Naschen auf dem Markt in Die

Drôme – Zwischen Oliven, Wein und Lavendel

aus Kradblatt 11/16
Text: Torsten Thimm
Fotos: Michael Dietrich, Philippe Chanin u. Torsten Thimm

Drôme – Frankreich
Zwischen Oliven, Wein und Lavendel …

Combe Laval Frankreich DromeBestimmt kennt ihr alle das Gefühl, dass für uns Motorradfahrer der Winter immer viel zu lange dauert. Sicher, man kann in unseren Gefilden mittlerweile auch in diesen Monaten fahren, aber so wie das Salz auf der Straße der Maschine auf Dauer zusetzt, so reagiert der Körper des Fahrers mit der Zeit auf die Kälte „und bitte jetzt keine Bemerkungen von wegen richtiger Kleidung und so“. Wirklich schön Motorrad fahren ist anders und tatsächlich gibt es Wege dem tristen Wetter zu entfliehen.

Ich hatte zusammen mit dem Veranstalter Endurofun-Tours die Möglichkeit einen dieser Wege kennenzulernen: die Drôme Region im Vercors. Und der Frühling, ja der war bereits da.

Nach unserer zweitägigen Anreise ist der Startpunkt dieser Rundreise durch die Region Tain-l’Hermitage. Ein kleiner, man möchte sagen, verschlafener Ort direkt an der Rhone, der vom Weinbau und dem aufstrebenden Tourismus der Gegend lebt. Die Gastfreundschaft der Menschen, den Wein, sowie das regionale Essen konnten meine beiden Begleiter und ich an diesem Abend im Restaurant Le Mangevins in vollen Zügen genießen. Beim späteren Spaziergang durch die abendlichen Straßen und entlang der Uferpromenade laden die romantischen Cafés und Bistros zum Verweilen ein. Doch wir haben für heute genug und entscheiden uns für den direkten Weg in die Unterkunft. Das Hôtel Castel, in dem wir übernachten ist guter Standard mit leichten Abzügen in der F-Note (F für Frühstück). Das Frühstück ist, wie sich am nächsten Morgen herausstellt, etwas zu sehr französisch. Michael, Philippe und ich fallen jedenfalls erst einmal in unsere Betten und beenden damit diesen anstrengenden Tag.

Lavendel Route zwischen Nyons und GrignanDie Sonne ist schon aufgegangen, als wir wieder aufwachen und der erste offizielle Tourtag präsentiert sich wie bestellt in strahlendem Blau. Spürbar steigt bereits jetzt schon die Außentemperatur, sodass wir nach dem bereits erwähnten französischen Frühstück schnell in Richtung Süden aufbrechen. Vorbei am Wasserkraftwerk bei Beaumont-Monteux und der Gebietshauptstadt Alixan führt uns die Route auf den Col de Tourniol, der sich für die ersten Fotos zur Verfügung stellt.

Weiter geht es über die verwinkelten Straßen der Gegend hoch zum Col de la Machine. Dessen spektakuläre Straßenführung am Combe Laval, mit den in die Felsen geschlagenen Tunneln und Felsüberhängen ist wahrlich beeindruckend. Der Blick über die Steinbrüstungen fällt tief ins Tal unter uns und in die grüne Ebene aus der wir heraufkamen. Wenn jemand eine Postkartenidylle sucht, hier findet er sie garantiert.
Nach dem ausgiebigen Fotoshooting dort oben führt uns unser Weg über die Passhöhe und vorbei am Kriegsdenkmal Mémorial de la Résistance. Automatisch schaut man dort auf die noch schneebedeckten Berge am Horizont in Richtung Col de Rousset. Wie beim Achterbahnfahren folge ich Kurve an Kurve mit der Speed Triple, der bollernden schwarzen Ducati Monster von Philippe vor mir.

Col de Rousset Frankreich DromeDa die Sonne mittlerweile ihren Zenit erreicht hat, wir Hunger und Durst haben, kommt die nächste Ortschaft gerade recht. Die Maschinen knistern noch im Sonnenlicht, als wir uns vom Wirt des kleinen Lokals in dem wir Platz genommen haben, bereitwillig zum Entrecôte verführen lassen.

Ein Essen, mehrere Gespräche mit Motorrad- und Fahrradreisenden aus Deutschland und Frankreich und einen Espresso später liegen dann die nächsten Kilometer des Tages mit dem Col de Rousset vor uns. Der schlängelt sich einem Lindwurm gleich weit hinunter ins Tal, bis zum heutigen Etappenziel der Stadt Die. Von hier oben sieht das alles noch winzig aus, doch auf dem warmen Asphalt kleben die sportlichen Pirellis der Speedy so gut, dass sich das recht schnell ändert. Wir saugen uns förmlich durch das Kurvenlabyrinth hinunter bis zum Hotel nach Die. Durch den einen oder anderen Fotostopp auf der Strecke, bleibt uns leider nicht sehr viel Zeit zum Auszuruhen nach der Ankunft dort, denn Tourguide Michael hatte da noch etwas für uns vorbereitet.

Wochenmarkt in DieDie, aus einer alten römischen Siedlung erwachsen und heute eine sehenswerte Stadt mit Besonderheit. Zum Beispiel gibt es hier den Clairette de Die, eine spezielle Art des Schaumweines der in Flaschen heranreift. In der Sektkellerei Jaillance sind die kühlen Keller voll davon, wie der geneigte Besucher bei einer Führung durch die Gebäude sehen kann. Wir bekommen an diesem Nachmittag einige sehr interessante Einblicke in die Herstellung des prickeligen Getränkes.

Nach dem Rundgang wird das gesehene bei einer Verkostung im Selbsttest natürlich noch vertieft. Nicht nur der Clairette bekommt von uns das Prädikat sehr empfehlenswert, auch die Weine die dargeboten werden sind klasse. Ebenso wie im späteren Verlauf des Abends auch unser Abendessen im Hôtel La Petite Auberge unserem heutigen Hotel. Ein von außen etwas altbacken wirkendes Haus, mit deutschsprachigem Chef. Das Essen ist top, die Zimmer sehr geräumig und schön. In den großen Doppelbetten und mit vollem Bauch schlafen wir auch in dieser Nacht wieder zügig ein.

Auch der neue Tag empfängt uns wieder recht früh und sonnig. Zur freudigen Überraschung gibt es heute kein typisch französisches Frühstück. Nein es gibt Käse, Wurst, dazu frisches Baguette und vieles mehr, was so normalerweise nicht üblich ist. Spätestens beim Beladen der Bikes nach dem Frühstück wird uns klar, dass auch heute das Thermometer wieder rasend schnell ansteigt. Also ist Gas geben angesagt, um die noch anstehende Stadtbesichtigung mit Wochenmarkt schnell hinter uns zu bringen.
Kaum sind die Motorräder abgestellt, werden Michael, Philippe und ich auch schon von unserer heutigen Begleitung am Tourismusbüro in Empfang genommen.

Picknick und relaxen in der SonneHistorische Plätze, kleine Gassen wie auch geheime Zimmer gibt es zu entdecken, aber der Ausblick vom Turm der Kirche sowie der anschließende Gang über den Wochenendmarkt sind eindeutig das Highlight des Morgens. Schnell decken wir uns nach der Führung noch mit allerlei Leckereien ein, bevor die Straße uns wieder hat.
Kurs Südwest ist gesetzt, über die D135 und die D173 verabschieden wir uns erst einmal vom Fluss Drôme. Kiefernwälder säumen hier große Flächen rechts und links der Straße und machen einen ebenso großen Eindruck wie die wild verwaschenen Formen des umliegenden grauen Tuffgesteins aus dem die Felsen in dieser Gegend sind.

Die Sonne steht wiederum hoch am Himmel, als Michael den Blinker vor uns setzt, um auf einem Naturparkplatz am Col de Pré Guittard mit uns zu picknicken. Schinken, Salami, Käse, Oliven und ein Brot vor uns auf dem Tisch, sowie die Natur um uns herum, was braucht es mehr um glücklich zu sein? Die Antwort ist so naheliegend und einfach „Genau Nichts“. Wir genießen es sichtlich nicht unter dem üblichen Stress zu stehen, verweilen nach dem Essen noch eine wenig hier, ruhen, bevor wir unsere Reise fortsetzen.

Frankreich DromeDas Ziel des heutigen Tages ist Nyons und bis dorthin ist es noch ein Stück. Entlang des Flusses Arnayon geht es durch die nun karger wirkende Felslandschaft, vorbei an ausgewilderten Geiern, die in der Thermik über uns ihre Kreise ziehen. Trotz der Hitze halten wir noch zu einem weiteren Fotoshoot an. Zu schön und eng schmiegen sich die Straßen hier an die Felsen, als dass man sie einfach so links liegen lassen könnte.
Entlang der D570 schließlich passieren wir am frühen Nachmittag die Passage de Rochesourde und den Col de la Croix-Rouge der mit seinen 513 Höhenmetern zwar nicht an Höhe heraussticht, aber durch seine abwechslungsreiche Streckenführung zu begeistern weiß.

Dem Fluss L’Eygues über die gut ausgebaute D94 folgend, nehmen wir die letzten schnellen Kurven des Tages mit, bevor wir am Hôtel La Picholine ankommen. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt uns leider auch heute nicht, da noch zwei Besichtigungen anstehen.

Naschen auf dem Markt in DieAuch Nyons ist alt, die Lage malerisch schön und die Besucher verfallen sichtlich dem Idyll dieser Stadt. Zudem hat sie eine ausgedehnte Lavendelölproduktion und gehört damit zur Lavendelroute der Regionen Drôme und Vaucluse. Bei einer Führung durch das Museum wird von der Entstehung der Sorten, über die verschiedenen Erntemethoden der Epochen, bis hin zu den Gewinnungsarten der Vergangenheit und Zukunft alles erklärt. Auch in welchen Produkten Lavendel enthalten ist, wird für den einen oder anderen wahrscheinlich sehr überraschend sein. Doch das ist bei weitem noch nicht das Einzige, was es zu entdecken gibt. Hinzu kommt die mittelalterliche Steinbrücke Pont de Nyons, die sich über den Fluss L’Eygues spannt und der altehrwürdige Marktplatz.
Letzter offizieller Tagespunkt nach dem Lavendel ist das Museum La Scourtinerie. Ursprünglich stellte man hier Scourtins, daher auch der Name des Museums, her. Diese aus Pflanzenfasern gefertigten Matten dienten lange Jahre als Filter für die Pressen beim Keltervorgang der Oliven. Heute benötigt man sie dafür nicht mehr und Annike Guillaume ist der letzte Überlebende dieser Zunft, weil er seine Produktion auf hochwertige Teppiche und Fußvorleger umstellen konnte. Da er deutsch spricht erfährt man sehr viel über die Herstellung, wie auch über die Geschichte von Annike und seiner Familie.

Mit diesen Eindrücken beenden wir unsere heutige Sightseeingtour und fahren zurück ins Hotel. Für den Pool ist es nun leider schon zu spät geworden und so beziehen wir einen der sonnigen Tische auf der ausgedehnten Hausterrasse, wo auf drei hungrige Biker auf das Abendessen warten. Mit all den Eindrücken des heutigen Tages gehen wir danach wiederum gut genährt ins Bett.

Der letzte Tag unserer Rundreise durch die Drômeregion beginnt, wie sollte es anders sein, ebenfalls mit Sonnenschein und dem Duft der Olivenbäume vorm Haus.

Olivenoel Museum in NyonsDer heutige erste Tagespunkt sieht die Besichtigung des Olivenölmuseum vor. Scourtins, Werkzeuge und alte Pressen sind ausgestellt. Auch hier wird alles von der Ernte bis zu den Endprodukten gezeigt. Und die Geschichte der schwarzen Frucht, die es nicht immer leicht in dieser Region hatte, ist lang. Michael, Philippe und ich sind jedenfalls begeistert vom gebotenen und freuen uns über die Flasche Olivenöl, die jeder von uns geschenkt bekommt. Danke an die Damen und Herren der Kooperative Vignolis von Nyons dafür.

Kurz vor Mittag nehmen wir Abschied von Nyons und brechen zur heutigen Etappe auf. Der erste Teil der Strecke führt uns über ­Teyssières, vorbei an Lavendelfeldern, Olivenhainen und Obstwiesen, in den Ort Dieulefit. Nachdem wir einen geeigneten Parkplatz für die Mopeds gefunden haben, gibt es heute zum Mittagessen am Dorfplatz jazzige Blasmusik, Tanz und einen französischen Hamburger. Eine tolle Showeinlage, bevor wir die Reise nach Grignan fortsetzen.

Frederique Fert Chef der La Scourtinerie de NyonsÜbers flacher werdende Land fahren wir vorbei an kleinen Ortschaften, Gehöften und mitten hinein zum Tourismusbüro der Stadt Grignan. Das mittelalterliche Schloss ist hier der Anziehungspunkt Number one. Erging es diesem Gemäuer nicht anders als vielen Schlössern nach der französischen Revolution, wurde die Ruine irgendwann von einer netten alten Dame gekauft, die sie wieder herrichtete und so für künftige Generationen erhielt. Natürlich sollte man in diesem Zusammenhang auch nicht die berühmten Briefe der Madame de Sévigné und ihrer Tochter der Madame de Grignan aus dem 17. Jahrhundert vergessen. Mit diesen königlichen Hofberichten gingen die beiden Damen wohl als erste Blogger in die Weltgeschichte ein. Der Ausblick von der riesigen Gartenterrasse des Schlosses ist phänomenal, ebenso die riesigen, teppichbehangenen Hallen im inneren, die den Prunk dieses alten Gebäudes mitbestimmen. Die Führung verläuft lustigerweise dreisprachig, da wir uns nicht wirklich auf eine Sprache einigen können. Michael und ich verfallen immer wieder ins Deutsche, während Philippe dann französisch kontert und unsere Führerin alles zusammen in Englisch bündelt. Schön ist es trotzdem und die Zeit vergeht verblüffend schnell.

Teppich HerstellungWieder auf der Terrasse angekommen ist es merklich kühler geworden. Der aufkommende Wind hat nicht viel Gutes im Gepäck. Die Wolken werden dichter, sodass wir alsbald beschließen uns zu verabschieden. Kaum wieder unterwegs, öffnet Petrus auch schon vorsichtig seine Schleusen. Wir reagieren darauf, verkürzen die heutige Streckenführung um das Ziel Cliousclat noch einigermaßen trocken zu erreichen. Glücklicherweise geht dieser Plan auf, denn wir kommen gerade rechtzeitig vor der ersten größeren Dusche im Hotel an. Schade für die eigentliche Route, gut für uns, dadurch haben wir die Zeit diesen ruhigen, autofreien Ort einmal ausgiebig zu erkunden und zu sehen, was er zu bieten hat. Außer dem mit 3 Sternen ausgezeichneten Hôtel La Treille Muscate gibt es einige Töpfereien, Cafés und natürlich Restaurants, umrahmt und gemauert aus alten Bruchsteinen.

Wie nah hier unberührte Natur und zerstörerische Menschenkraft koexistieren wird einem schnell bewusst, wenn man Richtung Tal zur Rhone schaut und die Meiler des dort arbeitenden Atomkraftwerkes sieht. Doch diese Gedanken halten jetzt nicht lange an, denn wir genießen unseren letzten gemeinsamen Abend beim anstehenden Dinner, dass seinem Namen alle Ehre macht. Viel später am Abend fallen wir dann müde in die Betten.

Am Heimreisetag zeigt sich, dass der Frühling wohl mal einen Tag Ruhe braucht. Das Wetter ist leider nicht besser als am Abend zuvor. Daher verabschieden wir uns von Philippe, der Richtung Marseille aufbricht, während Michael und ich uns auf die Bahn Richtung Deutschland werfen. Gut eingepackt in die Regenkombis machen wir im Dauerregen flott Strecke, sodass ich am selben Abend wieder zu Hause ankomme.

Mein Fazit: Ob mit oder ohne Motorrad, die Drôme ist es wert entdeckt zu werden. Die Menschen sind offen, freundlich und hilfsbereit, ganz anders als die allgemeine Meinung dies hier einen immer glauben lassen möchte. Leben wie Gott in Frankreich heißt ein Sprichwort und das trifft in jeder Beziehung für die Gegend zu. Die Landschaft hat ihre ganz besonderen Reize und recht oft hat man als Deutscher das Gefühl die Uhren laufen hier etwas langsamer und ruhiger als bei uns. Danke an Endurofun-Tours, Jochen Ehlers und Michael Dietrich für diesen tollen Trip. Ebenso danke Triumph Deutschland für die 2016er Speed Triple S und SW Motech für die geniale Gepäcklösung Rearbag. Weiterhin möchte ich mich bei Benedikte Praget vom Tourismusverband der Drôme bedanken, sowie bei den Hoteliers und ihren Mitarbeiter für die vorzügliche Bewirtung.

weitere Infos:

www.endurofuntours.com (auch geführte Straßentouren in der Region)

www.ladrometourisme.com (Fremdenverkehrsbüro )

www.lapetiteauberge.com (Kleines Hotel mit Top-Restaurant mit fairen Preisen)

www.camping-luc-en-dios.com (Camping Platz)

www.canoe-drome.com (Kanu-Trips)


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