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Low-Budget-Racer-Battle

aus Kradblatt 5/22, von Torsten Witt

Eskalation beim Bau der Café Racer …

Die fertig umgebaute Yamaha XV 920
Die fertig umgebaute Yamaha XV 920

Vor bummelig vier Jahren standen Chrischi und ich bei unserem Freund Heiko mit einer Tasse Bier in dessen Garage. Da mussten wir feststellen, dass Heiko tatsächlich aufgehört hatte, nur von einem Projekt „Low-Budget-Café-Racer“ zu fabulieren. Vor uns stand eine Yamaha XS1100, Baujahr 1976, auf der Bühne und wartete auf ihren Umbau. Während Heiko schon zaghaft an die Demontage und auf die Suche nach einer vernünftigen Teilespenderin ging, war für Chrischi und mich schnell klar, dass wir unbedingt nachziehen mussten.

Heikos Low Cost Yamaha XS 1100
Heikos Low Cost Yamaha XS 1100

Mir war die Basis im Grunde genommen egal und alsbald fiel mir eine Yamaha Virago 920, Baujahr 1987 in die Hände. Deutlich konkretere Vorstellungen hatte Chrischi: BMW oder Guzzi, alles andere kam nicht in Frage. So dauerte seine Suche an und meine Virago schlief unberührt vor sich hin, während Heikos Umbau-Vorsprung langsam, aber stetig wuchs. Nach knapp einem Jahr hatte Chrischi dann doch noch die Richtige getroffen. Eine R 100 R, Baujahr 1993, von BMW sollte es sein. 

Zunächst stand eine Komplett-Zerlegung an, um einen Überblick über die Qualität der Basis zu erhalten und erste Design-Ideen zu entwickeln. Schnell war klar, dass weder die Virago noch die BMW ihr Heck behalten durften. Dummerweise hatte Chrischi genauso wenig wie ich jemals eine Loop gebogen und so gingen ein paar Meter Metall drauf, bis wir dann zwangsläufig gelernt hatten, wie man mit Sand und Wärme Rohre in die gewünschte Form bekommt.

Chrischis weniger low-costige BMW
Chrischis weniger low-costige BMW

Meinen immer konkreter werdenden Vorstellungen für die Linie meiner Café-Racer kam der Tank einer Kawasaki Z650Z am nächsten, Chrischi bediente sich bei einer BMW R 100/7.  Außerdem fertigte er eine neue Untertankverkleidung, ließ die Tauchrohre der Gabel in Hülsen verschwinden, probierte vier verschiedene Lenker aus, weil sich der Lenkanschlag als problematisch erwies und wusste dann nicht mehr, wo er die Batterie unterbringen sollte. Schließlich fand sich unter dem Getriebe noch genügend Platz.

Cockpit der XV 920 mit Moto Gadget Tacho
Cockpit der XV 920 mit Moto Gadget Tacho

Für meine Yamaha hatte ich mir einen günstigen Kennzeichenhalter von Louis bestellt, den ich Chrischi präsentierte. Grinsend zog der einen nach seinen Vorstellungen aus dem vollen Alublock gefrästen Halter aus seinem Teilestapel hervor und ein verhängnisvoller Startschuss war gefallen. 

Heiko blieb unserem Ursprungsgedanken „Low-Budget-Racer“ treu, aber für Chrischi und mich war ab da nur noch wenig Platz für Kompromisse in Sachen Optik und Qualität. 

Natürlich brauchte auch ich jetzt eine „ordentliche“ Halterung fürs Kennzeichen und auch die Motogadget M-Unit, die für Chrischi der Ausgangspunkt für den kompletten Neuaufbau der Fahrzeugelektrik bildete, musste in meine Yamaha. 

Während Heikos Teilespenderin eine tipptopp Original-Auspuffanlage lieferte, spendierten Chrischi und ich unseren Rädern je eine Sonderanfertigung von MAB aus Itzehoe. 

Zu meinen Design-Vorstellungen gehörte ebenso eine Doppelbremse, was aber an der Gabel der Virago so nicht zu verwirklichen war. Dieses Mal lag die Lösung recht nahe, nämlich in Heikos Garage. Die Gabel seiner Spenderin samt kompletter Bremsanlage verpflanzte ich in die Virago, was verhältnismäßig problemlos ging. Fußrasten kamen aus dem Tarozzi-Regal und den Batteriekasten fertigte ich selbst an. 

Yamaha XV 920 Café Racer An meine Grenzen bin ich bei dem Versuch gestoßen, den alten Kabelbaum mit dem Motogadget Steuergerät auf meine Anforderungen hin umzubauen. Ohne Chrischis Elektronik-Kenntnisse wäre ich an dieser Stelle gescheitert. 

Da sowohl Chrischi als auch ich mittlerweile genaue Vorstellungen von der endgültigen Linie unserer Café-Racer hatten, war es unmöglich, passende Sitzbänke zu finden. Also musste auch hier wieder Eigenleistung her. Bleche und Schaumstoff in Form zu bringen war das Eine, die Lederhaut haben wir dann aber doch lieber Axel anvertraut. Vielen Dank noch einmal, Axel!

Spartanisches XS 1100 Cockpit
Spartanisches XS 1100 Cockpit

Ein Großteil der Arbeit, den wir zunächst deutlich unterschätzt hatten, fiel auf das Säubern und lackierfertige Aufbereiten sämtlicher Teile. Vieles, was wir selbst hätten machen können, erwies sich als schwierig, alles andere als teuer. Ein gemeinsamer Abend in Chrischis Garage brachte die – wie sich noch herausstellen sollte – goldene Lösung. Zusammen kauften wir uns günstig einen gebrauchten Sandstrahl-Kasten und weil erste Versuche mit Körnung und Luftdruck schnell zu brauchbaren Ergebnissen führten, machte sich Chrischi konsequenterweise auch über das Pulverbeschichten schlau. 

Yamaha XV 920 Café Front
Yamaha XV 920 Café Front

Mit Omas altem Backofen ließen sich erstaunlicherweise Kleinteile gut bearbeiten und uns dreien war klar: Etwas Großes muss her! Nur leider sind die Preise für entsprechende gebrauchte Öfen ebenfalls groß, weshalb eine gescheite Heimwerkerlösung gefragt war.  Die bestand aus schweren Stahlprofilen und Stahlplatten, mit denen wir den Korpus schweißten. Zur Isolierung kleideten wir den Ofen mit Steinwolle aus und zur Innenverkleidung nutzten wir Fermacell-Platten, da diese feuerfest sind. Für die Technik musste ein alter Backofenlüfter herhalten und die Hitze liefern Heizspiralen aus dem Saunazubehör, die der Baumarkt unseres Vertrauens auf Lager hatte. Die Elektrik lag in Chrischis Händen. Insgesamt hat der Ofen nun schlanke 9 kW, was sich als absolut ausreichend erwiesen hat. Letztendlich stand uns ein einfacher, aber brauchbarer Brennofen mit den Maßen 140x120x60 cm zur Verfügung

Die ersten Brenn-Versuche hatten allerdings eine Überraschung parat. Die Oberfläche der Fermacell-Platten lässt sich von der Struktur her mit Rigips vergleichen und so mussten wir alsbald feststellen, dass schon bei kleinen Erschütterungen Staub von der Innenverkleidung auf unsere frisch pulverbeschichteten Teile rieselte, was natürlich äußerst unschön war. Abhilfe schafften wir mit einer zusätzlichen Innenverkleidung aus Edelstahl, sodass unser Ofen jetzt insgesamt ein stattliches Gewicht aufweist, dafür aber fest steht und nun auch gute Ergebnisse liefert.

Tolles Ergebnis - drei individuelle Bikes und viel Schrauberspaß
Tolles Ergebnis – drei individuelle Bikes und viel Schrauberspaß

Von den Tanks mal abgesehen, die wir dann doch lieber einem Profi überlassen haben, sind alle Lackteile von uns selbst, vom Sandstrahlen bis zum Pulverbeschichten, bearbeitet worden.

Von Anfang an war unser Ziel, dass alle drei Maschinen eine Vollabnahme erhalten und auch wirklich straßentauglich sein sollten. Das zu erreichen ist uns aber nur in enger Absprache mit der GTÜ in Itzehoe gelungen. J. W. stand uns von Anfang an zur Seite und hat sich immer ausgiebig Zeit für Beratungen und hilfreiche Hinweise gegeben, sogar am Wochenende! So unterstützt, konnten wir uns voller Zuversicht am Abnahmetag nach Itzehoe begeben. Trotzdem war die Anspannung schon enorm, da von 8 Uhr bis 20 Uhr allerhand Programm zu bewältigen war. Rad-Messungen, Geräuschmessungen, Leistungsmessungen, Verzögerungsmessungen, alles wurde fein säuberlich dokumentiert – Top-Unterstützung von der GTÜ Itzehoe. Unsere Café-Racer sind 100% legal, genauso, wie sie dastehen!

Vier Jahre mit Heimlichtuerei, Konkurrenz und phantastischer Zusammenarbeit haben zwei Totalumbauten und eine Restauration mit Modifizierungscharakter hervorgebracht, wobei natürlich Heikos einmalig gute Teileträgerin dazu geführt hatte, dass sein Motto „abspecken und erhalten“ wurde. So sind die wesentlichen Umbauten an seiner XS 1100 der Batteriekasten, der Lenker und die Beleuchtung.

Ach ja, wenn ein Motorrad ab Werk ein Lenkradschloss hat, so muss es das auch behalten, haben wir gelernt. Und weil natürlich „Low-Budget“ irgendwo auch noch zu finden sein muss, tut’s jetzt ein Mofa-Schloss an meinem Racer.


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