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Can-Am Ryker 600

aus Kradblatt 6/20 von Jens Riedel, Fotos: Gaby Kohne / Jens Riedel

Spyder für die Hälfte!

Can-Am Ryker 600 - Sitzposition

Den freundlichen Hinweis, doch bitte vor dem Losfahren die „Safety Card“ zu lesen, kennen wir schon vom Spyder. Da reichte ein einfacher Druck auf den Mode-Knopf und es konnte losgehen (auch ohne die Warnhinweise gelesen zu haben). Beim Ryker gestaltet sich die Startprozedur etwas komplizierter. Nein, auch hier muss man die Sicherheitskarte nicht wirklich lesen, zumal sie sich auch noch im ausklappbaren rechten Seitendeckel versteckt, doch der Reihe nach.

Kleines Staufach des Can-Am Ryker 600 Seit etlichen Jahren bietet die Marke Can-Am des kanadischen BRP-Konzerns seinen Spyder an. Der puristische Roadster auf drei Rädern wird mit einem Motorradlenker gesteuert und von einem Motorradmotor befeuert. Dafür wurden bislang mindestens 18.000 Euro fällig. Statt 1330 Kubikzentimeter Hubraum gibt es alternativ nun 600 ccm und statt 105 PS mit 50 PS jetzt etwas weniger als die Hälfte. Zwei statt drei Zylinder, hier und da noch ein bisschen an der Karosserie abgespeckt, das große Staufach im Bug entfernt und aus dem Spyder wird der Ryker 600. 

Halber Hubraum und halbe Leistung machen unterm Strich auch (fast) den halben Preis. Das neue Eintiegsmodell des „Snowmobils auf Rädern“ unterschreitet jedenfalls die 10.000-Euro-Marke und soll so mehr Kunden für diese Art der Fortbewegung begeistern. Heißt das zwangsläufig auch halber Spaß? 

Dass zum Erreichen des Preises an einigen Details gespart werden musste, ist nicht zu übersehen, wenn man Ryker und Spyder vergleicht. So dominiert schwarzer Kunststoff die Verkleidung. Lediglich das kleine Frontcover bringt etwas Farbe ins Spiel, in unserem Fall ein stark an Kawasaki erinnerndes Grün. 12 Farb-Varianten sind aktuell verfügbar. 

Motorraum des Can-Am Ryker 600 Auch die Seitendeckel und der einfache Handbremshebel zeugen vom Diktat des Sparens. Und die beiden seitlichen Scheinwerfer tragen ihre Kabelage hinten offen zur Schau (was man bisweilen aber auch anderswo so findet). Ein geschlossenes Lampengehäuse wäre sicher für ein paar Cent möglich gewesen. Letztendlich gehen diese Dinge unterm Strich aber in Ordnung, denn es ist eben alles eine Frage des Preises.

Immer wieder stellt sich hingegen die Frage, ob man es hier nun mit dem motorrad-ähnlichsten Auto oder dem auto-ähnlichsten Motorrad zu tun hat? Aus unserer Sicht handelt es sich wie beim Trike um eine eigenständige Fahrzeuggattung. Wenn der Begriff nicht schon automobil belegt wäre, würde sich hier „Roadster“ anbieten. Das zumindest ist der Ryker auf alle Fälle, und vor allem ein ganz besonders puristischer. Gefahren werden dürfen die Can-Am Dreiräder mit dem Führerschein der Klasse A oder der Klasse B (PKW) bei einem Mindestalter von 21 Jahren.

Mit den Fahreigenschaften eines Motorrads hat das Spaßgerät aus Kanada definitiv nichts zu tun – jedenfalls nicht mit denen einer Solo-Maschine. Gänzlich anders sieht die Sache aus, wenn man ein Gespann betrachtet. Sicher, ein Bike mit Beiwagen hat eine andere Rad-Geometrie, unbestritten ist jedoch, dass Fahrer mit Gespannerfahrung am schnellsten den richtigen Dreh beim Can-Am raus haben. Hier wie dort gilt bei Richtungswechseln forderndes Drücken oder Ziehen am Lenker, Gas aufdrehen in Rechts- und Zurücknahme in Linkskurven sowie die Verlagerung des Oberkörpers in die entsprechende Richtung.

Fahrspaß der dritten Art - Can-Am Ryker 600

Die kleinen runden und frech hervorstehenden Scheinwerfer stehen dem Ryker ausnehmend gut und erinnern ein wenig an die Borgs aus dem Star-Trek-Universum. Davor findet sich an der Front ein aufgesteckter Servicedeckel, unter dem die Batterie, der Behälter für die Kühlflüssigkeit und andere Kleinigkeiten stecken. Dem Bemühen um Gewichtseinsparung und Verschlankung des Fahrzeugs fällt leider das große Bugfach des Spyder zum Opfer. Ryker-Piloten müssen sich mit einem kleinen Fach vor dem Lenker begnügen, dass nur sieben Liter Volumen bereit hält und zudem auch noch etwas zerklüftet ist, weil sich darunter die Zylinder in die Höhe strecken. Viel mehr als Nierengurt, Handschuhe und Schal oder den Mini-Einkauf fürs Mittagessen schluckt der kleine Kofferraum also nicht. Da wäre sicher mehr drin gewesen. Dafür gibt es immerhin einen illuminierten USB-Anschluss. 

Tachodisplay des Can-Am Ryker 600 Einfach genial sind hingegen einige kleine ergonomische Details am Ryker. So können die Fußrasten ganz simpel um bis zu 22 Zentimeter nach vorne oder hinten verschoben werden. Dazu müssen sie nur hochgeklappt werden. Auch der Lenker lässt sich den ergonomischen Vorlieben des Ryker-Reiters anpassen. Nach werkzeuglosem Lösen einer Klemme kann er in vier Rasterungen um jeweils etwa anderthalb Zentimeter näher zum Fahrer oder von ihm weg positioniert werden. Eine weitere Annehmlichkeit ist der schlüssellos zu öffnende Tankdeckel: Er verbirgt sich unter dem schlicht nach hinten zu ziehendem Plastikcover unmittelbar vor dem Lenker. 

Leicht verstellbare Ergonomie am Can-Am Ryker 600 Direkt vor dem Handbremshebel ragt eine auf den ersten Blick etwas seltsam anmutende Plastikkugel hervor. Des Rätsels Lösung findet sich am Schlüsselbund für den Ryker. Dort befindet sich das Gegenstück, eine Art Kugelgelenkpfanne. Erst wenn sie auf dem Kunststoffknubbel sitzt, ist die Wegfahrsperre deaktiviert. Den Startvorgang erleichtert das aber nicht. Der komplette Ablauf sieht danach so aus: Den roten Killschalter einschalten und den grauen Startknopf darunter drücken – das erweckt aber erst einmal nur die Instrumentenanzeige zum Leben. Jetzt den Gasgriff in Richtung Front drehen und dann noch einmal den grauen Startknopf drücken – geschafft. Der Zweizylinder erwacht angenehm vollmundig und trotzdem unaufdringlich zum Leben.

Die CVT-Automatik und das Gewicht von immerhin 270 Kilogramm fordern bei 50 PS natürlich ihren Tribut. 11,5 Sekunden sind selbst für einen Kleinwagen keine Zauberei und eine Spitzengeschwindigkeit von rund 140 km/h reichen zum Mitschwimmen auf der Autobahn. Doch beim Ryker 600 geht es auch um andere Dinge als den Rausch der Beschleunigung und der Geschwindigkeit. Für Fahrspaß auf zwei – oder in diesem Fall eben drei – Rädern muss beides bekanntermaßen nicht zwingend in höheren Regionen angesiedelt sein. Dem Reiz des Quertreibens kann man auch mit 50 Newtonmetern erliegen, erst recht, wenn man nur 60 Zentimeter über dem Asphalt schwebt. 

Der dicke 205/45-Puschen hinten und das ordentliche Drehmoment reichen beim Anfahren und beim flotten Abbiegen an der Kreuzung allemal für einen quietschenden Reifen. Der lässt sich auch vorne provozieren, denn das Bosch-ABS wird erst spät geweckt. Es arbeitet dabei zuverlässig und vor allem völlig unaufgeregt. Spätestens nach einem halben Tag greifst du auch nicht mehr nach den nicht vorhandenen Kupplungs- und Bremshebeln, denn – ganz auto-like – wird nur mit einem Fußpedal verzögert. Und das Vehicle Stability System (VSS) holt ein abhebendes Vorderrad in Bruchteilen von Sekunden wieder zurück auf den Asphalt. 

Mehr Action: Can-Am Ryker 900 Rally

Erstaunlich ist die stufenlose Automatik. Das CVT-Getriebe arbeitet weit feinfühliger als im Gros der Roller oder japanischen Autos. Der Vortrieb bleibt beim Can-Am keineswegs hinter dem zurück, was die Akustik suggeriert. Der Riemen hält stets die passende Drehzahl bereit und verkneift sich große Sprünge. Die linearen Wechsel des Übersetzungsverhältnisses vollziehen sich absolut unbemerkt (es sei denn, man hat den Blick auf den Drehzahlmesser gerichtet). Bei Tempo 100 auf der Landstraße liegen etwa 5950 Umdrehungen in der Minute und das maximale Drehmoment an, bei Autobahnrichtgeschwindigkeit sind es dann im Vergleich dazu geringe 6500 Touren (beide Werte gelten für die Konstantfahrt). Bei vorgeschriebenem Citytempo zeigt das Digitalinstrument 4000 Rotationen an und befindet sich gewissermaßen in Lauerstellung für den nächsten Zug am Gasgriff. Da macht es auch im dichteren Stadtverkehr trotz der nicht zu unterschätzenden Spurbreite enorm viel Spaß, sich mit beherzten Lenkerbefehlen durch den Großstadtdschungel zu zirkeln. Wen es interessiert: Wir bewegten das Spaßgerät im Spaß-Modus mit Durchschnittsverbräuchen zwischen sieben und 8,5 Litern, was bei einem Tankvolumen von 20 Litern, Reichweiten von um die 250 Kilometer verspricht. Can-Am gibt einen Kraftstoffverbrauch von 5,4 l/100 km an.

Der Motor überträgt seine Kraft via Kardanwelle, die sich in einer mächtigen einarmigen Kastenschwinge dreht und im Schiebebetrieb gerne auch einmal säuselnd pfeift. Für Rangiermanöver gibt es dankenswerterweise einen Rückwärtsgang, der allerdings recht weit vorne liegt und den man bei Erstkontakt mit dem Ryker doch lieber erst einmal mit lang gestrecktem Arm von Hand einlegt. Irgendwann hat man aber den Bogen raus, wie das auch mit der Fußspitze gelingt. Beim Rückwärtsfahren stellt der Ryker automatisch die Warnblinker scharf. Etwas nervig ist das Piepsen, das unmittelbar nach dem Abschalten des Motors einsetzt und mahnt, doch bitte die Feststellbremse zu arretieren, damit der ganglose Ryker nach dem Parken nicht wegrollt.

Zum Schluss zurück zur eingangs gestellten Frage: Halbe Leistung und halber Preis gleich halber Spaß? Mitnichten, denn der Ryker ist aufgrund seiner Kompaktheit handlicher und agiler als der Spyder. Er kann daher sogar beherzter rangenommen werden als der große Bruder, wobei der Regelbereich des VSS nach unserem Geschmack aber ruhig noch ein bisschen weniger strikt ausgelegt werden dürfte. Hier wird die Can-Am Ryker Rally-Edition interessant (ab 12.899 €). Die beinhaltet einen Rally-­Modus, der es dem Fahrer erlaubt, Drifts auf Kies und Schotter vorzunehmen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Can-Am Ryker 600 mit Soziusplatz

Übrigens: für 350 Euro lässt sich der günstige Can-Am Ryker noch soziustauglich machen – da dürften die 50 PS den agilen Fahrspaß dann aber doch etwas drosseln. Den Ryker gibts aber auch mit einem 900 ccm Dreizylinder und 82 PS – das ist dann fahrdynamisch schon wieder ein ganz anderer Schnack (ab 11.499 €). Und wer wirklich viel zu zweit unterwegs ist, dem empfehlen wir zum Vergleich die Probefahrt mit einem Can-Am Spyder. 

Mehr Informationen und Probefahrtmöglichkeiten gibts bei allen Can-Am Vertragshändlern. Vielfach bieten die Händler auch Mietfahrzeuge an, so kann man den Fahrschpaß der anderen Art z.B. am Wochenende oder in einem Kurzurlaub intensiv ausprobieren. Fragt einfach mal nach den Tarifen …


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