Rasteder Schloss

Hausstrecken-Report 1: Oldenburg/Varel (ca. 110 km)

aus bma 05/04

von Bernd Lakeberg

Rasteder SchlossFeierabend. Nicht nur die Nase voll. Ich will ein büschen auslüften. Raus! Frische Luft und watt anderes sehen. Also Garage auf und ohne viel Hermann los.
Aus Oldenburg geht’s auf der Wilhelmshavener Heerstraße raus Richtung Norden. Der Motor kann sich so richtig gemütlich warm machen, da sich ständig 50er, 70er und 80er Zonen ablösen. In Rastede schaue ich mir das herzogliche Schloss noch im Vorbeifahren an und biege fast am Ortsende an der großen Ampelkreuzung rechts ab nach Kleibrok.
Die Häuser und Autos bleiben langsam hinter mir, Wiesen, Weiden und Moor liegen vor mir. Jetzt geht’s mir doch schon viel besser. Auf der welligen Moorstraße lasse ich wunderschöne alte Marschbauernhöfe an mir vorüber gleiten, die ersten Siele, Gräben und Weiher lassen den Puls ruhiger werden. Ich genieße das Fahren auf der welligen Straße und ab und zu kurve ich auch mal um ‘ne dicke Eiche umzu. Ansonsten geht’s immer geradeaus, immer weiter, herrlich entspannend.
Kurz vor Salzendeich (Brataal ist die Spezialität des Dorfkruges) geht’s links ab Richtung Jade/Jaderberg. Und nun ist’s ganz leicht. Immer liek ut und sinnig. Hier wird’s auch auf den Bauernhöfen noch familiärer. Kleine, nett gemachte Schilder künden davon, dass hier Familie Sowieso lebt und Eier, Milch, Gemüse, Fleisch und andere leckere Sachen ab Hof frisch verkauft. Viel falsch machen kann man hier nicht. Nach ca. 23 Kilometern ein gottverlassenes Bushäuschen mitten in der Wallachei. Ein paar Kilometer weiter dann ein Brückenzollhaus. Aber keine Angst, niemand kommt mehr zum Kassieren. Das war einmal.
Nun bin ich nicht mal 30 Kilometer gefahren und schon in einer ganz anderen Welt. War ich noch vor einer halben Stunde nervös, angefasst und hatte die Schnauze übervoll? Kann mich schon gar nicht mehr so recht dran erinnern.
Nun geht’s nur rechts oder links weiter. Also links ab auf die 437 in Richtung Varel. Bundesstraße und natürlich Autos. Habe ich schon fast vergessen, diese Dinger. Ist auch nicht so wichtig. Hier darf man die nächsten sechs Kilometer mindestens 100 fahren und schon sind die Blechkisten weg und ich biege hinter der Mülldeponie (Auweia – passt die hier in die Landschaft?) rechts ab nach Vareler Hafen.
Vareler HafenUnd dort wird es so richtig gemütlich: Fisch-SBs und Fischrestaurants, und das gleich mehrere. Sie fangen die ersten Touris auf. Ich bleibe nicht vorne hängen, vorbei an der kleinsten Kneipe der Welt (zu klein als Garage für mein Moped), aber im Sommer eng und gemütlich. Immer weiter, bis man denkt, es kommt nichts mehr und da gibt’s dann doch was, frisch aus dem Meer. Nach nur vierzig Kilometern genieße ich ein besonderes Ambiente (na gut, man muss so was mögen): Kibbeling, White Vine, lachende Möwen und einen unverbauten Blick auf den Horizont… und die Seele baumelt sich fast blöd.
Die Straße zurück und der Seehund brummelt zum Abschied ein Tschüß in seinen Bart und ich fahre gleich nach der Brücke rechts ab, Richtung Deich und Dangast. Es folgt laut Beschilderung eine 5,5 km lange, kurvige Strecke.
Am Ortseingang Dangast dann eine kurze Rast im Wattenmeerhaus, danach weiter Richtung Strand, am Motorrad-Treff „Altes Kurhaus” kurz angehalten. Hier gibt es manchmal leckeren Rhabarberkuchen und an schönen Tagen viele Gleichgesinnte. Außerdem Strand und Watt in Hülle und Fülle. Der dicke Granitbolzen (vier Tonnen) ist genauso nett wie der Hafen. Nichts Spektakuläres, aber vielleicht gerade deswegen so schön!
Nachdem ich das alte Kurhaus hinter mir habe, fällt mir die Anekdote wieder ein von dem glücklichen Lebemann, dessen Nachfahren diesen Teil Dangasts mehr oder weniger immer noch (Gott sei Dank) im Privatbesitz haben. Wie er sich damals so mit einigen netten Damen auf der Rückbank im fetten Ami-V8-Cabrio durch Dangast und das verschlafene Varel chauffieren ließ. Und wenn die Sache dann gut lief, soll es auch nach dem Motto: „Mit dem Taxi nach Paris” bis zur Seine weitergegangen sein. Schön war’s bestimmt! Wenn es denn so war!
Ich besuch’ noch das alte Radziwill-Haus und mach’ mal schnell in Kultur. Franz Radziwill gilt als wichtigster Vertreter der neuen Sachlichkeit und lebte von 1922 bis zu seinem Tod 1983 in Dangast. Ich schau von seiner Terrasse in den weitläufigen Garten und… das war’s dann auch schon. Irgendwie habe ich keine Lust auf enge Räume, Bilder gucken und evtl. sogar noch labern!
Weiter geht es durch Dangastermoor, Langendamm und kurz bevor die Auffahrt zur Autobahnanbindung kommt, fahre ich rechts ab, dem Radlerhinweis Neuenburg folgend. Es geht durch ein Waldstück parallel zur Autobahn und nach gut zwei Kilometern rechts ab nach Obenstrohe. Dort folgt man dem Hinweis „Vareler Mühlenteich” und kann endlich wieder Kurven genießen. Das Beauty/Wellness/SchickiMicki/Center bleibt unbeachtet am Wegesrand links liegen. Die richtigen Kurven sind mir lieber.
DangastLeider ist der Spaß wieder mal viel zu schnell zu Ende und ich muss links ab, bis zur nächsten großen Ampelkreuzung um dann links Richtung Spohle zu fahren. Da ich schon Fisch gegessen habe, verzichte ich auf frisch geräucherte Forellen aus der Anlage in Dringenburg und mache meine nächste kleine Pause am Bernsteinsee in Conneforde.
Danach geht’s weiter nach Wiefelstede, im Ort rechts ab Richtung Gristede/Bad Zwischenahn. Im Sommer ist dieser Straßenabschnitt ein einziger Genuss, fährt man doch durch eine unglaublich schöne Allee, die selbst der Sommersonne keine Chance lässt, den grünen Tunnel zu durchbrechen. Im Mai sollte man unbedingt die Rhododendronblüte keine 50m von der Straße entfernt verpassen. Ich bin jetzt im Baumschulenzentrum des Ammerlandes – bestimmt noch von der Landesgartenschau 2003 her bekannt. Dass hier etliche Bauernhöfe ihre frischen Produkte anbieten, z. T. auch zum Selbstpflücken, ist eine weitere gern angenommene Dreingabe. Und dann der frische Spargel im Mai und Juni…
In Gristede geht’s links ab Richtung Metjendorf/Oldenburg. Kurz bevor die 100 Kilometer voll sind wartet noch ein leckeres Eis zum Abschluss und dann bin ich wieder in Oldenburg. Da das Kurvenfahren insgesamt doch ein wenig kurz gekommen ist, fahr ich noch schnell ein paar eng beieinanliegende Auf- und Abfahrten und bin nach nur 110 km wieder zu Hause. Gesehen habe ich ‘ne ganze Menge und mir geht es richtig gut!

 

 

 


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