Daelim VC 125 Advance

Daelim VC 125 Advance

aus bma 09/96

Von Klaus Herder

War wohl nichts mit den Junghirschen, die Sache ist wohl eher etwas für „graue Panther”: Auf die neue alte 125er Klasse stürzen sich nicht so sehr die 16jährigen Frischlinge, es sind vielmehr die Ü 32-Oldies, dieDaelim VC 125 Advance plötzlich den Spaß am Motorrad entdecken. Und für die gibt’s an dieser Stelle nochmal die genaue Führerschein-Bestimmung: Wer vor dem 1.4.1980 die Pappe der Klasse 4, 3 oder 2 gemacht hat, darf seit dem 23.2.1996 einen Roller oder ein Motorrad mit maximal 125 ccm und höchstens 15 PS fahren. Und alles ohne irgendeine zusätzliche Prüfung oder Führerschein-Umschreibung und – das ist das höchste der Sache – ohne Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit. So sieht man also in letzter Zeit immer mehr midlife crisis-gefährdete Mittdreißiger verzückt lächelnd auf Rollern oder Motorrädern durch die Gegend rutschen. Es dürfte wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Zweiradzunft Rekordumsätze im Sturzteileverkauf melden kann. Doch vor dem ersten Aus- und Abflug sollte die Wahl der Waffen geklärt sein. Im Klartext: Was soll sich Otto Normalanfänger kaufen? Um die Beantwortung dieser Frage kümmern sich mittlerweile auch Anbieter, die im hubraumstärkeren Bereich bisher noch nicht mal den Versuch wagten, ein Rad auf den Boden zu bekommen. Der Grund dafür ist einfach: Der Späteinsteiger ist gemeinhin Autofahrer und in Sachen Motorrad-Markendenken nicht versaut. Er kennt zwar Opel und VW, aber da die nun mal keine 125er anbieten, schaut er sich völlig unvoreingenommen bei seiner Tankstelle, in seinem Baumarkt oder vielleicht sogar beim örtlichen Fahrradhändler um.

 

Daelim VC 125 AdvanceGekauft wird fast ausschließlich nach dem Aussehen. Ob am Tank Honda, Yamaha oder aber auch Sanyang, Jialing oder HMZ steht, interessiert den 125er-Kunden zunächst einmal herzlich wenig. An einigen neuen 125ern steht „Daelim” der „normale” Motorradfahrer denkt bei diesem Namen wahrscheinlich eher an Schokoriegel oder Waschpulver. Damit liegt der „normale” Motorradfahrer voll daneben, denn Daelim ist ein südkoreanischer Mischkonzern, der mit über 10.000 Beschäftigten zu den zehn größten Konzernen des nach Japan höchsttechnisierten Landes in Fernost zählt. Zu Daelim gehören Unternehmen aus dem Bereich Chemie und Bauwesen sowie Hotels und Banken. Um Zweiräder kümmern sich rund 1.200 Beschäftigte, und die fertigen jedes Jahr 300.000 (in Worten: dreihunderttausend) Motorräder und Roller. Damit ist Daelim unangefochtener Marktführer in Korea (70 Prozent Marktanteil).
Der Daelim-Versuchsballon für Deutschland heißt VC 125 Advance. Auf dem Viertakt-Enzylinder des Choppers steht Daelim drauf, aber Honda ist drin. Der Vierventiler entstand in enger Zusammenarbeit mit den Japanern. Das läßt in Sachen Qualität hoffen, und diese Hoffnung wird bereits bei der ersten Sitzprobe nicht enttäuscht. Die Daelim hinterläßt auf Anhieb einen erwachsenen Eindruck. Und das nicht nur in Sachen Platzangebot – auch Menschen über 1,80 Meter sind bequem untergebracht – sondern auch was die Ausführung angeht. Die Blech- und Kunststoffteile wirken nicht billig, die Lackierung ist sauber gemacht und Schalter und Armaturen sind grundsolide. Selbst „Kleinigkeiten” wie die Verlegung der Elektrik oder die Ausführung von Schweißnähten verdienen Lob. Mächtig Eindruck schindet die Daelim mit ihrer üppigen Serienausstattung: Tacho mit Tageskilometerzähler, Drehzahlmesser, Tankuhr, H4-Licht, Lichthupe, zentrales Zünd-/Lenkschloß und abschließbarer Tankdeckel. Die Ausstattungs-Orgie führt beim Anlassen zur Qual der Wahl. Soll man nun den riesigen Kickstarter treten oder doch lieber den E-Starter nehmen? Egal, beides funktioniert auf Anhieb. Ach ja: Der Choke ist natürlich lenkerfest montiert, neben dem Seitenständer gibt’s noch einen Hauptständer und die Sissybar ist auch inklusive.
Nun ist Ausstattung allein ja nicht alles – ein Lada soll ja auch gut bestückt sein. Fürs 125er-Glück ist der möglichst problemlose Fahrbetrieb viel wichtiger. Doch auch damit macht Daelim den Koreanern keine Schande. Der ungedrosselt 14 PS starke Eintopf ist zwar nicht gerade ein Durchzugswunder, gehört aber im Kreis der Mitbewerber eindeutig zu den kräftigeren Gesellen und erfreut des Hörers Ohr mit einem sehr angenehmen, sonoren Brabbeln. Die Gänge im gut gestuften Fünfganggetriebe flutschen leicht und exakt hin und her, die Kupplung arbeitet butterweich. Die Daelim sieht zwar nach Chopper aus, zeigt aber glücklicherweise nicht die typischen Chopper-Unarten. Das heißt, die Sitzposition ist nicht verkrampft, der Sozius findet ein halbwegs komfortables Plätzchen mit rahmenfesten Fußrasten, das Kurvenverhalten ist gutmütig und die Handlichkeit befriedigt auch sportlichere Naturen. Wenn dann aus rund 100 km/h Höchstgeschwindigkeit ganz schnell 0 km/h werden müssen, spielt die vordere Einscheibenbremse sauber mit. Der Stopper ist gut zu dosieren und in seiner Wirkung auf Wunsch äußerst brachial. Eine Trommelbremse sorgt im Notfall dafür, daß auch das hintere Gummi mitwimmert.
Gemeckert werden kann eigentlich nur über Kleinkram. So sind die Federelmente etwas lasch gedämpft und der Antriebskette fehlen die O-Ringe. Peanuts, denn das gute Abblend- und Fernlicht, die zeigefreudigen Rückspiegel und der geringe Verbrauch von rund dreieinhalb Litern Normalbenzin versöhnen wieder. Der Preis von 5.990 Mark geht in Ordnung. Wer die 80 km/h-Version haben will, zahlt für weniger Leistung etwas mehr Geld: Die Verengung des Ansaugquerschnitts und ein kleineres Ritzel kommen auf 50 Mark Materialkosten plus Einbau plus Eintragung. Doch das brauchen ja nur die jungen Hüpfer, Grufties dürfen wie eingangs erwähnt die offene Version fahren.

 

 

 


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