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Du musst die Berge lieben!

aus Kradblatt 2/20 von Monika „Mo“ Nagel

MUSS man als Motorradfahrer/in die Berge wirklich lieben?

Du MUSST die Berge lieben! Nein, muss ich nicht...Ok, den Titel meine ich etwas ironisch. Wenn man sich aber so durch sämtliche Foren liest, scheinen die Berge/Alpen mit ihren Serpentinen, Steigen, Gefällen und Spitzkehren das einzig Wahre im Bikerleben zu sein. Alles ist immer super toll, die Aussicht, die Straßen und überhaupt. Selten bis gar nicht liest man von Unmut, schlechten Straßen, viel Verkehr und Angst. Es wird immer in höchsten Tönen geschwärmt, dass nur die Berge das einzig Heilbringende für Motorradfahrer sind.

Ich oute mich: ich hasse die Berge! Ja, genau so. Als ich das öffentlich kundgetan habe, ist mir ein Sturm der Empörung entgegengeschlagen. Ups, dachte ich mir – wie können andere meine Gefühle kennen und diese beurteilen?

Fakt 1: ich ertrage die engen und oft sehr schlechten Straßen ohne seitliche Befestigung nicht ab einer gewissen Höhe. Wenn es am Rand der Straße steil runtergeht, wird mir fast schlecht.

Fakt 2: ich hasse die Steigungen und Gefälle in den Kehren. Mit den oftmals schlechten Straßen wird es nicht besser.

Fakt 3: ich beherrsche mein Motorrad, doch siehe Fakt 1 und 2. Mein Motorrad habe ich bisher in keiner Situation abgelegt. Das Motorrad ist Schuld.

Wenn ich also den diversen Kommentatoren glauben darf, wird Höhenangst besser, wenn man ein anderes, also bergtaugliches Motorrad fährt.

Besonders lustig wird es, wenn dies Menschen kommentieren, die bisher in ihrem Leben nur wenig bis gar keine Kilometer mit einem Motorrad wie meinem gefahren sind.

Die Steigung bzw. das Gefälle in der Kurve wird nicht automatisch weniger, wenn ich sie mit einer GS befahre. Ich weiß mein Mopped um Kurven und Kehren zu zirkeln und fühle mich äußerst sicher mit meinem Eisenhaufen. Die Indian Scout fahre ich mittlerweile seit 36.000 Kilometern, war damit auf dem Silvretta usw.

Natürlich weiß ich um die Nachteile meines Dampfers und kann diese auch verschmerzen. Einen Tod muss man halt sterben. Der fette Vorderreifen reicht dir jede Spurrille, jeden Bitumenstreifen und jegliche Unebenheiten direkt zum Lenker durch. Das Fahrwerk kann man als solches nicht bezeichnen. Es lässt sich rein gar nichts an Gabel- oder hinterer Federung einstellen. Der lange Radstand und der tiefe Schwerpunkt sind für „schnelles“ Kurvenfahren auch nicht optimal, aber beherrschbar.

Mit dem Motorrad auf dem Penserjoch Tiefenpsychologische Betrachtung: Die Nächsten wollen das Thema gleich tiefenpsychologisch angehen. Wenn man Höhenangst in den Bergen hat, dann muss da was ganz Schlimmes vorgefallen sein. Das muss man behandeln lassen (überspitzt gesagt).

Ich möchte mich, am Gipfel angekommen, am liebsten auf den Boden legen und darauf warten, dass ich abgeholt werde. Mir macht die „tolle Aussicht“ auch keinen Spaß, verständlich?

Äh warum? Ich wohne dort nicht, ich komme im Mittelgebirge sehr gut und mit Spaß mit meinem Eisenhaufen zurecht. Warum sollte ich mich auf etwas behandeln lassen, das mir zu 99,9 % meines Lebens nichts ausmacht?

Bei hohen Autobahnbrücken im Auto habe ich auch ab und an ein sehr unangenehmes Gefühl. Damit kann ich aber umgehen.

Tabu-Thema Pässe-Hass: Es scheint allerdings unter Motorradfahrern ein Tabu-Thema zu sein, das Fahren von Pässen nicht zu mögen. Formuliert man ehrlicherweise, dass einem Pässe mehr Angst als Spaß bereiten, wird’s wirklich hitzig. Es passiert das schon oben Aufgeführte.

Der Motorradfahrer im Internet ist sowieso ziemlich schnell bei 180, wenn’s gegen seine persönlichen Ansichten geht. Dabei wird doch immer so viel auf Toleranz und Respekt Wert gelegt. Wo ist die Toleranz und der Respekt, wenn jemand Pässe eben nicht mag – aus diversen Gründen, die ich bereits schon mehrfach aufgeführt habe?

Mehr Toleranz: Mir kommt es vor, als hätte ich in etwas hineingestochen. Ein paar Wenige haben sich dann ermutigt auch geoutet, dass sie beispielsweise den Grand Canyon du Verdon nicht mögen oder die Dolomiten wegen fehlenden Spaßfaktors meiden. Und das, obwohl diese Menschen äußerst touren- und bergtaugliche Motorräder fahren.

Jeder definiert „Spaß“ beim Motorradfahren anders – und das ist gut so. Deshalb kann ich doch auch erwarten, dass man mir nicht vorschreibt, mit einem anderen Motorrad in den Bergen herumzufahren. Ich bezweifle, dass das meine Höhenangst ändern würde.

Mehr Mut: Mehr Mut zur Lücke! Man muss nicht jeden gottverdammten Pass gefahren sein, um mit Spaß sein Hobby auszuüben. Es ist schließlich ein schönes Hobby, das mir zur Entspannung und zum Spaß dient. Ich muss niemandem etwas beweisen. Damit geht der Spaß an der Freizeitbeschäftigung verloren.

Deshalb: Ehrlich zu sich und den anderen sein. Den Mut haben, eine Dolo-Reise abzuschlagen, wenn man sich dabei nicht wohl fühlt. Es gibt noch so viele tolle Gegenden in Europa, die nicht über Pässe zu erreichen sind!

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Kommentare

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2 Kommentare zu :
“Du musst die Berge lieben!”


  • Die Autorin scheint ihr Motorrad entgegen ihrer Aussage nicht zu beherrschen. Natürlich stellt das Fahren im Gebirge seine Anfordrungen, aber wenn man mit seinem Motorrad wirklich umgehen kann,sollten diese Dinge kein Problem sein. Ich selbst habe das Motorradfahren auf dem Stilfser Joch erst richtig gelernt und möchte diese Erfahrung nicht missen.

  • Endlich mal jemand, der sich ehrlich dieses Themas annimmt! Mir geht es ebenso. Nicht, dass ich etwas gegen beeindruckende Berge und Ausblicke hätte. Aber ich finde keinen Genuss daran, steile, enge Kehren in endloser Folge zu fahren. Auch dem Aussichtsplateau am Abgrund kann ich nichts abgewinnen. Warum nicht? Ich hege den Verdacht, dass es mit dem Sehen zusammenhängt: Frauen sollen ja ein weiteres, periphäres Blickfeld haben, während Männer eher zum „Tunnelblick“ neigen. Den Abgrund neben der Straße auszublenden gelingt mir zwar mit viel Konzentration, das strengt aber an und kostet Kraft. Die Lockerheit bleibt auf der Strecke und mit ihr der Spaß, den ich auf anderen Strecken habe.