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Laverda 750 S (Mod. 1998)

aus bma 01/98

von Frank Voigt

Als ich von der Fa. MTS-Ricambi aus Wardenburg ein Fax bekam, die neue 750er Laverda sei da, und ob ich nicht Interesse hätte, mal einige Tage zu fahren, war ich sofort begeistert. Ich gebe zu, bisher nur auf einer alten 1000er gesessen zu haben, und das ist auch schon zwölf Jahre her. Dann hatte ich noch Berührungspunkte mit der Marke Laverda, weil ein Freund vor vielen Jahren einmal Rennen mit einer 500er Laverda gefahren ist. Leider hatte er einige Ausfälle zu beklagen, weil ihm der Motor platzte oder dieser im günstigsten Fall, „nur” den Dienst einstellte. Mit anderen Worten, sie war teuer und brachte keinen Fahrspaß. Ich war sehr gespannt auf die Ausfahrt mit der neuen Laverda 750 S. Um es gleich vorweg zu nehmen, es war klasse!
Nun stand ich also bei MTS-Ricambi vor der Werkstatt und umrundete die 750er mit langsamen Schritten. Design haben die Italiener ja drauf, ging mir durch den Kopf, feinste Verarbeitung versteht sich von selbst, Zutaten passen auch, fiel mir auf. Doch ich bildete mit ein, daß irgendetwas fehlte. Aber was war es nur? Nun folgte die Einweisung durch Klaus, den Schrauber von MTS-Ricambi, einem überzeugten Zweizylinderfahrer. Ihm einen Vierzylinder, womöglich noch einen aus Japan, hinzustellen, bedarf wahrscheinlich einer gewaltigen Überzeugungskraft.

 

Zündschlüssel umgedreht, Choke betätigt und den Knopf gedrückt. Bereitwillig nimmt der Zweizylinder-Tandem-Motor seinen Dienst auf, allerdings mit hoher Drehzahl. Das liegt daran, daß es sich um einen Einspritzer handelt, erklärt mir Klaus. Choke wieder etwas rein und nun brabbelt der Motor schön vor sich hin. Ich mache mich mit den Hebeleien vertraut und Klaus macht mich noch darauf aufmerksam, daß die Bremse ordentlich zugreift. Beim ersten Anfahren habe ich gleich den Motor abgewürgt, weil ich im zweiten Gang losfahren wollte. Das sind noch die Nachwirkungen aus meiner Rennfahrerzeit, denn da hatte ich immer die Schaltung umgedreht. Beim nächsten Versuch klappt es dann, und plötzlich schießt es mir durch den Kopf, was die Italiener „vergessen” haben, nämlich den Tankdeckel. Dort, wo man ihn sonst sucht, ist nichts. Ich werde aufgeklärt, daß der Tank nur eine Atrappe ist und sich darunter die Einspritzanlage versteckt. Der Tankeinfüllstutzen befindet sich unter dem Soziussitz, und der Tank verläuft unter der Sitzbank bis knapp unter die Tankatrappe. Durch diese unkonventionelle Bauweise wollten die Laverda-Ingenieure den Schwerpunkt der 750 S absenken. Also, auf geht’s, erstmal warmfahren und alles in den Griff kriegen. Nach einiger Eingewöhnungszeit nehme ich das in Angriff, wofür die Laverda 750 S gebaut ist, nämlich Kurven. Das Wetter ist super und es fällt schwer, die Geschwindigkeit unter der „Führerschein weg-Grenze” zu halten. Denn obwohl nur 76 PS die vollgetankten Laverda-Pfunde antreiben, geht sie gut los. Das Handling erinnert mich stark an meine Rennstreckenkilometer mit einer Aprilia RS 250 vom Frühjahr ’97. Bei 1375 Millimeter Radstand ist das auch kein Wunder.
Also, nun schön ruhig bleiben, normale Alltagstauglichkeit ist angesagt. Die Sitzposition ist für mich mit meinen 180 Zentimetern gut und die Instrumente sind ebenfalls gut ablesbar. Die Öltemperaturanzeige befindet sich immer kurz vor dem roten Bereich (Erinnerungen an die Motorplatzer meines Freundes mit der Renn-Laverda werden wach). Laut MTS-Ricambi ist dies allerdings völlig normal und Schäden wurden hierdurch bisher auch noch nicht verursacht. Es geht in eine geschlossene Ortschaft und man merkt, was die 750 S nicht will: langsam fahren. Im dritten Gang bei 50 km/h und unter 3.500 U/min dreht der Motor nur unsauber, im zweiten dreht er zu hoch. Eine Feinabstimmung der Einspritzanlage kann dieses Problem wohl beseitigen, so daß auch Café-Racern die Gelegenheit gegeben wird, ohne sich zu blamieren vorzufahren. Eine Freundin über 160 Zentimetern Körpergröße sollten sich Laverda-Fahrer übrigens besser verkneifen, sofern sie nicht ihr eigenes Zweirad bewegt. Für den Soziusbetrieb ist die 750 S gänzlich ungeeignet. Ok, es ist bei vielen Sportbikes kein Zuckerschlecken, hinten drauf zu sitzen. Für die Sportprüfung hätte ein Rennstreckentest gut gepaßt. In Ermangelung einer solchen Strecke und da die Zeit etwas drängt, muß der Autobahnkreuztest (bitte nicht nachahmen) herhalten. Auf einem BAB-Kreuz-Kleeblatt, irgendwo in Norddeutschland, geht es rauf und runter. Schläglage, Beschleunigen, Zusammenbremsen(die Brembo zeigt,was in ihr steckt) und wieder in die Kurve werfen. Es ist zwar ein bißchen bekloppt, macht aber für kurze Zeit mal Spaß.
Mist, nun fängt es an zu regnen. Na gut, tanken muß ich auch und so geht es erst einmal zwanzig Kilometer bis zur nächsten „Tanke” im Regen. Dort angekommen, erhalte ich eine weitere Lektion in Sachen Alltagstauglichkeit. Mit meinen klamm gewordenen Fingern bekomme ich den Kunststofftankdeckel nicht auf. Er ist so ungünsig plaziert, daß man ihn nicht voll greifen kann, sondern mit den Fingerpitzen drehen muß. Und das fällt mitunter schwer. So etwa sechs Liter Super pro 100 Kilometer messe ich an Verbrauch. Das geht in Ordnung, denke ich, zumal der Tandem heute schon ordentlich ran mußte. Auf der Autobahn zeigte die Tachonadel knapp 220 km/h an, das ist ein hervorragender Wert.
Das Wochenende mit der Laverda neigt sich dem Ende zu, bleibt noch mein Fazit: Wer sportlich fahren möchte, ohne einen brutalen Dampfhammer bewegen zu müssen, mit dem die meisten ohnehin überfordert sind, wer dann noch das besondere liebt, Zweizylinderfan ist und 18.840,- DM anlegen will, der liegt mit der Laverda 750 S genau richtig.

 

 

 


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