Einstieg in die Kawa-Classics für einen schmalen Taler

aus Kradblatt 10/25 von Gregor Schinner, www.zweirad.de

Für Freunde klassisch gestylter Motorräder ohne großen Schnickschnack hat Kawasaki seit diesem Jahr zwei neue Perlen im Angebot. 

Die Kawasaki W230 (hier abgebildet) ist etwas schlichter im Design als die Meguro S1
Die Kawasaki W230 (hier abgebildet) ist etwas schlichter im Design als die Meguro S1

Die Modelle W230 und Meguro S1 wurden nicht vorrangig für Europa entwickelt; doch die steigende Beliebtheit kleiner Hubräume auch außerhalb Asiens beschert uns die beiden Neuzugänge in der Kawasaki Modern Classic Range, wo sonst die deutlich potenteren Modelle W800, Z650RS und Z900RS zu finden sind.

Mit einem Preis von 4.995 € für die W230 bzw. 5.695 € für die Meguro S1 (jeweils zzgl. 240 € Überführungskosten) liegt die Latte für den Einstieg in die Kawa-Klassikwelt bewusst niedrig. Beide Modelle sind dafür auch entsprechend einfach konzipiert. Im Gegensatz zur hochwertigeren W800 bestehen z.B. die Blinkergehäuse nur aus schwarzem Kunststoff und auch das eine oder andere Chrom-Zierteil fiel dem Rotstift zum Opfer. 

Die Meguro S1 bietet einen Chrom-Tank mit Knie-Pads …
Die Meguro S1 bietet einen Chrom-Tank mit Knie-Pads …

Optisch sehr gelungen ist dagegen das Cockpit mit zwei Zeigerinstrumenten, der Tank, und die wunderschöne Peashooter-Auspuffanlage mit dem geschickt unter dem Motor versteckten Vorschalldämpfer, die auch soundtechnisch einiges aus dem luftgekühlten 233 ccm Single herausholt. Dem Motor geht auch oben herum die Luft nicht aus, seine Fahrleistungen liegen etwa auf dem Niveau einer gutgehenden, modernen 125er mit etwas mehr Druck aus dem Drehzahlkeller. 

Trotz Hubraumdefizit performt der Motor besser als der mancher 350er Classic-Bikes. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 113 km/h, was etwa knapp Tacho 120 entspricht. Da ginge sicher noch etwas mehr, doch gefühlt sind die Beiden hier elektronisch abgeriegelt; auch bergab lässt sich nicht mehr Geschwindigkeit herausholen.

... und zweifarbige Instrumente
… und zweifarbige Instrumente

Der Reiz der beiden Einsteiger-Classics liegt vor allem in ihrer ausufernden Simplizität: Aufsteigen, Zündung an, starten, losfahren. An der Kawa lässt sich original gar nichts einstellen: keine Sitzhöhe, keine Lenkerposition, keine Riding-Modes, keine Traktionskontrolle, keine Cockpitscreens oder anderer Firlefanz. Zum Entsperren dient nach wie vor ein Oldschool-Zündschlüssel. Dazu wiegen beide Modellschwestern fahrfertig schlanke 143 kg, die Sitzhöhe liegt bei nur 745 mm (W230) oder 740 mm (Meguro S1). 

Der vielzitierte Vergleich mit dem Fahrrad drängt sich an dieser Stelle wieder einmal auf, denn mit diesen Bikes kommt einfach jeder klar. Die Sitzposition ist entspannt aufrecht, ohne jede Ambition auf Kurvenräuberei oder heftiges Andrücken. Die Schräglagenfreiheit ist zwar nicht gewaltig, für den Alltag aber locker ausreichend. Den Spritverbraucht gibt Kawasaki mit mageren 2,5 Ltr./100 km an, das passt zum Preis.

Im Gegensatz zur W800 mit ihrem Twin ist der Einzylinder an ein Sechsganggetriebe angeschlossen. Für flotten Vortrieb ist dessen intensive Nutzung unumgänglich, die Bedienung gelingt jedoch problemlos. Die beiden Scheibenbremsen (265 mm vorne, 220 mm hinten) sind gemessen an Leistung und Gewicht völlig ausreichend. Die Federelemente gehören aufgrund der geringen Federwege zwar nicht zur Gattung Poposchmeichler, aber dafür sehen die Twinshocker am Heck einfach schick aus.

Auf kleinen Landstraßen machen beide Einzylinder viel Freude
Auf kleinen Landstraßen machen beide Einzylinder viel Freude

Beide Cockpituhren finden sich bis auf die angepassten Ziffernblätter auch in der großen Schwester W800 wieder. Neben analogen Anzeigen für Geschwindigkeit und Drehzahl können Gesamtkilometerstand sowie zwei Tripzähler und die Uhrzeit im kleinen LCD-Feld abgerufen werden. Statt einer Tankuhr muss eine Warnlampe für niedrigen Kraftstoffstand ausreichen.

Der Mehrpreis für die Meguro S1 geht im Wesentlichen auf das Konto des etwas aufwendiger gestalteten Tanks inklusive Kniepads, der zweifarbigen Ziffernblätter und der Sitzbank mit Ziernaht. Meguro war einst übrigens ein eigenständiger japanischer Motorradhersteller, das Design des aktuellen Modells lehnt sich an die Kawasaki 250 Meguro SG aus dem Jahr 1964 an. Da war Meguro allerdings schon im Unternehmen Kawasaki aufgegangen. Meguro wurde 1924, also vor über 100 Jahren gegründet und genießt vor allem in Japan als eigenes Label im Kawasaki-Lineup nach wie vor große Beliebtheit.

Braucht man eigentlich mehr Motorrad? Häufig nicht …
Braucht man eigentlich mehr Motorrad? Häufig nicht …

Überschaubar bleibt auch das Original-Zubehörangebot für die beiden Modelle. Optional kann ein Chrom-Gepäckträger nachgerüstet werden, die Kniepads der Meguro sind auch für die W230 nachrüstbar. Die etwas klobig anmutende USB-Ladebuchse für den Lenker sollte man sich aus optischen Gründen besser verkneifen, geschickte Bastler finden da sicher eine elegantere Lösung.

Auch eine große Farbwahl fällt mehr oder weniger aus, letztendlich muss sich der Käufer entweder für die im Zweifarbton Metallic Ocean Blue/Ebony (blau/schwarz) gehaltene W230 oder die Meguro S1 in Ebony (schwarz) entscheiden. Ein Hingucker sind auf jeden Fall aber beide, Probefahrten gibts beim Kawasaki-Vertragshändler.