Ducati Monster S4R

Ducati Monster S4R

aus bma 01/10

von Dirk Klatt

Ducati Monster S4RViele schöne, zufriedene Bikerjahre habe ich mit ihr geteilt. Mit meiner preußischen Bayerin, meiner R1150R. Doch wie das so ist, mit den Jahren schleicht sich Routine und mit ihr auch eine gewisse Langeweile in die ehedem so heiße Beziehung. Und prompt ertappt man sich dabei, wie man nach einer neuen Affäre Ausschau hält. So ging es auch mir beim Frühjahrserwachen im letzten Jahr. Also sattelte ich die Q und unternahm die ersten kleinen Touren zu den freundlichen Zweiradhändlern der näheren Umgebung. Meiner besseren Hälfte, die meine spontane Entscheidungsfreude kennt und fürchtet, teilte ich beruhigend mit, dass ich ja „nur mal gucken wolle”. Ich glaube, dass ihr lange vor mir völlig klar war, dass diese „Willdochnurmalguckentouren” unweigerlich in einer neuen Liaison dangerous enden und die Rücklage für schlechte Tage nicht unerheblich belasten würden. Mit entsprechender Missbilligung wurde ich dann auch jeweils verabschiedet. Viele Frauen verstehen eben nicht, dass es ein unheimlich beruhigendes Gefühl ist, ein ausreichend motorisiertes Zweirad in der Garage zu wissen, auch wenn man kaum noch zum Fahren kommt.

Eines schönen Samstags stand dann auch der nächstgelegene Italo-Dealer auf meinem Routenplan. Insbesondere Guzzis, die dem Vernehmen nach durch die Übernahme von Piaggio an Qualität gewonnen haben sollten, standen im Fokus meines Interesses. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie haben es mir diese archaischen Mopeds seit einer ausgedehnten Probefahrt mit einer der ersten Grisos angetan. Es ist wohl dieses außergewöhnliche Motorenkonzept und dieser unvergleichliche Guzzi-Sound der mir nicht mehr aus dem Kopf ging.

 

Ducati Monster S4RIch weiß, ich weiß, all ihr Söhne Nippons und Maschinenbaufreaks, ihr werdet dass nie verstehen und objektiv habt ihr wohl recht. Aber Motorradfahren hat mit Rationalität ja nun einmal herzlich wenig zu tun. Wäre das anders, wären so unsägliche Geräte wie ein Suzuki Burgman und seine Verwandten wohl absolute Topseller. Nein, das Gros japanischer Motorräder lässt mich kalt. Entweder haben Sie in meinen Augen den zweifelhaften Charme eines gepimpten Opel Mantas oder die Emotionalität eines Hightech-Küchenherdes (…der würde nun wieder meine Frau erfreuen). Auch BMW scheint diesen Weg zu gehen und der Erfolg gibt ihnen wohl recht.

Allein Yamaha gelingt es nach meinem zugegeben unmaßgeblichen Geschmack hin wieder einen echten Kracher zu platzieren, wenn ich da an die fantastische MT-01 oder auch die neue V-Max denke. Und sollte ich einmal wegen fortschreitender Arthrose in die Klapphelmfraktion wechseln, wird wohl die FJR 1300 das Wohnmobil meiner Wahl.

Aber bis dahin muss mir mein Moped eben auch im Stand Spaß machen – beispielsweise beim Putzritual am Samstagnachmittag bei NDR 2 Bundesligashow und einem gepflegten Hefeweizen. Und da liegt es doch nahe, sich die herrlichen italienischen Diven einmal genauer anzusehen.

Beseelt von derlei Gefühlsduselei boxerte ich also auf meiner treuen Q dem Italo-Dealer entgegen. Je näher ich dem Ziel kam, umso dichter wurde der Verkehr. Plötzlich war ich umgeben von lauter Bologneser Tieffliegern, die mich auf ihren vorwiegend rot lackierten Maschinen in bester Richthofenmanier links und rechts passierten. Erstaunlich angesichts der frühen Stunde und des kühlen Frühlingswetters und dass alles ohne Heizgriffe. Diese Schönwetterfahrer mussten einen triftigen Grund haben, also hängte ich mich – so gut es eben ging – dran und siehe da, wir trafen uns alle auf einer Pastaparty des freundlichen Italohändlers wieder.

Ducati Monster S4RDamit hatte ich nun nicht gerechnet und es sollte für mich und meine Ersparnisse nicht ohne Folgen bleiben. Anlässlich dieser Pastaparty hatte der ebenso freundliche wie geschäftstüchtige Dealer sein ganzes Arsenal an Vorführern aufgeboten. Ich erfuhr als weißblauer Alien inmitten all der Trockenkupplungsjunkies freundlichste Aufnahme und ehe ich mich versah, sattelte man für mich eine Guzzi 1200 Sport, beschrieb mir den üblichen 15 km-Rundkurs und schickte mich auf die Reise. Und, was soll ich sagen? Sound und Motor waren Spaß pur, indes die Unterbringung auf dem Gerät war leider nicht artgerecht. Oder mit anderen Worten, „keine Arme, keine Guzzi.” Die Lenkstange war zu weit weg für mich, so dass ich mit der üppigen Schönen aus Mandello einfach keine gemeinsame Linie fand. Wäre sie mir nur ein wenig mehr entgegen gekommen, ich wäre ihr sicherlich verfallen. So aber parkte ich den Boliden wieder ein und widmete mich erst einmal ein wenig desillusioniert der Pasta.

Nun zeichnen sich erfolgreiche Dealer dadurch aus, dass sie es verstehen, latent vorhandene Bedürfnisse zu wecken und so schob man mir als nächstes eine Ducati S4R unter den Hintern. Eine Ducati? Und das mir, der ich doch immer eher den Hang zu Schwermetall hatte? Aber warum nicht und dann war diese Duc in meinen Augen auch noch eine echte Schönheit. Sie passt auch nicht in das übliche Klischee eines Naked Bikes: Bequem, günstig, mit eher einfacher Technik. Bei diesem größten Monster aus Bologna handelt es sich im Prinzip vielmehr um ein gestripptes Sportluder mit einem entsprechenden Motor. Es gibt sie in zwei Ausführungen. In der rund 3.000 Euro teureren S-Version sind noch aufwendigere, prestigeträchtige Federelemente verbaut. Dazu kommt dann noch etwas Kohlefaserzierrat, den sich Ottonormalfahrer aber schenken kann, wenn er stattdessen das eine oder andere Bierchen weglässt oder eine Weile die Burgerschmiede meidet.

Mein erster Eindruck nach der Anfahrt mit der Q und der Platzrunde mit der Guzzi war auf einer figurbewussten 500er zu sitzen. Datt Dingen lässt sich allein auf dem Seitenständer um 180 Grad drehen. Da spielt dann auch der geringe Lenkeinschlag keine Rolle mehr. Meine Spannung stieg. Rund 200 kg flugfertig, 130 PS aus 998 ccm und zwei Zylindern, dass versprach eine neue Erfahrung für mich zu werden. Also, den so genannten Servoanlasser gedrückt – nur einmal kurz betätigt wird der Anlasser automatisch solange gedreht, bis der Motor läuft – und Abflug. Und, was soll ich sagen, die Diva weckte den bereits längst vergessen geglaubten Jagdflieger in mir. Obschon ich seit nunmehr rund 30 Jahren motorisierte Zweiräder bewege, soviel Spaß hatte ich selten. Der kurvige Testparcours war ideal für die Verkostung dieses herrlichen V2-Geschosses und so fiel es mir gar nicht ein, wie ausgemacht nach einer Platzrunde wieder den Hangar anzufliegen. Vielmehr drehte ich zwei weitere Runden und mit jedem Kilometer wurde mir klarer, dass ich sie haben musste, diese rassige rote Italienerin. Mit spielerischer Leichtigkeit lässt sie sich willig in jede Kurve werfen, hängt messerscharf am Gas, der Motor geht riesig, ab ca. 7.000 U/Min infernalisch. Der Sound erreicht zwar nicht ganz den der Guzzi, dennoch liegt er für meine Ohren weit über dem üblichen Durchschnitt und die Bremsen lassen sich mit dem kleinen Finger zur völligen Blockade zwingen. Kurz und gut ein rattenscharfes Gerät, das auch noch unverschämt gut aussieht. Allein die wunderschön geschwungene Einarmschwinge ist ein Kunstwerk für sich. Aber auch die übrige Machart verdient durchaus das Attribut „gediegene Anmutung”. Allein der etwas klotzig wirkende Wasserkühler stört die perfekte Linie ein wenig.

Ducati Monster S4RMittlerweile sind wir beide ein Paar, die heißblütige Italienerin und ich und verbringen auch bei Schlechtwetter manch intime Stunde in der Garage. Und wie das so ist, erst im Laufe der Zeit lernt man auch die kleinen Macken des Anderen kennen. So ist eine Fahrt durch dichten Großstadtverkehr mit der Duc nicht eben vergnüglich. Im kleinen Gang neigt die Diva doch ein wenig zur Hysterie und man muss recht sensibel mit Gas- und (hoffentlich gut trainierter) Kupplungshand agieren. Die, durch hohe Rasten, relativ gestrecktem Oberkörper in Verbindung mit sportlich gekröpften Lenker, gewöhnungsbedürftige Sitzposition, macht Fahrten ohne entlastenden Winddruck etwas anstrengend. Legal absolvierte 30er Zonen sind die reine Folter. Zum gemütlichen Cruisen über kleinste Nebenstraßen taugt die Diva ebenfalls nicht sonderlich. Sie will gefordert werden und sie fordert ihren Partner. Sie möchte sozusagen immer „in die Punkte” fahren. Aber das, was die Herren Stoner und Bayliss freut, ist für Ottonormalfahrer eher ein zweifelhafter (und teurer) Spaß. Bei forscher Autobahnhatz – immerhin geht sie über 240 km/h – wird der Winddruck dann bald wieder zum Gegner. Die kleine Cockpitverkleidung bringt da nicht wirklich Abhilfe. Und für die große Tour sollte man die Lady auch nicht unbedingt anspannen. Dafür fehlt ihr einfach der Pragmatismus.

Diese Duc ist ein Spaßgerät im besten Sinne und die ideale Partnerin für den ausgedehnten gefühlsechten Sonntagmorgenritt. Sinnfreies Motorradfahren pur eben. Dabei gibt es sogar ein paar „vernünftige” Gründe sich für sie zu entscheiden. So begnügt sie sich etwa mit rund 5 Litern des guten Supers, auch bei verschärfter Reitweise. Die Wartungsintervalle wurden auf 12.000 km erhöht und die Wartungsarbeiten wurden vereinfacht, so dass die bei Ducati bisher doch erheblichen Inspektionskosten (komplexe Ventilsteuerung mittels Desmodronik) jetzt um rund 50% geringer ausfallen sollen. Die selbst durchzuführenden kleinen Wartungsarbeiten sind durch einen klappbaren Tank und dadurch gut zugängliche Batterie und Luftfilter, sowie einen cleveren Kettenspannmechanismus einfach zu erledigen. Die Leuchtmittel sind ohne große Schrauberei auswechselbar.

Ducati Monster S4REin Hauptständer an einem solch sportlichen Gerät wäre in etwa so passend wie eine Hängerkupplung an einem 911er. Folgerichtig ist keiner vorhanden. Stattdessen kann man einen hervorragenden separaten Motorradheber beim freundlichen Ducati-Händler erwerben. Mit diesem leider nicht ganz billigen Tool wird die Kettenpflege fast zum Vergnügen und erhält auch noch einen professionellen Anstrich. Und wem seine Duc noch nicht individuell genug ist, findet in der überbordenden, kohlefaserträchtigen Zubehörboutique jede Menge Gimmicks, vom Tankrucksack, über die in leuchtend rot gehaltene Antriebskette bis hin zum fast unvermeidlichen offenen Kupplungsdeckel im Kohlefaserornat. Ich verstehe allerdings (noch?) nicht, was an dem Trockenkupplungsgeklingel schön sein soll.

Aber das sind alles nur Randbemerkungen. Dieses Moped macht einfach Riesenspaß und ich möchte meine Diva nicht mehr missen. Und für alles Andere gibt es dann vielleicht ja doch ein geeignetes Produkt der Söhne Nippons. Wie war das doch noch gleich mit der Arthrose…

 

 


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