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KTM 1290 Super Adventure s, Mod. 2017

Bitte einmal mit allem!
Fahrbericht KTM 1290 Super Adventure S

aus Kradblatt 04/17
Text Jochen Vorfelder, Bilder Vorfelder/KTM

KTM 1290 Super Adventure S - Farben 2017

Man wird dieser Tage bei KTM irgendwie ganz wuschig im Kopf. Wie bitte soll man alte 1190- und neue 1290-Modelle in verschiedenen Adventure- und Super-Ausführungen in S-, R- und T-Größen eigentlich noch auseinanderhalten?

Jens Borrusch vom deutschen KTM Marketing in Ursensollen versucht es so zu erklären: „An die Stelle der bisherigen 1190er sind die neuen 1290 Super Adventure S- und R-Modelle getreten; die bisherige 1290 Super Adventure wird jetzt zum Modell T mit dem riesigen 30-Liter-Fernreisetank.“

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist es folgerichtig, dass KTM die neue 1290 Super Adventure S auf einer eher kurzen 200 Kilometer-Landstraßen-Distanz am Fuß des Ätnas auf Sizilien vorgestellt hat. Die 1290 Super Adventure S ist unter KTMs Premium-Enduros das Modell, das seine Qualitäten hauptsächlich auf Asphalt ausspielen soll. Und von dem sich KTM die größten Stückzahlen im Verkauf erhofft.

Powerplay im Nebel

KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017Die 1290 Super Adventure S starrt ganz schön böse, der Blick erinnert an die starren, monumentalen Steinstatuen auf der Osterinsel: Der Scheinwerfer, der der Baureihe ab 2017 ein unverkennbares Gesicht verleiht, ist ein komplexes LED-Hightech-Bauteil – komplettiert wird das Splitface von zwei flankierenden Tagfahrlicht-LED-Bändern und einem dreiteiligen LED-Kurvenlicht, das bei 12 Grad Schräglage den erste Lichtpunkt aktiviert, bei 18 Grad den zweiten und ab 25 Grad alle drei. Die Kombi leuchtet alles bestens aus.

Gutes Licht haben wir auf Sizilien auf dem Weg zum Ätna auch bitter nötig. Denn Testfahrten sind im Frühjahr 2017 zwar Leiden auf hohem Niveau, aber immer noch hartes Brot: Erst die Triumph Bobber in den verregneten Bergen hinter Madrid bei lockeren vier Grad, dann die abgesoffene Ducati Desert Sled im eigentlich regensicheren Südspanien. Jetzt die KTM – auch die hat in Italien kein gutes Karma: Schlechte Straßen, teilweise Nebelschwaden, oben gar Schnee, ganz hoch können wir uns abschminken – wir testen den Rain-Modus im strömenden Regen, bei dem sich der runtergeregelte Antrieb auch mit den hundert PS von seiner besten Seite zeigt: Der V-Zweizylindermotor mit den generösen 1301 Kubik zieht schon unter 2.000 Umdrehungen voll durch, ohne in den alten, allseits gehassten Ruckel- und Schuckelbetrieb zu verfallen.

KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017Nach oben hin geht es dann ausgesprochen linear und einfach beherrschbar weiter, bis ab etwa 8.000 Umdrehungen bis zum Begrenzer um die 10.500 U/min ein brachialer Power-­Nachschlag kommt, der sich gewaschen hat, und die nominelle Reise-Enduro so atemlos nach vorne katapultiert, dass manchem Supersportler die Luft ausgeht. Aber ohne „Ready to Race“ wäre es ja auch keine KTM, und vor allem keine mit 149 Newtonmetern und 160 PS bei trockenen 215 Kilogramm.

Das Chassis mit dem Trellis-Stahlrahmen, auf dem der Fahrer aufrecht und bequem auf der harten Sitzbank residiert, lässt die Kraftentfaltung völlig kalt. Die 1290er, die überraschend schmal baut, zieht ihr Kreise wie auf Schienen. Egal, ob enge Kurven, schnelle weite Radien oder nervige hopplige Agrarwege der dritten Art anliegen, die andere Fahrwerke schnell an die Grenze des Könnens bringen. Unterstützt wird die 1290 Super Adventure S vom überragenden Grip des Pirelli Scorpion Trail II auch auf feuchten Straßen.

Völlig unbeeindruckt von harter, schneller Arbeit auf der Landstraße zeigen sich übrigens auch das sauber und präzise zu schaltende 6-Gang-Getriebe, das man per Aufpreis mit einem Quick­shifter vervollständigen kann, und die Bremsanlage mit insgesamt drei Brembo-Scheiben.

Fernsehen unterwegs? 

Display KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017Ein richtiger optischer und technischer Knaller ist das 6,5 Zoll große TFT-Display, das die Schwaben von Bosch bisher exklusiv für KTM entwickelt hat. Ein flüchtiger Blick lässt vermutet, dass dort jemand ein kleines wasserdichtes Tablet mit berührungsempfindlichem Screen verbaut hätte. Doch das 1290er Cockpit lässt (noch) keine Gestensteuerung zu. Bedient wird die Anzeigenzentrale über vier Taster am linken Lenker.

Nachtansicht Display KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017Das Display, das Bosch übrigens neudeutsch „Integrated Connectivity Cluster ICC“ nennt, baut sich aus acht sehr intuitiv wahrnehmbaren Informationsblöcken plus Mapping- und elektronischen Fahrwerks-Einstellungen zusammen und ist quasi frei konfigurierbar. In einem Wahl-Mapping reduziert das Display bei zunehmendem Speed die Anzeige sukzessive auf das Wesentliche: die km/h und Warnlampen. Der TFT-Bildschirm ändert seine Helligkeit automatisch abhängig vom Umgebungslicht.

Das Gerät ist jedoch weitaus mehr als nur ein intelligentes Cockpit: Über eine Bluetooth-Verbindung zu einem Audio-Player oder dem Smartphone hat Bosch Telefonie und Musik ins Display integriert.

TelefonanrufIm Gespräch vor Ort bei der Präsentation in Sizilien lächelten die Bosch-Entwickler wissend bei der Frage, ob man bei dieser gestochen scharfen Auflösung nicht auch ein Navi in den ICC integrieren könne: „Technisch machbar ist noch viel mehr. Theo­retisch könnte man ein Video auf dem Display in HD abspielen.“ Sonst noch was? Schon jetzt spielt das KTM-Display in einer eigenen Liga, kein anderer Hersteller kann diese Qualität vorweisen.

Auch die KTM-Entwickler lieben dieses Bauteil – offensichtlich so sehr, dass man versucht war, alles Mögliche in die Vier-Tasten-Steuerung reinzupacken. Das kann am Ende dann auch nach hinten losgehen und zum Menü-Overkill führen, wie z.B. bei der Bedienung der Griffheizung: Ein einfacher Knopf an der rechten Armatur, der sich auch mit dicken Handschuhen viel einfacher und sicherer befrickeln lässt, wäre hier die bessere Lösung gewesen.

Überraschend in die Knie

HandyhalterungWem die Elektronik im Cockpit der 1290 Super Adventure S noch nicht genug ist, der kann sich Stunden, ja vielleicht sogar Tage damit verlustieren, die digitalen Helfer zu verstehen und feinzujustieren, mit denen Ausrüster Bosch das Fahrwerk der Premium-Enduro aus Mattighofen veredelt hat.

Wichtigstes Stichwort dabei, neben den für KTM schon fast profanen Komponenten schräglagenabhängigem C-ABS, Traktionskontrolle und Offroad-Traktionskontrolle: die Motorrad Stability Control MSC. Diese Bosch-Technik soll das Handling der Maschine noch einmal verbessern; dafür wird die Dämpfung von Gabel und Federbein abhängig von vorgewählten Eckdaten wie z.B. der Beladung semiaktiv angesteuert.

Der Fahrer kann für MSC vor Fahrbeginn aus vier Einstellungen wählen: Comfort, Street, Sport und Offroad. Relativ dazu liefern Sensoren für Federhub und Beschleunigung während der Fahrt Live-Informationen, die zusammen mit den Daten der Traktionskontrolle verarbeitet werden; die Suspension-Control-Unit SCU passt die Federung darauf basierend in Echtzeit an die Fahrbahnbedingungen und den Fahrer an.

KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017Der Fahrer kann zusätzlich die Vorspannung der Vorderrad- und Hinterradfederung in vier voreingestellten Stufen (Solo, Solo mit Gepäck, Soziusbetrieb und Soziusbetrieb mit Gepäck) einstellen und die Geo­me­trie so anpassen. Das Resultat in der Theorie: gleichbleibend exzellentes Handling bei allen Bedingungen.

In der Praxis funktionierte das MSC-System in Sizilien an der 1290 Super Adventure S hervorragend, auf den ersten Fahrkilometern allerdings ist es gewöhnungsbedürftig. Der Grund: Die riesige Summe der verarbeitenden Millisekunden-Werte aus jeder Menge Sensorik ergibt nicht immer und kontinuierlich das gleiche Verhaltens-Resultat. Wer sich z.B. auf seinem alten Moped ohne jegliche Elektronik hart in die Kurve reinbremst, weiß aus Erfahrung, wie tief und wie hart sein Bock in die Knie geht. Immer. Und fast immer exakt gleich.

Beim Fotoshooting, bei dem die 1290 Super Adventure S mehrfach mit fast identischer Geschwindigkeit durch die selben Serpentinen gefahren wurde, war beim harten Anbremsen der Eintauchweg der Vordergabel nicht immer der gleiche und anscheinend auch abhängig von minimalen Variationen der Schräglage.

Das ist für den Fahrer nur auf den ersten Fahrkilometern auffällig und wenn man die 1290 Super Adventure S zum ersten Mal so richtig knackig ran nimmt. Unterm Strich gilt: Mit dem MSC von KTM kann man noch härter an die Kante gehen. Und ist definitiv sicherer unterwegs.

Alles? Das kostet dann noch ein Stück

Akra für KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017KTM weiß, wie man exzellente Geländemotorräder und grandiose Reisemaschinen baut. Auch an den 1290 Super Adventure S gibt es nichts Grundsätzliches zu kritteln. Im Gegenteil: Wenn man der immer komplexen werdenden Elektronisierung der Fahrzeuge Vertrauen schenkt, ist die 1290 Super Adventure S die perfekte Begleiterin auf schnellen Landstraßen und langen Wegen.

Gestrippt: KTM 1290 Super Adventure S Modell 2017Sie spielt ganz oben in der Reise-Enduro-Klasse mit. Und sie kommt eigentlich komplett in den Verkauf: Selbst Tempomat, einstellbarer Windschutz, hinterleuchtete Armaturen, wasserdichtes Staufach fürs Smartphone und kontaktloser Race on-Funkzündschlüssel sind bei der Standardausrüstung schon mit dabei. KTM ruft dafür einen Einstandspreis von 16.495 Euro auf und liegt damit gut im Wettbewerb.

Doch dabei bleibt es wohl nicht: Die Liste der möglichen Add-Ons und Zubehör-Gimmicks ist lang und verlockend. Vom Akrapovic-Auspuff über viele konfigurierte Pakete wie Touring, Komfort oder Sound & Style bis hin zu den Reisekoffern und Topcases in verschiedenen Ausführungen ist alles im Angebot – beim spielerischen Test am Bike-Konfigurator auf der KTM-Website kommt leicht ein Endpreis um die 22.000 Euro für das Rund-um-Glücklich-Paket zusammen.

Ob man die Zubehör-Optionen nutzt, bleibt aber ja jedem selbst überlassen. Reise-Enduristen, aber auch sportlich orientierten Fahrer, die nicht mehr gebückt unterwegs sein möchten, sei jedenfalls die Probefahrt mit der 1290 Super Adventure S (oder einer ihrer Schwestern) beim KTM-Vertragshändler wärmstens empfohlen.

Fahrzeugschein

  • Modell: KTM 1290 Super Adventure S
  • Motor: Zweizylinder-75-Grad-V-Motor
  • Leistung: 118,0 kW (160 PS) bei 8750/min
  • Drehmoment: 140 Nm bei 6750/min
  • Getriebe: Sechsganggetriebe
  • Gewicht vollgetankt: 238 kg
  • Tankinhalt: 23 Liter Super
  • Grundpreis: 16.495 Euro (zzgl. NK)

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