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Editorial 08/20 – Drucksache, Demos & Demokratie …

Vorwort der Kradblatt-Ausgabe 8/20 von Marcus Lacroix

… was Motorradfahrer auf die Palme bringt.

Demo in Oldenburg, Juli 2020
Leider Regen bei der Demo in Oldenburg am 4. Juli 2020

Zugegeben, das Wetter war im Norden am 4. Juli echt kacke. Aber trotzdem waren wir viele – nicht nur in Oldenburg, wo ich mit rund 1.200 Motorradfahrer/innen im Regen stand, sondern auch im Rest der Republik. 5.000 in Papenburg, über 1.000 in Hamburg und Schwerin, 5.000 in Dresden, jeweils 8.000 in Düsseldorf und Karlsruhe (im Süden war das Wetter besser), 10.000 trotz (oder wegen) kurzfristig verbotener Demo in München, 10.000 in Stuttgart und auch in weiteren Städten trafen sich hunderte Biker zu Demonstrationen. Am Wochenende darauf waren es 16.500 in Leipzig, danach 6.000 in Nürnberg. Die Petition gegen Fahrverbote liegt zu Druckschluss bei über 204.000 Unterzeichnenden, das Thema wird online nach wie vor heiß und emotional diskutiert.

Alle klopfen sich gegenseitig fleißig auf die Schultern – entweder weil alles gut und ruhig gelaufen ist (als ob nicht zu randalieren eine tolle Leistung wäre) oder weil man, wie in München, es „denen da oben“ mal so richtig gezeigt hat (oder zumindest das Gefühl hat). So weit, so gut – Präsenz haben wir gezeigt …

Demonstrationen und Demokratie gehören zusammen – jeder kann für oder gegen quasi alles demonstrieren und das ist auch gut so. In einem Staat, in dem das nicht geht, möchte sicher niemand von uns leben. Aber wie geht es jetzt weiter und vor allem worum ging bzw. geht es denn überhaupt bei den Protesten? Fragt man Motorradfahrer heißt es meist: „Wir demonstrieren gegen Sonntags-Fahrverbote“, und fragt man Außenstehende sagen die: „Die demonstrieren für Motorradlärm“. 

Sonntags-Fahrverbote, wie sie von vielen Demonstranten als flächendeckende Maßnahme verstanden werden, waren und sind aber ja gar nicht im Gespräch. Weder in der vielzitierten und vermutlich wenig gelesenen Entschließung des Bundesrates (hier als pdf) Drucksache 125/20 vom 15. Mai 2020 noch in den Forderungen der, von manchen als unser Feindbild Nummer 1 dargestellten, Initiative Silent Rider e.V. 

Dass wir Motorradfahrer/innen nicht für ein Recht demonstrieren, Lärm verursachen zu dürfen, müsste auch dem ignorantesten Lokalschreiber oder Onlineredakteur plausibel sein – mit entsprechenden Schlagzeilen ködert man aber offenbar leider mehr Leser und so sahen manche Artikel nach den Demos dann auch aus. Journalistisch betrachtet ganz sicher keine Meisterleistung. 

Hier fällt uns die fehlende Koordination der Demos auf die Füße. Um auf Missstände aufmerksam zu machen, muss man diese auch benennen. Da reichen die Rednerbeiträge auf der LKW-Pritsche nicht aus, die mangels weitreichender PA und teilweise ermüdender Belanglosigkeit bisweilen nicht mal von den Demonstranten verfolgt wurden. Und ein kilometerlanger Motorrad-Korso durch Stadt und Gemeinde sieht ohne vor- und nachbereitende Kommunikation allenfalls nach Clubausfahrt-XXL aus. In diesem Bereich tut sich allerdings was: neben den bestehenden Verbänden, die angesichts der Dynamik etwas überrollt wirkten, ist ein Verein namens MOTO e.V. in Gründung (siehe Facebook + www.motoev.de). Der Kontakt zu den Medien, zur Politik und den Menschen vor Ort ist wichtig, wenn wir gehört werden wollen. Motorradfahrer sind trotz der teilnehmerstarken Demos eine Minderheit im Land. 4,5 Millionen Zulassungen sind nämlich bei weitem nicht 4,5 Millionen Wähler/Bürger!

Wir werden uns als Motorradfahrer/innen dem Problem der Lärmbelästigung durch uns stellen müssen, wenn wir weiter überall Motorrad fahren wollen. Wir müssen Wege für ein Miteinander finden, einen gangbaren Weg für uns Fahrende, wie für die betroffenen Gemeinden und Hotspots. Hier im Norden sind die Pro­bleme überschaubar, in den Mittelgebirgen geht es aber schon los. Einen Teil der Lösung haben wir selbst in der (Gas-)Hand.

Die Positionen von Bundesrat und Silent Rider sind im Kern gar nicht so verkehrt, wenn man sich mal die Mühe macht sie zu lesen. Technisch ist nicht alles umsetzbar, mehr Kontrollen und konsequente Stilllegungen vor Ort könnten aber abschreckend wirken. Lärmdisplays bringen nachweislich auch eine Verbesserung. Und wie wäre es, den § 30 (1) der STVO „Unnützes Hin- und Herfahren ist innerhalb geschlossener Ortschaften verboten, wenn andere dadurch belästigt werden“ auf außerorts zu erweitern? Kontrollmöglichkeiten gibt es zu genüge und mit einer Halterhaftung kriegt man auch die Richtigen ran. Und ich will von Herstellerseite optional einen leisen Auspuff angeboten bekommen. Ein Zubehörmarkt dafür entwickelt sich ja auch schon (Fa. Hattech für BMW) …

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