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Italien – Liparische Inseln

aus Kradblatt 6/18
von Tina & Kai Sypniewski, www.einspur.de

Feuer & Flamme am Stromboli

Feuer am Stromboli © Tina & Kai Sypniewski

Es wird gedrängelt, gehupt, rechts überholt, eine dritte und auch eine vierte Fahrspur erschaffen, obwohl es die gar nicht gibt. Aber das gehört zum Süden Italiens wie Lambrusco, Spaghetti und La Dolce Vita – das süße Leben. Also, alles auf zwei Rädern zeigt hier, dass Motorroller und Motorräder im Innenstadtverkehr Italiens einfach die bessere Wahl sind. An der Ampel versammelt sich dann die ganze Schwadron, um spätestens bei Grün wie ein Bienenschwarm loszubrausen. Daran gewöhnt man sich schnell und so erreichen wir unser Ziel recht zügig: Die Äolischen beziehungsweise Liparischen Inseln, nördlich von Sizilien. Wie heißen sie aber richtig? Der Italiener weiß sich zu arrangieren. Er nennt sie einfach: Isole Eolie o Lipari.

Gerade so erreichen noch die letzte Fähre des Tages von Milazzo nach Lipari. Die Mannschaft erblickt uns und hat beim Anblick der Motorräder alle Zeit der Welt. Man weist uns den Weg zur Uferpromenade, um in Ruhe die Tickets kaufen zu können. Auch die vorhandenen Fahrscheine beschleunigen die Abfahrt nicht. Erst nach Abarbeiten des üblichen Fragekataloges setzen die Männer die Fähre in Bewegung.

Lipari Stadt © Tina & Kai Sypniewski In Lipari-Stadt verschaffen wir uns dann einen ersten Überblick und fahren zum Castello hinauf. Dabei verzaubert ein Lächeln die Lippen. Kurven und Serpentinen wechseln sich wahllos ab. Die Natur ist der Baumeister und gibt die Straßenführung vor. Auf der Ringstraße wird die Insel umrundet. Den Tag lassen wir auf der Halbinsel Monterrosa ausklingen. Vom 239 Meter hohen Mazzuni genießen wir die Sicht auf die Inseln Vulcano, Panarea und Stromboli. Die Nacht bricht herein und das Lichtermeer von Lipari leuchtet in den Sternenhimmel.

Aus der Stadt Lipari schraubt sich die SP179 in Kurven und Serpentinen wild hinauf. Das bringt das Gleichgewichtsorgan mächtig in Schwung. An der kleinen Kirche der Annunziata halten wir und steigen den markanten Treppenaufgang hinauf. Dieser beginnt mit einer schmalen Pforte und wird immer breiter. Oben nehmen die letzten Stufen die gesamte Breite der kleinen Kirche ein.

Nach dem Fußmarsch schrauben wir uns im Kurvenrausch weiter in die Höhe. Die äußersten Reifenstollen kommen wieder ihrer Aufgabe nach und beißen sich in den Straßenbelag. Kaum in Schwung gekommen, lädt der schöne Aussichtspunkt Quattrocchi zum Verweilen ein. Eine Legende besagt: Vier Augen müsste man haben, um sich satt zu sehen. Der Blick auf Vulcano ist aber auch überwältigend.

Mit dem Motorrad auf den Liparischen Inseln © Tina & Kai Sypniewski Durch alte Olivenhaine schwingen wir hinab zu den Thermen von San Calogero, dem ältesten Dampfbad der Welt. Dieses soll sich seit 3.500 Jahren in Betrieb befinden. Antike Mauerreste, Brunnen und Leitungssysteme sind neben dem Thermenkomplex zu sehen. 

Später folgen wir dem Kurvenband zum Monte San Angelo. Mit einer mächtigen Staubfahne erstürmen wir den 594 Meter hohen Gipfel. Der alte Krater wurde in den 1960er Jahren ausbetoniert. Eine riesige Regenwassersammelanlage nimmt das seltene und kostbare Nass von oben auf. Darauf wollen wir jedoch nicht warten und gehen wieder auf Spur. Nachdem wir wieder festen Boden unter den Stollen haben, suchen wir die kleinen, kaum befahrenen Straßen. Es geht vorbei an Obst-, Wein- und Gemüsegärten. Das Ziel ist die „Cave di Caolino“. Die stillgelegte Kaolingrube schillert bunt. Hier wurde schon von den Griechen der Antike der Töpferton gewonnen. Ebenso war das Kaolin zu damaliger Zeit Quelle der mineralischen Farben und wurde zur Bemalung von Gefäßen und Vasen verwendet. Das Gestein ist allerdings durch ständige Furmarolentätigkeit zermürbt. Noch heute schlägt einem Schwefelgeruch entgegen.

Mit dem Motorrad auf den Liparischen Inseln © Tina & Kai Sypniewski Nach einer kleinen Offroadtour durch das bunte Kaolin erreichen wir den Aussichtspunkt Chiesa Veccia. Dieser befindet sich neben einer weiß gekalkten kleinen Kirche aus dem Jahre 1646. Hier lassen wir unseren Blick auf die kleinen Inseln der Umgebung schweifen.

Nachdem wir uns satt gesehen haben, folgen wir der Straße, die sich auf Meereshöhe hinab windet und der Ort Acquacalda mit seinen weißen Hängen und leer stehenden Fabrikgebäuden rückt näher. Früher wurde hier Bimsstein abgebaut. In Poticello wird bis heute der leichte Stein gefördert. Dieser findet Verwendung in der Baustoffindustrie und ist ein universell einsetzbares Polier- und Schleifmittel. Auch Stone­washed Jeans werden mit diesem Material bearbeitet.

In Canneto biegen wir rechts ab und schwingen im Kurventanz nach Lami hinauf. Die äußersten Kanten der letzten Profilreihe beenden ihr Schattendasein. Mahnend rät das leicht rutschende Hinterrad zur Vorsicht. Das Asphaltband endet dann. Es geht weiter zum Fossa delle Rocche Rosse. Das letzte Stück zum 476 Meter hohen Gipfel Monte Pilato müssen wir laufen. Winterliche Regengüsse spülten nämlich den Sattel zum Gipfel teilweise metertief aus. Oben angekommen, haben wir einen fantastischen Ausblick über den gesamten Archipel. Der Bimsstein blendet schneeweiß im Sonnenlicht. Pechschwarzer Obsidan findet sich als das groteske Gegenstück dazu: Glashart, splitterig und scharfkantig präsentiert er sich uns. Beide Gesteine sind vulkanischen Ursprungs und haben eine identische Zusammensetzung. Ihre unterschiedliche Struktur verdanken sie den bei der Entstehung ablaufenden Prozessen. Aber genug der Geologie, die Räder müssen rollen. Wir folgen der alten Passstraße über den Monterosa und biegen nach Pirrera ab. Immer schneller folgen auf dieser Straße enge Kurven. Dann folgen wir den gepflasterten Weg zur Forgia Veccia. Vom Kraterrand blicken wir auf einen erstarrten Lavastrom, bevor wir im Schräglagenrausch zum Meer hinunter taumeln, wo der Tag beim Pizzabäcker ausklingt.

Tolle Aussicht am Kraterrand © Tina & Kai Sypniewski Per Fähre setzen wir am nächsten Tag auf die Insel Vulcano über. Vom Gran Cratere schlägt uns Schwefelgeruch entgegen. Wir folgen dem charakteristischen Inselduft und erklimmen den 391 Meter hohen Vulkankrater. Nach einem ausgiebigen Blick ins dampfende Innere des aktiven Vulkans steigen wir wieder hinab. Zur Entspannung geht es dann zum Hafen, wo sich so etwas wie ein natürlicher Whirlpool befindet. Fumarolen erwärmen das Wasser und dem Schlamm wird eine heilende Wirkung nachgesagt. Der Schwefelgeruch auf der Haut begleitet uns nach dem Bad tagelang.

Feuer am Stromboli © Tina & Kai Sypniewski Die Bikes scharren – bildlich gesprochen –s wieder mit den Stollen. Wir setzen nach Salina über und steuern Lingua an. Am Weg liegt eine aufgegebene Saline und dann wird die Bar „Alfredo“ gesucht. Der Chef gilt als der „König der Granita“, eine gefrorene Süßspeise mit sorbetähnlicher Konsistenz. Die gängigste Variante besteht aus Zuckersirup. Diese Mischung wird immer wieder gerührt und nach und nach eingefroren. Das ganze kommt dann im Kelchglas mit Strohhalm und Löffel auf den Tisch. Das köstliche Aroma überdeckt den Schwefelgeruch unserer Körper noch ein wenig, bevor wir zum Krater von Pollara kurven. In abenteuerlichen Schwüngen geht es in den Krater hinunter: Sechs Kilometer Kurvenrausch! Die Lauffläche der Reifen dient nur zum Umlegen der Maschine. Die oberen Gänge haben Pause und ein Dauergrinsen macht den Lachmuskeln ganz schön zu schaffen.

Mit dem Motorrad auf den Liparischen Inseln © Tina & Kai Sypniewski Das geht dann auch so weiter, als wir auf kurvenreicher Strecke die Zwillingsgipfel Monte di Porri und Monte Fossa passieren und durch duftende Macchia weiter nach Rinella fahren. Im Fischerdorf werden wir schon von Barbara am Hafen erwartet, einer Deutschen, die es auf die Insel verschlagen hat. Francesco schwingt zwischenzeitlich den Kochlöffel und serviert uns noch flink leckere Pasta. Nach der Stärkung besichtigen wir die besondere Bed & Breakfast Künstlerpension „La Praia di Rinella“ und schlendern durch die „arte paga“-Galerie im Haus. Der Fotograf und Designer Francesco lädt immer wieder verschiedene Künstler ein. So treffen sich Maler, Bildhauer, Fotografen und Musiker aus aller Welt zu einem regen Gedankenaustausch. All das findet auch dieses Jahr statt und zwar unter der Voraussetzung, dass jeder Künstler eines seiner Werke der Galerie überlässt. Die Musiker haben ein Nachsehen. Aber auch dem wird unkompliziert geholfen. Es wird dann ein kleines Terrassenkonzert über dem himmelblauen Meer eingefordert.

Mit dem Motorrad auf den Liparischen Inseln © Tina & Kai Sypniewski Später folgen wir dem künstlerisch gestalteten Teerband zum Fährhafen S. Marina und setzen wieder auf die Insel Lipari über. Vom Meer- und Kurvenrausch benommen, lassen wir den Tag bei einer leckeren Granita ausklingen.

Der nächste Tag steht dann ganz im Zeichen der Fahrt zur Hölle. Wir setzen mit der Fähre nach Stromboli über. Von weitem erblicken wir einen Feuer speienden Krater. Der einzige ständig aktive Vulkan Europas begrüßt uns mit Rauchfahnen. Den Seefahrern von früher war er als natürlicher Leuchtturm eine wichtige Navigationshilfe. Wir orientieren uns jedoch lieber an den sicheren Aufstiegswegen. Der spektakuläre Aussichtspunkt in Sachen Vulkantourismus soll auch vor Einbruch der Dunkelheit erreicht werden. Von weitem ist auch das dumpfe Grollen der Eruptionen zu hören. Dann schießt eine Feuergarbe in die Höhe und wir kommen uns angesichts der Naturgewalt irgendwie hilflos vor.

Trotzdem beschließen wir länger zu bleiben, denn im Minutentakt schießt der Stromboli seinen feurigen Salut in den Nachthimmel. Da müssen wir noch näher ran. So schließen wir uns einem der freundlichen Tourguides an und erklimmen den Kraterrand. Der Gipfel ist nun von Wolken bedeckt. Die Qual der 920 Höhenmeter stecken umsonst in den Knochen. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren. Der Weg und die Mühe scheinen umsonst gewesen zu sein. Über dem Schlot öffnet sich jedoch die Nebelwand und gibt den Nachthimmel frei. Zig Sterne funkeln uns augenblicklich entgegen. Tina und ich sind total begeistert. Durch die Eruptionen erhält der Nebel so nach und nach eine rötliche Färbung. Vor unserem Abstieg schießt urplötzlich und mit lautem Getöse und Vibrieren eine Feuerfontäne über unseren Köpfen hinweg in den blauen Sternenhimmel. Stromboli – wir sind Feuer und Flamme!

Mit dem Motorrad auf den Liparischen Inseln © Tina & Kai Sypniewski


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