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Elektro-Motorrad Energica Eva, Modell 2017

aus Kradblatt 11/17
von Clemens Gleich, www.mojomag.de
Dieser Artikel erschien zuerst auf www.heise.de

Energica Eva – Freie Fahrt am Sellajoch…

Energica ist eine Marke des italienischen Technologiekonzerns CRP Group und Hersteller von rein elektrisch betriebenen Motorrädern. Clemens Gleich konnte das Modell Eva am Sellajoch fahren. Die beliebte Passstraße wurde nicht umsonst ausgewählt, denn Streckensperrungen und Lärmbelästigung ist nicht nur in deutschen Mittelgebirgen ein Thema …

Freie Fahrt für Eva am Sellajoch. Foto: Ulf BöhringerEnergicas erstes Motorrad war ein Superbike, die Ego. Als ich diese Maschine 2014 das erste Mal fuhr, war klar, wie schwer sie es haben würde: 258 kg gab die Firma aus dem Fahrzeug-Traditionsgebiet Modena damals an, und wenn wir die technisch fast identische Naked-Version Eva anschauen, könnte das verschämt untertrieben gewesen sein, denn die Eva wiegt mit dem einzigen Unterschied „weniger Verkleidung“ 280 kg. Für ein Superbike war das ein krasses Übergewicht. Für ein nacktes Big Bike wie die Eva passt es besser. Denn was der Traditionalist Elektrofahrzeugen gern abspricht, hat die Eva im Überfluss: einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter. Bei Sportwagen oder Motorrädern wünschen sich die Käufer genau so etwas.

Tiefes Gewicht

Energica Eva Modell 2017 mit KoffersatzSchon kurz nach dem Aufsteigen wird klar, was diese Italienerin vor allem verlangt: nachdrücklichen Krafteinsatz. Viele Cruiser sind ja genauso schwer oder schwerer, aber bei Cruisern sitzt das Gewicht eben tief, wie im Stehaufmännchen. In der Eva ragt die schwere Batterie hoch hinauf bis unter die Tankattrappe. Das muss man erst einmal vom Ständer hieven. Um das Rangieren zu erleichtern, dreht der Motor auch langsam rückwärts und beim Umschalten dann ebenso langsam vorwärts, damit ein Stolperer eben nicht das Motorrad per unabsichtlichem Gaszupfer wegschießen lässt wie einen Flummi. Die Eva hat nämlich wie die meisten Elektrokräder keine Kupplung. Erst ein langer Druck auf den Starter-Knopf schaltet den Gasgriff wieder auf den Fahrbetrieb scharf – gut mitgedacht.

Nach dem Losfahren auf kalten Reifen sträubt sich die Eva überraschend stark gegen Schräglage, in die sie mit einigem Nachdruck geworfen werden will. Wärmt die Karkasse durch, lenkt sie williger ein, immer jedoch mit spürbarem Krafteinsatz. Trotz des hohen Gewichts, das die Auslegung der Feder-Dämpfer-Elemente erleichtern sollte, arbeitet das Standard-Fahrwerk gelegentlich etwas stöckerig. Energica bietet Interessenten Öhlins-Komponenten an, die wir jedoch noch nicht ausprobieren konnten. Ich denke insgesamt, Bigbike-Freunde finden hier genau die Art Motorrad, die sie suchen.

Energica Eva Modell 2017 am Sellajoch

I did it my way

Zwar montiert Energica der Eva eine gute Bremsanlage, mit der dreistufig einstellbaren elektrischen Bremse fährt man jedoch erstens effizienter und zweitens entsteht damit eine ganz eigene Form von Alpenpass-Spaß: Am Gasgriff weit vorausschauend die Geschwindigkeit dosieren, anpeilen, kräftig umlegen und das feinst dosierbare Drehmoment des herrlichen Motors genießen. Vor allem in engen Wechselkurven (die Zeitschrift Motorrad prägte hierfür das Wort „Wechselkehre“) brilliert die Eva mit ihrer ganz eigenen Dynamik, gleichzeitig sanft und naturgewaltig, wie das Gefühl einer großen Welle, die ungebrochen auf offenem Wasser unter dir hindurchrollt. Auf den Geraden dann zoomt sie dich an Autos vorbei wie mit der Vorspultaste. Großes Kino!

Bei 200 km/h ist auf der elektronisch bei 80 kW kastrierten Eva Schluss, die Ego nutzt mit 107 kW die volle Motorleistung und läuft damit bis 240 km/h weiter. Beide Modelle sind laut Hersteller identisch lang übersetzt. Man könnte die Eva also mit geringem technischen Aufwand noch stärker beschleunigen lassen. Wirklich als nötig empfand das aber trotz des hohen Gewichts bisher niemand. Im Gegenteil: Wer von seinem Verbrenner vergleichbaren Schub fordert, muss den schon ganz schön hoch drehen.

"Tanken" an der Schnellladestation - Energica Eva Modell 2017

Bei den Autos mitmachen

Ladeanschluss und Lüfter für das eingebaute Ladegerät. Energica Eva Modell 2017In den Bergen bei zügiger Fahrweise kann die Reichweite auf unter 100 km fallen. Energica gibt 150 km an, die man sicher bei glatterer Fahrweise zum Beispiel im Mittelgebirge auch erreichen kann. Der Akku ist mit 11,7 kWh für ein Motorrad groß dimensioniert. Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal der Energicas liegt jedoch darin, dass die Italiener Platz für einen CCS-Stecker gefunden haben und der Elektronik Gleichstrom-Schnellladen als Fähigkeit mitgaben. Die Eva lädt also mit bis zu 18 kW (DC) an der wachsenden Anzahl von Auto-Schnellladern, was ihren Einsatzradius gegenüber der Konkurrenz deutlich erhöht. Das kommende Modell-Update soll dann 20 kW vertragen. In der Praxis fühlen sich die üblicherweise anfallenden 15 bis 20 Minuten am Schnelllader nicht so schlimm an, wie sie sich für mich in der theoretischen Textform anhörten. An Wechselstrom lädt die Eva einphasig mit maximal 3,6 kW.

Aus dem leidvollen Erfahrungsschatz des Italo-Freundes erwartete ich von Energica auch die üblichen Ausfälle, hauptsächlich der Elektronik, Elektrik und des Tachos. Davon gar nichts, trotz Kleinstserienfertigung. An diesen Motorrädern funktioniert alles auf einem Niveau, dass zunächst nicht auffällt, was fehlt: Fehler. Das bringen auf diesem Niveau wenige kleine Hersteller fertig, das möchte ich besonders loben. Das alles hat jedoch einen hohen Preis: 30.226 Euro für ein Motorrad, das mit Spaß 100 bis 150 km weit fährt, mit Schmerzen vielleicht sogar die 200 km, die Energica für den Eco-Modus als Maximum angibt.

Klingt retrofuturistisch

Cockpit Energica Eva Modell 2017Wir haben in der Eva also ein sehr schweres, teures Spielzeug, das die üblichen Avantgarde-Kunden solcher Dinge finden wird. Sie zeigt aber schon heute, wie elektrische Einspur-Roadster zukünftig fahren könnten.

Es fehlen mir noch Leichtigkeit und Reichweite. Es fehlt mir ansonsten nichts, im Gegenteil würde ich meinen furchig Drehmomentwellen abgebenden Einzylinder sofort gegen einen E-Motor tauschen, wenn ich damit an einem Nachmittag die 350 km meiner Hausrunde fahren könnte. Selbst das dem Motorradfahrer so wichtige Fahrgeräusch schallt aus dem gerade verzahnten Einganggetriebe: Die Eva klingt retrofuturistisch, wie die Autos in TV-Zukunftsvisionen der Siebzigerjahre.

Ähnlich KTMs Freeride lassen Sonder­einsatzgebiete am meisten hoffen auf Kundschaft für so ein Sondereinsatzfahrzeug. Diesen Sommer 2017 wurde erstmalig das Sellajoch jeden Mittwoch von 9 bis 16 Uhr für alle Fahrzeuge außer die Diesel-Shuttlebusse und Elektrofahrzeuge gesperrt. Wir waren da oben also allein mit den Fahrradfahrern, Bussen und einem einsamen Tesla Model X. Mit solchen Erlebnissen könnte Energica durchaus anfangen, Geld zu verdienen, bis billigere Fahrzeuge möglich werden. Ich wünsche es ihnen, und ich wünsche es mir, denn genau solche Motorräder haben den italienischen Fahrzeugbau an ihren besonders warmen Platz in unseren Herzen gebracht.

DATENBLATT Energica Eva

Nummer 5 lebt - Energica Eva Modell 2017

Motor und Antrieb

  • Motorart: Permanenterregter Synchron-Elektromotor, ölgekühlt
  • Leistung: 109 PS / 80 kW bei U/min 6000
  • Drehmoment: 180 Nm
  • Antrieb: Hinterradantrieb über Dichtringkette
  • Getriebe: Gerade verzahntes Einganggetriebe

Fahrwerk

  • Radaufhängung vorn: Upside-Down-Telegabel, 43 mm (Marzocchi)
  • Radaufhängung hinten: Alu-Schwinge mit direkt angelenktem Federbein (Bitubo)
  • Bremsen vorn: 330 mm Doppelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln
  • Bremsen hinten: 240 mm Einzelscheibe mit Zweikolben-Festsattel
  • Reifen: vorn 120/70 ZR17, Reifen: hinten 180/55 ZR17

Maẞe und Gewichte

  • Sitzhöhe: 795 mm, Leergewicht: 280 kg, „Tankinhalt“: 11,7 kWh
  • Fahrleistungen / GARANTIE
  • Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
  • Garantie: 1200 Ladezyklen bis 80 % Akkukapazität plus 3 Jahre oder 50.000 km Fahrzeuggarantie

PREISLISTE (Stand 11/2017)

  • Grundpreis: 30.226 €
  • Schnellladestecker (CCS): 1428 €
  • Öhlins-Gabel: 2618 €
  • Öhlins-Federbein: 856,80 €
  • Schwarz-goldene 
  • Speichenräder (OZ): 2052,75 €
  • Alu-Schmiedefelgen (OZ): 1547 €
  • Höherer Windschild: 291,55 €
  • Softkoffer mit Trägern: 583,10 €
  • Doppel-USB-Stromsteckdose am Cockpit: 143,28 €


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