Ducati ST 4

Ducati ST4

aus bma 3/99

von Marcus Lacroix

Ducati baut hübsche Motorräder, keine Frage, doch so richtig begeistern konnte ich michDucati ST 4 noch nie für die feurigen Italiener. OK, ich hatte in diesem Leben noch kein Motorrad aus Bologna gefahren, geschweige denn besessen, doch Vorurteile kann man schließlich auch ohne eine solche Erfahrung fällen. Schließlich hört und liest man so allerhand. „Ducatis sind einfach zu kompromißlos sportlich und für den öffentlichen Straßenverkehr nur bedingt tauglich. Auf der Rennstrecke feiern sie Erfolge, und da gehören sie auch hin. Außerdem sind sie zu teuer in Anschaffung und Unterhalt und – typisch italienisch – wenig wartungsfreundlich.” Warum sollte ich also eine ausprobieren, das Urteil stand doch eh schon fest.

Mein Chef sah die Sache etwas anders, und so konnte ich mich vor dem Auftrag, einen Fahrbericht über die neue Ducati ST 4 zu verfassen, nicht drücken. Na schön. Fuhr ich halt zu Bernd Lohrig in Syke und holte mir eine ST 4 ab. Nagelneu, frisch aus dem Laden, nicht mal eingefahren. Das konnte ja lustig werden. Übrigens wäre es sehr schön, wenn ich mit meinem Bericht über die italienischen Diva nicht allein wäre und mir Liebhaber oder Fans der Ducati Motorräder beim Schreiben behilflich sein würden. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass Erfahrungen, Test- und Fahrberichte so manchem Motorradfan eine wirkungsvolle Hilfestellung bei der endgültigen Kaufentscheidung geben könnten. Bitte kommentiert diesen und andere Artikel am Ende der Seite…

Ducati ST 4Gut sieht sie sie ja aus, die ST 4. Das dunkelblaue Kleid wirkt elegant, auch wenn Ducatis doch eigentlich rot sein müssen. Als Designer sind die Italiener aber ja eh nicht zu schlagen. Ich schob sie vom Ständer und… ups, das Teil hat tatsächlich einen Hauptständer! Na, vielleicht ist sie ja doch nicht so sportlich wie befürchtet. Sportler haben schließlich keine Hauptständer. Die erste Sitzprobe relativiert die Annahme ein wenig. Hintern und Füße finden sehr tourergerechte Ablageflächen vor, die Arme müssen sich ein klein wenig mehr strecken. Die Lenkerstummel hätten vielleicht ein wenig höher sein können, unbequem ist die Sitzposition aber auf keinen Fall. Vor allem der gute Knieschluß zum Tank gefällt, denn die Beine werden nicht übermäßig gespreizt, und auch der Sozius kann sich über einen unerwartet guten Sitzplatz freuen.

 

Ein kurzer Druck auf das Anlasserknöpfchen und der V2 bollert los. Der lenkerfeste Chokehebel muß nicht lange gezogen bleiben, nach wenigen hundert Metern kommt die Einspritzelektronik auch ohne seine Unterstützung klar. Die Soundkulisse, die die Ducati nun verbreitet, dürfte wohl jeden Motorradfan faszinieren. Auspuffseitig grollt der Motor in einer Weise, die man bei den heutigen Geräuschvorschriften gar nicht erwarten würde, und auch die mechanischen Geräusche unter dem Tank bestätigen eindrucksvoll: „sie läuft”.
So langsam kommt doch etwas Vorfreude auf die nächsten Tage auf, die ich mit der ST 4 verbringen werde. Kupplung gezogen, ersten Gang eingelegt und schon rolle ich mit leicht erhöhtem Standgas vom Hof. Es versteht sich von selbst, daß ich mich auf den ersten Kilometern mit der Gashand etwas zurückhalte, denn wer mag schon einen nicht eingefahrenen Motor quälen. Die regennassen Straßen erleichtern die Entscheidung zur Mäßigung und so konzentriere ich mich zunächst auf das Drumherum an dem Sporttourer.
Das aufgeräumte Cockpit bietet dem Fahrer alle nötigen Informationen. In einem großflächigen LCD-Display werden Tankinhalt, Kühlmitteltemperatur und Uhrzeit angezeigt. Die Schaltereinheiten und Hebel liegen gut in der Hand, auch wenn beim Kupplungshebel auf eine Einstellvorrichtung verzichtet wurde. Die Spiegel bieten gute Sicht nach hinten und die Verkleidung schützt den Fahrer wirkungsvoll vor unnötig hohem Winddruck. Unangenehme Verwirbelungen entstehen dabei glücklicherweise nicht. Die Wetterschutzfunktion ist bei der schmalen Silhouette der Verkleidung natürlich eher gering.
Sportlichkeit ist auch beim Fahrwerk angesagt. Das bedeutet nicht, daß die Ducati unerträglich hart wäre. Sie ist zwar keine Sänfte, die den Fahrer über jede Bodenwelle hinwegschweben läßt, bietet aber auch für lange Touren einen passablen Komfort. Die Federelemente sprechen sensibel auf Fahrbahnunebenheiten an, und das Fahrwerk begeistert mit einer hervorragenden Stabilität. Absolut zielgenau läßt sich die ST 4 durch Kurven aller Art zirkeln, wirkt dabei nie nervös und läuft auch bei hohen Geschwindigkeiten sauber geradeaus. Vorder- und Hinterhand der Ducati lassen sich bei Bedarf in Federvorspannung, Zug- und Druckstufendämpfung den jeweiligen Erfordernissen anpassen.
Ducati ST 4Leider war mir der Wettergott während der Probefahrttage nicht gerade wohlgesonnen. Mein Angebot, ihm einen Hinterradreifen zu opfern, schlug er aus und bedachte mich statt dessen weiterhin mit nassen Straßen und heftigen Orkanböen. An einem Nachmittag paßte er allerdings kurz nicht auf und ermöglichte mir so rund 100 Kilometer fröhliches Blasen auf trockenem Asphalt. Nun zeigte die Ducati ST 4 ihr wahres Gesicht. Gut, sie ist ein Sporttourer, aber die Betonung liegt eindeutig auf Sport. Die Maschine bereitet einen Heidenspaß, wenn man sie nur zügig laufen läßt. Bummeltempo ist prinzipiell zwar möglich, doch der 916ccm-Vierventiler lebt von höheren Drehzahlen. Unterhalb von 3.000 U/min ruckelt er unwillig, bis 4.000 U/min bemüht er sich und ab 5.000 U/min liefert er satte Leistung und einen runden Motorlauf. 107 PS gibt Ducati als Nennleistung an, die bei 9.000 U/min anliegen sollen. 245 Stundenkilometer erreicht die ST 4 laut Prospekt damit. Ausprobiert habe ich es allerdings nicht, schließlich handelte es sich um eine neue Maschine und Autobahnbolzerei bringt eh nur wenig Spaß. Lediglich das Autobahnkreuz Oldenburg Ost ließ mich nicht wieder los und so durcheilte ich es sechmal in genußvoller Schräglage, bevor ich den Ausgang fand. Die hohe Leistung sorgt aber auch auf der Landstraße für ein beruhigendes Gefühl der Überlegenheit. Überholmanöver bereiten einfach mehr Spaß, wenn man über ausreichend Dampf verfügt. Auf feuchten Fahrbahnen neigt der Metzeler ME Z4 dabei allerdings zum Durchdrehen. Der Adrenalinstoß war vorprogrammiert und half nicht gerade dabei, Vertrauen in die Gummis aufzubauen. Auf trockener Straße ließen die ME Z4 allerdings keine Zweifel an ihrer Haftfähigkeit aufkommen.
Ducati ST 4Während sich das Getriebe der ST 4 gut schalten läßt, nervt vor allem innerorts die hohe Bedienkraft der hydraulisch betätigten Kupplung. Stop and go vor Ampeln sorgt so für ein ungewolltes Unterarmtraining. Offenbar verfügen Italiener auch über eine ausgeprägte Muskulatur im rechten Arm, denn die ansonsten gut funktionierende Vorderradbremse könnte mit etwas weniger Handkraft auskommen.
Nach weiteren Kritikpunkten suchte ich zunächst vergebens und genoß statt dessen den gebotenen Fahrspaß in vollen Zügen. Der nächste Halt sorgte dann für die Ernüchterung. Der Seitenständer der ST 4 klappt federbelastet selbsttätig ein, wenn die Maschine ein wenig aus der Schräglage gebracht wird. Ich weiß nicht genau wie es geschah – wahrscheinlich hatte ich den Ständer nicht ganz ausgeklappt – auf jeden Fall neigte sich das Schmuckstück plötzlich der Erde entgegen. Meine begrenzten Körperkräfte stemmten sich gegen die rund 235 fahrfertigen Kilogramm und verhinderten den Bodenkontakt. Da ich mich dabei wohl auch an der Verkleidungsscheibe abstützte, sagte diese leise „knack” und entledigte sich einer Ecke.
Während ich in der heimischen Garage die Ecke mit Tesafilm anflickte, kam mir mein Vorurteil über die Wartungsunfreundlichkeit wieder in den Sinn. Ich packte also das spärliche Bordwerkzeug aus und machte mich auf die Suche nach der Batterie. Rechts unten in der Verkleidung steckt sie. Nach dem Lösen von vier Verkleidungsschrauben gab ich das Vorhaben auf. Ich wollte doch nicht die halbe Maschine strippen um an den Akkupack zu gelangen. Wenigstens läßt sich die Federvorspannung mit dem Hakenschlüssel ohne Ausbau des Federbeins einstellen. Auch der Luftfilter ist recht gut zugänglich. Zwei Schrauben des Tankcovers entfernt, eine Verriegelung gelöst und schon läßt sich das Spritfaß bei abgenommener Sitzbank hochklappen. Die Einspritzanlage und der hintere Zylinder sind nun ebenfalls zugänglich. An den vorderen Zylinder wagte ich mich hingegen nicht heran. Der Öleinfüllstutzen ist schlecht zugänglich und auch der Kühlmittelausgleichsbehälter wird nicht gerade auf dem Silbertablett präsentiert. Die Ducati ist wirklich nicht besonders wartungsfreundlich aufgebaut. Doch da die meisten Motorradfahrer heutzutage wohl schrauben lassen, interessiert dieser Makel viele wohl gar nicht mehr. Glücklicherweise muß die ST 4 nur alle 10.000 Kilometer zur Inspektion und wird mit zwei Jahren Garantie ohne Kilometerbegrenzung ausgeliefert. So richtig freuen konnte ich mich über die Bestätigung meines Vorurteils allerdings nicht. Dazu hat mir die Ducati einfach schon zuviel Spaß gebracht.
Bei den laufenden Kosten der Maschine fällt der Treibstoff nicht allzusehr ins Gewicht. Bei durchweg flotter Landstraßenfahrt genehmigte sich die Duc erstaunlicherweise nur 5,6 Liter Super bleifrei. Der 21 Liter-Tank ermöglicht somit tourergerechte Reichweiten. Leider werden die entstehenden Abgase nicht durch einen Kat gepustet, obwohl die Einspritzanlage die Verwendung eines solchen geradezu aufdrängt.
Die meisten meiner Vorurteile lösten sich in Luft auf. Gut, mit 23.490 DM ist die ST 4 nicht gerade ein Sonderangebot. Dafür bekommt der Käufer aber ein erstklassiges Fahrwerk mit einem charaktervollen desmodromisch gesteuerten 90V-Motor und ein unverwechselbares Design. Außerdem gehört er von nun an zur Ducati-Gemeinde, und diesen Hauch des Exklusiven werden die Japaner wohl nie erreichen. Da es sich bei der ST 4 um einen Sporttourer handelt, bietet Ducati als Zubehör übrigens ein farblich passendes Koffersystem an. Und weil eine Ducati rot sein muß bekommt der Kunde sie auch in dieser Farbe… und in schwarz und in silber und in blau. Probefahrten ermöglicht fast jeder Ducati-Vertragshändler.

 

 

 


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