Vorwort der Ausgabe 3/26 von Dieter Dürrfeld
Gekommen, um zu bleiben
Die CFMOTO 800 MT-X bietet europäische Technik, viel Ausstattung und verspricht für 9.499 € das Maß an Abenteuer und Fahrspaß, wofür man bei den arrivierten Herstellern u.U. einige Tausender mehr hinblättern muss. Zu schön, um wahr zu sein? Eine 1.300 km Tour gibt Aufschluss.

Es tut sich was auf dem Motorradmarkt. Die wirklich spannenden Neuerungen kommen dabei aber nicht aus Bayern, Österreich oder Japan. Der Wind der Veränderung bläst zwar aus östlicher Richtung, diese frische Brise kommt aktuell aber aus China und Marken wie Voge, Benda, QJMotor oder eben CFMOTO sind gerade dabei, den europäischen Motorradmarkt ordentlich durcheinanderzuwirbeln.
Wie das gelingt? Oftmals durch die Kombination von europäischer Technik und asiatischer Preispolitik.
Einer der aktuellen Straßenfeger aus dem Reich der Mitte ist die hier beschriebene CFMOTO 800 MT-X. In ihr verschmelzen chinesisches Design, Motorentechnik aus dem Alpenraum und Elektronik aus Schwaben. Erprobtes Know-how gehüllt in asiatisches Gewand – klingt, als könne man hier nichts falsch machen. Oder doch?
Bekannter Antrieb, eigenständiger Auftritt.
Bereits der erste Blick aufs Motorrad verrät: Der Antrieb der CFMOTO 800 MT-X ist ein alter Bekannter. Die Marke CFMOTO gehört zum chinesischen Unternehmen Zhejiang Chunfeng Power Co., Ltd., welches neben Quads und ATVs unter anderem den Motor für die KTM 790 Adventure fertigt – und diesen auch in den eigenen Motorrädern verwenden darf. Aber auch ein optisches Detail lässt bei der 800 MT-X die Nähe zu den Orangen aus Österreich erkennen. Die Form des neben dem Motor weit nach unten gezogenen Tanks findet man so auch bei den Adventure-Bikes aus Mattighofen. Die restliche Erscheinung darf aber als eigenständig bezeichnet werden.
LED ringsum ist inzwischen selbstverständlich, die gelungene Gestaltung der Front verleiht der CFMOTO ein eigenständiges Gesicht, die Scheinwerfereinheit sorgt für einen energischen Blick. Neben dem hohen und damit Offroadtauglichkeit suggerierenden Fender ist es vor allem der mutige Blauton mit dem Namen „Zephyr Blue“, der Aufmerksamkeit erregt. Der irgendwo zwischen türkisgrün und babyblau verortete Metallic-Lack sieht nicht schlecht aus, ich würde mir hier aber etwas Kräftigeres wünschen. Das würde auch mehr zum optischen Charakter der CFMOTO passen. Denn bereits im Stand wird offenbar: Die 800 MT-X will eher sportliches Adventurebike als unaufgeregte Reisebegleiterin sein.

Offroad-orientiere Chinaware
Der Windschild zeigt sich reduziert, die Silhouette ist schlank, die kaum konturierte Sitzbank fällt mit 873 Millimetern Sitzhöhe recht sportlich aus.
Als Erstbereifung wurde der CST Ambro A4 in den Dimensionen 90/90 R21 und 150/70 R18 gewählt, was die Offroad-Ambitionen des Bikes verdeutlicht. Stopp! CST Ambro A4? Noch nie gehört?! Die Gummis stammen vom chinesischen Hersteller Cheng Shin Tire, das Profildesign kommt einem aber verdächtig vertraut vor und sieht dem Pirelli Scorpion Rally STR zum Verwechseln ähnlich.
Ebenfalls direkt auf dem Heimatmarkt werden die voll einstellbaren Fahrwerkskomponenten der 800 MT-X gefertigt. An der CFMOTO übernimmt an der Front eine mächtige 48-Millimeter-Gabel von YU-AN die Dämpfungsarbeit, das Federbein ist ebenfalls Chinaware.

Langstreckentauglich mit Einschränkung
Um herauszufinden, ob und inwieweit sich die Bauteile von den Markenkomponenten anderer Hersteller unterscheiden, soll sich die CFMOTO 800 MT-X in allen Disziplinen beweisen. Es heißt also „Koffer packen“ und auf ins Abenteuer. Auch wenn man bei Reiseenduros direkt an Freiheit abseits befestigter Straßen denkt, beginnt die Reise in der Realität meist mit einer Autobahnetappe. So auch in diesem Fall.
Die sportlich und straff ausgelegte Sitzbank der CFMOTO gibt hier zwar keinen echten Grund zur Klage, man spürt aber, dass das Polster neben Komfort auch Feedback liefern soll.

Etwas störend zeigt sich das Abschirmverhalten der dreiteiligen Windschild-Konstruktion der CFMOTO. Dieser bietet trotz der schmalen mittleren Scheibe guten Windschutz für den Oberkörper, ab einer Geschwindigkeit von 120 km/h sind bei einer Körpergröße von 1,80 Meter und darüber jedoch deutlich Verwirbelungen spürbar. Mit zunehmender Geschwindigkeit werden diese so ausgeprägt, dass die Sicht unklar wird. Auch die Veränderung der Höhe des per Handrad stufenlos einstellbaren Hauptwindschilds schafft keine Abhilfe. Das für Enduro-Helme typische Schild des auf der Fahrt genutzten Nolan N70-2X hat ebenfalls einen Einfluss auf die intensiven Verwirbelungen. Wie bei vielen Crossover-Helmen lässt sich der Schild für schnelle Etappen aber abnehmen (Vorstellung des Nolan siehe im Archiv unter www.kradblatt.de oder Ausgabe 10/22). Also lieber schnell den serienmäßigen Tempomat aktivieren, sich etwas kleiner machen und die Zeit nutzen, um sich mit der Ausstattung vertraut zu machen.
Diese ist bei der CFMOTO 800 MT-X mit Kurven-ABS und Traktionskontrolle auf Basis einer Bosch-IMU, drei Riding Modes (Standard, Rain, Offroad), Quickshifter, Tempomat sowie Smartphone-Konnektivität und Reifendrucksensoren bereits ab Werk mehr als solide. Dank der intuitiven Menüführung und der gelungenen Gestaltung der Schaltereinheiten lässt sich die Elektronik auch ohne Vorkenntnisse spielend erkunden. Das klar gestaltete und hervorragend ablesbare Display tut hier sein Übriges.

Dynamisch auf der Landstraße, sensibel mit Koffern
Abseits der Bundesautobahn zeigt sich die 800 MT-X im Normalbetrieb dann auch in Sachen Fahrkomfort von ihrer besten Seite. Die CFMOTO lässt sich entspannt und leichtfüßig durch Alltagssituationen dirigieren, die Gasannahme ist auch im sportlichen Modus angenehm sanft und gut dosierbar. Der Motor erweist sich als laufruhig, störende Vibrationen sind nicht zu vernehmen.
Richtig Laune kommt auf, wenn das Geläuf kurvig und die Gangart sportlich wird. Mit ihren 91 PS und den maximal 86 Newtonmetern ist die 800 MT-X in Sachen Spitzenleistung kein ausgewiesener Kraftprotz, dem Fahrspaß tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Dank der geschmeidigen Gasannahme, des drehfreudigen Motors und des sauber arbeitenden Quickshifters lässt sich das Potenzial des Reihenzweizylinders voll auskosten.
Positiv fällt hier auch die Erstbereifung der CFMOTO auf. Der CST Ambro A4 leistet sich auf der gesamten Tour keine Schwäche und ist auch bei nassen und kalten Bedingungen ein sicherer Begleiter.
Grundsätzlich glänzt die CFMOTO mit einem sehr neutralen Fahrverhalten. Es muss jedoch erwähnt werden, dass sie sensibel auf Gewicht auf der Hinterachse reagiert. Dabei reicht das beladene Originalkofferset mit Topcase aus, um beim harten Beschleunigen – trotz serienmäßigem Lenkungsdämpfer – einen schlagenden Lenker zu provozieren (siehe Video-Link am Ende des Artikels). Ebenfalls scheinen harte Bremsmanöver bei sehr geringer Schräglage mit abrupter Reduktion der Bremskraft das Phänomen auslösen zu können. Inwieweit die Reifen und Federbein/Dämpfung hier einen Einfluss haben, konnten wir auf der Tour nicht klären. Bei einer Probefahrt – evtl. mit Sozius, beladene Koffer hat man ja nicht immer dabei – achtet aber mal darauf, ob das Phänomen auch bei euch auftritt.
Allgemein ist es erstaunlich, wie sportlich sich die CFMOTO als Adventure-Bike auf Asphalt bewegen lässt. Auf kleinen und kleinsten Nebenstraßen wünscht man sich keine Sekunde mehr als die 91 PS Leistung. Zu viel Spaß macht es hier, die Drehzahl nicht unter 5.000 Umdrehungen fallen zu lassen und zu versuchen, das Aggregat im Bereich zwischen der zweiten und vierten Gangstufe auszureizen.
Nicht ganz so souverän zeigt sich die 800 MT-X auf der Bremse. Bei sportlicher Fahrweise würde man sich auf Asphalt etwas mehr Biss wünschen. Das überrascht, nehmen an der Front der CFMOTO doch Bremssättel von J.Juan zwei mächtige 320er-Bremsscheiben in die Zange. Durch den offroadorientierten Ansatz der 800 MT-X ist die zurückhaltendere Auslegung der Bremsanlage vermutlich aber bewusst gewollt. Schließlich ist ein zu aggressives Ansprechverhalten auf losem Untergrund kontraproduktiv.

Im Offroad zu Hause
Der Übergang ins Grüne gelingt mit der 800 MT-X absolut problemlos. Einfach während der Fahrt den Offroad-Modus anwählen und – wo möglich – einfach links oder rechts von der Straße abbiegen.
Doch nicht nur in Sachen Fahrmodus hat man auf der CFMOTO abseits befestigter Straßen leichtes Spiel. Weiß die Ergonomie schon auf Asphalt zu gefallen, erweist sich das Dreieck aus Sitzbank, Lenker und Fußrasten dann auch als offroadtauglich. Die Rasten sowie die zugehörigen Hebel sind gut positioniert, dank der recht hohen Sitzbank gelingt der Wechsel in eine stehende Position ohne großen Kraftaufwand. Die Lenkstange liegt sowohl bergab als auch bergauf gut zur Hand und der schmale Tank ermöglicht es, sich bei steileren Passagen weit nach vorne zu positionieren. Die nicht ganz so früh und vehement einsetzende Leistung hilft dabei, bei im Offroad-Modus ausgeschalteter Traktionskontrolle auf losem Untergrund die Traktion am Hinterrad besser zu kontrollieren – und das trotz der straßenorientierten Bereifung. So fühlt man sich nicht nur auf Feldwegen komfortabel, sondern bewältigt auch ausgedehnte Schotterpassagen und Single-Trail-ähnliche Abschnitte, ohne Stress und verkrampfte Arme.
Dazu tragen auch die beachtliche Bodenfreiheit von 240 Millimetern und das sportlich abgestimmte Fahrwerk der CFMOTO bei. Die Disziplin Offroad gelingt auf der CFMOTO so gut, dass man sich eher zügeln und immer wieder ins Gedächtnis rufen muss, dass man nicht auf einer leichten Sportenduro, sondern mit einem 220 Kilogramm schweren Adventure-Bike unterwegs ist. Denn auf die Seite legen will man das Bike ohne Motorschutzbügel auf keinen Fall.
Wer will, kann mit der 800 MT-X also problemlos auch gröbere Abschnitte in seine Reise mit einplanen und längere Etappen abseits vielbefahrener Wege zurücklegen. Dank eines moderaten Verbrauchs von etwas über 5 Litern und 22,5 Liter Tankvolumen kann man dann getrost auch die ein oder andere Tankstelle links liegen lassen und sich auf das konzentrieren, was am meisten Spaß macht – Motorradfahren.

Fazit
Autobahn, Landstraße, Schotter – nach über 1.300 Kilometern mit der CFMOTO ist klar: weder in puncto Design und Verarbeitung, noch bei Motorleistung und Fahrverhalten braucht sich die CFMOTO hinter der europäischen Konkurrenz verstecken. Beim Antrieb ist das – wie auch zu erwarten war – keine große Überraschung, schließlich ist die Technik bereits vielfach erprobt.
Zu einer guten Reiseenduro gehört aber mehr als ein potentes Triebwerk – viel mehr. Doch die CFMOTO gibt sich keine Blöße und agiert in fast allen Bereichen mindestens auf Augenhöhe mit der internationalen Konkurrenz. Alles wirkt wertig, die Ergonomie passt für Durchschnittsmenschen sehr gut, das Fahrwerk funktioniert ab Werk auf Asphalt und abseits befestigter Wege, empfindliche Zeitgenossen können Vorspannung sowie Zug- und Druckstufe nachjustieren.
Ebenfalls bemerkenswert: die Qualität des während des Testzeitraums genutzten dreiteiligen Koffersets inklusive Topcase. Für einen Preis von 1568,43 € inklusive Halterung erhält man ein robustes System, das mit toller Haptik und einfacher Bedienbarkeit überzeugt. Punktabzug gibt es für die oben erwähnte Schwäche beim Fahren mit Gepäck. Wer mit diesen Einschränkungen leben kann, bekommt bei der 800 MT-X viel Abenteuer fürs Geld, vier Jahre Garantie und Inspektionsintervalle von 15.000 Kilometer inklusive. CFMOTO macht mit diesem Mittelklasse-Adventurebike eines klar – sie sind gekommen, um zu bleiben.
Schaut euch die Reise mit der CFMOTO 800 MT-X auch auf unserem YouTube-Kanal @asphaltsuechtig an. Mehr Motorrad gibts zudem in unserem Podcast „gasgeflüster“ (https://linktr.ee/gasgefluester) und auf Instagram unter @asphaltsuechtig

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