aus Kradblatt 11/26 von Torsten Schröder

Mit der „Karre“ in England: Erlebnisse mit und rund um meine BMW R100RS in England und Schottland (und anderen Zielen) zwischen 1986 und 1992.

Der Style von damals geht heute als Retro durch …
Der Style von damals geht heute als Retro durch …

Wie die RS und ich zusammen kamen

Im Herbst´85 habe ich in einer Land-WG in einem alten Gutshaus bei Salzgitter gewohnt. Meine Mitbewohner waren wie ich Kollegiaten des Braunschweig Kollegs. Wir hatten alle schon im Berufsleben gestanden und wollten das Abitur nachholen.

Ich fuhr zu der Zeit meine erste „Einser“, eine Honda XL 185. Die war mir etwas zu schwachbrüstig geworden. Daher hatte ich im Sinn, eine SR 500 gebraucht zu suchen. In diesem Winter standen allerdings in dem Keller der WG zwei BMW R 100 RS zum Überwintern. Beide hellblau Metallic. Die eine von 1976 mit Speichenfelgen gehörte meinem Mitbewohner Achim. Die andere von 1978 hatte schon Gussfelgen und die Scheibenbremse hinten und gehörte seinem guten Freund (auch ein Achim). Letzterer wollte letztere verkaufen für 5.000 DM. Sie hatte 53.000 km auf der Uhr.

Hierdurch war eine äußerst brisante Situation entstanden: In meinem Kopf konkurrierten jetzt eine theoretische aber bezahlbare SR 500 mit einer konkreten aber teuren R 100 RS, die 5 Monate lang täglich zugänglich im „Showroom“ eine Treppe tiefer stand.

Der Ausgang der Geschichte ist offensichtlich: Am Ende des Winters habe ich dann die Hälfte meiner Ersparnisse fürs Studium für die BMW hingelegt und noch eine schicke Lederkombi von Polo gekauft.

Wie sich herausstellte, war diese RS allerdings ein Montagsmotorrad und Groschengrab. Die nächsten Jahre verbrachte ich nahezu jeden Winter damit, (vergeblich) zu versuchen, die ölenden Zylinderfüße dicht zu bekommen. Da ich keine nennenswerte Schraubererfahrung hatte, machte dies regelmäßige Hilfe nötig. Mein lieber Freund Olli stand mir dabei zur Seite.

Ich stieg also von 10 PS auf 70 PS um. Wenn man sich vor Augen führt, dass ich zu der Zeit bei einer Größe von 190 cm ein Trockengewicht von 65 kg hatte, könnt Ihr Euch vorstellen, dass die ersten paar Hundert Kilometer die RS eher mit mir durch die Gegend fuhr und nicht umgekehrt. In diesem Zusammenhang musste gleich der erste Umbau erfolgen: Da das Heck der RS mit mir on top und den verbauten Konis praktisch gar nicht einfederte, tauschte ich diese gegen ein Paar alte Originale BMW Federbeine.

Die erste Englandtour 1986

Mit der Guzzi und der RS auf England-Tour
Mit der Guzzi und der RS auf England-Tour

Mein Mit-Kollegiat Maik besaß zusammen mit seinem Vater eine wunderschöne originale Guzzi V7 Sport mit Borrani Felgen und Lafranconi Auspufftüten. A Real Beauty!

Maik hatte die Punkzeit sehr aktiv mitgemacht und hatte von daher Freunde in England. Er schlug mir eine Tour nach Südengland vor.

Bevor wir im Sommer aufbrechen konnten, blieb meine RS erstmal mit mir stehen: Regler kaputt. Dies war tatsächlich das einzige Mal in 6 Jahren und 60.000 km, die wir zusammen waren, dass gar nichts mehr ging. Und eine Woche vor der Tour hatte ich mir auch noch einen Platten im Hinterreifen gefahren. Also in eine unserer Scheunen in der WG das Hinterrad ausgebaut und mit geliehenem Auto nach Wolfenbüttel zum Reifenhändler unseres Vertrauens.

Mit war es schon beim Wiedereinbau des Rades spanisch vorgekommen, das beim Klemmen der Steckachse das Rad am Endantrieb leicht zu schleifen schien. Das sollte während des Urlaubs noch zum Thema werden.

Erst einmal fuhren wir wohlgemutes los. Auf der Fahrt Richtung Süden regnete es stark, was Maiks Guzzi mit anhaltenden und für ihn sehr nervigen Zündaussetzern quittierte. Ein Besuch in einer irgendwie ausfindig gemachten Guzziwerkstatt in Wuppertal brachte aber keine wirkliche Besserung. Aber nachdem die Elektrik wieder etwas trockener war, fuhr sie wieder.

Auf dem Weg weiter nach Ostende zur Fähre passierte dann mir das nächste Malheur: Einer der 2 Gasbowdenzüge riss. Ich humpelte auf einem Zylinder weiter. Ich erinnere mich nicht mehr wie wir darauf kamen, aber Rettung war nah in Form eines Motorradgespannrennens in der Nähe, irgendwo in Belgien. Wir fuhren dahin und direkt bis an die Boxengasse. Dort fragten wir einfach die versammelten Fahrer und deren Schrauber um Hilfe. Einer hatte einen passend langen Guzziseilzug über und feilte mal eben den Mitnehmer von Kugel auf eckig um, bis er in meine Armatur passte.

In England angekommen fuhren wir den Süden entlang bei schönem Wetter und beeindruckt davon, was die Briten alles mit dem Konterfei von Andrew und Fergie zu deren anstehender Hochzeit bedrucken konnten. Über Winchester, Stonehenge, Exeter, dann über das Dartmoor, an dem düsteren Her Majesties Prison (HMP) Dartmoor Gefängnis vorbei bis nach Totness. Dann über Stratford upon Avon (Shakespeares Birthplace!) ab nach Norden.

In Worcester wollten wir nicht Zelten, sondern haben eine feste Unterkunft gesucht. Vergeblich suchten wir bei beginnender Dunkelheit das lokale Wohnheim des YMCA. An einer Ampel fragten wir ein Pärchen auf einer Kawasaki Z 400 nach dem Weg. Sie lotsten uns zu der Adresse. Als wir reingingen, empfing uns ein kleiner alter schmieriger Mann in einem total abgewetzten blauen Anzug in einem Büro, das seit 1935 keine neue Farbe gesehen hatte und wir gingen rückwärts wieder raus… Zum Glück hatten Adrian und Healey draußen noch gewartet (als hätten sie unsere Reaktion erwartet) und boten uns dann an, bei sich zu hause zu übernachten, was wir dankend annahmen.

Am nächsten Tag haben wir dann unter ihrer Führung eine super Tagestour quer durch das schöne Wales bis an die Küste nach Aberystwith und wieder zurück unternommen. Dabei habe ich mit einer frühen Action Cam (einer Voigtländer Kleinbildkamera aus den 50ern mit Balgen, den man ausklappen musste) ein paar Fotos während der Fahrt gemacht – mit einer Hand – der Gashand!

Wir sind dann weiter nach Norden in die Midlands bis vor die Tore von Birmingham gefahren. Zu der Zeit fing meine RS an, sich bei ca 50 km/h um den Lenkkopf aufzuschaukeln. Sehr unangenehm! Ein freundlicher Mechaniker in einer kleinen Motorradwerkstatt in einem Vorort entspannte mit ein paar kräftigen Hammerschlägen den Lenkkopf. Dann ging es wieder.

Das Garston-Gasometer neben der St. Michael’s Church in Garston, einem Stadtteil von Liverpool
Das Garston-Gasometer neben der St. Michael’s Church in Garston, einem Stadtteil von Liverpool

Ich weiß auch nicht mehr, warum ich dann der Meinung war, ich müsste mal meine WG anrufen. Jedenfalls war es gut, dass ich anrief. Denn meine WG hatte schon versucht, mich irgendwie ausfindig zu machen. Mein Mitbewohner Achim (wir erinnern uns – gleiche RS) hatte zufällig auf dem Boden der Scheune eine unscheinbare Alubuchse gefunden. Und weil er ein erfahrener und gelernter Mechaniker war, fiel ihm nach einigem Überlegen ein, woher er sie kannte: Es war die Abstandshülse vom Hinterrad, die nötig war, um das Rad und die inneren Hülsen der Radlager spielfrei gegen den Endantrieb zu ziehen, bevor die Steckachse geklemmt wird.

Also, diesmal einen BMW Händler bei Birmingham aufgesucht. Der hatte das Teil als Ersatzteil nicht vorrätig aber baute es kurzerhand aus einer BMW aus, die bei ihm stand! Bezahlt habe ich nur das Teil. Größer kann die Hilfsbereitschaft nicht sein. Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich nie wieder vergessen habe, die Hülse beim Reifenwechsel mit einzubauen (Obwohl ich ja jetzt eine in Reserve hatte).

Bevor wir uns auf den Heimweg machten, haben wir dem National Motorcycle Museum in Birmingham noch einen Besuch abgestattet, von dem ich insbesondere die Vincent Black Shadow (wie bei Lawrence of Arabia) und eine Brough Superior als beeindruckend in Erinnerung habe.

Unsere Rückfahrt verlief danach problemlos. Insgesamt war dies eine sehr schöne Tour, die den Grundstein legte für meine Liebe zur Insel. Die absolut nette Hilfsbereitschaft der Briten war beeindruckend. Meine RS und ich haben danach noch mehrfach in Nordengland, Wales und Schottland nach dem Rechten geschaut und dort auch zusammen gewohnt. Aber der Reihenfolge nach.

Die RS war die ganzen Jahre über mein Alltagstransportmittel während der Saison. Sie wurde nicht nur für Urlaubstouren eingesetzt, sondern auch z.B. für WG-Einkäufe. Ich kann daher glaubhaft versichern, dass 8er Klopapierpakete hervorragend in die Hohlräume der RS Verkleidung passen. Man muss nur etwas mir dem Knie dagegenhalten…

1987 führte mich meine Sommertour alleine durch Deutschland. Davor allerdings hatte ich dann noch die im Nachhinein fragwürdige Entscheidung getroffen, die BMW umlackieren zu lassen. Ein Freund bot mir das für einen Freundschaftspreis an und ich sagte ja. Die RS wurde Schwarz mit „dezentem blauen Perlmutteffekt“. Auf der Deutschlandrundtour mit Übernachtung in Jugendherbergen ging es mir auch darum, Eindrücke von ein paar Universitätsstädten zu bekommen. Der leicht schräge Höhepunkt dieser Tour war sicherlich, dass ich die schwere RS mitten durch die öffentliche Eingangshalle des Saarbrücker Hauptbahnhofs schob, um sie für mehrere Tage sicher in der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs abgestellt zu wissen, während ich spontan mit dem Zug für ein paar Tage nach Paris fuhr…

Mit meinem Mitbewohner Peter über Hull, Hadrians Wall, Edinburgh ganz in den Norden der Northwestern Highlands und über Ullapool, die Isle of Skye und Glasgow zurück

Unterwegs in den Highlands
Unterwegs in den Highlands

Mit meinem Mit-Kollegiaten Peter war ich 1988 zum Studieren nach Bremen umgezogen. Mit ihm und seiner Yamaha RD 350 YPVS habe ich mehrere schöne Touren mit der RS direkt nach der Grenzöffnung nach Rügen etc. gemacht. Außerdem habe ich eine ebenfalls schöne Tour in die Bretagne gemacht. Letztere litt allerdings darunter, dass ich immer wieder Zündaussetzer hatte. Erst nach der Tour kam ich darauf, dass ein Zündkabel innen gebrochen war.

1991 wollten Peter und ich mit den Motorrädern nach Schottland. Mein Ziel war dabei auch, einen Eindruck von Glasgow zu bekommen, da ich ein Auslandssemester plante und Glasgow und Liverpool zur Auswahl standen (Es wurde dann 1992/93 ein Jahr Liverpool).

Mit der Fähre sind wir unaufgeregt und ohne Zwischenfälle von Rotterdam über Hull über die ziemlich wilden Hochebenen der North Pennines bis zum Hadrianswall gefahren. Dann weiter nach Edinburgh. In einem Campingplatz außerhalb Edinburghs blieben wir 2 Tage, um die schottische Stadt auf uns wirken zu lassen. Daran schloss sich eine schöne Tour über Glencoe, Fort William, Fort Augustus, Loch Ness und Invernes an. Wir fuhren dann in den Northwestern Highlands bis ganz nach oben – nach Durness an der Nordküste. Die ganze Fahrt über war das Wetter wechselhaft und kühl – oft nur so 12 Grad – dafür aber wurden wir nicht von den Midgets geplagt. In Durness schlugen wir wie üblich unser leichtes Zelt auf. Aber der Campingplatz war quasi an der Kliffkante gelegen und es stürmte. Wir mussten die Motorräder als Windbrecher um das Zelt stellen (in der Hoffnung, dass die nicht ins Zelt auf uns fielen und das Zelt nicht wegflog).

Auf dem Rückweg fuhren wir zuerst Ullapool an. Auf dem Campingplatz in Ullapool, unweit der auch heute noch sehr guten „Chippy“ (fish-and-chip shop) sollte am Abend des folgenden Tages in einem Festzelt die Band „The Waterboys“ auftreten, die ich unbedingt sehen und hören wollte. Peter aber gar nicht. Er wollte schon vorfahren zu unserem nächsten anvisierten Ziel, der Isle of Skye. Er konnte das Zelt mitnehmen. Das ging, weil ich mit einer Gruppe von jungen Schotten ins Gespräch gekommen war, die das Konzert besuchen wollten und in einem Kleinwagen angereist war, in dem sie auch übernachten wollten. Mir wurde freundlich ein „Bett“ angeboten, was ich gerne annahm.

Peter und ich verabredeten, dass er den „Ersten Campingplatz auf Skye nach der Fähre“ nehmen würde und ich am nächsten Tag nachkommen würde. Lustigerweise hat diese etwas vage Absprache problemlos geklappt.

Nach einem schönen Konzert und einer unbequemen Nacht war ich dann am nächsten Tag kurz vor Mittag so weit, aufzubrechen. Der Himmel war wolkenverhangen, es war kalt und es regnete Bindfäden. Dies würde die längste Dauerregenfahrt werden, die ich in 40 Jahren Motorradfahren gemacht habe. Also zwängte ich mich auch in meine einteilige, zu kleine orangene Regenkombi, die richtig gut war, weil sie nichts gekostet hatte. Ich hatte sie mal geschenkt bekommen. Zweifelsfrei stammte sie aus den 70ern. Sie war richtig schön gummiert und dicht.

Der Himmel über mir wurde immer dunkler. Ich konnte nur schätzen, wie lange ich noch bis zur Fähre zur Insel Skye brauchen würde. Plötzlich wurde ich davon überrascht, dass mein schweres ABUS Granit U-Schloss, das ich seitlich auf einem der Koffer festgebändselt hatte, zuerst auf meinen Fuß und dann auf die Straße purzelte. Es musste sich gelöst haben…

Ich hielt an und ging die paar Meter zurück, um das Schloss aufzusammeln. Als ich es wieder befestigen wollte, sah ich, dass einer der Spanngurte, mit denen ich die Koffer immer gegen Verlust sicherte, sich gelöst hatte und ein loses Ende gerade dabei war, sich hinter der Bremsscheibe um das Hinterrad zu wickeln. Da war nicht mehr viel Lose drin. Nach ein paar weiteren Metern hätte das Hinterrad auf komplett regennasser Fahrbahn blockiert! Ich glaube auch heute noch, dass da jemand auf mich aufgepasst hat.

Bald darauf erreichte ich die Fähre und fand 20 Minuten nach dem Übersetzen Peter auf dem besagten 1. Campingplatz. Die Rundtour auf der Insel am nächsten Tag war sehr schön und imposant, auch wenn sie überwiegend im Regen stattfand.

Auf dem Rückweg blieben wir noch zwei Nächte in Glasgow bevor wir die Heimreise antraten, die glatt verlief.

Was jemandem passieren kann, der eine RS für 6 Monate mit nach Liverpool nimmt

Ich hatte das Glück, als Soziologiestudent an der Bremer Uni in einen Erasmus Studentenaustausch der Sprachwissenschaftler mit reinzurutschen. Glück deshalb, weil ich einen Sprachtest sicher nicht bestanden hätte. Meine Englischkenntnisse waren vor meinem Aufenthalt in Liverpool vergleichsweise schlecht. Jedenfalls war Ende 1991 klar, dass ich ab Februar `92 nach Liverpool gehen würde. Und die BMW musste mit. Klar! Obwohl wir da schon gemeinsam die 100.000 km Marke geknackt hatten.

In dem Winter hat sie in einer Garage meines Freundes Olli in Braunschweig überwintert (Zylinderfüße abdichten!). Der erste Schritt für Liverpool war die Überführung der RS Ende Januar zu Freunden in Hamburg. Dort stand sie bis zu meiner Abfahrt mit der Fähre Hamburg Harwich. Die Überführungsfahrt nach Hamburg ist mir sehr eindrücklich in Erinnerung: Es herrschte strahlender Sonnenschein und Minus 5 Grad Celsius. Die Autobahn war recht leer. Aber die Nase wollte nicht aufhören, in the Kälte zu schmerzen! Ich musste mehrere Pausen einlegen.

Die Fährüberfahrt verlief gut. Mit der schwer bepackten RS bin ich dann in Liverpool angekommen und zog mit mehreren deutschen und französischen Sprachstudentinnen in ein von der Universität Liverpool angemietetes altes englischen „semi detached“ = Doppelhaus am Rande des Stadteils Toxteth (in dem 10 Jahre zuvor die „Toxteth Riots“ mit Plünderungen, einem Toten und 500 Festnahmen stattgefunden hatten). Für das Verständnis der weiteren Ereignisse ist es wichtig zu wissen, dass Liverpool eine extrem arme Stadt war, die in den 80ern sehr stark unter der Deindustrialisierung gelitten hatte. So war es normal in Sichtweite des Stadtzentrums auf unbewohnte Häuser mit leeren Fensterhöhlen oder Wellblechplatten davor zu stoßen. Es gab Familien, die in der 3. Generation arbeitslos waren. Die Universität hatte uns ausländischen Studierenden gesagt, wir sollten aus Vorsicht nur die Hauptverkehrsstraßen durch unser Viertel Toxteth in Richtung Universität benutzen und vor allem nicht bei Dunkelheit dort hineingehen – zu gefährlich. Toxteth ist normales Stadtgebiet und liegt nur ca. 2.5 km vom Stadtzentrum und der Universität entfernt. Am anderen Ende unserer kleinen Straße grenzte der große öffentliche Sefton Park, in dem kurz vor unserer Ankunft eine Prostituierte ermordet aufgefunden worden war.

Irgendwo on the road …
Irgendwo on the road …

Es überrascht daher nicht, dass meine erste Maßnahme war, die RS, die ja meine „only earthly possession“- mein einziges irdisches Besitztum – darstellte, vor den Augen interessierter Diebe zu verstecken: Zum Glück gab es neben unserem Haus eine Holztür zum Backyard. Hierfür besorgte ich mir einen Schiebebolzenverschluss und ein einfaches Vorhängeschloss.

Eine Woche nach unserer Ankunft, an einem Samstagnachmittag, wollten meine Hausmitbewohnerinnen und ich ein paar Flaschen Wein besorgen. Da dies nur in einer Off-Licence geht und keine mehr in unserer Nähe offen war und ich der Einzige mit eigenem Fahrzeug, bot ich mich an, mit der RS in die Innenstadt zu fahren, um zu sehen, ob ich dort etwas bekommen könnte. Wie sich kurze Zeit später herausstellen solte, gehörte diese Entscheidung definitiv zu den schlechteren, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Ich fuhr in die Stadt und stellte die RS direkt am Eingang der Fußgängerzone ab, schön gesichert mit meinem Abus Granit U-Schloss. Dann ging ich eine Parallelstraße zur Fußgängerzone hinauf um eine Off-Licence zu suchen. Auf halbem Weg kam mir eine Gruppe von jungen Männern entgegen. Während einer an mir vorbeiging, schlug er gegen meinen Helm. Ich drehte mich um und sagte: Ey!. Als ich wieder nach vorne blickte, traf mich die Faust eines Anderen voll ins Gesicht. Während diese Typen einfach weitergingen, fiel ich rückwärts über ein geparktes Auto und sackte dann benommen in die Knie. Die Brille war kaputt und das Blut pladderte auf meinen Rucksack und meine Kombi. Wie sich später herausstellte, hatten diese Typen aus Langeweile eine Bar am Kopf der Straße, die ich hochging, angegriffen. Ein typischer Fall von falscher Ort und falsche Zeit. Allerdings wurde die Gruppe, als sie mir begegnete, schon von der Polizei verfolgt. Es gab also einen verbeamteten Zeugen. 6 Monate später durfte ich deshalb auch das englische Gerichtssystem einmal erleben – als vorgeladener Zeuge in dem Verfahren, in dem einer der Typen zu 6 Monaten Knast wegen „grievious bodily harm“ – Schwerer Körperverletzung verurteilt wurde.

Aber bevor es dazu kam, saß ich benommen an dem Auto und benötigte Erste Hilfe. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis zwei Passanten kamen und 1. Hilfe leisteten und den Krankenwagen riefen. In der Zeit erklärte ich ihnen in meinem begrenztem Vokabular, das (noch) nicht auf solche Situationen ausgelegt war, was passiert war. Ihre Reaktion? Sie sagten: „Oh, welcome to Liverpool!“

Während mich der Krankenwagen ins Krankenhaus fuhr, musste die RS zurückbleiben. Im Krankenhaus wurde die Wunde unterm Auge genäht. Ich saß dann etwas herum. Dann kam der Oberarzt, besah sich die versorgte Wunde und sagt: Wer hat das denn genäht? Das muss nochmal gemacht werden! Also nochmal… Dann kam ein Polizist und befragte mich. Dem habe ich danach meinen Motorradschlüssel in die Hand gedrückt mit der Bitte, die BMW wegzufahren und in der Polizeistation unterzustellen. Dann wurde ich entlassen und von den Ärzten mit dem Rat versehen, besser erstmal nicht in den Spiegel zu sehen. Zum Richten der Nase sollte eine OP in einer Woche stattfinden. Da an Motorradfahren sowieso nicht zu denken war, ließ ich die BMW vorerst bei der Polizei.

Dummerweise hatte ich mir in der Woche vor dem OP Termin einen Infekt eingehandelt und gut 38 Grad Fieber. Ich habe das dem aufnehmenden Personal im Woolton Hospital gesagt. Die berieten sich kurz und sagten: „Ach, Du bist ein junger Mann, Du schaffst das schon“. Nach der OP aufgewacht bin ich dann gefühlt im Jahr 1942 in einem Field Hospital der Armee: Ein Ward mit 12 Betten, die alle noch durch Vorhänge voneinander getrennt waren…. Nett war die deutsche Nurse, die sich meiner annahm. Sie hatte nach dem Krieg einen Briten geheiratet und war mit ihm nach Liverpool gekommen.

Ein paar Tage später habe ich dann die RS bei der Polizei abgeholt und mich dafür bedankt, dass sie so gut darauf aufgepasst haben. Während der ersten Entdeckungsfahrten in und um Liverpool stellte sich dann leider schnell ein technisches Problem ein: Eine rutschende Kupplung. Inzwischen hatte ich genug Erfahrung, um die Reparatur selbst machen zu können. Ich hatte das gute BMW Bordwerkzeug mit und auch den Sternmutternschlüssel. Was ich nicht hatte, waren die beiden Spezialwerkzeuge, die im Reparaturhandbuch per technischer Zeichnung dargestellt waren und für die De/Montage der Kupplung nötig waren, Zentrierdorn und Halteblech und auch verlängerte Schrauben, um die Kupplungsfedern kontrolliert entlasten zu können.

Für die Lösung dieses Problems konnte ich mich wieder auf die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Briten verlassen: Ich habe mich in der technischen Fakultät der Uni Liverpool nach einer metalltechnischen Werkstatt erkundigt, bin da reinmarschiert und habe die anwesenden Mechaniker um Hilfe gebeten. Ein paar Tage später hatte ich meine Spezialwerkzeuge. Noch schnell den großen Simmerring für die Abdichtung zum Motor beim örtlichen BMW Händler bestellt und dann habe ich die BMW in unserem Backyard repariert.

Währen dieser ganzen Aktionen habe ich natürlich meinen englischen Wortschatz gut erweitern können. Eine lustige Begebenheit auf dem Weg zur Reparatur ist hier noch erwähnenswert. Denn in der ersten Woche und Monaten meines Aufenthaltes in Liverpool ging es ja nicht nur um das Lernen hunderter neuer Vokabeln, sondern auch darum, den ganz speziellen Liverpooler Akzent verstehen zu lernen: Ich war auf der Suche nach ein paar Schrauben und Unterlegscheiben bei einem kleinen Motorradladen in der Nähe unserer Straße. Ich fragte den Chef/Mechaniker/Verkäufer am Tresen nach den Teilen. Er antwortete. Ich sagte, sorry, das habe ich nicht verstanden. Bitte wiederhole das noch mal. Er wiederholte, was er gesagt hatte. Ich sagte wieder: sorry, das habe ich nicht verstanden. Bitte wiederhole das noch mal. Das ging noch ein paar mal so hin und her. Am Ende habe ich verstanden, dass er mir sagte, auch seine Frau hätte manchmal Probleme, ihn zu verstehen. Wir haben darüber gemeinsam herzlich gelacht. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich den Akzent der „Liverpudlians“ gut verstehen konnte. Wenn ich den Akzent heute irgendwo höre, erkenne ich ihn sofort und ich bekomme Heimatgefühle.

Nach der Reparatur habe ich viele Tagestouren in die Umgebung von Liverpool und bis nach Nordwales gemacht. Für den Sommer war geplant, dass Olli mich mit seinem gerade aufgebauten BMW Gespann besuchen würde und wir eine Tour nach Schottland machen würden.

Die letzte Urlaubstour mit der RS:
Mit Olli in den Lake District und nach Schottland

Am Strand von Southport
Am Strand von Southport

Zur Vorbereitung dieser Tour waren zwei Dinge geschehen: Ich organisierte einen Unterstellplatz für unsere beiden Motorräder bei Arthur Hicklin Motorcycles in Lark Lane, accross the road. Arthur war ca Mitte/Ende 60 und wir waren mal ins Gespräch gekommen, als ich eine neue Zündkerze suchte. Seitdem ging ich immer mal wieder auf einen Schnack zu ihm. Er hatte nie Kunden, jedenfalls nie, wenn ich da war. Er war gern bereit, unsere BMWs ein paar Tage vor den Blicken der interessierten Öffentlichkeit zu verstecken. Obwohl bei ihm regelmäßig auch eingebrochen wurde, würden die Motorräder dort relativ sicher stehen.

Olli und ich hatten telefoniert und mit dem Finger auf der Karte einen Treffpunkt in der Mitte zwischen Hull und Liverpool festgelegt, denn ich wollte ihm entgegenfahren.

Es war ein freundlicher Tag, an dem ich losfuhr, um Olli zu treffen. Ich hatte die Fahrzeiten über den Daumen gepeilt geschätzt. Ich fuhr am John Lennon Airport vorbei, an Runcorn, wo es das ikonische Symbol für das Industriezeitalter gab: die kleine viktorianische Kirche vor dem riesigen Gasometer. Das alles inmitten einer Industriebrache und einem heruntergekommenen Arbeiterwohnviertel, die gleich noch den Niedergang der Industrie in der Region Liverpool symbolisierte. An Manchester vorbei in Richtung Hull. Der ausgemachte Treffpunkt war ein kleiner Ort im Peak District. Tatsächlich kamen wir uns genau in diesem Ort entgegen. Bestes Timing Ever!

Unsere Fahrt nach Norden führte Olli und mich von Liverpool über Lancaster zuerst in den Lake District. Die Kurven dort stehen denen in Wales und Schottland in nichts nach! Nach einer Nacht auf einem Campingplatz bei Lake Windermeere ging es weiter. Allerdings benahm sich meine RS zunehmend merkwürdig: Als würde sie an Leistung verlieren. An einem Parkplatz neben einem Busdepot hielten wir an. Man erlaubte uns, die Maschine ins Gebäude zu schieben, um die Ursache zu suchen. Es stellte sich heraus, dass der Hauptbremszylinder der Hinterradbremse fest saß! Keine Chance, Ersatz zu beschaffen! Der ADAC war weit weg und ich aus Geldmangel sowieso nicht Mitglied… Aber umkehren war keine Option!

Wir haben dann den Druck aus dem Bremssystem genommen und ich hatte für den Rest der Fahrt darauf aufzupassen, ja nicht die Hinterradbremse zu betätigen. Die nächsten 11 oder 12 Tage bin ich dann nur mit Vorderradbremse durch Schottland gefahren. Ein besseres Training für vorausschauendes Fahren gibt es nicht!

Unsere Tour führte uns durch das beeindruckende Glencoe über Oban bis nach Fort William. Diesmal beinhaltete der Besuch auch einen Aufstieg auf den Ben Nevis, den wir aber nach ca. 2/3 des Weges wegen meines schmerzenden Knies abbrachen. Dann überprüften wir die Qualität der Fish and Chips in Ullapool, bevor wir auch zur Isle of Skye fuhren (diesmal für mich ohne Malheure). Dann weiter bis Inverness. Auf dem Weg zurück nach Liverpool besuchten wir noch Southport und fuhren dort auf dem befahrbaren Strand offroad, inklusive dass sich das Hinterrad des Gespanns bis zur Radnabe im Sand eingegraben hat.

Zu dieser Zeit hatte meine RS gut 110.000 km auf der Uhr und der Ölverbrauch war auf ca. 1,2 l pro 1.000 km gestiegen. Allerdings hat sie das Öl nicht komplett verbrannt, sondern einen Teil davon in Form von Tröpfchen auf Olli und sein Gespann hinter mir verteilt. Die Leistung war merklich gesunken. Und ich war praktisch pleite. Es gab keine Chance darauf, dass ich die RS wieder in einen akzeptablen Zustand versetzen konnte. Daher einigten Olli und ich uns am Ende unserer Tour, dass ich ihm die RS verkaufen würde. Dies war sehr traurig. Wir verabredeten, dass ich ihm die RS am Ende des Sommers nach Deutschland überführen würde.

Mit der Fahrt nach Braunschweig endeten 6 tolle und kilometerreiche Motorradjahre mit der RS. Ich kehrte mit einem Reisebus der britischen Rheinarmee nach Liverpool zurück, um weitere 7 Monate dort zu studieren.

4 Jahre später kam ich wieder auf 2 Rädern auf die Insel, diesmal mit einer SR 500, um 10 Monate in Cardiff/Wales zu arbeiten – und viele schöne Touren durch Wales zu machen…

Die Erinnerungen an und mit der BMW R 100 RS wirken bis heute …
Die Erinnerungen an und mit der BMW R 100 RS wirken bis heute …

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