aus Kradblatt 10/26 von Bernd L. George

Der 68-PS-Schocker aus Italien

Der Italjet Dragster 700 ist nichts für introvertierte Menschen. Aufmerksamkeit ist einem garantiert.
Der Italjet Dragster 700 ist nichts für introvertierte Menschen. Aufmerksamkeit ist einem garantiert.

Wenn die Odenwälder Fahrzeugtechnik GmbH nach Kroatien einlädt, sollte man hellhörig werden. Der Italjet Importeur für Deutschland, Österreich und die Schweiz (D-A-CH) hat nicht nach Italien oder in den Odenwald gebeten, sondern nach Čavle. Hoch über Rijeka, direkt am Automotodrom Grobnik. Der Grund: Hier betreibt die Odenwälder Fahrzeugtechnik ihre zweite Firma. Hier kennt man jeden Meter Asphalt, jede Bodenwelle, jede versteckte Kehre. Und hier, so Uwe Kilian, wolle man mir den Dragster 700 Twin genau dort zeigen, wo er wirklich hingehört: Nicht auf einer sterilen Rennstrecke, sondern auf der Landstraße, wo gefahren wird, wo gelebt wird.

Kupplungs-Schaufenster am Gresini Dragster
Kupplungs-Schaufenster am Gresini Dragster

Ich bin um 9 Uhr morgens in Čavle. Die Luft in Nähe der Adria ist glasklar, unten glitzert die Kvarner-Bucht, oben wartet der Berg. Und im Hof stehen sie: Zwei Italjet Dragster 700 Twin! Einer davon in der längst ausverkauften Limited Gresini-Edition in Blau-Rot. Der andere in auffallendem Schwarz-Gelb. Schon im Stand ein Fahrzeug, welches man nicht einfach nur anschaut, sondern regelrecht anstarrt.

Doch was ist das überhaupt? Ein Roller? Oder ein Motorrad? Die Frage ist berechtigt. Doch eigentlich eine Beleidigung für dieses neuartige Fahrzeug. 68 PS aus dem Zweizylinder, 6-Gang Fußschaltung, Handkupplung mit Anti-Hopping-Funktion, Kettenantrieb, 190 Kilo vollgetankt, 15 Zoll Räder vorne und hinten. Auf dem Papier ist der Italjet Dragster 700 Twin schon ein Widerspruch zu allem, was wir bisher unter der Rubrik Roller erlebt und erfahren haben.

Mit den kleinen Stadthüpfern hat er nur noch den halbwegs freien Durchstieg gemein. Mit den Maxi-Scootern wie einem Yamaha T-Max nur das Radformat. Und auch mit Crossover-Konzepten hat er nichts zu tun, denn diese sind im Vergleich zum Dragster 700 eher bieder und langweilig.

Die revolutionäre Erscheinung mit den zwei hochgezogenen Akrapovič-Töpfen, dem freiliegenden Gitterrohrrahmen und dem einzigartigen Heck ist eine Kampfansage an alles, was sich bisher Sport-Scooter nannte. Das ist kein Scooter mehr. Das ist ein Naked Bike ohne Tank.

Mein Highlight entdecke ich noch vor dem Losfahren an der Gresini Limited: Unter einem klaren Glasdeckel auf der rechten Seite rotiert  gut sichtbar die Anti-Hopping-Kupplung. Bei jedem Gasstoß schiebt das Motoröl in einer perfekten kreisrunden Welle über das Glas und verdunkelt es kurz. 

Alleine  deshalb könnte ich stundenlang im Stand Gas geben. Das ist Liebe zum Detail, das ist italienische Verrücktheit.

Landstraßen sind das Revier des Italjet 700 Dragster.
Landstraßen sind das Revier des Italjet 700 Dragster.

Landstraße pur – und dann macht es Klick. Wir starten in Čavle und tauchen sofort in die Bergstraßen rund um Grobnik und Platak ein. Kein Warm-up auf Autobahn oder Schnellstraße. Direkt rein ins Kurvenlabyrinth kroatischer Landstraßen. Und der Dragster liefert. Sofort ab der ersten Kurve.

Höhenverstellung für das Heck
Höhenverstellung für das Heck

Der Twin – ein 700er Paralleltwin mit 68 PS und 70 Nm – schiebt ab 3.000 U/min völlig linear und elastisch bis 9.000 U/min. Kein Ruckeln, kein Loch, kein Verschlucken beim Aufziehen. Gang für Gang, die Kupplung leichtgängig mit klar definiertem Druckpunkt, die Schaltung knackig und kurz übersetzt. Er fährt sich wie ein Sportler, nur ohne Tank zwischen den Knien. Und das ist kein Nebensatz. Das macht die Magie dieses Konzepts aus!

Und genau das ist die Offenbarung. In diesem Moment verstehe ich, warum das Team der Odenwälder Fahrzeugtechnik genau hierher eingeladen hat. Obwohl der Odenwald auch mit schönen Motorradstrecken begeistern kann. Doch hier liegt ein Paradies für Biker und ich träume schon von einer mehrtägigen Tour.

Doch zurück auf den Dragster:  Deine Knie sind frei. Du bist nicht eingeklemmt. Du sitzt aktiv, dabei aber lässig und entspannt. Fast wie auf einer Supermoto.

Das Ergebnis ist absurd: Ich schaue in die nächste 90-Grad-Kehre hinein, eine typisch kroatische, enge, leicht überhöhte Kehre mit etwas welligem Asphalt, und der ITALJET fällt messerscharf und mit unglaublich wenig Kraftaufwand in die Kurve. Nicht einlenken, sondern denken. Du denkst die Linie, und er fährt sie. Blickführung auf einem höheren, Italjet-generierten, Level! Auf diesen engen, kurvigen, teilweise blinden Bergsträßchen ist das ein unfairer Vorteil gegenüber jedem normalen Motorrad. Es gibt in dieser Gewichtsklasse nichts, was nur annähernd so handlich und dabei potent ist. Das musst du selbst erlebt haben, das glaubst du vorher nicht.

Bremsen aus dem Sportbike haben leichtes Spiel mit dem Dragster
Bremsen aus dem Sportbike haben leichtes Spiel mit dem Dragster

Fahrwerk und Bremsen – Beste Feinkost aus Italien. Wie gut das Fahrwerk ist, zeigt sich auf dem rauen Asphalt hinter Platak, in Richtung Plitvice. Die Marzocchi-Gabel vorne spricht sensibel an, das Öhlins-Federbein hinten – durch eine einstellbare Zugstrebe lässt es sich per Drehgriff über einen Exzenter sogar in der Fahrhöhe verstellen – bügelt alles glatt, was die Straße an Unebenheiten bietet. Der Gitterrohr Rahmen sieht nicht nur gut aus, er ist stabil, leicht und perfekt für diese Art von Scooter und Motorrad-Mix. Kein Stempeln, kein Aufschaukeln, kein Versetzen. Die Balance stimmt einfach perfekt. Respekt! Italjet ist eine Punktlandung gelungen.

Standesgemäßer Systemstart auf dem Farb-TFT
Standesgemäßer Systemstart auf dem Farb-TFT

Und wenn es doch zu schnell wird, beißen die Brembo-Vierkolben-Monoblocks vorne in die Doppelscheibe brutal und messerscharf zu. Dosierbar bis in den Grenzbereich. Mit einer Power, die du bei einem Scooter nie erwartest. Hinten unterstützt eine Einzelscheibe mit Zweikolbensattel. ABS und Traktionskontrolle sind natürlich an Bord und einstellbar.

Die Details, die süchtig machen. Am Aussichtspunkt oberhalb von der Kvarner-Bucht halten wir an. Zeit, um zu schauen. Nicht in die wunderschöne Bucht. Sondern auf dieses einmalige Fahrzeug, welches mich schon nach wenigen Metern im Sattel faszinierte: Winglets aus Kohlefaser wie in der MotoGP. Schutzbügel vor Brems- und Kupplungshebel mit integrierten LED-Blinkern. Dazu ein 5-Zoll TFT-Display, das gestochen scharf ist. Dann die Front- und Heckkamera, deren Bilder live eingespielt und sogar per Knopfdruck aufgezeichnet werden können – perfekt für jede Tour. Dazu Traktionskon­trolle, Kurven-ABS, USB-A und USB-C Ladedose. Sehenswerte Details überall – verständlich, dass nun das Gresini Team über die attraktivsten Scooter im MotoGP Fahrerlager verfügt. Sogar der Soziusplatz bietet mehr als nur eine Alibi-Funktion. Perfekt ins Sport-Design integriert, gut gepolstert und mit ausreichend Kniewinkel. Damit kannst du wirklich zu zweit in die Eisdiele in Opatija fahren und dort die Attraktion sein.

beim Betrachten findet man immer neue Details
beim Betrachten findet man immer neue Details

Mein Fazit als Tester. Auf Einladung der Odenwälder Fahrzeugtechnik GmbH nach Čavle gekommen, um einen „Sport-Scooter“ zu testen, habe ich einen schnellen Roller erwartet. Zurück fahre ich mit der Erkenntnis, dass Italjet hier eine neue Gattung geschaffen hat. Einen Crossover zwischen Motorrad und Sport-Maxi-Scooter, der die Vorteile beider Welten vereint, ohne die Nachteile zu übernehmen.

Auf der Rennstrecke mag es schnellere, radikalere Bikes geben. Aber auf der Landstraße – und genau dafür haben die Odenwälder diesen Test hier in Kroatien angesetzt – eröffnet der Dragster 700 Twin eine völlig neue Dimension. Diese Handlichkeit, dieser Druck aus dem Keller bis zu 9.000 U/min, diese Emotionen beim Fahren und beim Parken. Es ist in erster Linie ein Hingucker der radikal polarisiert. Oh ja. An jeder Tankstelle stehst du automatisch im Mittelpunkt. Dabei hat mein Ego längst erkannt, der Dragster 700 ist vor allem eines: Ein echtes Fahrgerät für Könner, für Enthusiasten, für Leute, die etwas anderes wollen. Radikal geil, um es auf den Punkt zu bringen.

Ab 13.990 Euro steht er bei den Italjet-Fachhändlern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und glaubt mir: Eine Probefahrt auf euren Hausstrecken reicht – danach werdet ihr mich verstehen.
Mehr Infos gibt’s online unter www.italjet-germany.de.

Der Italjet Dragster 700 Twin ist anders - und macht genau deshalb so viel Spaß!
Der Italjet Dragster 700 Twin ist anders – und macht genau deshalb so viel Spaß!

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