Kambodscha, Bokor Hillstation

Kambodscha, Bokor Hillstation

aus bma 10/08

von Sarah Seewald
Kambodscha, Bokor Hillstation
Den Berg hoch, zur Bokor Hillstation in Kambodscha. Es wird immer kälter. Meine Finger klammern sich um den Haltegriff und die Innenseite meiner Oberschenkel, verkrampft sich. Regelmäßig schlagen mir Zweige gegen das Visier. Seit zwei Stunden brettern wir jetzt mit der Geländemaschine durch tropischen Regenwald den Berg hinauf.

Und wir hatten ihn noch gefragt, den australischen Hippie mit der Ferienkommune unten in Kampot, wie der Zustand der Straße hoch zur verlassenen französischen Kolonie sei. Lange hatte er seinen Dope-geschwängerten Kopf gewiegt bis er schlussendlich zu dem Ergebnis kam: „That”s fucking crazy, man!”
Aber irgendwie hatte uns der Ehrgeiz gepackt. Und so holpern wir jetzt mit einer gemieteten 250er Honda Baja auf einer Straße von 1917, gespickt mit Teerresten, Feldsteinen und Löchern, die bis zu einem Meter tief sind. Das ist Motorrad fahren in Kambodscha.
Seit drei Wochen sind wir bereits auf Entdeckungsreise, wollen erleben, was dieses Land ausmacht. Wasserbüffelherden grasen in den überschwemmten Reisfeldern. Das „Hello and Goodbye” winkender Kinder auf dem Weg von der Schule nach Hause klingt in den Ohren nach. Die Ruinen Angkors spiegeln sich im Wasser des Heiligen Sees. Und die erstaunliche Friedlichkeit eines grausamen Ortes wie dem der Killing Fields nahe Phnom Penh bleibt in Erinnerung.
Kambodscha, Bokor HillstationKambodscha ist ein geschundenes Land. Die Blütezeit der Khmer-Könige des 12. Jahrhunderts wirkt bis heute nach, denn in Kambodscha gibt es keine jüngere Vergangenheit. 1,7 Millionen Menschen starben während des Regimes der Roten Khmer von 1975 bis 1979. Pol Pot löschte Werte wie Religion, Familie und Selbstverwirklichung, die das alltägliche Leben bestimmten und strukturierten, zugunsten eines sozialistischen Bauernstaates aus. Zurück blieb ein in weiten Teilen zerstörtes, orientierungsloses Land.
Doch da ist die andere Seite: Vergessene, vom Dschungel zurückeroberte Tempel wie der des Preah Vihear, zwei beschwerliche Tagesreisen von Phnom Penh entfernt; Ureinwohner-Stämme, die versteckt in den Bergen des östlichen Mondulkiri leben und Jahrtausende alte Traditionen pflegen; eine Tierwelt, die in den Regenwäldern anderer Länder längst ausgerottet wurde.
Motorrad fahren ist in nahezu ganz Kambodscha eine reine Offroad-Erfahrung mit Garantie auf Herausforderungen der ganz besonderen Art. Einige Einheimische hatten uns davor gewarnt, diesen Trip alleine zu unternehmen. Zu viele Touristen haben sich und ihre Maschine überschätzt, nach einigen Kilometern aufgegeben, zu wenig Benzin im Tank gehabt oder ihnen ist der Reifen geplatzt. Bis Hilfe kommt, kann es dauern. „Und ihr möchtet dort oben keine Nacht im Dschungel verbringen”, versichert uns unser Hotelbesitzer.

 

Heute sind wir mit einer Honda auf dem Weg in die Vergangenheit Kambodschas, in die Zeit der französischen Besatzung. Auf der Flucht vor der stickigen Hitze des Flachlandes errichteten die Franzosen 1925 an der südlichen Spitze der Elefantenberge auf 1080 Metern Höhe eine Kleinstadt im tropischen Regenwald. Im Lauf der Jahrzehnte ist Bokor immer wieder Schauplatz von Kämpfen der Khmer Rouge mit den vietnamesischen Besatzungstruppen geworden. Seit 1993 ist das 140000 Hektar große Gebiet ein Nationalpark. Irgendwo verstecken sich Elefanten, Tiger, Leoparden, aber auch Wilderer und Bauern, die illegalen Holzabbau betreiben. Die Kolonialvillen, die Post, das Hotel – verlassen, eingefroren in der gewaltsamen Historie und dem Verfall preisgegeben.

Kambodscha, Bokor HillstationDie Baha kämpft sich das letzte Stück des steilen Weges empor. Ich bin froh, daß wir die Maschine beim Vermieter noch mal eingehend geprüft haben. Der Monsun setzt ein und der Dreck, der sich im Laufe des letzten Jahrhunderts zwischen die Teerreste abgesetzt hat, verwandelt sich in Schlamm. Mehr denn je haben wir das Gefühl, eigentlich in einem Flußbett zu fahren. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt ist die Temperatur von 38 auf 10 Grad gefallen. Die meterhohen Farne und Palmen verschwinden im immer dichter werdenden Nebel. Urplötzlich tauchen die Umrisse des ersten Gebäudes auf – die Villa des damaligen Königs Norodom, ein erstaunlich kleines, zweistöckiges Gebäude. Es thront an der Kante einer Klippe. Auf der bröckelnden, halbrunden Terrasse stehend wird der Mut mit einem atemberaubenden Blick auf den Golf von Thailand belohnt. Unten ist mikroskopisch klein Kampot zu erkennen – es sind nur 42 Kilometer und einige Stunden, die uns von dort trennen, aber es könnte genauso gut eine andere Epoche sein.

Kambodscha, Bokor Hillstation Palace HotelDer Nebel ist mittlerweile so dicht, daß die Wege kaum mehr erkennbar sind. Mehrere Abzweigungen haben wir schon hinter uns gelassen, versuchen uns die Richtung für den Rückweg zu merken. Zwei Mal links, einmal rechts, dann wieder links – oder zweimal links, geradeaus, links und dann rechts? Gerade, als es klar scheint, daß wir uns verfahren haben, kommt ein Windstoß und der Blick auf das markanteste Gebäude Bokors wird frei: Die katholische Kirche. Es scheint als ein Ort aus längst vergangener Zeit, als religiöse Gebäude noch wahre Zufluchten waren. Der kleine Friedhof zeugt von der kurzen, das vietnamesische Geschütz von der gewaltsamen Vergangenheit des Ortes. Über dem Eingang der schwarze Abdruck eines Kruzifixes, innen vermischen sich Graffitis der Roten    Khmer mit denen der Touristen. Ich war schon mal an so einem verlassenen, spirituellen Ort, als ich den Jakobsweg gepilgert bin. Aber das war in Spanien – hier bin ich im buddhistischen Kambodscha.
Da die Sicht keine zwei Meter beträgt, merken wir erst, wie nahe wir dem Hotelcasino „Bokor Palace” sind, als wir direkt davor stehen und sich kurz die Sonne durch die Wolken kämpft. Zweistöckig, mit einer extrem verwinkelten Bauweise, Dachterrassen und meterhohen Fenstern läßt sich die einstige Eleganz erahnen. Das Gebäude ist überzogen mit dem rauen, roten Pilz, der sich wie eine Krankheit an dem Beton aller Häuser festgefressen hat. Ein wimmernder Ton wird von den wabernden Nebelschwaden den Berg hochgetragen. Dies ist die Stelle, an der sich die Spieler in den Tod stürzten, die im Casino alles verloren.

Kambodscha, Bokor HillstationInnen erinnern die Versatzstücke der Vergangenheit an glorreiche Zeiten; hier und da noch eine Keramik-fliese mit Blumenmuster, Wendeltreppen ohne Geländer, die ins Nichts führen, der Tanzsaal, die Schmauch-spuren des Kamins. In den Stufen klaffen fußgroße Durchbrüche, in den Wänden Einschußlöcher. Die unteren Fenster sind mit Backsteinen ausgestattet und manche Türen mit Sandsäcken verbarrikadiert. Einheimische haben uns versichert, daß es nicht gefährlich sei, die Ruinen zu erkunden – der Beton halte jetzt schon 80 Jahre und die Landminen aus der Rebellenzeit seien längst geräumt. Doch das unsichere Gefühl bleibt.
Die Touranbieter, die andere Touristen jeden Tag für 20 Dollar mit einem Jeep hier hochfahren, sind längst weg. Außer ein paar Forstbeamten zur Bewachung des Nationalparks und Mönchen in einem einige Kilometer entfernten Kloster ist hier keine Menschenseele. Keiner, den wir nach dem Weg fragen könnten. Ich hoffe, wir haben genug Benzin, die Maschine hat keine Tankanzeige. Und die Kette scheint mir auch ungewöhnlich locker – genug Abenteuer für heute.
Auf dem Weg nach unten wird es zunehmend wärmer. Die Absätze von den Teerresten scheinen höher als auf dem Hinweg, die Schlammlöcher tiefer. Der Regen setzt wieder ein, steigert die Luftfeuchtigkeit und bald riecht es nach Moos. Als wir nach einigen Stunden wieder festen Asphalt unter den Rädern haben, fühlen wir uns befreit und drehen richtig auf. Ein Lächeln breitet sich auf unseren Gesichtern aus. Yes, this was fucking crazy.
Kambodscha ist mittlerweile, bis auf die allgegenwärtige Gefahr von Landminen-Explosionen, ein sicheres Reiseland. Die goldene Regel lautet, niemals von ausgetretenen Pfaden abzuweichen – womit Offroad-Abenteuer in ländlichen Gebieten eher eingeschränkt sind. Da Kambodscha jedoch außerhalb der Hauptstadt Phnom Penh und des Weltwunders Angkor Wat kaum Touristen sieht, können, mit ausreichenden und verläßlichen Informationen über die gegenwärtige Sicherheitslage im Gebiet, spannende Trips auf eigene Faust oder mit Führer geplant werden.

Kampot liegt an der südwestlichen Küstenlinie Kambodschas und ist mit dem Motorrad über gute, asphaltierte Straßen von Phnom Penh aus in etwa drei bis vier Stunden zu erreichen. 42 anstrengende Kilometer sind dann noch bis zur verlassenen französischen Stadt Bokor zurückzulegen. In Kampot gibt es zwei zuverlässige Motorradvermietungen mit einer verhältnismäßig großen Auswahl an Offroad-Maschinen für ca. 12 USD pro Tag, wobei die eingehende technische Prüfung vorher unerläßlich ist.
Hin- und Rückweg nach Bokor dauern insgesamt etwa fünf Stunden. Der Trip wird nur Offroad-erfahrenen Fahrern außerhalb der Regenzeit empfohlen.

 

 

 


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