Hyosung GV 650 Aquila

Hyosung GV 650 Aquila (Mod. 2006)

aus bma 02/06

von Jens Riedel

Hyosung GV 650 AquilaBescheidenheit ist die Sache von Hyosung nicht: „Ridden by the world” lautet der prägnante Firmenslogan. Davon sind die Motorradbauer aus Südkorea natürlich noch Lichtjahre entfernt, aber mit der 650er GT-Reihe ist den Asiaten ein relativ beachtlicher Einstieg in die Mittelklasse gelungen. Nun reicht Hyosung die Aquila 650 nach und spart auch hier nicht mit einem markigen Werbespruch: Dem potentiellen Käufer wird ein „Powercrusier mit Sportgenen” versprochen. Eine Behauptung, die angesichts von 649 Kubikzentimetern Hubraum und 72 PS nicht gerade tiefstapelt. Doch klappern gehört nun einmal zum Geschäft (nicht nur bei Hyosung).
Zumindest optisch polarisiert das Derivat der GT-Reihe. Das Design begeistert entweder oder stößt ab. Über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten – und so kann sich auch der Autor dieses Beitrages freimütig zu den Liebhabern des Stylings der großen Aquila bekennen, an der sich die Designer im Gegensatz zu den konservativ gezeichneten 125er- und 250er-Namensvetterinnen ordentlich austoben durften. Auch bei Motorrad Greinert in Nienburg sind viele Kunden beim Anblick des langen Lulatsches bislang begeistert gewesen. Dort holten wir am letzten schönen Novembertag unsere Testmaschine mit jungfräulichen fünf Kilometern auf dem Tacho ab.
Die GV 650 Aquila macht erst einmal mächtig Eindruck. Schlanke Linien paaren sich mit einem langen Radstand, einem 90-Grad-V2-Motor und sehr viel Chromglanz, wenn auch teilweise aus Plastik. Die Hyosung verströmt irgendwie einen Hauch von V-Rod und ist mit ihren verspielten Rundungen einfach nett anzusehen. Die Verarbeitung hinterläßt einen ordentlichen Eindruck, die Schweißnähte am gegenüber der GT komplett neuen Doppelrohrahmen sind sauber ausgeführt.

 

Hyosung GV 650 Aquila Große Fragen wirft die Maschine nicht auf, vorausgesetzt man weiß, wo der Zündschlüssel seinen Platz hat, nämlich an der rechten Seite unterhalb des 16-Liter-Tanks. Dann kann es auch schon losgehen. Nach dem Zug am Choke und dem Druck auf den Anlasserknopf springt der vergaserbefeuerte Zweizylindermotor ohne Mucken auch bei niedrigen Temperaturen sofort an. Er meldet sich mit einem einigermaßen sonoren Brabbeln aus der Zwei-in-Eins-Auspuffanlage zum Arbeitsbeginn. Der erste Gang rastet bei moderaten Ziehkräften am Kupplungshebel – wie die übrigen vier Schaltstufen auch – mit einem beruhigenden Klacken ein.
Da wir schon einmal bei Armen und Beinen sind: Einstellbare Hebel sucht man bei der Hyosung (noch) vergeblich. Anders verhält es sich hingegen am unteren Ende der Maschine. Die Fußrastenanlage läßt sich um fünf Zentimeter nach vorn, respektive hinten verlegen, so daß Lang- wie Kurzbeiner gleichermaßen einen angenehmen Arbeitsplatz für die Füße vorfinden. Zwei armlange Lenkerrohre strecken sich dem Fahrer entgegen. Sie liegen gut in der Hand, und der Hintern findet ein recht üppiges Sitzpolster vor, das seine Langstreckentauglichkeit allerdings erst noch unter Beweis stellen muß. Der hoch liegende Soziussitz hat hingegen nur reine Alibifunktion. Für mehr als den sonntäglichen Ritt vor die Eisdiele reicht das Brötchen im Zweierbetrieb wahrlich nicht. Die Sitzfläche ist einfach viel zu klein.
Noch ärgerlicher ist da die Befestigung der Sitzbank mittels Schraube. Um an das Batteriefach heranzukommen, in das sich auch das Handbuch und das Werkzeug quetschen, muß man sich schon etwas mehr einfallen lassen als eine zufällig in der Hosentasche steckende 20-Cent-Münze. Der Blick auf den Stromspeicher verrät übrigens, daß auch die Koreaner gucken, wo sie sparen können: Die Batterie ist „Made in China”.
Doch was zählt, sind schließlich die inneren Werte. Und da macht die Hyosung eine wirklich gute Figur. Die GV 650 Aquila glänzt mit einer Handlichkeit, die man ihr bei einem Radstand von 1,7 Metern, üppigen 2,43 Metern Gesamtlänge und einem Leergewicht von 230 Kilogramm gar nicht zugetraut hätte. Das Fahrwerk vermittelt auf Anhieb Vertrauen.
Angesichts von nur knapp 0,65 Litern Hubraum, die als Fünf-Gänge-Menü serviert werden, dürfen vom Triebwerk natürlich keine Wunder aus dem Drehzahlkeller erwartet werden. Gas und Kupplung wollen des Öfteren bemüht werden. Damit weckt die Größte der drei Aquilas aber auch gleich die Lust an mehr als nur am Cruisen.
Hyosung GV 650 Aquila Zahnriemen Rasch stellt der Reiter fest, daß die Neue aus Korea tatsächlich die von den Marketingstrategen gepriesene sportliche Erbanlage mitbringt. Es macht mächtig Laune, der Hyosung die Sporen zu geben, wobei der Autor sich angesichts der noch jungfräulichen Laufleistung der Maschine sehr zurückhalten mußte.
Die GV 650 gibt sich agil und spurtreu und lädt förmlich zum Fußrastenschrubben und Kurvenräubern ein. Die Aquila erweist sich tatsächlich als Sportcruiser. Wer hätte das gedacht, denn dem Dohc-Triebwerk sind mit 72 PS Spitzenleistung sechs der bisherigen GT-Pferdchen genommen worden. Um den gleichen Zahlenwert ist mit nun 62 Newtonmetern auch das maximale Drehmoment bei gleich bleibend 7000 U/min gesunken. Im Zusammenspiel mit einer neuen Luftfilteranlage und dem anderen Auspuff wirkt der Hyosung Crusier aber im unteren und mittleren Drehzahlbereich spürbar durchzugfreudiger als die GT. So läuft die Maschine im häufig genutzten Bereich zwischen 100 und 130 km/h auch deutlich harmonischer. Ernsthafte Abstriche müssen nur beim Topspeed gemacht werden. Aber die werkseitig angegebenen 195 km/h sind in diesem Fall immer noch mehr als genug.
Eine echte Überraschung ist auch die Kraftübertragung an das Hinterrad: Hier setzten die Hyosung-Ingenieure auf einen Riemenantrieb! Vorne rollt die Hyosung auf einem 18-Zoll-Bridgestone-Battlax-Reifen der Dimension 120/70, der von einer einstellbaren Upside-down-Gabel geführt wird. Hinten kommt ein breiter 17-Zoll-Puschen mit den Maßen 180/55 zum Einsatz. In puncto Informationspolitik hält sich die GV vornehm zurück. Ein schicker Digitaltacho mit grüner Leuchtanzeige gibt Auskunft über die wichtigsten Daten, wobei die Geschwindigkeitsangabe sehr gleichmäßig und ohne die anderswo gewohnten Zahlenhüpfer erfolgt. Das Display ist außerdem in der Leuchtstärke verstellbar. Einen Drehzahlmesser gibt es nicht.
Zu den wenigen weniger erfreulichen Eindrücken, den die Hyosung hinterläßt, gehört die vordere Doppelbremsanlage mit 300 Millimetern Scheibendurchmesser und je zwei Kolben. Sie wirkt etwas lasch und hat auch keinen vernünftigen Druckpunkt. Das wissen auch die Händler. Etliche von ihnen wechseln daher beim fälligen Bremsbelagtausch auf europäische Produkte. Die hintere 270-Millimeterscheibe arbeitet hingegen überraschend gut und läßt sich angenehm dosieren.
Alles in allem kann man Hyosung nur eine reife Leistung bescheinigen. Offensichtlich wissen aber auch die Koreaner, was sie da Feines auf die Räder gestellt haben, denn bei der Preisgestaltung hält sich Hyosung längst nicht mehr so asiatisch vornehm zurück wie bei den GT-Modellen. 6820 Euro plus 175 Euro Liefernebenkosten sind für den Korea-Crusier, pardon, Sportcruiser fällig. Damit bleibt die GV 650 nur knapp unter Yamahas XVS 650 DragStar und Hondas 750er Shadow. Doch mal ehrlich, die beiden Japaner wirken gegen die frisch gezeichnete Aquila deutlich altbackener, haben 30 PS weniger Leistung und bringen auch gleich noch zwei Scheibenbremsen weniger mit. Da kann man dann doch schon mal ins Grübeln kommen. Zu haben ist die Hyosung in Titaniumsilber, Mitternachtsschwarz und Himmelblau.

 

 

 


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