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Ducati Supersport, Modell 2017

aus Kradblatt 6/17
von Martin Menzel, #Rennleitung110

Alltagstauglicher Sportler mit emotionalem Design

Die ab 12.990 € erhältliche Ducati Supersport mit 110 PS starken V2 Motor soll die Klasse der alltagstauglichen Sportmotorräder wiederbeleben und sich als Partner für jeden Tag anbieten. Neben guter Ergonomie und einfacher Bedienbarkeit soll dies besonders durch Ducati-typische Tugenden wie emotionales Design und einer Vielzahl an Individualisierungs-Möglichkeiten gelingen. Standesgemäß wurde die Supersport auf kurviger Landstraße und Rennstrecke getestet.

Dieser Test war schon im Vorfeld etwas besonderes für mich – ein Heimspiel im weiteren Sinne, denn schon die alte Supersport faszinierte mich wegen ihrer Ausrichtung. V2 mit großen Hubraum (ja, damals waren 904 ccm noch ein verdammt großes Brot), wenig Leistung (75 PS) aber mit 80 Nm viel Drehmoment. Deshalb entschied ich mich vor über 10 Jahren für den Kauf einer Ducati Supersport SS i.e. 900. Und das als erstes eigenes Motorrad und zu einer Zeit, in der der Freundeskreis auf Suzuki GS 500 oder Honda CBR 600F unterwegs war. Bereut habe ich diese Entscheidung nie. Ganz im Gegenteil! Viele Motorräder kamen und gingen danach. Nur eine blieb: Die SS steht bis heute in meiner Garage und bereitet mir nach wie vor mit jedem Kilometer viel Freude.

Die klassische Kategorie der Alltagssportler schien lange Zeit ausgestorben (spätestens seitdem Honda die VFR 800 eingestellt hat). Diese Lücke belegt Ducati nun mit der neuen Supersport. Ein Motorrad, das sportlich genug für die Rennstrecke ist und gleichzeitig auch auf langen Tagesetappen Freude macht, ohne den Fahrer zu überfordern, stand im Lastenheft. Als Ergebnis der Entwicklung kann der Käufer aus „Supersport“ und „Supersport S“ wählen, jeweils durch viele Pakete und Zubehör mit reichlich Individualisierung aufwertbar.

Das Design ist an die aktuellen Sportler aus Bologna angelehnt. Um das Überholprestige der Panigale Modelle nicht zu gefährden, verfügt die Neue jedoch über ein eigenständiges Design des Frontscheinwerfers, ohne das typische Ducati- Sportgesicht dabei zu vernachlässigen.

Die Verkleidung, der nur als vollverschalt erhältlichen Supersport (bei der alten Supersport gab es neben der vollverkleideten Carenata Variante noch die halbverkleidete Nuda), lässt noch Blicke auf den Motor zu, versteckt jedoch erfolgreich ihre Schrauben.

In der Lackiererei des Ducati-Werkes ist Individualisierung hingegen noch ein Fremdwort. Bei der Standardversion ist die Kombination aus Lacksatz, Rahmen und Felgen immer Rot/Rot/Schwarz, bei der S Version kann zusätzlich die Kombination Weiß/Rot/Rot gewählt werden.

Die Supersport verfügt nicht über das extreme Konzept der Panigale Baureihe. Der aus der Multistrada und Monster bekannte Motor sitzt in einem Gitterrohrrahmen und ist mittragend konzipiert. Ein altbewährtes und bei niedrigem Gewicht für Stabilität sorgendes Konzept. Auch viele andere Komponenten kennen wir aus dem Ducati Baukasten.

Der 937 ccm Motor arbeitet in abgewandelter Form auch in Multistrada, Hypermotard und Monster. Die Supersport verfügt neben anderen Zylinderköpfen und Kurbelgehäuse unter anderem über ein verstärktes Getriebe, um auch die  Belastung auf der Rennstrecke zu verkraften. Die Motorleistung beträgt 110 PS, das maximale Drehmonent 97 Nm.

Die Motorcharakteristik ist nicht auf Spitzenleistung, sondern auf Fahrbarkeit ausgelegt. 80 % des Drehmoments liegen bereits bei 3.000 U/min an, die Leistungsabgabe ist sehr homogen, ohne Spitzen oder Einbrüche. Die gute Fahrbarkeit wird durch eine Anti-Hopping-Kupplung unterstützt. Ein Stempeln des Hinterrades beim hastigen Herunterschalten wird so verhindert.

Das Motorrad kann in Standard und S-Version bestellt werden. Für den Mehrpreis von rund 1.600 € bekommt der Käufer eine voll einstellbare Öhlins Gabel an der Front (Standard: Marzocchi, voll einstellbar) sowie ein ebenso voll einstellbares Öhlins Federbein (Standard: Sachs, nur Zugstufe und Vorspannung einstellbar). Weiterhin verfügt die S-Version über eine Sitzbankabdeckung für den Sozius-Platz und einen Quickshifter, der das Hoch- und Herunterschalten ohne Kuppeln ermöglicht. Quickshifter (+214,20 €) und Sitzbankabdeckung (+189,21 €) sind für die normale Variante als Option erhältlich.

An Elektronik hat die Supersport alles an Bord, was im Jahr 2017 State of the Art ist. Der Fahrer kann zwischen den Fahrmodi „Sport“, „Touring“ und „Urban“ wählen, die Einstellung verändert jeweils das Ansprechverhalten des Motors. Im Modus „Urban“ wird auch die Leistung auf 75 PS reduziert. Auf der Sicherheitsseite verfügt die Supersport über das Ducati Safety Pack – ABS und Traktionskontrolle sind mehrstufig einstellbar. Wheeliekontrolle und Kurven-ABS sind nicht verfügbar. Weitere Ausstattungsdetails sind LED-Tagfahrlicht (abschaltbar), eine USB-Dose zum Laden von Geräten und die Vorbereitung für das Ducati Multimedia System (DMS), bei dem mittels optionalen Bluetoooth-Adapter Mobilfunkoptionen genutzt werden können.

Die Bedienung erfolgt mittels neu designeten Lenkerschaltern und ist nicht sehr intuitiv. Nach Eingewöhnung klappt das Wechseln der Fahrmodi und Einstellen des ABS jedoch gut. Das LCD-Cockpit selber bietet alles, was man braucht. Tank- und Ganganzeige, Außentemperatur und Verbrauch, alles kann abgerufen werden. Perfekt!

Einfaches Handling, gute Ergonomie, einfache Bedienbarkeit. Was einfach klingt, ist in der Praxis schwer umzusetzen. Die Fähigkeiten der Supersport (ohne S) konnten auf rund 140 Kilometern Landstraße erster bis fünfter Ordnung im „spanischen Landstraßen-Tempo“ erfahren werden (Anmerk. d. Red.: d.h., manche Fahrer sind auf der Rennstrecke auch nicht schneller …).
Als erstes fällt die bequeme Sitzposition auf. Sportlich nach vorne gebeugt aber nicht zu extrem, sitzt der Fahrer mit angenehmem Kniewinkel und kann sich über den guten Windschutz der verstellbaren Scheibe freuen (höhere Touringscheibe für 153 € erhältlich). Die Kupplung ist sehr leichtgängig, auch wenn ich mir einen verstellbaren Kupplungshebel gewünscht hätte. Das Getriebe schaltet direkt, allzu zaghaft sollte man allerdings nicht sein, sonst erwischt man schnell einen „Zwischen-Leerlauf“.

Fahrwerk und Motor zeigen sich auffallend unauffällig. Vorbei sind Ducati-typische Kapriolen wie bockhartes Fahrwerk oder schüttelnde Motoren. Willig nimmt der Motor ab 2.000 U/min Gas an und dreht homogen bis 10.000 U/min. Ideal hält man den Motor mit einer „5 vor dem Komma“ bei Laune und genießt das Drehmoment. Apropos genießen – der Auspuffklang ist trotz EURO IV Einstufung typisch Ducati.  Das Fahrwerk ist straff, zugleich jedoch komfortabel – sehr gelungen, Ducati!

Gibt es was zu meckern? Ja! Die Bremse ist für meinen Geschmack an der Front zu weich und am Heck zu digital und gefühllos. Beides bessert sich jedoch bei warmer Anlage, die Wirkung der Bremse ist trotzdem sehr gut. Auch hier ist zu merken, dass das Motorrad für einen breiten Bereich von Motorradfahrern sicher funktionieren soll. Die zweite Meckerei gilt dem Klang des Motors – im Unterschied zum Auspuff klingt dieser bei niedrigen Drehzahlen mechanisch – fast so, als versuche er das Rasseln alter Trockenkupplungen als typisches Ducati-Merkmal zu kopieren, aber ohne Erfolg. Der am einfachsten zu behebende Mangel ist der nicht einstellbare Kupplungshebel. Das erwarte ich in der Preisklasse einfach.

Mit spitzer Zunge kann man behaupten, dass der Supersport Emotion fehlt. Ich jedoch behaupte, dass genau diese Emotion durch das reine Fahrerlebnis ausgeglichen wird. Schnelle, intensive Fahrerlebnisse sind mit der Supersport auch auf lange Zeit ermüdungsfrei möglich. Die Serienbereifung Pirelli Diablo Rosso III, an der Front in klassischer 120-70/17 Größe und am Heck mit handlicher 180-55/17er Bereifung, bietet guten Grip und ein tolles Gefühl für die Straße – auch bei niedrigen Temperaturen unter 10 Grad.

Szenenwechsel –  demontierte Spiegel und Blinker, kein Kennzeichen und optionaler Akraprovič-Auspuff. Die brave Supersport wirkt auf einmal positiv aggressiv. Voller Spannung geht es in den ersten Turn. Die Rahmenbedingungen: 17 Grad, trockener Asphalt und die Akra mit montierten DB-Eatern. Was sofort gefällt: das Motorrad passt. Schon die ersten Meter auf dem unbekannten Kurs machen Spaß!

Spielerisch lässt sich die Maschine in Schräglage werfen. Die Öhlins Federelemente geben tolle Rückmeldung und die Bremse ist bereits nach der ersten Kurve erwärmt und bietet ein tolles Feedback. Alles in allem ein tolles Racebike? Ganz klar – ja!

Der Sportmodus sorgt in Kombination mit dem Akraprovič (+1131,46 €) für eine bissige und direkte Gasannahme. Niemals kommt das Gefühl auf, untermotorisiert zu sein. Der Schaltautomat arbeitet intuitiv und unterstützt das schnelle Fahren maßgeblich. Spätestens bei 10.000 U/min mahnen rote LEDs im Cockpit zum Hochschalten in den nächsten Gang. Die Traktionskontrolle regelt zuverlässig – das ABS lässt harte, kontrollierbare Bremsmanöver zu. Das ist wichtig, schließlich soll das Bike auch Anfängern sichere und schnelle Turns ermöglichen. Unterstützend kommt auch hier die bequeme Sitzposition mit dem guten Windschutz zum Tragen – schließlich soll die volle Konzentration auf dem Streckenverlauf liegen.

Kritik? Doch auch hier ein wenig. Auf der Rennstrecke stimmte die Linie nicht immer. Zum einen ist das Öhlins Fahrwerk für meinen Geschmack für die Rennstrecke etwas zu weich ausgelegt, hier sollte auf jeden Fall etwas nachjustiert werden, um ein straffes Feedback zu erhalten. Ebenso sind die Reifen für den harten Renneinsatz ungeeignet. Klar – vorrangig soll der Rosso III auf der Straße funktionieren, dort sind Dreck, Wasser und niedrige Temperaturen die Herausforderung. Auf der Rennstrecke ist der Reifen schlichtweg überfordert. Nach ein paar schnellen Runden schmiert der Reifen, die Traktionskontrolle ist im Dauereinsatz. Abhilfe schafft hier ein Satz Reifen mit sportlicherer Ausrichtung, dann natürlich mit Abstrichen bei der Straßen-Performance.

Fazit Rennstrecke: Die Supersport S ist tolles Racebike für den Hobbysportler, für ambitionierte Sportler sind andere Reifen zu empfehlen. Tipp – unbedingt die S Variante nehmen!

12.990 € kostet die Ducati Supersport, mindestens 14.590 € die Supersport S – zuzüglich Nebenkosten, ohne Zubehör. Was erhält man dafür? Ein Motorrad, das sportlich-schnelles Fahren sehr einfach macht. Frei von Besonderheiten und Schwierigkeiten kann jeder Mann oder Frau mit der Supersport Ducati Feeling erleben. Was ist das besondere an der Supersport? Ganz ehrlich. Eigentlich nichts. Und das macht den Reiz aus.

Das Motorrad hat keine wirklichen Schwächen. Es funktioniert auf der Geraden, in der Kurve, auf schlechten Straßen oder auch auf langen Etappen super. Weder Motor noch Bremse noch Fahrwerk erfordern eine kundige Hand. Dies ermöglicht die Fokussierung auf das Wesentliche. Den Spaß am Fahren. Darüber hinaus taugt die Supersport auch für die sportliche Hatz auf der Rennstrecke. Ganz ehrlich – der Großteil von uns wird das Potential dieses potenten V2 niemals auskosten. Für das gesparte Geld im Vergleich zu einem Hypersportler kann man schon viele Turns buchen. Außerdem kann sich der Käufer der neuen Supersport sicher sein, ein Motorrad zu fahren, das aktuell ohne Konkurrenz ist.

Fazit: Kaufempfehlung für Sportfahrer, die keine 200 PS benötigen sondern einfach Fahrspaß genießen wollen. Kaufempfehlung auch für Sportfahrer, die noch einen Alltagssportler als Zweitmotorrad suchen. Und die dritte Kaufempfehlung gilt für diejenigen, die sportlich auch mehr als 200 km ohne Rückenschmerzen zurücklegen wollen. Keine Kaufempfehlung für Sportverrückte und PS Fetischisten, sowie für Käufer die chronisch Pleite sind.

Technische Daten Ducati Supersport 2017

  • Motor: 2 Zylinder 90 Grad V Motor, 937 ccm, Euro IV Abgasnorm
  • Leistung: 110 PS bei 9.000 u/min, 97 NM bei 6.500 u/min
  • Getriebe: 6 Gang, mit Quick Shift Funktion (nur Supersport S)
  • Kupplung: Seilzugbetätigt, im Ölbad mit Anti Hopping Funktion
  • Rahmen: Stahl-Gitterrohrrahmen, Heck geschraubt, Motor mittragend
  • Federung vorn: Upside down Gabel, voll einstellbar
  • Supersport: 41mm Marzocchi, Supersport S: 48mm Öhlins
  • Federung hinten: Mono Federbein
  • Supersport: Sachs, in Zugstufe und Vorspannung verstellbar
  • Supersport S: Öhlins, voll einstellbar
  • Bremse vorn: 320 mm Doppelscheibe, Brembo M4.32 4 Kolben Radialsättel
  • Brembo PR 19 Radialbremspumpe
  • Bremse hinten: 245mm Einzelscheibe, Doppelkolbensattel
  • Bereifung: vorne 120 70 / 17 auf 3,5 Zoll Felge hinten 180 55 / 17 auf 5,5 Zoll Felge
  • Gewicht: 184 KG trocken, 210 KG fahrfertig, 410 kg zulässiges Gesamtgewicht
  • Sitzhöhe: 810 mm
  • Radstand: 1478 mm
  • Tankinhalt: 16 Liter
  • Elektronik: 3 anpassbare Riding Modes (Urban, Touring, Sport),
  • mehrstufiges ABS und Traktionskontrolle
  • Sonstiges: LED Tagfahrlicht mit automatischer Schaltung (DRL), Quickshifter up/dwon (nur S Version), Vorbereitung für Diebstahlsicherung und DMS (Ducati Multimedia System)
  • Wartung: 15.000 KM / 12 Monate, Desmo Service 30.000 KM
  • Garantie: 2 Jahre, unbegrenzt
  • Sport-Paket: Vorderer Kotflügel Carbon, Carbon Tankabdeckung, Brems- /       Kupplungshebel mit Klappgelenk, gefräste Abdeckkappen für Bremsflüssigkeitsbehälter
  • Touring-Paket: (ab Mitte 2017): zwei halbfeste Seitentaschen (44 Liter), Touringscheibe, Heizgriffe
  • Urban-Paket (+494,22 €): Alarmanlage, Tankrucksack, Fußrasten vorne / hinten gummiert
  • Alle Pakete für Supersport und Supersport S erhältlich
  • Preis: 12.990 €  Ducati Supersport, 14.590 € Supersport S (zzgl. Nebenkosten)


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