Ducati Monster 696 Modell 2010 Es muss nicht immer der volle Liter sein, wie Ducati mit der 696 Monster eindruckvoll beweist.

aus bma 9/10 – Fahrbericht

von Klaus Herder

Ducati Monster 696 Modell 2010Der bundesdeutsche F√ľhrerscheinbesitzer neigt beim Fahrzeugkauf zur Verallgemeinerung, zur Pflege uralter Vorurteile und zur dadurch bedingten Zaghaftigkeit. Dieses Verhalten ist bei der Pkw-Anschaffung besonders ausgepr√§gt (‚ÄěFranzosen sind unzuverl√§ssig, Italiener rosten, ich kaufe lieber wieder einen VW…‚Äú), ist aber auch im Motorradbereich anzutreffen: ‚ÄěItaliener? Tolles Design, aber divenhaft im Alltag, teuer im Unterhalt ‚Äď da bleibe ich doch vorsichtshalber bei BMW.‚Äú

Heimlich schielt der eine oder andere Nummer-Sicher-K√§ufer dann aber vielleicht doch einmal √ľber den Tellerrand hinaus und ist wom√∂glich √ľberrascht, was sich dort an

Kauf-Alternativen so alles tummelt. Seit April 2008 zum Beispiel die Ducati Monster 696, die mit einem Neupreis ab 7990 Euro in einem Revier wildert, in dem es vor lauter Vernunft-Kaufentscheidungen oft ziemlich dr√∂ge zugeht. F√ľr nur 255 Euro mehr, also f√ľr 8245 Euro, wird die Ducati als ‚ÄěMonster 696+‚Äú neuerdings sogar mit Windschild, Soziusabdeckung und vor allem ABS geliefert. Lange Wartungsintervalle (12000 Kilometer), feine Anbauteile (u. a. radial verschraubte Vierkolben-Fests√§ttel) und eine insgesamt sehr wertige Anmutung machen das Leichtgewicht (vollgetankt nur 185 kg) f√ľr zwei Gruppen der √úber-den-Tellerrand-Hinausgucker besonders interessant: F√ľr die etwas fortgeschrittenen Einsteiger, die sich nach dem ersten Gebraucht-Vernunftkauf nun etwas Neues f√ľrs Herz kaufen m√∂chten. Und auch f√ľr gestandene Motorradfahrer, die sich nach zig Jahren Biker-Dasein nichts mehr beweisen m√ľssen, die statt 12000 vielleicht nur noch 3000 Kilometer oder noch weniger pro Jahr fahren und die auf die alten Tage Lust auf etwas haben, was sie insgeheim immer schon mal machen wollten. Motto: ‚ÄěEine Italienerin hatte ich eigentlich noch nie.‚Äú

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Ducati Monster 696 Modell 2010Wie auch immer der Kaufgrund lauten mag, die 696 ist ein gutes Argument daf√ľr, es vielleicht einmal mit Ducati zu probieren; denn sie ist die erste Vertreterin der Monster-Neuzeit, in der es sp√ľrbar fahrbarer und praxisgerechter zugeht. Dazu ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Die Monster-Baureihe wurde 1992 pr√§sentiert und ab 1993 verkauft. Zur 900er und 750er gesellte sich 1994 die Monster 600 als Ducati-Einstiegsmodell. Ab 2002 gab es mit der Monster 620 i.e. Einspritzung und Vergaser, 2007 setzte Ducati mit der Monster 695 hubraum- und leistungsm√§√üig noch eins drauf.

Bohrung und Hub blieben beim Wechsel zur 696 unver√§ndert, doch ansonsten haben 695 und 696 nur wenig gemein. Viel Feinarbeit am luftgek√ľhlten 90-Grad-V-Motor (u. a. neue Zylinderk√∂pfe mit gr√∂√üeren Ventile und √ľberarbeiteten Nockenwellen) bescherten der kleinsten Monster neun Prozent mehr Leistung (80 PS bei 9000 U/min) und ein um elf Prozent angestiegenes maximales Drehmoment (69 Nm bei 7750 U/min). Doch viel entscheidender ist, dass bei der 696 nichts mehr an das etwas eigenwillige Fahrverhalten der 695 erinnert, die Kurven eher zappelig durchquerte, und dass heftige Lastwechselreaktionen und nerviges Konstantfahrruckeln ebenfalls der Vergangenheit angeh√∂ren. In Sachen Ergonomie tat sich ebenfalls eine Menge. An der f√ľr Kurzbeiner erfreulich niedrigen Sitzh√∂he von nur 785 mm √§nderte sich zwar nichts, aber der Tank geriet um rund drei Zentimeter k√ľrzer und der Knieschluss schmaler. Dadurch sitzt der Fahrer deutlich n√§her am Geschehen, nicht mehr langgestreckt, sondern locker-versammelt, leicht vorgebeugt und etwas angriffslustig hinter der Monster-typisch schnurgeraden Lenkstange. Die macht wiederum breite Schultern, was auf langer Strecke nicht unbedingt √ľberm√§√üig bequem ist, im Gro√üstadtdschungel aber m√§chtig maskulin wirkt. Fahrer mit sehr langen Beinen oder √ľber 1,85 m Gesamtl√§nge wird der sportlich-spitze Kniewinkel wom√∂glich auf Dauer nicht behagen, eine sehr ausf√ľhrliche Probefahrt ist f√ľr diese Menschen unbedingt anzuraten. F√ľr Kurzbeiner passt die Sache daf√ľr perfekt. Das ziemlich digitale Mini-Cockpit ist nicht gerade √ľbertrieben √ľbersichtlich, aber zusammen mit dem sehr flachen Scheinwerfer (dessen Lichtausbeute eher m√§√üig ausf√§llt) gibt das der Front eine sehr aufger√§umte und durchgestylte Form ‚Äď das Auge f√§hrt schlie√ülich mit. Bei den R√ľckspiegel leistete der holl√§ndische (!) 696-Designer ebenfalls ganze Arbeit, verga√ü vor lauter Form aber auch die Funktion nicht: In den Schmuckst√ľcken ist das r√ľckw√§rtige Geschehen klar zu erkennen. Netter, nicht auf Anhieb zu sehender Nebeneffekt der neue geformten Frontpartie: Der maximal m√∂gliche Lenkeinschlag legte im Vergleich zur arg begrenzten Vorg√§ngerin deutlich zu.

Ducati Monster 696 Modell 2010Auf den ersten Blick zu sehen ist dagegen das ‚Äď zumindest aus Ducati-Sicht ‚Äď revolution√§re neue Fahrwerkskonzept. Wo fr√ľher ein von vorn bis hinten durchgehender Gitterrohr-Verbund das Chassis bildete, hat nun eine verschraubte Kombination aus Gitterrohrrahmen aus Stahl (vorn) und Alugussteil (Heck) die tragende Funktion, die den Motor etwas weiter in Richtung Vorderrad r√ľckt. Neu ist auch die direkte Anlenkung des Sachs-Federbeins. Der Verzicht auf die Umlenk-Mimik spart Gewicht und nat√ľrlich auch Produktionskosten. Zudem ist das Federbein nun asymmetrisch, also seitlich montiert, was zum einen die Zug√§nglichkeit verbessert, zum anderen aber unter der Sitzbank Platz f√ľr die Erweiterung des Kunststofftanks schafft. 15 Liter und damit ein Liter mehr als bisher k√∂nnen nun gebunkert werden. Die Schwinge, ebenfalls aus Aluguss, ist nun 3 cm Zentimeter l√§nger als bei der 695, was der ganzen Fuhre 15 mm mehr Radstand beschert. Motor weiter vorn, Fahrer n√§her am Lenker, l√§ngerer Radstand ‚Äď ahnen Sie etwas? Richtig: Vorbei ist‚Äôs mit der Hecklastigkeit der alten Monster, nun dr√ľckt deutlich mehr Masse aufs Vorderrad, was in Verbindung mit der aktiveren Sitzposition der ganzen Angelegenheit eine ungeahnte Dynamik verleiht. Aus einer etwas kaprizi√∂sen Diva wurde fahrwerksm√§√üig ein echter Stra√üenfeger, der am Kurveneingang spielend leicht abklappt und ohne gr√∂√üeren Krafteinsatz in schr√§gste Schr√§glagen gebracht werden kann. Zielgenau und superstabil wuselt das Leichtgewicht um alles, was einem unter die handlichkeitsf√∂rdernd goldrichtig gew√§hlte Bereifung (120/60 ZR 17, 160/60 ZR 17) kommen kann. Bei der Wahl der Federelemente sprachen ganz sicher die Kaufleute ein W√∂rtchen mit, und so ist die Upside-down-Gabel von Showa nicht verstellbar, doch zusammen mit dem in Federbasis und Zugstufend√§mpfung verstellbaren Sachs-Federbein kam eine eher straffe Abstimmung heraus, die einen guten Kompromiss aus sportlicher H√§rte und ausreichend Komfort bietet. Im Vergleich zum Weichteil 695 ist das 696-Fahrwerk deutlich besser geworden und liegt auch im Klassenvergleich in der oberen H√§lfte.

Ducati Monster 696 Modell 2010Das beste Fahrwerk hilft allerdings wenig, wenn der Motor nicht mitspielt. Doch der aufgefrischte Ducati-Twin spielt hervorragend mit. Erst einmal gibt‚Äôs nett auf die Ohren, denn sein kernig-vollmundiges Brabbeln sorgt bereits im Leerlauf f√ľr gute Laune. Die Kupplung funktioniert sehr leicht, ist allerdings etwas gew√∂hnungsbed√ľrftig, denn sie r√ľckt erst auf den allerletzten Millimetern ein. Die Schaltarbeit im Sechsganggetriebe geht leicht und auf kurzen Wegen vom Fu√ü, die Gasannahme ist tadellos. √úberraschend kraftvoll schiebt der Zweiventiler voran und dr√ľckt auch aus tiefen Lagen eindrucksvoll. Da d√ľrfen es im Stadtverkehr auch mal deutlich unter 3000 U/min sein, ohne dass es rotzt und sprotzt. Au√üerorts kann daf√ľr heftigst digital an der Kordel gezogen werden, ohne dass sich die Dame verschluckt. Um 4000 Touren herum g√∂nnt sich die Italienerin ein klitzekleines Leistungsp√§uschen, welches durch ungehemmte Drehfreude und die kurze √úbersetzung aber ratzfatz √ľberspielt wird. Dar√ľber geht es munter weiter, und ab 6000 U/min tobt der Gute-Laune-Twin mit Vehemenz Richtung Begrenzer, der aber erst bei 9500 U/min dem Treiben ein materialschonendes Ende setzt. Klingt die Duc bereits in tieferen Drehzahlregionen recht amtlich, so ballert sie im obersten Tourenbereich fast schon waffenscheinpflichtig. Die kleine Ducati h√§mmert dann so herzerweichend, als w√§re da eine ganz gro√ües Superbike mit Testastretta-Herz zugange. Sp√§testens in solchen Momenten wei√ü man, warum man die Kohle doch lieber in eine 696 und nicht in eine CBF 600 gesteckt hat.

Ducati Monster 696 Modell 2010 CockpitDas gute Gef√ľhl, richtig gekauft zu haben, stellt sich auch dann ein, wenn mal heftig geankert werden muss; denn die beiden radial montierten Vierkolbenstopper ben√∂tigen nur wenig Handkraft, um fein dosierbar und auf Wunsch √§u√üerst heftig in die 320-mm-Scheiben zu bei√üen. Auf das ABS haben die Mini-Monster-Fans etwas l√§nger warten m√ľssen, doch nun ist es da. Genauso wie verstellbare Handhebel, die es f√ľr die Erstauflage vor zwei Jahren auch noch nicht gab.

Die Ducati Monster 696 ist absolut alltags¬≠tauglich, ein Landstra√üenverbrauch von gerade mal 3,7 Litern passt bestens dazu. Und trotzdem ist sie kein biederes Butter- und Brot-Motorrad oder gar ein Sparmodell. Eine Anf√§nger-Monster ist sie erst recht nicht, daf√ľr liegt ihr Potenzial deutlich √ľber dem, was selbst sehr weit fortgeschrittene Motorradfahrer im √∂ffentlichen Stra√üenverkehr anstellen k√∂nnen. 210 km/h H√∂chstgeschwindigkeit sowie 4,2 Sekunden f√ľr den Sprint von 0 auf 100 sollten in Verbindung mit ordentlichen Durchzugswerten reichen. Die Ducati Monster 696 wird vermutlich trotzdem ein Exot bleiben, denn ‚ÄěWas der Bauer nicht kennt, das f√§hrt er nicht.‚Äú Oder so √§hnlich. Zu w√ľnschen bleibt ihr aber, dass sich vielleicht doch noch der eine oder andere Freigeist findet, der im Rahmen einer Probefahrt mal √ľber den Tellerrand hinausblicken m√∂chte. Verdient h√§tte sie es.

Mehr Ducati-Fahrberichte findet Ihr <hier>.

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