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Editorial 10/20 – Dinge, die nie wieder kommen …

Vorwort der Kradblatt-Ausgabe 10/20 von Mathias Thomaschek, www.zweirad-online.de

… wie z.B.: Der Kickstarter.

Mathias - Editorial 10/20Unaufhaltsam und schon seit vielen Jahren hat die Motorradgemeinde eine Kulthandlung verloren. Es geht um das Starten eines Motorradmotors. Dieses typische „Grrrr“, wenn der Kickstarter getreten wird und der Motor nicht anspringt. 

Heute sind zum Starten noch genau drei Handgriffe nötig: Schlüssel ins Zündschloss, Schlüssel herumdrehen, Anlasser drücken. Und in 99,95% aller Fälle läuft der Motor dann ab der ersten Kurbelwellenumdrehung anständig.

Jüngeren Bikern oder Spätberufenen ohne historischen Hintergrund sei an dieser Stelle erklärt, dass sich noch vor 35 Jahren an nahezu jedem Motor ein ausklappbarer Hebel befand, den wir Kickstarter nannten. Und der – wie der Name schon sagt– dazu diente, den Motor mittels eines kräftigen Fußtritts zum Leben zu erwecken. Später wurde er mit dem gerade aufkommenden E-Starter gepaart, weil man dem elektrischen Zeug ja noch nicht so recht traute. Gibt es vereinzelt heute noch an Rollern.

Und dieser Startvorgang mit der Kraft der strammen Wade erforderte ein gewisses Ritual, wollte man nicht als Depp vom Dienst auf dem Parkplatz stehen.

Denn im Gegensatz zu heute gab es damals weder Einspritzanlagen noch eine Handvoll Sensoren, die sich über das momentane Wohlbefinden des Triebwerks exakt informierten und an das Zündsteuergerät meldeten, welche Benzinmenge und welcher Zündzeitpunkt dem Triebwerk aktuell genehm wären.Der Vergaser besaß entweder einen Tupfer auf der Schwimmerkammer, mit dem man grob für eine Treibstoffüberschwemmung im Ansaugtrakt sorgen konnte. Oder er hatte einen – manchmal sogar schon ganz vornehm vom Lenker aus bedienbaren – Kaltstarthebel, mittels dessen die angesaugte Luft reduziert und damit das Gemisch eingefettet wurde.

Die Handvoll benötigter Sensoren saß unter dem Helm zwischen den Ohren. Gut, war es der erste Start des Tages und draußen noch ziemlich frisch, dann marschierte die komplette Kavallerie der Kaltstarthilfe. Hatte man dagegen nur kurz an der Tankstelle gestoppt, genügte in der Regel ein kurzer Tritt auf den Kickstarter und das Triebwerk lief wieder. Ganz kritisch wurde es allerdings, wenn man z.B. einen großvolumigen Einzylindermotor heißgefahren am Bikertreff abstellte. Der war nach gut einer Stunde weder richtig heiß, noch schon wieder kalt – sondern irgendwo mittendrin.

Und damit begann das Drama. Zog man jetzt die Kaltstarthilfe, dann produzierte der Motoren mit viel Glück ein paar Fehlzündungen und stank anschließend kräftig nach Benzin aus dem Auspuff. Abgesoffen! Glaubte man aber klüger zu sein und probierte es ohne Kaltstarthilfe, dann mischten sich spätestens nach einer Minute die Kickstartversuche mit Flüchen der derbsten Art. Ganz übel wurde es, wenn irgendwann ein paar Kumpels oder – noch schlimmer – wildfremde Motorradfahrer mit guten Ratschlägen glänzten, bevor sie ein Einsehen hatten und sich als Schiebehilfe anboten.

Welche Erniedrigung! Auf dem Bock kauernd den Kommandos zwischen „mach dich nicht so schwer“ bis „jetzt die Kupplung kommen lassen“ zu lauschen. Passierte das einem am Treff, brauchte man sich dort die nächsten sechs Wochen nicht mehr sehen zu lassen. 

Für die Umstehenden waren solche Ereignisse natürlich immer Quell großer Begeisterung und schneller Wetten. „Wetten, der baut die Kerze raus, weil so wird das nix mehr!“ Und dieses Vergnügen hat uns die Einspritzanlage samt Zündbox und allen anderen elektronischen Helferlein genommen. Wenn heute ein Motor nicht nach der dritten Kurbelwellenumdrehung läuft, dann läuft er auch so schnell nicht mehr. Bis er wieder aus der Werkstatt kommt. Oder Sprit nachgefüllt ist. Oder der Killschalter wieder entriegelt wird. Oder der Seitenständer hochgeklappt. 

Ihr seht schon, ein paar Gelegenheiten gibt es auch heute noch. Bleibt aber alles unspektakulär, weil der Biker, außer mit sich dramatisch verändernder Mimik stur auf den Starterknopf zu drücken, eh nichts machen kann.

Früher – ja früher, da wurden die abgesoffenen Mopeds einfach bei geschlossenem Benzinhahn auf die Seite gekippt, dann sank das Schwimmerkammerniveau. Jetzt begann der Kampf Mensch gegen Maschine mit der Frage: Springt sie an, bevor ich mich mit bunten Kreisen vor den Augen in die Bewusstlosigkeit gekickt habe? Es gibt da tausend Geschichten.

 Zu den tagesaktuellen Geschehnissen rundum Corona äußere ich mich dagegen nicht. Alles, was dann geschrieben werden würde, wäre nicht druckfähig bzw. müsste im Zuge einer richterlichen Entscheidung eingestampft werden. 

Bleibt gesund und oben. Fahrt anständig – die Sommer-Saison ist ja leider schon bald wieder vorbei.


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Ein Kommentar zu :
“Editorial 10/20 – Dinge, die nie wieder kommen …”


  • Ich habe mehrere Motorräder, darunter auch zwei Honda XL500 eigentlich wie ich finde ganz gewönliche gut beherrschbare Fahrzeuge.
    Aber früher als ich etwa 15 Jahre alt war (vor 17 Jahren), war es normal das wir nach der Schule an allem möglichen gebastelt haben und jeder konnte natürlich Enduro fahren und auch antreten oder einen Choke bedienen ,einen Traktor ankurbeln und fahren oder sonst was.
    Wenn ich heute einem 20 Jährigen sage fahr mal mit der XL irgendwo hin stellt die das vor unüberwindbare Hindernisse; kein Kurven ABS,Fahrmodi, wie kein E Starter, was benzinhahn, und dann noch ohne Navi unmöglich.
    Aber ich hab ja gesammelt also eine nummer einfacher also meine alte 125er von mir früher rausgeholt ,
    Honda XR125l mit E Starter und wie ich finde allem was eine 125er braucht.😀
    Ich bin damit 60 000Km gefahren erster Motor nie was gewesen also sollte ein heutiger 16 Jähriger damit doch damit umgehen können ,aber falsch gedacht :
    wie soll ich denn mein Smartphone damit bitteschön verbinden,
    Choke und Benzinhahn als Wegfahrsperre
    also die XR wieder in die Halle und daraus gelernt ich bin doch alt geworden und bestimmte Dinge werden bestimmt nicht mehr wiederkommen und dazu gehört definitiv der Kickstarter.