aus Kradblatt 6/26 von Dirk Heinrichs
Urlaub in Småland am Åsnen
Es war mal wieder so weit. Nachts konnte ich das Gescharre mit den Stollenreifen im Schuppen erahnen, was mir sagte: Die kleinen klassischen Enduros wollen gern bitumenfreie Wege wiedersehen; wenn es geht, im Rudel. Meine Frau möchte zudem auch gern einen Sommerurlaub irgendwo am See erleben. Auf dem nicht gerade üppigen Sozia Platz der XL möchte sie allerdings nicht mehr Platz nehmen. Und wenn doch, wohin dann mit dem Gepäck?

Als Erstes wurde unsere alte WhatsApp-Mopedgruppe befragt, um bei den üblichen Verdächtigen Interesse zu wecken. Ruckzuck waren fünf Pärchen und zwei Solisten gefunden, die in den frühen Morgenstunden ähnliche Geräusche wie ich vernommen hatten. Wohin sollte es gehen?
Da unsere beiden „Kinder“ in Schweden arbeiten und wohnen und ein Besuch überfällig war, wollten wir gern zwei Fliegen mit einem Schlag erledigen. Also schlug ich „irgendwo in Schweden“ vor, wo die Anfahrt für alle an einem Tag zu bewältigen ist und im optimalem Fall zwischen den Wohnorten unserer Kinder, Lund und Stockholm, liegen sollte.

Nach einer abendlichen Recherche im Netz lag Småland bei mir im Fokus. Nach einigen Abstimmungen stand der Plan fest. Holger mit Freundin Iris, Max mit Ehefrau Ingrid, Volker und seine bessere Hälfte Karo, Karsten mit seiner Frau Ina, die Solisten Uwe und Steffen sowie Susi und ich. Die Motorräder: Honda XL200R, XL185S mit Chinamotor und E-Starter, TLR200 Reflex, CFR 250L, Sherco X-Ride 290 Zweitakt, Scorpa T-Ride mit modifiziertem Yamaha WR250 Motor.
Wir hatten uns mit den Frauen darauf verständigt, dass wir Kerle an drei Tagen Motorradtouren unternehmen und an den übrigen Tagen gemeinsame Aktionen gestartet werden sollten.
Wo das Lager aufschlagen und wie möchte jeder übernachten?
Den Campingplatz in Urshult hatten wir uns ausgeguckt, weil es dort viele Möglichkeiten der gemeinsamen Freizeitgestaltung gibt und er direkt am See Åsnen liegt. Zudem ist die Lage gleichzeitig für die zu planenden Mopedtouren optimal. Viele Wälder wechseln sich ab mit Seen, die oftmals miteinander verbunden sind. Småland, das Pippi Langstumpf Land mit den kleinen, gemütlichen, falunroten Holzhaussiedlungen bietet jede Menge unbefestigte Wege, die es zu entdecken galt.
Volker und Karo, Susi und ich buchten eine Holzhütte mit Blick auf den See und wunderschönen Sonnenuntergängen. Direkt daneben reservierte ich die gewünschten Stellplätze für Wohnmobile und Wohnwagen.

So ging es an die Tourenplanung für drei schöne Gravelrouten. Die Altersspanne der Fahrer lag zwischen 60 und 78 Jahren. Somit sollten die Pisten nicht zu lang werden und es musste ausreichend Zeit für kulinarische Pausen eingeplant werden. Mit der im Netz frei verfügbaren Grusvägskartan Schwedens, auf der alle legal zu befahrenden Wege verzeichnet sind und dem parallel geöffneten Routenprogramm von Kurviger waren schnell drei schöne Routen herausgesucht und programmiert.
Die maximale Länge betrug 150 km, die uns sechs Stunden konzentriertes Fahren abverlangte. Der Gravelanteil lag bei 70%. Da fast alle Teilnehmer auch im Klassiktrial unterwegs sind, wurden ab und zu Sonderprüfungen zum Spielen eingebaut. Auf Rückewegen der Harvester ging es dann im 1. Gang bergauf, bergab und dann und wann war ein alter Baumstamm zu überwinden. Eine willkommene Abwechslung zum Staubschlucken. Na ja, ich hatte Glück, ich durfte vorweg fahren und blieb sauber, hihi.
Männer und Maschinen haben diese drei Touren ohne Blessuren überstanden. Ok, Karstens Zweitaktsherco zeigte sich am 1. Tag etwas startunwillig. Der Benzinhahn schloss altersbedingt nicht richtig und so hatte sich Tröpfchen für Tröpfchen über die lange Standzeit über den Vergaser und der Einlassmembrane einen Weg in das Kurbelgehäuse gesucht. Lage erkannt, Motorschaden gebannt, oder so ähnlich. Die Hondas liefen natürlich wie immer problemlos, frei nach dem Spruch „Heute ohne nennenswerte Defekte angekommen“. Naja, für die Reflex von Max mussten wir einmal das Abschleppseil für die letzten drei Kilometer bemühen. Wir wollten uns heimlich von hinten an einen Steinbruch heranpirschen, um zu dritt etwas Trial zu fahren. Da hatte sie sicherlich etwas Angst bekommen und versagte den Dienst. Ok, darf sie, die Dame ist ja schon etwas älter.
Zurück auf dem Campingplatz war der Fehler schnell gefunden. Die ganze Gruswegfahrerei hatte so viele Steinchen in Richtung Motor geschleudert, dass es sich einige Exemplare hinter dem Dekobetätigungsblech so gemütlich gemacht hatten, dass der Hebel bei der Startprozedur nicht mehr zurück konnte und das Ventil dauerhaft auf offen stand. Shit happens. Wir hatten uns auch schon beim Anschiebeversuch gewundert, wieso so wenig Widerstand zu spüren war.
Das Pärchen, das den Campingplatz leitet, erzählte von einem Motorradtreffen in den Sommermonaten. In Torne am See Åsnen, beim Imbiss Annorlunda Streetfood findet einmal im Monat, Donnerstags, ein lokales Feierabendtreffen statt. Die großvolumige Cruiserfraktion trifft sich hier auf ein Fischbrötchen, um die fliegenfreien Hochglanzprodukte zu präsentieren. Einige schön restaurierte Cadillacs finden auch den Weg in dieses idyllische Örtchen. Ganz im Gegensatz zu einem im Wald verschollenen Autofriedhof, wo beobachtet werden kann, wie sich langsam die Natur um die alten Karosserien schließt, um sie in ihre einzelnen Bestandteile zu zerlegen.
Das Wasser im See hatte 22 Grad und so gingen einige regelmäßig nach den Touren schwimmen, um den Körper abzukühlen und die Muskulatur zu entspannen.

Für das Gemeinschaftsprogramm wurde die schwedische „Naturkartan“ bemüht. Schweden bietet viele kleine und große Naturreservate an, die mit schönen Schautafeln und gut ausgeschilderten Wanderwegen erkundet wurden. Max und Ingrid waren mit ihrem 9-sitzigen Ducato angereist, der als Smålandtaxi herhalten musste.
Sehr zu empfehlen ist auch ein Besuch der alten Eisenhütte aus dem 17. Jahrhundert. Das Besondere an dieser Schmelze und Gießerei ist, dass das Eisen sehr mühsam vom Seegrund gewonnen wurde. Die Leibeigenen des Großgrundbesitzers in Huseby Bruk mussten im Winter Löcher in das Eis hacken und mit langen Schabern und Schaufeln die abgesetzten Eisenknollen an die Oberfläche befördern. Diese Art der Eisengewinnung war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Aus der Schmelze wurden überwiegend Kanonen für die aufstrebende schwedische Marine hergestellt. Zudem wurden für die Holzöfen verzierte Gussplatten erstellt, die die Feuerstätten umschlossen. Eine Führung durch dieses vielseitige Museumsdorf ist absolut zu empfehlen.

Zu meiner Überraschung erhielt ich eine positive Resonanz auf meinen Vorschlag für einen Tag eine Kanutour zu wagen. Direkt vom Campingplatz ging es mit drei großen Kanus fünf Kilometer in nördliche Richtung. Dort sollte ein Hof-Café für uns geöffnet haben. Karsten und Ina sind erfahrene Schweden- und Kajakfahrer und hatten ein eigenes Kajak mitgebracht. Da war klar, wer den Guide auf dem Wasser machen musste und den unerfahrenen Kanuten eine Einweisung zu geben hatte. Der in Teilen flache See faszinierte uns genauso schnell, wie wir auch schon mit dem Alu-Kanu auf einen direkt unter der Seeoberfläche befindlichen Stein aufliefen und festsaßen. Das Gelächter bei den anderen war groß aber bei uns machte sich schon etwas Panik breit, weil die ganze Angelegenheit jetzt noch wackliger wurde. Ein von allen gleichzeitig choreographiertes Ruckeln in die gleiche Richtung sorgte letztendlich für die ersehnte Befreiung ohne zu kentern.
Das Café wurde vom Guide beim 2. Anlauf gefunden und so hatten wir die Gelegenheit unsere gefalteten Beine einmal in die Länge zu strecken und Kopf und Muskulatur mit neuer Energie zu versorgen.

Der aufkommende Wind sorgte dort, wo der See am breitesten war und der Wind eine lange Anlaufstrecke hatte, für höhere Wellen. Bei der Einweisung hatten wir ja gelernt, dass Wellen niemals parallel angefahren werden. Auf dem Rückweg zum Campingplatz waren wir vom Rückenwind beflügelt und so benötigten wir nur ein Drittel der Zeit, bis wir, teilweise mit Blasen an den Händen, auf den Strand des Campingplatzes aufliegen. Karsten, der alte Fuchs, hatte einen Regenschirm im Kajak dabei, den er kurzerhand als Segel missbrauchte und so zog er rasant an allen vorbei, ohne die Muskeln spielen zu lassen. Auch die Wasserhasser, die Wasser maximal in heißer Form zum Duschen nutzen, mussten zugeben, dass es ein schöner Tag mit neuen Erfahrungen war.
So verging diese abwechslungsreiche Woche wie im Fluge. Auf dem Rückweg fuhren einige noch über Älmhult, um das sehenswerte IKEA-Museum vom Gründer Ingvar Kamprad zu besuchen.

Der Schwedenurlaub in der Hauptsaison ist kein Schnäppchen. Die Stellplätze und Hütten sind im oberen Preissegment zu finden. Um nach Schweden zu kommen muss eine Fähre gebucht oder der Weg über die Mautbrücken gewählt werden. Da wir wegen unserer Kinder öfter in Schweden sind und in der Regel die Autobahn über Kolding und Kopenhagen wählen, haben wir den Öresundpass, der uns ca. 50% Ermäßigung bringt. Man kann fünf Nummernschilder hinterlegen, die bei der Anfahrt zur Mautstelle optisch erfasst werden und schwupp ist das Geld von der Kreditkarte abgebucht und die Schranke öffnet sich. So konnten einige in den Genuss der Vergünstigung kommen. Ein umgebauter LKW mit Motorradhänger muss dann für eine Richtung immer noch 94 € berappen. Das Smålandtaxi mit Wohnwagen musste nur 94 € für beide Richtungen zahlen.
Bleibt die Frage, was haben die Frauen gemacht, als wir durch die Wälder fuhren? Es galt die nähere Umgebung zu Fuß zu erkunden. Ein alter botanischer Garten, eine Alpakafarm, die Apfelanbauregion sowie diverse Cafés wurden als Ziele gewählt. Zudem mussten rechts und links vom Wegesrand Blaubeeren und Brombeeren genascht werden, die Ende August reif für die Ernte waren.
Alle Honda-, Sherco-, Scorpa- und Huskyfahrer sind sich einig: Es schreit nach Wiederholung.
Vor Jahren waren wir in ähnlicher Besetzung in Wärmland an der norwegischen Grenze unterwegs. Eventuell ist die Region um Bengtsfors geeignet. Mit der Fähre von Kiel nach Göteborg und weitere drei Stunden mit dem Auto erzeugt auch keinen Anreisestress.
Diese kleinen Enduros bereiten bei artgerechter Haltung so viel Spaß und überfordern uns nie. In der Vergangenheit hatten wir schon diverse Alpengipfel erstürmt, sind in der Ardèche über Steinstufen gerutscht und in Tschechien über die TETs gefahren.
Mal sehen, wie lange wir noch können; die Mopeds werden sicher länger durchhalten.
Den Artikel mit mehr Bildern und Layout findet ihr in Ausgabe 6/26 und als Download <hier>
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