aus Kradblatt 4/26 von Henning Pertiet
Bikes & Blues – wie ich nach Jahrzehnten zurück aufs Motorrad fand oder: Zweirad, Zwölf Takte, zweites Leben

Ich bin Jahrgang 1965: Wie so viele meines Jahrgangs habe ich spätestens mit zwölf, dreizehn angefangen, den „Großen“ hinterherzuschauen, wenn sie auf Mofas, Mokicks, oder Motorrädern an uns vorbeiröhrten.
Eine Szene hat sich eingebrannt: Als Fünftklässler am Gymnasium in Reinbek bei Hamburg nahm mich ein älterer Junge auf seiner großen Honda mit. Vor Stolz bin ich fast geplatzt. Helm? Damals: Fehlanzeige.

Kurz darauf verschlug es uns aus beruflichen Gründen meines Vaters von Hamburg nach Verden (Aller) – positiv formuliert: eine beschauliche Kleinstadt in der niedersächsischen Einöde.
Die Begeisterung für Zweiräder blieb, nur das Geld fehlte. Ein eigenes Mofa war nicht drin. Mit 16 konnte ich meine Eltern dann doch überzeugen, mir ein Leichtkraftrad zu kaufen: eine Honda MT 8. Was für eine Zeit! Viele Altersgenossen fuhren 80er, man traf sich, schraubte, fuhr – und fühlte sich frei. Wir schworen uns gegenseitig, niemals Auto zu fahren, sondern ein Leben lang dem Motorrad treu zu bleiben. Tja … mit 18 musste es bei mir dann doch ein Auto sein. Manche blieben dem Motorrad wenigstens als Zweitfahrzeug treu.
In diesen Jahren wusste ich insgesamt nicht allzu viel mit mir anzufangen – außer Motorradfahren, Mädchen hinterherschauen und sehr viel, sehr gern und sehr laut Rock-Musik hören. So landete ich in einer kaufmännischen Lehre bei BMW in Verden. Doch es passierte etwas, das vieles veränderte: Ein guter Freund verunglückte schwer mit dem Motorrad – und ich stand direkt daneben. Dieses Erlebnis verdarb mir den Gedanken ans Motorradfahren für Jahrzehnte.
Nach Stationen in verschiedenen BMW-Autohäusern beendete ich die kaufmännische „Karriere“ 1987 in Bremen – endgültig.

Denn dann kam die Musik wie eine Urgewalt über mich: Ein Schulfreund drückte mir eine Schallplatte mit Boogie Woogie von Axel Zwingenberger in die Hand. Das traf mich mitten ins Herz. Ich ließ alles stehen und liegen und setzte alles daran, Blues- und Boogie-Woogie-Pianist zu werden. Rückblickend wirkt das fast aberwitzig – ich konnte praktisch gar nicht Klavier spielen. Aber: Es gelang, denn Axel Zwingenberger empfahl mich 1993 zur Mojo Blues Band nach Wien und ich tourte vier Jahre als Bandpianist durch Europa – ich war plötzlich Profi …
Irgendwann zog es mich zurück in den Norden. Von hier aus ging es weiter: Tourneen durch Deutschland und die Nachbarländer – mal solo, mal mit Schlagzeuger, mal als Begleiter verschiedener Bluesmusiker wie z.B Abi Wallenstein, Louisiana Red, Henry Heggen u.v.a. Über viele Jahre spielte ich außerdem als „Family Boogie“-Duo mit meinem Onkel Gottfried Böttger; nach seinem plötzlichen Tod 2017 folgten vermehrt Duo-Konzerte mit Axel Zwingenberger. Ich habe es nie bereut, den Schritt ins Musikerleben gegangen zu sein. Leicht war es nie, und Geldverdienen damit schon gar nicht.

Als Seitenweg kam vor etwa 25 Jahren die freie Improvisation hinzu: Ich spielte an die 100 Konzerte an Kirchenorgeln in ganz Deutschland!
Vor ein paar Jahren entdecke ich außerdem den Blues auf der Gitarre – und singe dazu. Ein völlig anderes Ausdrucksfeld als das Klavier: direkter, roher, urtümlicher. Für mich eine Bereicherung! 2017 erhielt ich den „GERMAN BLUES AWARD“ und mein Geschäft schien an Fahrt zu gewinnen. Besonders das Jahr 2020 sah vielversprechend aus. Dann begann im März 2020 der für mich größte berufliche Einschnitt, als die Corona-Lockdowns starteten. Das war ein Schock, verbunden mit echter Angst: Würde ich jemals wieder in meinem Beruf arbeiten können? Finanziell überlebt habe ich vor allem durch Spenden aus Livestream-Konzerten. In dieser Zeit fing ich auch an, meinen YouTube-Kanal zu füllen – zunächst mit wöchentlichen Episoden „5 Minuten Blues Inside“. Fünf Minuten, in denen ich Geschichten und Geschichte aus der Welt des Blues erzähle und spiele.
Und nach Corona war die Welt eine andere. Nicht nur wegen Corona selbst: Der Krieg in der Ukraine, die allgemeine Verunsicherung und die Verteuerung von praktisch allem haben ebenfalls spürbare Folgen. Konzertbesuche sind vielerorts nicht mehr planbar wie früher – mal läuft’s, mal bleibt’s dünn, oft kurzfristig. Das führt bei mir teilweise zu längeren Phasen mit wenigen oder gar keinen Terminen im Kalender.

Ein Tiefpunkt war der Mai 2025: wenig Konzerte – und absehbar ein Sommer, der quasi durchgehend frei werden würde.
In dieser Stimmung erzählte mir ein Bekannter er habe sich mit 60 nach über 30 Jahren Abstinenz wieder ein Motorrad gekauft. Das hallte nach. So sehr, dass ich plötzlich wusste: Ich will das auch.
Zuerst mietete ich bei Schollys in Kirchlinteln eine 125er Yamaha für einen Tag. Nach der ersten halben Minute war ich sicher: Ich bringe die Kiste sofort zurück und verschwende keinen weiteren Gedanken ans Motorradfahren – so
unsicher fühlte ich mich. Doch irgendetwas ließ mich nicht los. Ich fuhr weiter, schob die Unsicherheit beiseite – und siehe da: Nach einer Weile ging es. Nicht elegant, aber geradeaus. Ich mietete erneut, später ein größeres Motorrad – und irgendwann stand der Entschluss fest: Eine Rücklage wird aufgelöst. Und es wird gekauft. Sofort. Wieviel Zeit ich noch habe, weiß ich ja nicht. Seitdem stehen in meiner Garage eine Harley Iron 883 und eine Yamaha Ténéré.

Ein Gedanke spielte dabei mit: In dieser Phase waren mehrere Freunde und Bekannte gestorben oder schwer krank geworden. Und aus meiner eigenen Geschichte kenne ich die Brutalität des Plötzlichen: Einer meiner Brüder, Arzt und passionierter Segelflieger, stürzte eines Tages aus nicht erklärbaren Gründen ab – und starb mit 31. Auch wenn ich heute extrem vorsichtig fahre: Mir macht jede Fahrt einen Höllenspaß. Keine Sekunde bereut.
Weil musikalisch in dieser Phase nicht viel zu tun war, kam mir eine Idee: Warum nicht andere Motorradfahrer besuchen, sie filmen – und am Ende einen Blues auf der Gitarre spielen? So entstand „Bikes and Blues“ für YouTube. Gesagt, getan. Rund zehn Episoden sind bisher entstanden – und gleich die erste war ein voller Erfolg.
Das Wetter 2025 hat mir mehr als einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht, sonst wären es deutlich mehr geworden. Aber vielleicht wird 2026/2027 besser.

Ich bin bereit andere Biker zu besuchen und wie in jeder Folge am Ende einen Blues zu spielen. Oder auch zwei.
Manchmal denke ich: Es ist verrückt, wie sich Dinge im Kreis drehen. Als Teenager war das Motorrad für mich Freiheit. Dann kam der Schock, der Verlust und ich habe dieses Kapitel zugeschlagen. Und jetzt, Jahrzehnte später, sitze ich wieder im Sattel. Vorsichtig, ja. Respektvoll. Vielleicht auch mit mehr Demut als früher. Aber da ist wieder dieses Gefühl, das ich fast vergessen hatte: der Wind, der Kopf wird klar, der Blick geht weit. Und plötzlich ist da nicht nur das Fahren, sondern etwas, das dahinter liegt: ein inneres „Ja“ – zum Leben, zu dem, was noch möglich ist. Und vielleicht passt es deshalb so gut zusammen: Bikes und Blues. Zweirad und Zwölf Takte. Beides hat mit Rhythmus zu tun. Mit Zuhören. Mit dem Moment. Mit dem Mut, wieder loszufahren – auch wenn man nicht genau weiß, wohin es führt.
Und wenn daraus ein Abend werden soll, gern: Meine Musik führe ich sehr gern konzertant auf. Aber auch bei Bikertreffen, Feiern und ähnlichen Anlässen spiele ich gern – solo am Piano oder nur mit Gitarre und Gesang. Ich bin buchbar und freue mich über Anfragen! Ihr erreicht mich über meine Website www.pertiet.de.
Besucht auch Hennings Youtube Kanal „Henning.Pertiet.BluesandBoogie“ @pertiet. Da trefft ihr auf den Ackerschnacker, auf Digger und andere interessante Menschen …
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Kommentare
Ein Kommentar zu “Lebensgeschichte: Blues & Bike”
Spannende Lebensgeschichte!