Nordafrika ist nah …
aus Kradblatt 1/26 von Carmen & Uwe Langhans
Motorradtour? Na klar. Weserbergland, Harz oder Sauerland. Aber weiter? Weiter als Österreich und Italien? Warum Marokko näher und einfacher ist, als viele denken. Diese Reportage soll Mut machen, mal weiter als Österreich oder Italien mit dem Motorrad zu fahren. Vielleicht zu zweit oder …

Zum Nordkap waren es knapp 3.500 km von Bremen. Und bei der Vorbereitung war uns aufgefallen, dass Gibraltar mit 2.700 km Entfernung bedeutend näher lag. Da Afrika viel wärmer und eine niedrigere Regendichte als Norwegen hatte, planten Uwe und ich, das nördlichste Afrika als nächstes Motorradziel ins Visier zu nehmen.
Marokko, Afrika. Viele Gruselgeschichten kursierten. Meist von Menschen die nie da waren. Das kannten wir von Albanien und dem Balkan schon. Vorweg: Bewahrheitet hatte sich wieder einmal … nix! Aber bis nach Marokko fahren? Da sind die Adventure-Reifen doch schon durch, bis man da ist. Und so wurde ein gebrauchter Trailer gekauft. Nun konnten wir zwei uns während der Fahrt abwechseln und kamen viel schneller ins Zielgebiet. Dadurch sparten wir Hotelübernachtungen, brauchten nur die Hälfte an Benzin und schonten die Motorradreifen. Allein durch diese Einsparungen bei der Hin- und Rückfahrt, hatten wir die Anschaffungskosten des Trailers raus.

Unser Gespann konnten wir, auf Nachfrage, auf dem Außengelände eines Casinos, 10 km vor Gibraltar, für 3 Wochen stehen lassen. Da wir dort den letzten Tag der Hinreise und den ersten Rückreisetag übernachteten, war der bewachte Stellplatz sogar kostenlos.
Und dann war es soweit. Wir fuhren in Ceuta auf die Fähre. Ob in Norwegen, nach Island oder sonst wo – überall mussten wir unsere Motorräder selbst verzurren. Kaum auf der Fähre, verzurrte das Bordpersonal unsere Motos. An Deck der Fähre machen wir dann die ersten marokkanischen Bekanntschaften. Alle freuen sich, dass wir ihr Land mit Motorrad besuchen. Man überreicht uns Visitenkarten mit privaten Telefonnummern, falls wir „irgendwann einmal in Not“ geraten: „Just call us.“ Die Hilfsbereitschaft dieser Menschen macht uns sprachlos.
Die Überfahrt dauert nicht lange und wir fahren von Bord durch die spanische Enklave an der nordafrikanischen Küste 5 km bis zu marokkanischer Grenze. Dort erlebe ich zum ersten Mal, dass meine Motorradkoffer an einer Grenze durchsucht werden. Alle Taschen und Beutel werden geöffnet und inspiziert. Hätte ich unsere Drohne „Stasi“ mitgenommen, wäre unser Abenteuer jetzt zu Ende. Die Einfuhr von Drohnen ist nach Marokko strengstens verboten. Die Geräte werden konfisziert und die zusätzliche Geldstrafe reißt ein empfindliches Loch ins Budget. Doch Stasi ist zum Glück zu Hause geblieben.
Dann geht es in Richtung Chefchaouen auf Straßen, die so gut waren, wie ich sie in Bremen seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Das Königreich Marokko versucht den Tourismus anzukurbeln. Ständig wird das Straßennetz ausgebaut bzw. ausgebessert. Bremer befinden sich im Asphalt Himmel. Die Straße schlängelt sich durch die grünen Hügel des Riffgebirges und bietet atemberaubende Ausblicke auf das tiefblaue Meer. Chefchaouen ist normalerweise 110 km von Ceuta entfernt. Wir fahren kleine Nebenstrecken und kommen nach ca. 150 km an. Chefchaouen, die „Blaue Stadt“, verzaubert uns mit ihren kobaltblauen Häusern und den engen Gassen. Dabei haben wir das richtige Timing. Die Stadt gibt uns einen unglaublichen Empfang. Es ist Ferienbeginn und ein riesiges Fest ist im Gange, in das wir uns nach einer erfrischenden Dusche sofort stürzen.

Man spürt sofort eine andere Kultur, eine andere Energie und Lebensfreude. Wir kommen innerhalb von Sekunden in Afrika an. Die Menschen um uns herum sind so aufgeschlossen und so freundlich, wie wir es nicht für möglich gehalten hatten. Wir saugen die Vielfalt von Gerüchen, Bildern und Geräuschen in uns auf und lassen uns durch Chefchaouen treiben. Stunden später stehen wir auf unserer Hotel Dachterrasse und schauen über diese imposante Stadt. Dann sinken wir mit unglaublichen Eindrücken ins gemachte Bett.
Am nächsten Tag starten wir nach einem Frühstück Richtung Meknès. Uwe braucht noch eine marokkanische SIM Karte. Im Gegensatz zu allen Anderen tragen wir Helme und Schutzkleidung und fallen mit unseren großen Motos schon sehr auf. Wenn ich dann meinen Helm abnehme und jeder erkennt, dass ich eine Motorrad fahrende Frau bin, habe ich die gesamte Aufmerksamkeit der Umgebung. Und zwar positiv. Männer nicken anerkennend und Frauen – ob verschleiert oder nicht – recken mir selbst aus dem Taxi ihre erhobenen Daumen entgegen. Ich sitze auf meinem Moto und freue mich unglaublich darüber. Als Uwe im Handy-Shop ist, nähern sich mir zwei Bettler. Doch bevor ich irgendwas sagen kann, kommen drei Frauen und zwei Männer aus einem angrenzenden Café heraus und vertreiben die beiden. Dann bleiben alle so lange bei mir, bis Uwe wieder da ist. Unglaublich.

Wir fahren weiter und blicken ständig nach links und rechts. Die Landschaft, die vielen Eselskarren, überall sind Störche auf den Wiesen. Jeder gesichtete Affe wird über das Intercom gefeiert. Und als die ersten Kamele am Straßenrand auftauchen, halten wir ständig für ein Foto an.
Unsere beiden Motos sind auf dem Land von weitem zu hören und so erleben wir es auf unserer Reise sehr oft, dass Kinder von einem Berg, Wiese oder aus angrenzenden Häusern gelaufen kommen und uns winken. Ein Highlight für viele Kinder ist es, uns während der Vorbeifahrt mit der Hand abzuklatschen.
In Meknès angekommen möchte das Navi uns direkt durch die Medina lotsen. Das lassen die schmalen Wege aber nicht zu. Uwe fragt mit Händen und Füßen nach dem Weg. Daraufhin steigt ein freundlicher Mensch in ein Mopedtaxi und bittet uns ihm zu folgen. In einem flotten Tempo bringt er uns zum eigentlichen Eingangstor der Medina. Dort verabschiedet er sich und fährt wieder zurück. Unglaublich. Man stelle sich das einmal hier in Deutschland vor. Unser Motorrad bleibt auf einem bewachten Parkplatz stehen und das Gepäck wird durch einen Träger gefühlte 100 Winkelgassen später zum Riad gebracht. Dort erholen wir uns bei Tee und Gebäck. Während unsere Vitalfunktionen langsam zurückkehren, werfen wir auf der Dachterrasse einen weiten Blick über die unter uns liegende Altstadt. Was für ein geschäftiges Treiben. Auf den Zehen stehend, kann ich sogar das erste Stück Wüste sehen. Dann gibt es Essen. In einer Tajine werden alle benötigten Zutaten übereinandergelegt und über der offenen Glut gargekocht. Unsere Tajine enthält Fisch, Gemüse, Reis und viele Gewürzen. Vorweg Kichererbsensuppe, als Nachspeise eine köstliche Mangocreme. Wow, besser geht Erlebnisgastronomie nicht.

Heute geht es nach Midelt. Wir haben super geschlafen und ein großes Frühstück mit Omelett, Orangensaft, Gebäck und Honig lässt uns tatkräftig in den Tag schauen. Ein Gepäckträger samt Karren steht bereit und es geht diesmal durch eine menschenleere Gasse zurück zum Parkplatz. Wir fahren los.
Wir sehen Affen und Kamele am Wegesrand. Die Landschaft imponiert mit vielen unterschiedlichen Topografien. Störche lassen sich über uns vom Wind treiben und dann erreichen wir die Ausläufer des Mittleren Atlas. Die kurvenreiche Straße schlängelt sich durch malerische Wälder und vorbei an Berberdörfern. Ein Highlight der Fahrt ist der Aufstieg zum Zad-Pass, der atemberaubende Ausblicke bietet. Nach einer kurzen Rast setzen wir unsere Fahrt fort und begegnen fast bei jedem Getränkestopps Motorradfahrer aus Europa. Reinhold aus dem Süden Deutschlands begleitet uns für eine Weile und über Social Media bleibt man nicht nur in Marokko in Verbindung. Wir lassen uns weiter treiben und verlieren das Zeitgefühl. Hier viel, viel schneller als auf unseren anderen Reisen in Europa.

Nach einem kurzen Frühstück machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg nach Merzouga in die Wüste Erg Chebbi. Die Straßen sind super zu fahren. Wir kommen sehr gut voran und sind viel früher in Merzouga als gedacht. Uwe braust mit seinem Moto weit ab vom Straßenrand durch die Sandsteppe. Hier häufen sich die Kamele links und rechts der Straße und wir machen nicht mehr von jedem Kamel ein Foto. Stattdessen kehren wir in einem kleinen Café ein und essen Berber Pizza. Gut gestärkt verlassen wir die asphaltierte Straße und fahren über eine raue Buckelpiste mehrere Kilometer Richtung Wüste bis zum Treffpunkt. Der befindet sich irgendwo im Nirgendwo. Nur unser Navi weiß, wo wir sind. Und trotzdem erscheint kurze Zeit später unsere Guide. Wir schlafen heute mitten in der Wüste in einem Zeltcamp. Es ist heiß, sogar sehr heiß. 42 Grad im Schatten. In der Nacht ist es so heiß, dass wir nicht im Beduinenzelt, sondern draußen unter freiem Himmel schlafen. Über uns die Sterne, unter uns ein Berberteppich und darunter Wüstensand. Allein dieses Erlebnis war die Reise wert.
Natürlich reiten wir am nächsten Tag mit Kamelen durch die Sanddünen und stöbern dabei sogar einen Wüstenfuchs auf. Unglaublich, dass so große Tiere hier überleben können. Irgendwann sitzen wir beiden auf einer Düne und warten auf den Sonnenuntergang. Die Hitze der Wüste hat uns die letzten zwei Tage ausgelaugt und wir beschließen, der Wüste den Rücken zu kehren und weiter Richtung Dades zu fahren.

Bis Dades liegen über 300 km vor uns. Doch der größte Teil davon ist gut asphaltierter Straßenbelag. Und nur, weil wir es wollen, machen wir kleine Ausflüge durch Sand, festgefahrene Erde oder Sandsteppe. Doch die Reifen sind super und jeder Meter bringt Spaß. Wer auf den Hauptstraßen oder größeren Nebenstraßen bleibt, fährt fast immer auf Asphalt. Aber ständig passieren Dinge, die in Deutschland nicht möglich wären. Mitten auf einer Straße im Nirgendwo hält mich eine komplette Familie mit Kindern an und fragt mit Händen und Füßen, ob sie sich auf meinen Tiger für ein Foto setzen dürfen. Wir machen Gruppenfotos mit der ganzen Familie und die Freude bei allen, einschließlich mir ist groß. Jeder Stopp, jeder Halt schreit nach einem Foto und so dauert es seine Zeit bis wir in Dades ankommen. Wir kehren in einem kleinen Riad ein und lassen den Tag ausklingen. Das „Chez Ichou“ entpuppt sich als kulinarisches Juwel. Besser haben wir vorher und hinterher nicht gegessen.
Am nächsten Morgen satteln wir die Motos und weiter geht es. Wir fahren spektakuläre Serpentinen rauf bis zum Blue African, einem sehr bekannten Aussichtspunkt. Weiter durch eine unglaublich schöne Landschaft und hinter M’Semrir biegen wir dann rechts ab von der Straße. Heute wählen wir bewusst offroad. Raus aus der Komfortzone. Am Anfang war alles noch normal unasphaltierter Weg und wir dachten schon, das geht komplett so weiter. Irrtum, wir landen in einer absoluten Geröllstrecke mit jeder Menge Schnappatmung.
Dann tauchen sechs sehr leichte Enduros ohne Gepäck hinter uns auf. Sie schauten auf unsere bepackten 225 kg Motos, schüttelten den Kopf und teilten uns mit, dass es noch weitere 35 Kilometer so weiter geht. Aufgeben und umkehren kam für uns nicht in Frage und so holperten wir im Stehen langsam weiter. Viele Erholungs- und Trinkpausen später kamen auch wir an. Der Asphalt hatte uns wieder und wir näherten uns der Todra-Schlucht. Eben waren wir stundenlang allein auf weiter Flur, hier der reinste Touri-Auflauf. Kulturschock. Aber dann passte ich mich schnell wieder an: Und nun ziert ein schicker Schal aus Tinghir als Kampftrophäe meinen Hals.

So vergehen die Tage. Wer auf Reisen geht, hat meist einige Zielpunkte. Mal sind es spektakuläre Naturorte, mal Tempelanlagen oder Schlösser. Bei Uwe war es seit seiner Kindheit ein Schild. Das mit der Aufschrift: „Tombouctou 52 jours“. 52 Tage brauchten früher die Karawanen um von Zagora in die berühmte Lehmbautenstadt Timbuktu zu gelangen. Während wir Fotos vom Schild machen, kommt ein Reisebus und spuckt über 50 Menschen aus. Alle aus Norddeutschland. Wir verdrücken uns. Am Abend nächtigen wir am Rande der Wüste in einem Riad. Wir springen erst mal in den Pool und genießen die Kühle. Herrlich erfrischt essen wir eine Kleinigkeit und chillen. Abends essen wir am Pool. Das Personal ist super freundlich und nach einem Bier geht es ab ins Bett.
Morgens frühstücken, packen und dann los. Das war der Plan, aber das ganze Personal möchte ein Bild mit dem Tiger und mir. Bis alle mit ihren Handys jeder einzeln und dann gemeinsam mit mir und Tiger sein Foto im Kasten hat, dauert es etwas länger. Aber irgendwann kommen wir dann doch los. Frauen auf Motorrädern sind hier wirklich sehr selten.

In Ouarzazate gibt es ein sehr großes Film-Studio. Game of Thrones, Gladiator, der Medicus, Asterix und vieles mehr wurde hier schon aufgenommen. Während des Besuchs wird gerade der zweite Teil vom „Gladiator“ mit Denzel Washington in einem abgesperrtem Bereich gedreht. Nie waren wir Denzel näher als jetzt.
Wir fahren heute die R307 zu den Wasserfällen in Ouzoud an. Generell bedeutet die Bezeichnung „R“ eher Pistenstraße. Hier gilt meist: Wenn Straße gerade, dann Asphalt. In den Bergen/Serpentinen eher Offroad, aber machbar. Die Wasserfälle von Ouzoud jedenfalls waren die Mühe Wert. Auch dieser Ort ist touristisch sehr gut erschlossen. Überall säumen kleine Buden den Weg zum Wasserfall und für Marokko sind Essen und Getränke eher teuer. Doch insgesamt bereitet es uns schon auf das nächste Ziel vor. Wir werden die nächsten Tage in Marrakesch bleiben und ein wenig relaxen.

Mit Honig, Brot, Pfefferminztee, Kaffee, Joghurt und Gebäck gestärkt, geht es Richtung Marrakesch. Obwohl wir schon in einigen Medinas waren, raubt uns Marrakesch zum Abend hin den Atem. Der berühmte Djemaa el-Fna ist wirklich ein Markt aus Tausend und einer Nacht. Jede Vorstellung wird übertroffen. Das orientalische Leben pulsiert und wir sehen die unterschiedlichsten Straßenkünstler wie Schlangenbeschwörer, Akrobaten, Musiker, bewundern Fakire oder Tänzer. Überall wird gebrutzelt und orientalische Düfte kitzeln unsere Nasen und Gaumen.
Wir lassen uns mit der Menge über den großen Markt treiben, fließen durch die Souks und enden nach vielen Stunden im „Argana“. Im 1. Stock des Restaurants hat man einen fantastischen Überblick über das Treiben auf dem Markt.
Tage später geht es Richtung Casablanca. Streckentechnisch eher unspektakulär. Uwe fährt deshalb oft neben der eigentlichen Straße und macht dabei ständig Bekanntschaft mit frei umherlaufenden Kamelen und Eseln. Das nachgebaute Ricks Café in Casablanca ist natürlich die erste Anlaufstelle für mich. „Closed“. Und wir sind nur heute hier. Pech. Es geht zum zweiten „Must see“. Die „Hassan-II.-Moschee“ ist eine der größten Moscheen der Welt. 25.000 Personen finden in der großen Gebetshalle Platz. Staunend durchqueren wir die Pilgerstätte.
In den nächsten Tagen machen wir Stationen in Fès und Tétouan bevor wir nach 3 Wochen Marokko wieder mit unseren Motos in Spanien landen.
Fazit: Die Straßen waren besser als jemals gedacht – gut wir kommen aus Bremen, da ist das nicht so schwierig.
Das Essen war schmackhaft und meist günstig. Allerdings würden wir ausschließlich erhitzte Speisen empfehlen. Die Unterkünfte waren von sehr günstig (15 €) bis zu teuer (200 €). Sauber ist es überall. Bewachte Campingplätze und bewachte Parkplätze für Motorräder gibt es überall. Wer kein Offroad fahren möchte, kann ausschließlich auf asphaltierten Hauptstraßen durch Marokko fahren, sollte aber definitiv 4-stellige Straßen meiden.
Die Menschen waren uns gegenüber super freundlich und aufgeschlossen. Ich war – wie viele Marokkanerinnen – immer unverschleiert. Zu keiner Zeit habe ich mich in Marokko als Frau respektlos oder abwertend behandelt gefühlt. Im Gegenteil: „Da würde ich sogar allein hinfahren“ war mein Fazit am Ende unserer Reise. Und das nicht nur wegen der Straßen. Marokko ist möglich – wenn Mann/Frau sich traut.
Weitere Motorrad-Reiseberichte von Carmen und Uwe findet ihr unter www.MoinMotos.de sowie auf YouTube unter @MoinMotos.
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