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Gedanken an einen(m) Wintertag

aus bma 03/96

von Rolf Hübner

Samstagmorgen, 10 Uhr, der erste Augenaufschlag. Was liegt an? Einkaufen (Blick zum Fenster – na wenigstens trocken), Waschen (Blick zum Fenster – hey ist ja richtig sonnig!) und das Badezimmer saubermachen (Blick zum Fenster – Ist ja ein strahlend blauer Himmel, aber bestimmt saukalt). Erst mal ’nen Kaffee! Ein Auge schleicht sich zur Kombi – nee is‘ nich‘, hast genug auf der Liste (Blick zum Fenster – ist auch bestimmt zu kalt!) Lärmendes Geblubber aus der Küche, Kaffee is‘ durch (Blick zum Fenster – guck doch mal raus, so kalt ist es vielleicht doch nicht und wozu gibt’s lange Unterhosen! Nur so 100 Kilometer, zwei Stunden oder so!). Schätze die Würfel sind gefallen, aber ich hab‘ gekämpft.
Also rein in die schnelle Jacke. Mit den ganzen Klamotten drunter ist das Ding ganz schön eng! Nun aber los, es ist schon 11 Uhr durch. Hoffentlich sind die Winterhandschuhe noch in der Garage. Mit den zwei Paar Socken hab‘ ich wohl übertrieben, ich kann kaum laufen. Was für ein Tag, Choke gezogen, rauf auf den Kickstarter, Oberer Totpunkt gesucht und…oh, oh, das Öl ist zäh wie Bärensch…dreck! Na dann Jacke aus, Ärmel hoch und mit Schwung……!
Eine halbe Stunde später: die Klamotten sind wild in der Garage verstreut, der Kopf ist hochrot, die Atmung geht stoßweise und die Augen versuchen, meinen Körper zu verlassen, kurz, ich geb’s auf! Einmal noch die Kerzen trocknen, ein letzter Versuch (zuhause wartet doch nur das Badezimmer) ! Augen zu und druff? Yes! Ein noch unrundes Gerummel übertönt mein Japsen. Sie läuft!! Die Vision einer honigartigen Masse, die durch 6 mm Bohrungen gepresst wird, durchzuckt mich. Aber sie läuft!
Nun nur noch schnell raus aus dem Stadtgebiet. Doch an der ersten Ampel wird mir klar, daß das so schnell nichts wird. Verkaufsoffener Samstag! Nach gnadenlosem Übertreten sämtlicher Verkehrsregeln und durch den geball- ten Einsatz meiner Insiderkenntnisse sehe ich nach eineinhalb Stunden endlich das Ortsschild im Rückspiegel verschwinden. Das weiträumige Umfahren von Konsumtempeln zeichnet den Weg duch die Vorstadt.
Langsam werden die Finger steif, die Nackenmuskulatur verkrampft und der Kaffee will auch wieder raus. Also Landstraßenparkplatz suchen… eine Königsdisziplin! Natürlich ist es nur ein forstwirtschaftlich genutzter Seitenweg geworden, aber der hartgefrorene Boden bietet zumindest die Möglichkeit, das Moped sicher abzustellen. Beim Fummeln in Kombi und Unterhose wird mir schlagartig der vielzitierte kleine Unterschied bewußt! Na ja, die Treter sind gut geölt, leckende Kopfdichtung sei Dank. Die Selbstgedrehte hat fatale Ähnlichkeit mit einem mißglückten Oregamiversuch und die auf dem Zylinder abgelegten Handschuhe sind jetzt zwar ölverschmiert aber warm. Nur die Füße!! Zwei Paar Socken waren einfach ’ne Scheißidee, läßt sich ja ändern, auch wenn der Grünberockte, der mich beobachtet, jetzt das große Kopfschütteln kriegt. Zeit die Biege zu machen.
Die nächste Etappe ist zum Einen begleitet von einem faszinierenden Lichtspiel der schrägstehenden Sonne, die nur ein heller Wintertag bieten kann, und zum Anderen von einem im- mer stärker werdenden Hungergefühl. Letzteres läßt sich ja eine ganze Weile ignorieren, aber der verträumte Landgasthof taucht immer öfter in meiner Phantasie auf. Ein paar deftige Mittagstischüberbleibsel wären jetzt spitze! Nachdem auch der dritte angefahrene Gasthof geschlossen hat, nähert sich meine Laune der Außentemperatur. Plötzlich taucht ein unangenehm vertrautes Bild vor mir auf. Ein neonlichtdurchfluteter Glasanbau mit Schiebetür und schmuckloser Reklame. Ne Frittenschmiede! Na klasse!
Sofort nach dem Eintreten stürzt sich die heiße, fettschwangere Luft auf das kalte Lederum zu kondensieren und hinterläßt einen milchigen, trüben Belag. Nun gut, muß wohl diesen Winter nicht mehr gefettet werden. Wider Erwarten ist der Kartoffelsalat selbstgemacht, der Kaffee heiß und stark, selbst die Currywurst ist kein Museumsstück, meine Laune steigt! Nachdem sich zeigt, daß der Frittendealer recht redselig ist und ich sein einziges Opfer bin, drängt es mich zum Aufbruch. Irgend einen Haken mußte die Sache ja haben! Egal, die Sonne steht ohnehin schon auf recht spät.
Auf der Rückfahrt zieht leichte Bewölkung auf, die kurze Zeit später dazu führt, daß der frühe Abend die lästige Dämmerung schlicht überspringt und ansatzlos auf stockduster schaltet. Von nun an läßt jedes entgegenkommende Fahrzeug ein grelles Farbkaleidoskop auf meinem beschlagenen Visier explodieren. Aber nicht nur das zwingt mich zur langsamen Fahrt. Auch der etwas spontane Aufbruch und das achtlos um den Hals gewickelte Tuch machen sich unschön bemerkbar. Einem eiskalten Luftstrom ist es gelungen, sich im Nackenbereich einen Weg unter das Leder zu bahnen, was mich restlos verkrampfen läßt. Der Gedanke anzuhalten und mit den kalten, klammen Greifern am Hals rumzufingern ist auch nicht die rechte Alternative. Da mußt du durch, Junge
Selbst das heute Morgen noch verfluchte Ortsschild erzeugt nun eine eher wärmende Emotion. Auf dem hier immer wieder gern genommenen Kopfsteinplaster drifte ich – bei nun einsetzendem Schneefall – bis in die Garage und versuche, die gut fünf Zentner Metall mit steifen Fingern und einknickenden Knien auf den Hauptständer zu wuchten. Ich scheitere kläglich.
Das auf dem Heimweg unvermeidlich folgende Zwiegespräch mit mir selbst erstaunt einige abendliche Spaziergänger. Satzfetzen wie: „…aber das allerletzte Mal in diesem Jahr“ „…blödsinniger Machotrip“ „… werd‘ endlich Erwachsen…“ vor mich hinbrabbelnd und mit staksigem Gang mache ich wohl nicht die beste Figur. Jedoch schon eine Viertelstunde später, breit grinsend unter der heißen Dusche, bin ich mir sicher: ein toller Tag Mann!! Mal schaun, was der Wetterbericht für morgen so sagt!
Erwachsen werden ist eben etwas für Kinder!

 

 

 


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