Isabel und die Elefant

Cagiva Elefant 900 i.e.

aus bma 04/03

von Isabel von Heydebreck

Isabel und die ElefantMeinen ersten Motorrad-Urlaub hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt: Schön romantisch, die Freiheit genießen, aber ich (Sozia) wurde eines Besseren belehrt. Ziel war Schweden mit einer einsamen Blockhütte. Eigentlich hätte ich schon stutzig werden müssen, als genau einen Tag vor Urlaubsbeginn der Zahnarzt meinen Schmerzen endlich Glauben schenkte und mir ganz einfach einen Weisheitszahn zog. Am Tag der Abreise zeigte die Maschine (Cagiva Elefant 900 i.e.) ihr italienisches Temperament: Sie sprang nicht an! Nur mit Mühe schaffte ich meinen Nachuntersuchungstermin beim Zahnarzt und schon dort stellte sich, wie dann auch bei jedem weiteren Start, die bange Frage: Wird sie anspringen?
Die Cagiva sprang an, und der „Urlaub” konnte beginnen. Kurz hinter dem Elbtunnel machten wir eine kleine Pause, schließlich hatten wir ja Zeit. Beim Rasten fragte ich meinen Freund, ob es denn normal sei, dass da etwas auf den Auspuff tropft? Nein, natürlich nicht. Zum Glück war es kein technisches Problem. Pech aber, dass es sich um eine Bierdose handelte, die im Topcase ausgelaufen war – wo das Bier in Schweden doch so teuer sein sollte.
Also wurden kurz vor Flensburg noch einmal die Bierreserven aufgefrischt. Und – oh, Wunder – das Motorrad sprang auch diesmal an, obwohl die Elefant von mir bereits in „Zicke” umgetauft worden war.

 

Die Fahrt weiter durch Dänemark war nicht gerade spannend, wenn man von der neuen Erfahrung einmal absieht, dass bei Tempo 140 auf der linken Spur plötzlich das typische „Benzin alle”-Ruckeln einsetzte. Schnell schwenkten wir rechts rüber auf die Standspur, um an den Benzinhahn zu kommen. Dazu dann die bekannte Angst im Nacken: Springt die Zicke auch wieder an, oder verbringen wir den Urlaub in Dänemark auf der Standspur?
ZickenalarmDas Überfahren der großen Brücken war beeindruckend und beängstigend zugleich. Schnell wurde mir bewusst, wie klein und zierlich man doch plötzlich als Sozia zwischen all den Lastwagen, Wohnwagen, Zügen und orkanartigen Böen werden kann. Landschaftlich gesehen war Schweden zwar sehr schön, aber irgendwann sahen alle Straßen mit den Elchschutzzäunen dann doch gleich aus.
Nach fast zehnstündiger Anreise erreichten wir schließlich das schöne Häuschen. Mein erster Gedanke: Sachen ausziehen, Füße hochlegen und entspannen! Schnell stellten wir fest, dass die neu erworbene Bierdose die Reise gen Norden auch nicht überstanden hatte. Also teilten wir uns das einzig verbliebene Bier und genossen die Einsamkeit und den Sonnenuntergang.
Der nächste Morgen begrüßte uns um 9 Uhr mit fast 30 Grad. Ach, schönes Schweden, der Urlaub konnte beginnen. Wir nahmen uns vor, in das zehn Kilometer entfernte Städtchen zu fahren, um unsere Vorräte aufzufüllen, damit wir in den nächsten Tagen ausgiebige Touren machen konnten. Also rein in die Ledermontur und – die Zicke gab keinen Laut von sich. Der Schweiß rann an uns herunter. Ich zog die Sachen wieder aus, und Jörg probierte die Maschine wieder flott zu machen. Gegen 12 Uhr gestand er mir, dass es keinen Zweck hätte. So mussten wir bei 35 Grad Hitze auf Kinderfahrrädern zehn Kilometer weit strampeln, um uns mit Essen zu versorgen. Wie gesagt, meinen ersten Motorradurlaub hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt. Unterwegs fanden wir immerhin einen Laden, in dem wir Zündkerzen kaufen konnten, denn vielleicht lag es ja daran (was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten war, dass der Zündkerzenschlüssel, den wir mithatten, nicht passte).
i.e. läuft wiederAls wir schließlich völlig erschöpft wieder an unserer Hütte angekommen waren und ich mich auf einen motorradfreien Tag an der Sonne eingerichtet hatte, ging Jörg noch einmal zu seinem geliebten Zweirad und drückte eher durch Zufall den Startknopf – die Cagiva sprang an! Langsam stieg in mir der Hass hoch. Hatte die Zicke etwas gegen mich und wollte mich ärgern? Jedenfalls bretterte Jörg dann alleine durch die Landschaft, denn ich hatte so gar keine Lust mehr.
Am nächsten Tag fing dann das ganze Drama wieder von vorne an. Die Zicke machte wieder Zicken und ihrem Namen alle Ehre. Zum Glück hatten wir unsere Lektion vom Vortag gelernt und waren nicht gleich in die Motorradklamotten gestiegen. Jetzt wurde es aber auch Jörg allmählich zu bunt. Er verschwand mit der Zicke hinter dem Haus und baute sie halbwegs auseinander und wieder zusammen (dabei fiel das Problem mit dem Zündkerzenschlüssel auf). Doch die Cagiva lief immer noch nicht. Nachbarn wurden herbeigerufen, um mit unserem mitgeschleppten Überbrückungskabel Starthilfe zu geben. Doch die Zicke blieb stur. Nicht einmal ein neuer Volvo schaffte es, sie zu überreden und gab dabei fast selbst den Geist auf. Auch meine lautstarken Beschimpfungen halfen nichts. Sie wollte einfach nicht anspringen.
Im Prinzip wiederholten sich die Tage. Nur bei uns grüßte nicht täglich das Murmeltier, sondern die launige Zicke. Ab und zu sprang sie urplötzlich ohne erkennbaren Grund einfach an. So sahen wir wenigstens etwas von der Gegend.
Schnell war die Woche Urlaub um und die Heimreise stand bevor. Was würde passieren? Müssten wir den Urlaub verlängern, nur weil die Zicke beschließen würde, dass es ihr in Schweden so gut gefällt und sie sich deshalb nicht rühren würde?
Via Handy von Schweden über Deutschland hielten wir Rücksprache mit einem Schrauberfreund, der in Italien Urlaub machte. Er gab uns den Tipp, das Luft-Benzin-Gemisch anzureichern. Jörg nahm den Entlüftungsschlauch der Batterie, band ihn am Lenker fest und führte das andere Ende in den Luftfilterkasten. Dann füllte er mit einer Spritze Sprit rein und blies mit viel Puste das Benzin in den Luftfilter. Und tatsächlich, mit dem lautstarken Knall einer Fehlzündung sprang die Zicke an.
Mit dieser List schafften wir problemlos den Rückweg. Allerdings hatten wir uns für die Heimfahrt ausgerechnet den heißesten Tag des Jahres ausgesucht. Wie schön wäre es gewesen, den Pulli auszuziehen, aber leider gab es keinen Stauraum mehr. Kurz vor Flensburg mussten wir eine Pause machen, denn bei uns beiden ließ die Konzentration nach. Alle liefen in Shorts rum, nur wir fielen etwas aus der Reihe. Das klimatisierte Restaurant war eine Wohltat.
Nach 40 Minuten Erholung nahmen wir die letzte Etappe in Angriff. Alles klappte wie am Schnürchen. Kein Stau und die Zicke machte auch keine Zicken mehr und lief brav bis in die heimatliche Garage. Aber auch nur, um nach diesem Tag nie wieder einen Ton von sich zu geben und ihr Dasein mit 75.000 Kilometern auf dem Tacho zu beenden.
Ach so, Jörg fährt jetzt eine Yamaha Fazer 600. Die läuft immer und zickt nie. Die Zicke aber werde ich trotzdem nie vergessen.

 

 

 


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