aus Kradblatt 11/26 von Steffen Breyer

Nicht alles Fantictastisch, aber …

Fantic Caballero 700: Mit einem Besuch bei Lohrig in Syke/Schnepke fing es an …
Mit einem Besuch bei Lohrig in Syke/Schnepke fing es an …

Ich hätte es besser wissen können, als ich im März 2025 mal wieder bei der Firma Lohrig Motorräder in Syke/Schnepke angehalten habe. Bereits 2019 bin ich mit meiner BMW R 1200 R hingefahren und dann nach zwei Probefahrten drei Wochen später bei einer Triumph 1200 Scrambler XE gelandet. 

Diesmal fand ich die Fantic Caballero 700 zumindest so reizvoll, dass ich sie mal Probe fahren wollte. Flugs wurde eine rote Nummer drangeschraubt und ich konnte losfahren. 

Erste Touren noch mit der Original-Sitzbank
Erste Touren noch mit der Original-Sitzbank

Ich war überrascht, wie flott und leicht sich die Fantic durch die Syker Geest bewegen ließ. Die 50 Kilogramm Mindergewicht gegenüber der Triumph merkte man deutlich, den  500 ccm geringeren Hubraum überhaupt nicht. Die Fahrleistungen in Gestalt von Durchzug und Beschleunigung standen der Triumph in nichts nach. Lediglich der Komfort aufgrund der kürzeren Federwege vorne und hinten je 150 statt 250 mm war eingeschränkter, aber immer noch akzeptabel. Fahrwerk und Bremsen funktionierten gut, auch die 330 mm Einzelscheibe vorn war für die 185 kg vollgetankt völlig ausreichend.

Die Probefahrt hatte mich mal wieder richtig angefixt. Nach sechs Jahren und 45.000 tollen km wurde mir die Scrambler doch allmählich zu schwer, zu hoch und zu sperrig. 

Als ich dann bei Kleinanzeigen eine 1½ Jahre alte Fantic mit 2.300 km in Bremen Nord zu einem guten Preis entdeckte, ging es ziemlich schnell. Die Fantic gekauft, die Scrambler verkauft, wurde die Vorfreude auf die ersten Ausfahrten mit der Caballero nur noch durch die 3-wöchige Wartezeit auf einen Anmeldetermin bei der Zulassungsstelle getrübt. Aber auch die Zeit ging schließlich vorbei.

Da ich im Mai mit der Caballero die schon geplante zweiwöchige Tour über 4.000 km nach Südfrankreich machen wollte, musste die Ausstattung der Fantic noch ein bisschen ergänzt werden. 

Der Anbau von Flysreen, Tankrucksack von Hepco & Becker, Kettenöler und Navi ging noch einigermaßen geschmeidig über die Bühne, was aber leider nicht für den Original Fantic Gepäckträger galt. Der ist zwar praxisgerecht geformt, der Anbau aber alles andere als einfach. Schalldämpfer, Schutzblech und Rücklicht mussten demontiert werden, um den Gepäckträger dann mit vier Händen montieren zu können. Hier zeigte sich schon der erste Qualitätsunterschied zur Triumph, die Schrauben waren aus deutlich schlechterem Material, was den Ersatz der Schraube zur Schalldämpferbefestigung nach sich zog.

Der Anbau des originalen Gepäckträgers gestaltete sich etwas schwierig. Sitzbank aufgepolstert mit Bezug von Cool Covers
Der Anbau des originalen Gepäckträgers gestaltete sich etwas schwierig. Sitzbank aufgepolstert mit Bezug von Cool Covers

Im Fantic-Forum kursierten schon die Beiträge über die nicht mehr richtig trennende Kupplung des von Yamaha bezogenen CP2 Motors. Bei meiner Fantic war das noch kaum spürbar, dafür stellte sich aber heraus, dass ein Teil der Speichen im Hinterrad deutliche Korrosionsspuren aufwies, der automatische Wechsel zwischen Tag- und Nachtdisplay bei der zentralen Tachoeinheit nicht funktionierte und in der Gabel deutliche Klackergeräusche auftraten.

Die Ersatzteilversorgung hakte
Die Ersatzteilversorgung hakte

Da es von Fantic eine vierjährige Garantie gibt, habe ich diese Mängel Ende April dem Erstverkäufer, der Fa. Schriewer in Bissendorf, per E-Mail und soweit möglich mit Fotos mitgeteilt.

Da die Mängel die Funktion nicht massiv beeinträchtigt haben, bin ich dann so mit der Caballero in den Urlaub gefahren. Hier zeigte die Fantic, dass sie durchaus langstreckentauglich ist. Die Sitzposition ist für meine 1,85 Meter Länge recht bequem. Das gilt auch für den Kniewinkel und die Sitzhöhe. Etappen bis zu 400 km auf der Landstraße ließen sich gut bewältigen. Lenker, Schalter und Griffe liegen gut zur Hand, sind übersichtlich und ordentlich zu bedienen, das Kombinstrument gut ablesbar und abgesehen von einer Reichweitenanzeige auch ausreichend informativ. 

Lediglich die Sitzbank trübt diesen guten Eindruck etwas. Ab zwei Stunden Fahrt drückt die zu dünne und harte Polsterung unangenehm auf den verlängerten Rücken. Auch die eher straffe Federung und Dämpfung von Gabel und Zentralfederbein trägt dazu bei. Da sich nur beim Federbein die Feder vorspannen lässt, muss man sich damit abfinden. Abhilfe kann nur der Austausch der offenbar durch Fantic sehr preisbewusst ausgewählten Marzocchi Federelemente durch neue Gabelkartuschen und ein Öhlinsfederbein bringen. Die dafür erforderlichen rd. 2.000 € ohne Einbau sind es mir nicht wert.

Die französischen Landstraßen egal ob im Jura, der Auvergne oder den Cevennen sind wie gemacht für die Caballero. Je kurviger und kleiner die Radien, desto wohler fühlt sie sich. Die serienmäßig montierten Pirelli STR machen (fast) alles mit, fürchten sich auch nicht vor unbefestigten Wegen. Einzig die Abrollgeräusche sind deutlich vernehmbar. Dafür ist die Laufleistung mit bisher rd. 12.000 km hinten und 16.000 km vorn untadelig.

Der Yamaha CP2 Motor ist wie gemacht für die Fantic. Im sechsten Gang ab 50 km/h entspannt aus dem Ort herausbeschleunigen, beim zügigen Überholen mal eben bis 9.000 U/min drehen. Die 75 PS und das zwischen 3.000 und 8.000 U/min anliegende Drehmoment von mehr als 60 Nm lassen wenig Wünsche offen. Dabei ist der Motor angenehm laufruhig und wartet mit einem leicht grollenden, aber niemals aufdringlichen Sound auf. Am beeindruckendsten empfand ich, angesichts der gezeigten Fahrleistungen, aber den Verbrauch, der selten über 3,5 Liter/100 km lag, auf langen Landstraßenstrecken häufig auch darunter. Damit sind mit dem 13,5 Liter Tank immer Etappen von mehr als 300 km drin. Selbst auf der BAB bei Tempo 120/130 km/h stieg der Verbrauch nicht groß über 4 Liter/100 km. 

Der Gepäcktransport war mit Rolle und Tankrucksack von Hepco & Becker  keine große Herausforderung. Fantic bietet sogar ein Trägersystem mit zwei 17 Liter Packtaschen an. 

Die Fantic Caballero 700 hat einen tollen (Yamaha) Motor
Die Fantic Caballero 700 hat einen tollen (Yamaha) Motor

Während der Tour wurden die Kupplungsprobleme immer deutlicher. Beim Starten musste ich immer kräftig die Vorderradbremse ziehen, da die Caballero gern einen spürbaren Satz nach vorn machte. Das wurde mit warmen Motor etwas besser, verschwand aber nicht mehr vollständig.

Nach meiner Rückkehr fand ich dann Post aus Flensburg vor. Das KBA hatte wegen der Kupplungsprobleme eine offizielle Rückrufaktion veranlasst. Zusammen mit einer kleinen Inspektion ließ ich das bei Lohrig durchführen. Dort wurde auch noch ein Kontakt für die Benzinzufuhr ausgetauscht, der offenbar auch Ärger verursachen konnte.

Tag/Nachtwechsel im Display?
Tag/Nachtwechsel im Display?

Das Klackern in der Gabel wurde immer deutlicher hörbar, so dass ich beschloss wegen der Werksgarantie die Fa. Schriewer als Erstverkäufer in Bissendorf zu kontaktieren. Für eine Prüfung der Mängel musste ich vorbeikommen. Vor Ort bat mich der Händler für eine abschließende Beurteilung, die Fantic Anfang Oktober für eine Woche dort abzugeben. Nach der Woche teilte mir der Händler mit, dass Fantic die Mängel als Garantiefälle anerkennt, aber die erforderlichen Austauschteile frühestens in 2 Wochen liefern könne.

Als ich Mitte Oktober nachfragte, hieß es, dass Fantic die Speichen und die Simmerringe für die Gabel nicht liefern könne. Daher könne die Caballero leider nicht repariert werden.

Ein Cobra-Kettenöler erleichtert das Schmieren
Ein Cobra-Kettenöler erleichtert das Schmieren

Mittlerweile hatte ich Fantic in Italien direkt angemailt. Nach einer ersten freundlichen Reaktion sich zu kümmern, endete die Kommunikation in der Aussage von Fantic, man werde die Lieferanten intensiv beobachten, um das Problem zu lösen. Weitere Nachfragen blieben unbeantwortet. Fantic scheint mit dem Beobachten bis heute völlig ausgelastet zu sein.

Da, die Fantic zur Hauptuntersuchung musste und ich nach über sechs Wochen Pause auch mal wieder fahren wollte, holte ich die Caballero Anfang November in Bissendorf ab. Das hat den sonst durchaus positiven Gesamteindruck der Caballero doch fühlbar getrübt. Warum ein Hersteller vollmundig vier Jahre Garantie verspricht, dann aber nicht in der Lage ist, Allerweltsteile von Zubehörlieferanten wie Gabelsimmerringe oder Speichen, die es im Netz problemlos zu kaufen gibt, besorgen kann, erschließt sich mir nicht. Vielleicht hat das mit der Finanzkrise von Fantic zu tun, in der die Firma laut der Zeitschrift Motorrad seit einiger Zeit stecken soll. Dann muss die aber schon sehr bedrohlich sein.

Eine Nachfrage Ende Februar ergab, dass mittlerweile die Speichen angekommen sind, nicht aber der Gabeldichtsatz. Lieferzeitpunkt? Dafür hatte man keine Antwort.

Dafür bot die kleine Eiszeit im Januar und Februar noch die Gelegenheit, eine Lenkererhöhung und eine Griffheizung zu montieren. Das hat bei den ersten Ausfahrten das Verwöhnaroma deutlich erhöht.

Trotz etwas Ärger macht die Fantic Caballero 700 viel Spaß
Trotz etwas Ärger macht die Fantic Caballero 700 viel Spaß

Nachdem auch Ostern 2026 trotz gegenteiliger Zusage von Fantic keine Lieferung erfolgte, erbarmte sich Schriewer und besorgte die Simmerringe auf dem Zubehörmarkt. Der Einbau der Gabelkartuschen und der neuen Hinterradfelge fand Ende April statt. Bereits vier Wochen nach Austausch der Kartuschen waren die Simmerringe undicht geworden. Mittlerweile hatte Fantic tatsächlich den Gabeldichtsatz geliefert, daher konnte Schriewer im Juli die Simmerringe nochmals wechseln. 

Kurz danach stellte ich fest, dass auch im Vorderrad die Speichen anfingen zu korrodieren. Das habe ich dann bei der fälligen Inspektion bei Lohrig als weiteren Garantiefall angemeldet, da ich davon ausging, dass die Garantie vier Jahre beträgt. Dem war aber nicht so. Fantic hat diese Erweiterung nur für die 2024er Modelle gewährt, wohl um den lädierten Ruf nach den Rückrufaktionen 2024/25 etwas aufzupolieren. Meine Caba war aber EZ 10/23, daher hatte sie nur zwei Jahre Garantie, die im Oktober 2025 abgelaufen war. Kulanz wegen der schon zahlreichen Mängel? Fehlanzeige! Außer einer E-Mail mit mehr oder weniger warmen Worten gab es kein Entgegenkommen von Fantic.

Trotz des vielfältigen Ärgers werde ich meine Fantic Caballero weiterfahren. Noch überwiegen die positiven Eigenschaften einigermaßen, auch wenn das Verhalten von Fantic als Hersteller für mein Empfinden schlicht unterirdisch ist. 

Die Caballero 700 ist ein einfach zu fahrendes, mit (Kurven)-ABS, Traktionskontrolle und drei Fahrmodi gut ausgestattetes Krad. Mehr braucht es meiner Meinung nach nicht. Die zigfachen Einstellmöglichkeiten der Triumph bei Fahrwerk und Fahrmodi habe ich nie groß genutzt. Daher ist das Angebot der Fantic für mich völlig ausreichend, auch wenn die Verarbeitungsqualität z.B. bei den Kabelverbindungen und der Korrosionsanfälligkeit mich manchmal an meine 3½er Morinis aus den 1970/80ern erinnert. 

Der neue Frühling hat neben den Garantiearbeiten, den Heizgriffen auch eine aufgepolsterte Sitzbank mit einem Bezug der Firma Cool Covers gebracht. Die damit gefahrene 4.100 km Tour in die nördliche Toskana, bei Etappen bis zu 520 km Landstraße und Temperaturen bis runter auf vier Grad, hat den Wert dieser Arbeiten schon unter Beweis gestellt. 

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