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Editorial 10/17 – Deutschland im Herbst

Vorwort der Kradblatt-Ausgabe 10/17
von Marcus Lacroix

Deutschland im Herbst (vom Umgang miteinander)

Marcus LacroixMit Erscheinen dieser Ausgabe liegt die Bundestagswahl glücklicherweise endlich hinter uns. Wer politische Diskussionen, speziell online in Kommentarspalten, verfolgt hat, dürfte ob der zunehmend groben Umgangsformen mehr als ein Mal den Kopf geschüttelt haben. Mir ging es zumindest so. Den gleichen Umgangston findet man leider auch bei Themen, die uns Motorradfahrer angehen.

Medial besonders aufgefallen sind mir dabei zwei tödliche Unfälle, bei denen Gaffer filmten statt zu helfen. Ein 50-jähriger LKW-Fahrer stieg am 5.9. auf der A8 aus seinem Fahrzeug und filmte einen sterbenden Motorradfahrer, ein 20–25 Jahre alter Radfahrer tat dies am 17.9. bei einem Unfall auf der B29 und behinderte dabei auch noch die Rettungskräfte. Ich hoffe, die beiden Gaffer bekommen nicht nur Geldstrafen, wie die drei gerade verurteilten Bankkunden (39, 55 und 61 Jahre alt!), die im Automaten-Raum einer Bank im Oktober 2016 über einen am Boden liegenden 83-jährigen gestiegen sind, weil sie dachten es wäre „nur“ ein Penner.

Was mich fast genau so sehr betrübt wie diese völlig empathielosen Menschen sind die Leser, die nach Berichten über solche Vorfälle die Kommentarspalten auf Facebook & Co. fluten. (A)Soziale Medien, die bei vielen offenbar jede Hemmschwelle brechen lassen. Da fordert man für die beiden Gaffer u.a. „Steinbruch in Sibirien“, „Tracht Prügel seines Lebens“, „Kopf auf die Bordsteinkante“, „16 Std. an den Eiern aufhängen“, „den Gaffer beim Sterben filmen“, „Sofort töten dieses kranke Etwas. Aber bitte qualvoll.“ – und das sind nur ein paar Auszüge aus einer einzigen Kommentarspalte!

Sicherlich kocht beim Lesen der Unfallberichte und auch vieler anderer Nachrichtenmeldungen manchmal die Wut in einem hoch, das geht mir persönlich auch so. Aber bevor man die Finger über die Tastatur flitzen lässt oder im richtigen Leben tatsächlich selbst zum Täter wird, sollte doch bei jedem das Gehirn wieder anspringen. Warum tut es das nicht?

Wir beklagen uns über fehlende Zivilcourage, über die Verrohung der Gesellschaft und die Empathielosigkeit unserer Mitmenschen. Manche Verschwörungstheoretiker sehen darin sogar eine gezielte Steuerung von „denen da oben“. Aber wir werden nicht gesteuert, jeder von uns hat es doch selbst in den Fingern oder im Mund. Und in der Gashand oder im Gasfuß, denn auch unser Verhalten im Straßenverkehr ist Teil der Abwärtsspirale.

Wenn es nur „junge Spinner“ wären, die ab und zu mal die Sau rauslassen, könnte man es ja verstehen. Halbstarke waren wir ja selbst mal. Aber schaut man sich die gefilmten „Heldentaten“im Internet an, sind es oft genug Männer (seltener Frauen) und keine Jungs, die wheelender Weise oder in halsbrecherischer Fahrt einen Scheiß auf andere Verkehrsteilnehmer geben und dazu auch noch Bestätigung bekommen. Und im Auto fühlen sich manche noch stärker.

Warum ist das so? Ist euer Leben zu langweilig? Geht es euch hierzulande einfach zu gut? Ist eure Nudel zu klein oder habt ihr Frust im Job? Können wir uns nicht einfach alle mal wieder ein wenig zurücknehmen und nicht immer und überall auf unser echtes oder vermeintliches Recht bestehen? Mag man mich ruhig als naiv oder als Gutmenschen betiteln aber ich denke, dass das Übel der Welt bei jedem einzelnen von uns anfängt. Ändere dich und warte nicht, dass andere anfangen …

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