Minimalismus als Lebensgefühl
aus Kradblatt 12/25 von Torsten Thimm, www.ttmotorbikeblog.com

Es gibt ja derzeit viele Motorräder, die schreien förmlich auf ihre Art und Weise nach Aufmerksamkeit. Ob das allerdings auf Dauer so gut ist, sei mal dahingestellt. Denn auf der anderen Seite gibt es Maschinen wie die Honda GB350S, die lieber mit leiser Souveränität und klassischer Eleganz ihre Sympathien gewinnen. Ich stehe vor ihr, genieße die klaren Linien, den tropfenförmigen Tank, die runden Formen und das stimmige Zusammenspiel aus Chrom, Schwarz und hellgrauem Glanzlack am Tank. In der Tat steckt schon im Stand echtes Retro-Feeling in ihr, aber mit modernem Feinschliff.

Endlich im Sattel – zurück zum echten Fahrgefühl: Doch hey, lang genug nur davor gestanden und gestaunt, jetzt geht’s los. Schon beim ersten Aufsitzen fühlt sich alles richtig an. Die Sitzhöhe ist mit 800 mm angenehm niedrig, die Haltung aufrecht und entspannt mit klarem Blick nach vorne. Kein Rennmodus, keine verstellbaren Fahrmodi, kein digitaler Schnickschnack. Einfach Zündung an, Starterknopf drücken und der luftgekühlte 348 ccm-Einzylinder erwacht mit einem sonoren Brabbeln zum Leben. Der Sound ist ehrlich, warm und charaktervoll. Ein Klang, der wirklich etwas an vergangene Zeiten erinnert, als man noch den Puls des Motors spürte, und jedes Gasgeben ein kleines Ereignis war. Und das in Zeiten einer immer schärfer werdenden Abgasrestriktion und trotz Euro 5+.
Klassische Entschleunigung auf zwei Rädern: Die 21,1 PS bei 5.500 U/min wirken auf dem Papier eher bescheiden, aber das Drehmoment von 29 Nm schiebt die kleine, vollgetankt knapp 180 Kilogramm leichte Maschine doch erstaunlich souverän vorwärts. Im Stadtverkehr gleitet die GB350S mühelos dahin, auf Landstraßen zieht sie auf der Geraden gleichmäßig durch und vermittelt dieses wohltuende Gefühl von Entschleunigung. Kein Stress, kein Drängen einfach mit Drehzahl fahren und den 5. Gang als Overdrive nutzen. Die Gänge lassen sich leicht wechseln und die Assist-Kupplung reduziert die Handkraft am (ab Werk) nicht einstellbaren Kupplungshebel. Der Bremshebel ist in der Weite auch nicht justierbar, dürfte für die meisten aber passen.

Optisch überzeugt sie mit vielen liebevollen Details. Das klassisch runde Instrument mit dezent digitalem Anteil, die verchromten Spiegel, der schwarze Auspuff mit Chromblenden und die schwarzen Gussfelgen passen perfekt zum Retro-Konzept. Besonders gelungen finde ich dabei den Tank mit seinem leicht sportlichen Touch, den die GB mit ihren schwarzen Akzenten und den wenigen gut platzierten Chromteilen gekonnt farblich in Szene setzt. Der Knieschluss passt und die Sonne spielt mit dem verchromten Tankdeckel in meinem Visier.

Bei der Bereifung (vorne 100/90-R19, hinten 150/70-R17) setzt Honda auf die bewährten Metzeler Tourance Next. Der Reifen wurde zwar eigentlich für Reiseenduros konzipiert, lässt sich aber auch auf der GB bis zu den Rasten fahren. Bei einem irgendwann anstehenden Wechsel, würde ich dann aber zu einem reinen Straßenreifen greifen, da weder die GB noch der Tourance Offroad-Ambitionen haben.
Pure Gelassenheit auf zwei Rädern: Das Fahrwerk zeigt sich solide. 41 mm Teleskopgabel vorne, zwei Federbeine hinten, kein Hightech, aber zuverlässig und komfortabel für die kleine Maschine. Die Federbasis (aka „Federvorspannung“) lässt sich hinten per Hakenschlüssel einstellen und so der Zuladung anpassen, ansonsten gibt es keine Einstellmöglichkeiten. Die Dämpfung ist aber straff genug, um Kurven mit Freude anzugehen, ohne dabei die Alltagstauglichkeit zu verlieren.
Die Scheibenbremsen vorne und hinten verzögern sauber, das ABS arbeitet ebenso wie die Traktionskontrolle und die Antihopping Kupplung unauffällig und zuverlässig im Hintergrund. Gerade in der momentanen Jahreszeit Herbst – ich bin Ende Oktober mit der GB unterwegs – mit teilweise viel feuchtem Straßenanteil und Laub auf dem Asphalt sind die versteckten Helfer trotz der geringen Motorleistung ein Sicherheitsplus.

Was mich auf unserer gemeinsamen Tour mit der GB350S besonders begeistert, ist dieses ehrliche, unaufgeregte Fahrerlebnis. Das kennt man sonst nur bei den Modellen von Royal Enfield in dieser Klasse. Sie ist kein wilder Kurvenräuber, kein Highspeed-Gerät und kein Technikmonster. Ich finde sie ist ein Motorrad für Genießer, ja durchaus auch ein Zweitmotorrad, ein Bike für Pendler mit Stil, für alle, die das Fahren einfach wieder pur spüren wollen. Die Vmax wird zur Nebensache und liegt mit 114 km/h im Datenblatt auf dem Niveau der Mitbewerber. Je nach Topografie und Fahrer werden die auch erreicht, im Alltag genießt man die 350er aber eher unter der 100er-Marke.
Bei einem Verbrauch von rund 3 Litern auf 100 km sind über 500 km Reichweite mit einer Tankfüllung drin, Honda gibt 2,5 Ltr/100 km nach WMTC an. Hinzu kommt, dass Honda mit der GB350S eine robuste Verarbeitung im typischen Honda Style zeigt. Saubere Schweißnähte, lackierte Oberflächen, satt rastende Schalter, gut in der Hand liegender Lenker und Armaturen, hier passt fast alles, wenn, ja wenn der vertauschte Hupenschalter und der zu weit hervorstehende Schalter fürs Aufblendlicht nicht wären.
Fazit: Die Honda GB350S ist kein Motorrad für Zahlenfetischisten oder Geschwindigkeitsjäger. Für einen Grundpreis von 4.709 € ist sie ein Stück ehrliche Motorradkultur, gepaart mit japanischer Zuverlässigkeit und einem zeitlosen Design, das zwar Retro ist aber niemals alt wird. Wer die Einfachheit liebt, das pure Fahren schätzt und sich nach einem echten Charakterbike sehnt, wird hier fündig. Im Konfigurator auf der Honda Website hat man neben den drei Tankfarben Pearl Deep Mud Gray, Gunmetal Black Metallic und Puco Blue die Möglichkeit, sich verschiedenes Zubehör zusammenzuklicken. Eine sportliche Scheinwerfermaske z.B. oder ein Windschild, Gepäcktaschen und Sturzbügel. Zubehör wie Handprotektoren passen eher nicht zum Retro-Design, aber die Maschine ist ja hauptsächlich für den Weltmarkt konzipiert, da hat man andere Ansprüche, als bei uns in Deutschland. Die in Indien produzierte Honda GB350S ist dort übrigens schon seit 2020 als CB350RS bzw. 350 H’ness (highness) am Markt etabliert.
Techn. Daten (Kurzfassung)
- Hubraum: 348 ccm
- Bohrung x Hub: 70 x 90,5 mm
- Leistung: 15/21 kW/PS bei 5.500 U/min
- Drehmoment: 29 Nm bei 3.000 U/min
- Standgeräusch: 86 dB
- Höchstgeschwindigkeit: 114 km/h
- Getriebe: 5 Gänge, Antrieb: Kette
- Bremsen: Einzelscheibe vorn 310 mm und hinten 240 mm
- Federweg: vorne 106 mm, hinten k.A.
- Radstand: 1440 mm
- Gewicht: 178 kg vollgetankt
- Sitzhöhe: 800 mm
- Beleuchtung: rundum LED
- Garantie: 2 Jahre (max. 6 Jahre)
- Preis: ab 4.709 € UVP

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