Stadtrundfahrt durch Schwerin, vorbei am Schloss Richtung Waren. Die Stadt wimmelte nur so vor „GrĂŒn-Weiß”, und dabei hatten wir das gar nicht bestellt, denn wir hĂ€tten das auch ohne Absperrung geschafft. Ich zĂŒckte dann doch wieder mein Handy – was blieb mir anderes ĂŒbrig? Nun musste ich die Katze aus dem Sack lassen und der zweiten Gruppe, die schon weit vor uns war, unser Ziel Kratzeburg bekannt geben. Ich sagte, dass wir uns irgendwo im Dorf bei der Tanke, beim Kaufmann oder an der Kneipe treffen wollten, wir fĂ€nden sie schon und fĂŒhren dann gemeinsam ins Quartier. Das gehört sich einfach so, dass man die letzten Kilometer geschlossen hinter dem PrĂ€si ans Ziel fĂ€hrt; so wie die Harley-Fahrer. Es muss alles einen gewissen Stil haben. Und mal ehrlich, ich wollte natĂŒrlich auch die Gesichter meiner Freunde sehen.
hoch die TassenDoch es kam anders. Ich sah das Schild „Bahnhof” und bog mit meiner Gruppe dorthin ab, von den anderen gab es keine Spur. Kein Wunder, im Dorf gab es keine Tanke und keinen Kaufmann. An eine alte Kieskuhle am See, schweißgebadet, den Zug in Sichtweite, hatte es sie verschlagen. Auf die Idee, dass das unser Ziel sei, war bis dato keiner von ihnen gekommen. Und entsprechend waren die Kommentare und GesichtsausdrĂŒcke, als sie es erfuhren. Nach anfĂ€nglichen tĂ€tlichen Drohungen gegen meine Person – Kalli hatte die WĂ€rme wohl besonders zu schaffen gemacht – glĂ€tteten sich die Wogen und die ersten euphorischen Äußerungen wurden mit einem Handschlag zu den Akten gelegt.
Sie hatten mit allem gerechnet: Leuchtturm, Feldscheune, Hausboot oder Bauernhof, aber mit einem – wie Christian sagte – „ausrangierten Viehwaggon” nicht. Trotz meiner Hörbehinderung hörte ich Jörn Uwes Worte: „Datt dörf doch nich wohr sein!” und Christian: „Hier treck ick nich in, wenn datt nich so wiet weer, wörk sofort wer to Hus fohrn.” Doch nach Zuteilung der Abteile, nach Inspektion der sanitĂ€ren Anlagen und – vor allen Dingen – nach dem Genuss der ersten LĂŒbzer im Belustigungswaggon hörte ich auf einmal ganz andere Worte. Nur einige Beispiele: „geil hier, die Ruhe, die Landschaft, der Blick auf den See, die Mopeds direkt vor der TĂŒr, genau das Richtige fĂŒr uns! Besser konnten wir es gar nicht treffen.”
Doch es sollte noch besser kommen. Da man am ersten Tag die örtlichen Gegebenheiten noch nicht so kennt, hatte ich fĂŒr uns ein Abendessen gebucht. So wurde fĂŒr uns ein prima Grillabend organisiert. Als dann noch der hauseigene Bahnmusikant sein Keyboard anheizte und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins” spielte, konnten nur noch etliche Biere die Stimmung vor dem Überkochen retten. Auf jeden Fall dachte an diesem Abend keiner mehr ĂŒber eine vorzeitige Abreise nach.
Nach und nach verschwanden alle zufrieden in ihre Abteile, schachmatt von den Ereignissen des ersten Tages. Auch fĂŒr mich war die Welt in Ordnung, bis zu dem Zeitpunkt, als es laut an unserer WaggontĂŒr pochte. Ich dachte noch, ich hĂ€tte die Stimme meiner Frau im Traum gehört und sagte zu Gerhard: „Kneif mich mal.” Nein, es war die Wirklichkeit. Da stand sie mit ihrer und meiner Freundin Sandra, hinterhĂ€ltig grinsend, Haus und Hof im Stich gelassen – natĂŒrlich nicht mit der Absicht, um zu schauen, ob ich auch im richtigen Bett liege. Die Überraschung war geglĂŒckt, und wir beschlossen, mal nachzusehen, ob der Bierhahn nicht schon verkrustet sei und genossen noch einige GlĂ€schen von diesem sĂŒffigen Gerstensaft, bevor Anneliese und Sandra sich mit der Draisine auf den Weg in ihre Ferienwohnung begaben.
Am Morgen waren wir erst mal auf das FrĂŒhstĂŒck gespannt, und wer in der Woche nicht gerade Lachs und Kaviar zu seinen Grundnahrungsmitteln zĂ€hlt, der wurde nicht enttĂ€uscht. Alles war reichlich vorhanden: frische Brötchen, Eier, Wurst, KĂ€se, Schinken, Tee, Kaffee, Milch und so weiter. Das alles bei aufgehender Sonne mit Blick auf den KĂ€bele See, wo der aufsteigende Tau den Blick auf die ausschwimmende Entenfamilie frei gab. Man konnte fast vergessen, dass wir eigentlich zum Motorrad fahren gekommen waren. Zum GlĂŒck hatten wir GĂŒnther mit, der schon vor dem Duschen in Leder gepackt seine Gummikuh weckte und uns damit signalisierte: „Datt geit nu los!”
So unternahmen wir wunderschöne Tagestou- ren durch die Mecklenburger Seenplatte. Einige unserer Stationen: Malchow, Plau am See, Röbel, Mirow, Neustrelitz, FĂŒrstenberg, Woldek, Pasewalk, Neubrandenburg. Von Waren unternahmen wir eine Schiffahrt auf der MĂŒritz, ein weiteres Highlight war das Tontaubenschießen bei Torgelow auf einem Erlebnishof. Ein absolutes Muss ist der Besuch beim Havelquellen-Fischer in Kratzeburg.
So könnte ich endlos ĂŒber eine wunderschöne und erlebnisreiche Woche an der MĂŒritz berichten. Obwohl wir jetzt schon lange wieder zu Hause sind, sprechen wir im nachhinein immer noch gerne von Ratzeburg mit „K”!
Ach Kalli! Wie kam es eigentlich, dass die langsame Gruppe zwei Stunden frĂŒher zu Hause war?