Front Kawasaki Versys 650 2015

Kawasaki Versys 650 Modell 2015

aus Kradblatt 4/15
von Klaus Herder

Kawasaki Versys 650 Modell 2015 – Alles wird gut

Kawasaki 650 Versys FrontvergleichDas Leben kann wirklich total gemein sein. Auch zu Motorrädern. Bestes Beispiel: die Kawasaki Versys. Die im Herbst 2006 fürs Modelljahr 2007 präsentierte Zweizylindermaschine ist die jüngste von drei Schwestern und kann alles, wirklich alles deutlich besser als die beiden Älteren. Doch wem flogen zeitlebens die Herzen zu, wer machte Karriere und wurde zum Star? Na klar, die beiden Erstgeborenen. Schwester Versys blieb nur das traurige Schicksal des Mauerblümchens. Doch das soll sich ab sofort ändern, die Versys war beim Imageberater und hat eine Schönheits-OP samt Fitnessprogramm hinter sich. Um zu verstehen, wie wichtig diese Aktionen womöglich waren, hilft ein wenig Versys-Lebensgeschichte. Bitteschön:

Kawasaki nahm 2006 einfach die seit 2005 bewährte Basis der ER-6, trimmte den Motor auf mehr Druck im unteren und mittleren Drehzahlbereich (was auf dem Papier 8 PS Spitzenleistung kostete, die aber in der Praxis niemand vermisste), spendierte eine bessere Ausstattung, gönnte der ganzen Sache eine wertigere Verarbeitung und machte damit alles besser. Fast alles, denn das Versys-Design, das immerhin von Shunji Tanaka stammt, dem Designer des legendären Mazda MX-5, ist – vorsichtig formuliert – ziemlich gewöhnungsbedürftig. Von Beginn an musste die Versys mit den wenig schmeichelhaften Kosenamen „Nasenbär“ oder auch „Rübennase“ leben. Was sich dann auch im Laden rächte. Die Versys galt immer als das bessere Motorrad, doch deutlich besser verkaufte sich die ER-6. Mit der umfangreichen Modellpflege 2010, die fast schon einem Modellwechsel entsprach, geriet das Design etwas gefälliger und die ganz wenigen Versys-Schwächen (Scheinwerfer, Soziuskomfort, Spiegel, Windschild) wurden erfolgreich ausgemerzt, doch am Geheimtipp-Status änderte sich bis zuletzt wenig. In Zahlen ausgedrückt: Die nackte ER-6n und die vollverkleidete ER-6f belegten mit zusammen 2777 Neuzulassungen den zweiten Platz der Zulassungs-Hitparade 2014. Der Versys blieb mit gerade mal 240 Neuzulassungen nur der traurige Platz 103.

Front Kawasaki Versys 650 2015

Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass da die neue Versys vor einem steht. Das Design-Alleinstellungsmerkmal „Rübennase“ (kann man ja auch positiv sehen …) ist endgültig Geschichte. Eine spitz zulaufende Verkleidung mit zwei schlitzäugigen, nebeneinander montierten Scheinwerfern ersetzt die alte Verkleidung mit den beiden übereinander plazierten Strahlern. Da man sich ohnehin der Kunststoffverpackung widmete, bekam bei der Gelegenheit auch der Windschild 70 Prozent mehr Fläche und einen Verstellbereich von 60 statt bislang 30 Millimetern spendiert. Die Höhenverstellung erfolgt erfreulicherweise werkzeuglos, allerdings ausschließlich im Stand, denn die Rändelschrauben sind leider auf der Außenseite der Scheibe angebracht. Warum die beiden Scheinwerfer nicht parallel als Abblendlicht fungieren, sondern asymmetrisch leuchten – Abblendlicht auf der einen, Fernlicht auf der anderen Seite – ist ein weiteres Rätsel, das die Versys-Entwickler hinterlassen haben. Doch damit hat es sich eigentlich schon mit den Ungereimtheiten, denn der ganze Modellpflege-Rest – so viel sei schon mal verraten – hat aus einem ohnehin schon sehr guten Motorrad ein noch spürbar besseres gemacht.

Cockpit Kawasaki Versys 650 2015

Der Arbeitsplatz ist nun noch bequemer als zuvor, denn die Fußrasten sind nun 15 mm tiefer und 20 mm weiter vorn montiert. Das entschärft auch bei großgewachsenen Fahrern den Kniewinkel, geht aber nicht zu Lasten der Schräglagenfreiheit. Der Knieschluss am nun 21 statt zuvor 19 Liter fassenden Tank ist perfekt, der breite Lenker liegt goldrichtig zur Hand. Der Wandel vom Funbike zum touristisch orientierten Allrounder – darauf lief die 2015er-Modellpflege letztlich hinaus – sorgte zwar dafür, dass die vormals recht vorderradorientierte, um nicht zu sagen etwas angriffslustige Sitzposition ein wenig entschärft wurde, von Entkoppelung kann aber keine Rede sein. Der Versys-Fahrer nimmt noch immer eine recht aktive Rolle ein. Zum Beispiel beim Bremsen: Neue Doppelkolben-Schwimmsättel samt neuer Beläge und ein neuer Hauptbremszylinder vorn sowie eine am Hinterrad von 220 auf 300 mm vergrößerte Scheibe sorgen dafür, dass die Stopper nun deutlich aggressiver als bisher und dabei mit viel mehr Rückmeldung verzögern. Und weniger Handkraft benötigt die Vorderradbremse ebenfalls. Bevor wir es vergessen: ABS ist natürlich auch weiterhin an Bord, nun aber mit einem kompakteren Bosch 9.1 MB-Druckmodulator, der seinen Job angenehm unauffällig erledigt.

Travelpaket Kawasaki Versys 650 2015

Zu stärkeren Bremsen passt doch eigentlich auch ein stärkerer Motor. Kein Problem: der wassergekühlte und mit einer Ausgleichswelle bestückte Gegenläufer leistet nun 69 statt bislang 64 PS und stemmt maximal 64 statt 61 Nm. Die neue einteilige Edelstahl-Auspuffanlage sowie ein geändertes Mapping machen’s möglich. Am grundsätzlichen Charakter des Kawasaki-Twins hat sich damit gotttlob nichts geändert. Ziemlich kultiviert geht der Kurzhuber zur Sache. Im Drehzahlkeller benimmt er sich artig, ruckelt und zuckelt kein bisschen und erlaubt lässiges Cruisen auch deutlich unter 5000/min. Wer etwas schärfer angasen möchte – und dazu verführt die Versys auch in ihrer jüngsten Auflage – sollte die Drehzahlmessernadel oberhalb der 7000er-Marke halten. Bis in den fünfstelligen Bereich feuert der Twin dann richtig munter, hängt herrlich direkt am Gas und erlaubt sich keinen Durchhänger. Und das alles, ohne dass irgendwelche störenden Vibrationen zum Fahrer durchdringen. Zwei von drei Motorhalterungen sind nun in Gummi gelagert, bei der Vorgängerin gab es nur ein dämpfendes Element. beim Verbrauch tat sich nichts dramatisches: Wie schon zuvor lässt sich locker mit unter 4,5 Litern Verbrauch auf 100 Kilometern leben, ohne dass man als Schleicher unterwegs sein muss.

Kawasaki Versys 650 2015 1

War die Versys in ihrer Erstauflage fahrwerksmäßig noch ein eher straff abgestimmtes, ultrahandliches Wetz­eisen, so wurde sie im Laufe der Jahre immer komfortabler, ohne dabei an Stabilität und Zielgenauigkeit einzubüßen. Das gilt auch für die jüngste Edition. Die nun von Showa gelieferte 41-mm-Upside-down-Gabel und das von Kayaba stammende Zentralfederbein machen die nun 220 Kilo wiegende (und damit im Vergleich zum Urmodell zehn Kilo schwerere) Versys zum immer noch sehr handlichen Bügeleisen, ohne den Komfortgewinn mit Schwammigkeit oder lascher Dämpfung zu bezahlen. Für die Erstausrüstung eines Mittelklassemotorrads sind die Federelemente prima Ware. Da lässt sich auch verschmerzen, dass beim Federbein die noch beim 2014er-Modell zu findende Verstellung der Zugstufendämpfung auf der Strecke blieb. Zum Trost gibt’s eine hydraulische Federvorspannung, die sich nun bequem via griffigem Handrad auf die Beladung einstellen lässt. Die Gabel erlaubt die Variation von Federvorspannung (im linken Gabelholm) und Zugstufendämpfung (rechts).

Bremse Kawasaki Versys 650 2015

Stichwort Beladung: Davon darf’s ab sofort deutlich mehr sein, denn der verstärkte Heckrahmen und die stabileren 17-Zoll-Räder machen es möglich, dass nun satte 210 statt 180 Kilogramm aufgesattelt werden dürfen. Für die gibt’s von Kawasaki ein farblich abgestimmtes und mit dem Zündschlüssel zu bedienendes Koffersystem inklusive Topcase. Und das hängt an perfekt ins Rahmenheck integrierten Aufnahmen, die dafür sorgen, dass die Baubreite um 100 mm reduziert wurde, aber trotzdem ein Integralhelm in jeden Koffer passt. Neben den Gepäckbehältnissen offeriert das Kawasaki-Zubehörprogramm noch jede Menge mehr an praktischem Behang, der besonders touristisch orientierte Versys-Treiber begeistern dürfte: Handprotektoren, Motorschutzbügel, Heizgriffe, Zusatzscheinwerfer, Hauptständer etc. – alles, was Kilometerfressen angenehmer macht. Und sogar noch eine digitale Ganganzeige, die als Extra etwas abseits der neu gestalteten Instrumente montiert wird und mit ihrer grell-roten Anzeige nicht wirklich gut zum Rest passt. Egal, das übrige Zubehörangebot ist gut sortiert, ermöglicht es aber auch, den Versys-Basispreis von 7695 Euro (plus 180 Euro Nebenkosten) locker über 9000 Euro zu treiben. Der aktuelle Listenpreis liegt übrigens 200 Euro unter dem des alten Vorjahresmodells.
Wer von vornherein schon weiß, dass er seine neue Versys als Reisedampfer nutzen möchte, kann mit dem Komplett-Angebot „Versys 650 Tourer“ für 8445 Euro oder dem Wunschlos-glücklich-Paket „Versys 650 Tourer +“ (8895 Euro) im Vergleich zum Einzelkauf Geld und (Montage-)Nerven sparen.

Die neue 650er-Versys ist in den Farben Schwarz, Weiß und Gelb lieferbar. Erstaunlicherweise nicht in (Kawasaki-)Grün, wobei das doch die Farbe der Hoffnung wäre. Was aber nichts daran ändert, dass nun berechtigte Hoffnung besteht, dass mit der Versys 650 auch zulassungsmäßig alles gut wird. Technisch war der Alleskönner schon immer ganz weit vorn. Nun stimmt auch die Form, und vielleicht beweist das Leben der Versys, dass es ab und an auch fair sein kann. Sogar zu Motorrädern. Verdient hätte es die rundum gelungene und sehr sympathische Kawasaki allemal.


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2 Kommentare zu :
“Kawasaki Versys 650 Modell 2015”


  • Ganz klar ein klasse Motorrad das ich mit der alten Knollennasenoptik NIE gekauft hätte.
    So bin ich nun Besitzer der ersten Versys die nicht nur technisch Top ist sondern auch Optisch.

  • Da hat Kawasaki mal ein aus der Masse ragendes Bike auf den Markt gebracht und schon wird es auf dem Altar des Massengeschmack geopfert. Einheitsverkleidung rangedengelt, Gewicht rauf, in meinen Augen ein Sammelsurium, nicht mehr die aus der Masse ragende Erstausgabe, die ich immer wieder vorziehen werde. Schade!