aus Kradblatt 9/26 von Norbert Baier, www.avp-institut.de
Warum du unter Druck anders fährst als du denkst
Der Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung des Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. (AVP) bereitgestellt und dient der Förderung der Sicherheit aller Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr. In einer siebenteiligen Serie beleuchten wir verschiedene Themen.

Die meisten Motorradfahrer haben ein klares Bild von sich selbst. Sie wissen, wie sie fahren. Sie wissen, was sie können. Und sie haben ein Gefühl dafür, wie sie in bestimmten Situationen reagieren würden. Das funktioniert auch, solange alles nach Plan läuft.
Das Problem beginnt dort, wo der Plan nicht mehr funktioniert. In dem Moment, in dem eine Situation plötzlich enger wird, sich schneller entwickelt als erwartet oder einfach anders ist als gedacht, verändert sich etwas. Nicht am Motorrad. Nicht an der Straße. Sondern im Kopf. Unter Druck läuft ein anderes Programm ab.

Im normalen Fahrbetrieb ist vieles bewusst steuerbar. Der Blick ist klar, Entscheidungen werden ruhig getroffen, Bewegungen sind kontrolliert. Es gibt Zeit. Zeit zum Wahrnehmen, zum Bewerten und zum Handeln. Unter Druck fällt genau diese Zeit weg. Die Abläufe bleiben gleich, aber sie müssen schneller ablaufen. Und sie greifen auf das zurück, was im Hintergrund gespeichert ist. Routinen, Gewohnheiten, Muster. Das Problem ist: Diese Muster sind nicht immer die besten.
Ein typisches Beispiel ist der Blick. Viele Fahrer wissen, dass sie weit schauen sollen (siehe Teil 2 der Serie). Sie haben das gehört, vielleicht auch schon geübt. Solange sie sich darauf konzentrieren, funktioniert das auch. Sobald Druck entsteht, passiert oft etwas anderes. Der Blick wird kürzer. Er wandert zum Problem. Er bleibt an dem hängen, was man eigentlich vermeiden will. Nicht, weil man es so entschieden hat. Sondern weil das Gehirn in diesem Moment auf Sicherheit schaltet.
Ähnlich verhält es sich mit dem Bremsen. Theoretisch ist klar, was zu tun wäre. In der Praxis wird oft zu spät, zu zögerlich oder gar nicht gebremst. Gleichzeitig entstehen hektische Korrekturen, die das Motorrad unruhig machen. Das ist kein fehlendes Wissen. Das ist fehlende Verfügbarkeit unter Druck. Genau hier liegt der entscheidende Punkt.

Es reicht nicht, etwas zu wissen. Man muss es auch dann abrufen können, wenn es darauf ankommt. Und genau das ist der Unterschied zwischen „kann ich“ und „kann ich wirklich“. Unter Druck verengt sich die Wahrnehmung. Der Blick wird enger, die Aufmerksamkeit fokussiert sich auf einzelne Punkte, andere Informationen werden ausgeblendet. Entscheidungen werden schneller gefällt, aber nicht unbedingt besser. Das ist kein Fehler. Das ist ein natürlicher Mechanismus.
Das Problem ist nur: Auf dem Motorrad kann genau dieser Mechanismus dazu führen, dass falsche Entscheidungen getroffen werden. Viele Fahrer überschätzen sich genau an diesem Punkt. Sie gehen davon aus, dass sie in einer kritischen Situation so reagieren, wie sie es sich vorstellen. Ruhig, kontrolliert, überlegt. In der Realität reagieren sie so, wie sie es gewohnt sind.

Und genau deshalb ist Training so entscheidend. Im Training lassen sich solche Situationen gezielt herstellen. Nicht, um jemanden zu überfordern, sondern um sichtbar zu machen, was unter Druck tatsächlich passiert. Erst wenn man das erlebt hat, entsteht ein realistisches Bild vom eigenen Verhalten. Und genau dort beginnt Veränderung.
Wer unter Druck besser werden will, muss nicht anfangen, extremer zu fahren. Im Gegenteil. Es geht darum, die richtigen Dinge so oft zu wiederholen, bis sie automatisch ablaufen. Blickführung. Bremsen. Linienwahl. Nicht einmal, sondern so oft, bis sie auch dann funktionieren, wenn der Kopf keine Zeit mehr hat. Das Ziel ist nicht, Druck zu vermeiden. Das Ziel ist, unter Druck handlungsfähig zu bleiben.
Am Ende geht es nicht darum, wie gut jemand fährt, wenn alles passt. Sondern darum, wie stabil das eigene Verhalten ist, wenn es nicht mehr passt. Denn genau dann entscheidet sich, ob aus einer kritischen Situation ein Problem wird oder nicht.
Tipps zum Trainieren:
- Trainiere Grundlagen so lange, bis sie automatisch ablaufen
- Übe gezielt unter leichtem Stress und steigere die Anforderungen
- Achte darauf, wie sich dein Blick unter Druck verändert
- Trainiere klare und konsequente Gefahrbremsungen
- Wiederhole Übungen, bis sie ohne Nachdenken funktionieren
- Hole dir Feedback, wie du unter Druck tatsächlich reagierst
Weitere Teile der Serie erschienen ab KRADblatt 5/26. Die Ausgaben findet ihr <hier> als Download.
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