Harley-Davidson-Street-Glid

Harley-Davidson Street Glide Modell 2014

 

aus Kradblatt 4/14
von Klaus Herder

 

Harley-Davidson Street Glide – Das Eisen für den Chef!

Harley-Davidson-Street-GlidSie bietet weniger Chrom, weniger Federweg und weniger Windschutz als ihre Tourer-Schwestern. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist die Street Glide die cheffigste aller Harleys. Dafür gibt es klare Beweise, denn die ganz bösen unter den vermeintlich bösen Buben fahren längst nicht mehr Chopper. Das Präsi-Gerät schlechthin ist schon seit einigen Jahren die Street Glide. Am besten in Schwarz. Mattschwarz! Wer als MC-Vorsitzender tatsächlich noch auf den eigenen zwei Rädern zum Treffen fährt, weiß den Komfort eines „Dressers“ zu schätzen: Koffer, Verkleidung, bequemer Fahrersitz, Trittbretter, Schaltwippe, großer 22,7-Liter-Tank und Bordbeschallung via Audiosystem – die Mitte 2005 als 2006er-Modell vorgestellte FLHXI (die seit 2007 nur noch FLHX heißt) bietet all das, was coole Kilometerfresser mögen. Doch das ohne den leicht spießigen Stallgeruch der übrigen Harley-Tourer, denn der „frische Custom-Style mit einem leicht minimalistischen Ansatz“ (O-Ton der ersten Presse-Info) sorgt dafür, dass sich der etwas übergewichtige, seit 35 Jahren verheiratete, gern mit Ehegespons verreisende und auch schon länger in der Harley Owners Group aktive Endfuffziger eher nicht für die Street Glide entscheidet. Dem ist die Street Glide schlicht und einfach zu unbequem.

Harley-Davidson-Street-Glide Heck2Die mittlerweile mit der dritten Motorengeneration (Modelljahr 2006: Twin Cam 88, 1449 ccm; 2007 bis 2010: Twin Cam 96, 1584 ccm; seit 2011: Twin Cam 103, 1690 ccm) bestückte Street Glide ist eher etwas für lässige Alleinreisende. Es sind aber nicht nur die in MC-Führungspositionen tätigen Kuttenträger, die zum Flacheisen greifen, das dank radikal gekürzter Federwege am Heck etwas nach einem zum Sprung bereiten Deutschen Schäferhund aussieht. Der typische Street Glide-Kunde ist rund zehn Jahre jünger als die übrige Tourer-Kundschaft (also Mitte bis Ende 40), hat viele Jahre Harley-Erfahrung auf Dyna und/oder Softail und fährt lieber solo als mit Mutti hintendrauf. Und von dieser Sorte Motorradfahrer scheint es auf unserem Planeten ganz schön viele zu geben, denn die Street Glide ist ganz eindeutig das weltweit am besten verkaufte Harley-Modell.

Einem solchen Bestseller sollte man natürlich auch eine regelmäßige Modellpflege gönnen, und so gehört die FLHX zusammen mit der Road King Classic und den beiden Electra Glide-Wuchtbrummen zu den Tourer-Modellen, die fürs Modelljahr 2014 die Segnungen des Entwicklungsprojekts „Rushmore“ spendiert bekamen. Vier Jahre lang hatten die Harley-Techniker praktisch jeden Stein umgedreht sowie Gott und die Welt befragt, um zu erfahren, was ihre zahlungskräftigste Kundschaft denn so an Verbesserungswünschen hat. Dabei kam eine ganze Menge zusammen, und so spricht Harley „von einer neuen Generation von Touring-Bikes“. Am Hubraum änderte sich überraschenderweise nichts, es blieb bei den 1690 ccm, aber ein strömungsoptimierter Luftfilter und neue Nockenwellen sorgen nun für 87 statt 84 PS und für maximal 138 anstelle von 134 Nm, was besonders dem Durchzugsvermögen im Bereich von 100 bis 130 km/h zugute kommen soll. Die Kupplung wird nun hydraulisch statt mechanisch und damit auch ein wenig leichter betätigt. Die Wasserkühlung der Zylinderköpfe im Bereich der Auslassventile bekamen (glücklicherweise?) nur die fetteren und beim Korso-Fahren besonders beliebten E-Glides verpasst. Bei der Street Glide kühlt unverändert ausschließlich Luft, was kein Problem sein sollte. Sämtliche FLHX-Motoren erwiesen sich schon bislang als thermisch absolut gesund und mechanisch sehr zuverlässig.

Harley-Davidson-Street-Glide CockpitEs ist der vermeintliche Kleinkram, den Harley mit dem Rushmore-Projekt anging, aber ebendiese stete Modellverbesserung ist es ja, die das „US-Alteisen“ immer auf einem für Harley-Laien überraschend aktuellen Stand hält. So sind Lenkkopf und Lenkkopflager neu, der Standrohrdurchmesser beträgt nun 49 statt 41 mm, und die neuen Räder sind leichter und steifer als die bislang verwendeten. Das 19-Zoll-Vorderrad (bislang 18 Zoll) trägt dem Bagger-Style Rechnung, bei dem es an der Vorderhand gar nicht groß genug sein kann. Bei Umbauten sind 21 oder 23 Zoll üblich, in den Staaten geht der Trend sogar zum 26-Zöller. Sichtbarstes Indiz für ein 2014-Modell ist aber ganz sicher die neue Batwing-Verkleidung. An der vom legendären Willie G. geschaffenen Urform von 1969 durfte natürlich nicht gerüttelt werden, aber wer auch nur etwas genauer hinschaut, wird sofort erkennen, dass das Teil eigentlich komplett neu ist. Der Bereich vor den Lenkerenden fällt nun breiter aus, über neuem Halogen-Doppelscheinwerfer gibt’s jetzt einen Überhang, und unter der Scheibe sorgt nun eine verschließbare Klappe mit Windkanal („Splitstream Vent“) dafür, dass sich die Druckverhältnisse vor und hinter dem Windschild angleichen und damit die Turbulenzen im Kopfbereich des Fahrers deutlich geringer ausfallen. Die Sache funktioniert ganz ordentlich – zumindest sehr viel besser als bislang – doch optimal ist anders. Daran, dass eine etwas erhöhte Scheibe zu den beliebtesten Street Glide-Zubehörteilen gehört, wird sich so schnell vermutlich nichts ändern.

Harley-Davidson-Street-Glide rechtsViel Feinarbeit widmeten die Harley-Ingenieure auch den Lenkerarmaturen, und ihr Engagement hat sich wirklich gelohnt: Tastenform, Anbringungswinkel, Oberflächen, Drückgefühl und Rückmeldung – was zuvor schon recht ordentlich war, ist jetzt richtig gut. Alle Infotainment-Funktionen der serienmäßigen elektronischen Bordbespaßung werden mit Fünfwege-Joysticks an der rechten und linken Lenkerarmatur gesteuert, und auch die Schalter des ebenfalls serienmäßigen Tempomaten liegen nun noch etwas besser zur Hand. Da Harley-Fahrer auch nicht jünger und ihre Augen nicht besser werden, legten die Zifferblätter von Tacho und Drehzahlmesser im Durchmesser zu, die Ziffern sind nun ebenfalls größer, und auch die bislang etwas sehr winzigen Warnleuchten schlagen nun deutlicher Alarm. Die Anzeigen zweier kleiner Rundinstrumente wurden nun ins Display des Infotainment-Systems integriert. Insgesamt gibt’s nun also ein deutlich aufgeräumteres und besser abzulesendes Cockpit, was die Fans eines richtig schön altmodischen „Flugzeug-Uhrenladens“ allerdings ein wenig bedauern mögen – das alte Cockpit war irgendwie uriger.

Harley-Davidson-Street-Glide FedervorspannungDoch das mag Geschmackssache sein, wohingegen es keine zwei Meinungen darüber gibt, dass das neue Verschlusssystem der serienmäßigen, leicht vergrößerten Hartschalenkoffer ein Segen ist. Öffnen und Schließen ist jetzt einhändig möglich, die Budweiser-Dose kann also jederzeit am Mann bleiben. Die Kofferträger bestehen nun aus Leichtmetallguss statt aus Stahl, was Gewicht spart, aber nichts Wesentliches daran ändert, dass eine vollgetankte Street Glide mit 372 Kilogramm immer noch ein richtig fetter Brocken ist. Das ist beim Rangieren sehr, sehr deutlich zu spüren, und vorwärts in eine Parklücke zu rollen, ist mittelfristig betrachtet keine wirklich gute Idee. Doch wenn die Fuhre erst einmal rollt, haben sich mindestens zwei Zentner ins Nichts verflüchtigt. Der tiefe Schwerpunkt macht’s möglich, und die extrem bequeme, aber nicht entkoppelte Sitzposition macht’s noch einfacher. Spätestens jetzt merkt der Fahrer, was das Cheffige an der Street Glide ausmacht: ihre ungeheure Souveränität. Von der Durchfahrtsbreite einmal abgesehen ist auch langsamster Stadtverkehr für die FLHX eine der leichtesten Übungen. Enge Kehren, Wendeaktionen auf normal breiten Landstraßen – alles kein Problem. So lange die Fuhre rollt, benimmt sich die Street Glide absolut handzahm, ihr kultivierter Twin hängt schön sauber am Gas, wehrt sich nicht gegen niedrigste Drehzahlen und zieht lässig durch, wenn der Fahrer dann doch endlich mal etwas heftiger an der Brause dreht.

Natürlich ist der Begriff „Feuerwerk“ etwas fehl am Platze, wenn 87 PS auf eine (mit Fahrer) knappe halbe Tonne zu bewegende Masse treffen. Aber auch so sprintet die FLHX in deutlich unter sechs Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100, was immerhin auf sehr gutem Sportwagenniveau liegt. Feierabend ist bei rund 175 km/h, etwas ungemütlicher wird es schon rund 15 km/h zuvor, wenn der Dampfer leicht zu rühren beginnt. Interessiert das aber irgendjemanden? Eher nicht, denn die Street Glide ist viel eher dafür gemacht, um mit Tempo 130 lässig über die Bahn zu cruisen und dabei passende Mucke aus der brillant tönenden „Boom! Box 4.3″ zu hören. Dabei schluckt der mit serienmäßiger Auspuffanlage etwas verhalten bollernde Twin knapp sechs Liter je 100 Kilometer, was in Anbetracht des XXL-Formats völlig in Ordnung geht. Verzögert wird mit einem neuen Integral-Bremssystem, bei dem ab 40 km/h Vorder- und Hinterradbremse kombiniert arbeiten und die Bremskraft immer passend verteilt wird, egal, ob man nun Handhebel oder Pedal betätigt. Funktioniert prächtig, und auch das serienmäßige ABS von Bosch macht einen tadellosen Job, wenn die Fuhre mal sehr kurzfristig eingefangen werden muss.

Harley-Davidson-Street-Glide FrontÜbermäßig soziustauglich ist auch die aktuelle Street Glide nicht, das zu schmale Sitzbrötchen fällt einfach zu sehr nach hinten ab. Außerdem hat die Hinterradfederung der Street Glide weitgehend nur Alibifunktion – 57 mm Federweg sind wirklich sehr, sehr wenig. Es darf davon ausgegangen werden, dass ebendiese Sozia-Untauglichkeit voll beabsichtigt war, denn seien wir mal ehrlich: Was versaut einen coolen Auftritt mehr als eine nicht mehr ganz junge und etwas zu rundliche Sozia? Eben. Zack, und schon wieder fünf Euro in die Chauvi-Kasse. Die neue Street Glide bleibt unterm Strich ganz die alte. Und trotzdem kann sie eine ganze Menge besser als das Vorgängermodell – vom weniger hübschen Cockpit einmal abgesehen. Wer das Vorgängermodell besitzt, muss allerdings nicht wirklich neu kaufen, denn einen souveränen Motor und gute Bremsen hatte die FLHX auch bislang schon. Wer aber bislang Fernost-Cruiser bewegt hat oder auf einem Dyna- oder Softail-Modell aus dem Hause Harley unterwegs war und sich nie vorstellen konnte, mal so einen Harley-Tourer zu bewegen, dem sei dringend eine Probefahrt angeraten. Die 23995 Euro teure Street Glide kann ziemlich schnell dafür sorgen, alle Vorurteile über vermeintlich viel zu fette Harley-Seniorenbikes über Bord zu werfen. Sie ist nicht nur ziemlich cool, sie ist ganz nebenbei auch das Modell mit dem besten Werterhalt aller in Deutschland gehandelten Motorräder – wenn das nicht cheffig ist!

 

 

 


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