Ducati ST 2

Ducati ST 2

aus bma 07/97

von Günter Pfeifer

Fast zeitgleich wurde uns von den Ducati-Vertragshändlern Claus Carstens aus Hennstedt und Horst Sagorski, HS Motodrom Kiel, die neue Ducati 944 ST 2 für einen Fahrbericht angeboten. Und da sich keinDucati ST 2 echter Motorradfreak einem solchen Angebot entziehen kann, wurden kurzerhand alle fürs Wochenende gemachten Pläne für den Ducati-Ausritt über den Haufen geworfen. Und um es gleich vorweg zu nehmen, es gab nichts zu bereuen. Interessant war die Sache schon deshalb, weil es auf dem Zweizylindermarkt kaum Tourensportler in der Preiskategorie über 20.000,- DM gibt. Die boxende Blau-Weiße mal ausgenommen. Ducati, Inbegriff für extrem sportliches Fahren und seit Jahrzehnten im Renngeschehen dominierend, erschließt sich den Tourenbereich! Welch eine Katastrophe für alle begeisterten Ducatiisten. Eine Maschine mit Vollverkleidung, Kofferträgern und Koffern trägt den Namen Ducati. Jetzt heißt es umdenken Leute. Doch ganz so schlimm haben es die Konstrukteure in Bologna ja gar nicht getrieben. Die Koffer gibt es erst später, die Vollverkleidung ist recht zierlich geraten und die Frontscheibe zu klein. Oder um es anders auszudrücken: die ST 2 besteht zu 70% aus „S” und 30% aus „T”. Tourensportler sind heute nun mal gefragt und es ist sehr wahrscheinlich, daß die 944 ST 2 ganz schnell ihre Liebhaber findet. Denn das sei versprochen. Diese Maschine hat was!
Doch zurück nach Heide in Holstein und die ST 2 abholen, sie stellt sich dort auf einer Ausstellung gerade den bewundernden Blicken der Besucher. Doch welch ein Schreck – die ist ja schwarz. Nein kein richtiges Schwarz, sondern Abendgarderobe mit Metallic-Effekt. Schlicht, aber elegant. Waren Italiener nicht immer eher kleine Menschen? Bei der ersten Sitzprobe erreicht die Spitze meiner nach unten tastenden großen Zehe mal eben knapp den rettenden Boden. Nun bin ich mit 165 cm Stockmaß ja Kummer gewohnt, aber nicht bei Ducati. Von der Monsterreihe bis hin zur 916er sind alle Sitzhöhen deutlich unter 800 mm, nur die ST 2 macht jetzt mit 820 mm eine Ausnahme. Warum, lieber Konstrukteur, mußte doch nicht sein, oder ?

 

Ducati ST 2Na, macht nichts, ich will ja fahren und nicht stehen. Choke rein, Zündung an, Knopfdruck und die akustische Gewißheit; doch eine echte Duc. Kurze Fahrt zur Eingewöhnung, Sozia drauf – es ist ja Sonntag – und ab geht es. Die Sitzposition ist mit dem Wort „wohlfühlen” bestens beschrieben. Knieschluß am schmalen Tank, hochgekröpfte Lenkerenden, passende Fußrastenposition und bequeme Sitzbank. Unter dem Tank rührt sich etwas, das Töne von sich gibt, die nur der Porschefahrer im Elbtunnel kennt. Sound pur. Der wassergekühlte Zweizylinder-90-Grad V-Motor. Jeder Zylinder mit eigener zahnriemengetriebener Nockenwelle läßt sich seine zwei großen Ventile (Einlaß 43mm, Auslaß 38mm) desmodromisch betätigen. Die Gasfabrik arbeitet mit moderner elektronischer Saugrohreinspritzung auf Anweisung des Marelli -Motormanagements. Und die sorgt für beispielhaftes Drehmomentverhalten. Kraftvoll und gleichmäßig entwickelt sich die gewaltige Schubkraft und treibt die Ducati nach vorn. Weder ein Kribbeln in den Händen, noch auf den Fußrasten, und unter dem Hintern bleibt es auch ruhig. In allen Drehzahlbereichen bleibt der Motor fast völlig vibrationsfrei. Doch 3000 U/min sollte man ihm schon gönnen, denn darunter wird es ruckelig. Sportlich zügiges Schalten ist aber erst dann möglich, wenn man sich an den kleinen Schalthebel gewöhnt hat. Wie man allerdings auf der winterlichen Nordlandtour mit Pelzstiefeln und Schuhgröße 45 schalten soll, bleibt rätselhaft. Was für den Schalthebel gilt, ist für den Fußbremshebel ebenfalls relevant. Aber bei der 916 war das ja auch alles schon so.
Ducati ST 2Da ausreichend Drehmoment vorhanden ist, hält sich die Schalterei sowieso in Grenzen. Perfekte Gasannahme und gleichmäßige Beschleunigung in nahezu allen Drehzahlbereichen machen das Fahren zur Freude. Der 944 ccm Motor gibt seine 83 PS bei 8500 U/min ab. Powermäßiges Überholen und Easy-Rider-Bummeln, die ST 2 macht alles mit geradezu spielerischer Leichtigkeit. Ersteres ist sonntags auf der B5 nach Norden im Bereich Husum ohnehin vonnöten. Handling und Kurvenverhalten sind optimal. Dazu trägt nicht nur der niedrige Schwerpunkt erheblich bei, sondern auch die neuen Metzeler ME Z4 Null-Grad-Stahlgürtelreifen. Weiter geht es dann bei strahlendem Sonnenschein, vorbei an blühenden Rapsfeldern, den intensiven Duft von Rot- oder Weißdorn atmend, durch Heuwiesen fliegend in das kurvenreichen Nordfriesenland.
Die Federungselemente, vorn Upside-Down-Gabel mit kräftigen 43 mm Gleitrohren und verstellbarer Federbasis (Zug- und Druckstufendämpfung) und hinten Zweiarmschwinge aus Aluprofilen mit Zentralfederbein, ebenfalls einstellbar, verweisen wieder auf die sportlichen Ambitionen der Maschine. Sie sprechen auf unebener Fahrbahn nicht gerade sensibel an, sind aber insgesamt sehr gut abgestimmt und erlauben komfortables Vorwärtskommen.Verantwortlich für diesen Zuwachs an Fahrkomfort sind die langen Federwege und im hinteren Bereich die technisch ausgereiften und klug eingebauten Hebelübertragungen.
Die Bremsen: Vorn verzögern zwei schwimmend gelagerte Scheiben (320 mm), die von Vierkolbensätteln gebremst werden. Hinten arbeitet eine 245 mm Scheibe in Verbindung mit einem Zweikolbensattel.
So ausgestattet werden die Bremsen mit der kinetischen Energie in allen Fahrsituationen spielend fertig. Eine leichte Aufstellneigung beim Anbremsen in Schräglage muß zwar attestiert werden, ist aber für die Fahrsicherheit unerheblich und physikalisch begründet.
Ducati ST 2Die sphärischen Spiegel sind relativ klein, erlauben jedoch ausreichenden Rückblick. Insgesamt wurde offensichtlich bei Ducati gesteigerter Wert auf gute Detailverarbeitung gelegt. Alle Bauteile und sei es der kleinste Hebel, sind außergesprochen sauber verarbeitet und machen den Eindruck als seien sie beim Designer entstanden. So auch der Arbeitsplatz des Fahrers. Im Lenker-/Cockpitbereich gibt es keine Ecken und Kanten, alles ist schön rund geformt und von hoher Paßgenauigkeit. Ergonomisch sind die Lenkerenden mit den Schaltereinheiten gearbeitet und alles befindet sich dort, wo es gut erreichbar ist und wo der Fahrer es auch erwartet. Alle Schalter, Kontrollanzeigen und Instrumente entsprechen heutigem Qualitätsstandard. Eine neuartige Display-Anzeige liefert die erforderlichen Daten.
Und daß sich die Bologneser mehr als nur Gedanken gemacht haben, zeigt auch der zusätzliche Griff zum leichteren Aufbocken der Maschine. Dieser Vorgang ist nun – auch bei beladener Maschine – recht einfach durchführbar und der Kraftaufwand hält sich trotz des Trockengewichtes von 210 Kilogramm in Grenzen. Einen Seitenständer gibt es übrigens auch. Doch mit dessen Erwähnung soll der positive Eindruck der ST 2 nicht getrübt werden.
Auch für den Zweipersonenbetrieb haben die Konstrukteure gute Voraussetzungen geschaffen. Meine Sozia, sie hat sich in der Vergangenheit bei anderen Gelegenheiten keineswegs als leidensfähig herausgestellt, stieg nach mehr als 250 Kilometern lachend vom Fahrzeug. Womit bewiesen ist, daß die ST 2 auch für die gemeinsame Urlaubsreise geschaffen wurde.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, die Ducati 944 ST 2 ist auch als Sporttourer eine echte Duc. Bildschön und mit ausgeprägtem Charakter. Sie zeigt, ob in rot oder in schwarz, deutlich die Handschrift von kompetenten Designern. Und ihr bulliger V-2 Motor und das Superfahrwerk bieten dem Fahrer der ST 2 puren Fahrspaß. Apropos, jene Ducatiisten, die ihre Knieschleifer nicht abnehmen wollen, sollen sie ruhig dranbehalten, denn sie können sie auch auf der ST benutzen.

 

 

 


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