MV Agusta F3 675 Modell 2012 Auspuff

Editorial 07/20 – Für den einen ist es Lärm …

Vorwort der Kradblatt-Ausgabe 7/20 von Klaus Janßen (Kradblatt-Leser)

… für den anderen ist es nur ein Geräusch.

MV Agusta F3 675 Modell 2012 AuspuffFrüher hatte jedes Motorrad seinen unverwechselbaren eigenen Klang. Man konnte eine Ducati 900SS, Moto Guzzi V7, Harley-Davidson Sportster, Norton Commando, Triumph Bonneville, BSA Gold Star, BMW R 90 S, Yamaha YS 650, Honda 750 Four schon am Klang erkennen. Es hieß ,,Der schönste Ton kommt aus einer Norton“. Für mich klingt der Tiefe Ton eines Ein- oder Zweizylinder Viertakt Motors auch angenehmer, als ein hochdrehender Drei- oder Vierzylinder.Bei den Zweitaktmotoren schießen wohl die Dreizylinder Kawa KH und der Suzuki GT Wasserbüffel den Vogel ab. Der Klang ist nicht schön, aber für Motorradfans einfach ergreifend. So etwas schrecklich Schönes gibt es heutzutage einfach nicht mehr. Ich freue mich jeden Morgen da­rüber, wenn ein Nachbar mit seiner BMW R NineT an meinem Schlafzimmerfenster vorbeifährt. Das ist ein schöner sonorer Klang und ich weiß dann, nun muss ich mich beeilen, um zur Arbeit zu kommen.

In einer für uns Motorradfahrer zunehmend intoleranteren Welt von Abgas- und Dezibel-Beschränkungen, Streckensperrungen und Nachtfahrverboten wird es zunehmend schwieriger unserer Leidenschaft zu frönen. 

In einem Moment engagieren sich Leute gegen Motorradlärm und im nächsten steigen diese dann in ein Flugzeug, um auf Geschäftsreise oder in den Urlaub zu fliegen. Motorräder machen Geräusche, genauso wie das Flugzeug oder der Bus, die Bahn, die Touristen und Urlauber ans ferne Ziel bringen, das Auto, der LKW, der unsere Waren in die Geschäfte und Fabriken befördert. Die Baumaschinen, Werkzeuge Gartengeräte und vieles mehr verursachen Geräusche in unserem täglichen Leben. Auch wir Motorradfahrer müssen so tolerant sein und die Geräusche der anderen akzeptieren. Das gehört zu einer demokratischen und toleranten Gesellschaft. Heute müssen Fahrzeuge und Maschinen nicht mehr so laut sein, wie zu Beginn des Industriezeitalters. Dennoch sind viele neue Motorräder gefährlich leise geworden. Fast schon wie Rockmusik ohne Ton.

Wenn so eine neuzeitliche Fahrmaschine von hinten herannaht und mich dann überholt erschrecke ich mich manchmal, weil ich diese nicht herankommen gehört habe und erst spät im Spiegel ausmachen konnte. Früher ist niemand über die Straße gelaufen, wenn er ein Motorrad herannahen hörte. Heutzutage torft einem jeder Dösbaddel mit iPhone und Kopfhörer ausgerüstet und mit gesenktem Blick vors Moped. Da hilft auch keine Hupe, da ist dann wieder sehr viel Toleranz gefordert.

Die zunehmende Intoleranz in der Politik und bei einigen Teilen der Gesellschaft in Bezug auf Straßenverkehr und Fahrzeuge, macht es der Industrie und uns als Nutzern immer unmöglicher solche Produkte zu vermarkten bzw. zu nutzen. Die Folge wird ein Rückzug von den Märkten sein. Das wird in Zukunft viele tausend Arbeitsplätze kosten. Die kommende Generation ist nicht zu beneiden, wenn es darum geht die sozialen Folgen der kommenden Zeit zu lösen.  

Ich kann mit meinem alten Motorrad das Drehzahlband nicht ganz ausreizen und den Gang etwas früher raufzuschalten, um so etwas geräuschärmer unterwegs zu sein. Auf das Motorradfahren möchte ich aber nicht verzichten. Ich hoffe, dass es der nachfolgenden jungen Generation auch noch möglich sein wird die Faszination des Motorradfahrens erleben zu dürfen. Es ist aber auch ein Umdenken im Verhalten der jüngeren Generation zu erkennen.

Viele wollen gar kein eigenes Fahrzeug mehr besitzen, was unsere Generation als Freiheit auf Rädern wahrgenommen hat, ist für diese Generation nur eine Belastung und ein Kostenfaktor. Manche von ihnen machen nicht einmal mehr einen Führerschein. Das Bus- und Bahnfahren, Reisen mit dem Flieger, Mietwagen und das gute alte Fahrrad drohen dem eigenen Kraftfahrzeug den Rang abzulaufen. Das Durchschnittsalter der Motorradfahrer ist von damals 19 Jahren auf heutzutage fast 50 Jahre angestiegen, was darauf schließen lässt, dass nicht mehr so viele junge Fahrer nachkommen.

Wenn die heutige Motorradfahrergeneration, zu der ich auch gehöre, gegangen ist und der Nachwuchs ausbleibt, wird die Motorradindustrie, die Händler und Werkstätten, aber auch die Gastronomie in den kurvenreichen entlegenen Winkeln unserer Republik, es schwer haben zu überleben. Dann wird es wohl oder übel leiser auf den Straßen werden. 

Aber es gibt ja auch immer wieder Ausnahmen, die schon im Teenageralter mit dem Motorradbazillus infiziert wurden und mit einem Mofa, Mokick oder so gar schon Motorrad auf einem Acker rumtoben. Das lässt darauf hoffen, dass es noch weitergeht.

Ein kleiner Aufruf in eigener Sache …
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