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Brandenburg – Urstromtäler

aus Kradblatt 5/17
von Frank Sachau

Die letzte Eiszeit hinterließ vor rund 18.000 Jahren einen riesigen Frostpanzer. Mit Beginn der Tauperiode flossen die Schmelzwassermassen über große Rinnen in die heutige Nordsee ab und schufen das Baruther und Berliner Urstromtal. Landschaften, die von den drei Ws geprägt werden: Wiesen, Wälder, Wasserflächen.

Sonnenblumenfeld
Frei nach dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung“ verlassen wir, warm und regenfest ausstaffiert, den unteren Spreewald, um das Baruther Urstromtal südlich der Bundeshauptstadt unter die Räder zu nehmen. Am rechten Spiegel windet sich die Spree durch die Märkische Heide in Richtung Berlin, am linken Spiegel scheinen die Krausnicker Berge (144 m) mit den bleigrauen Regenwolken zu kuscheln.

Am Rande des Naturparks Dahme-Heideseen kurven wir durch Halbe nach Teupitz, von dem schon der Brandenburger Literat Theodor Fontane schwärmte: „Ich habe Sehnsucht, den Teupitzsee wiederzusehen. Ist es seine Schönheit allein, oder zieht mich der Zauber, den das Schweigen hat?“ Still ist es hier überhaupt nicht, denn der Wind hat deutlich zugenommen, es rauscht in den Baumkronen und im Schilfgürtel.

Verantwortlich für die vielen kleinen Gewässer und zahlreichen Hügel ist die Weichsel-Eiszeit, die nicht nur das niedrige Mittelgebirge Fläming und das Baruther Urstromtal zurückließ, sondern auch reichlich Wasser und Geröll. In Wünsdorf, mitten in der Zossener Heide treffen wir auf ganz andere, von Menschen geschaffene Hinterlassenschaften, die sicherlich auch noch einige hundert Jahre erhalten bleiben werden.

SpitzbunkerIn und unter der sogenannten Waldstadt ließ die Deutsche Wehrmacht unter strengster Geheimhaltung noch vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges bombensichere Nachrichtenzentralen für Heer und Luftwaffe bauen.

Nach dem Ende des Krieges wurde die Bunkerstadt von der Roten Armee besetzt, modernisiert und für eigene Zwecke genutzt. Die heutige Bundesstraße 96 führte fortan im großen Bogen um das geheimnisvolle Areal, das von den Nachbarn hinter vorgehaltener Hand „Klein-Moskau“ genannt wurde, herum. Mit Abzug der letzten sowjetischen Truppenteile wurden die Anlagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Kasernenbauten zu ansehnlichen Wohnhäusern umgestaltet.

Eine wenig befahrene Nebenstrecke geleitet uns anschließend auf regennassem Teer in den Naturpark Nuthe-Nieplitz. Mittendrin entdecken wir das Dorf Blankensee mit seinem stattlichen Herrenhaus und der dazugehörigen Parkanlage. Das ansehnliche Ensemble wird von den Wasserarmen der Nuthe und der Nieplitz eingerahmt.

Die Landschaft, durch die wir genussvoll kurven, ist typisch für die Mark Brandenburg: Bäche und Seen, Wiesen und Wälder, Heideflächen und Sand – ganz viel Sand. Dieser leichte Boden ist die Heimat des berühmten Beelitzer Spargels. Ab Mitte April wird das edle Stangengemüse geerntet und überall angeboten. Mit der Wahl der Spargelkönigin findet die Saison ihren Höhepunkt, um an Johanni (24. Juni) einen Schlussstrich zu ziehen.Bockwindmühle
Eine deutlich längere Saison dürfte der Müller der Bockwindmühle am Ortsausgang gehabt haben. Ende des 18. Jahrhunderts nahm der Riesenquirl seine Arbeit auf und war bis zum Jahr 1965 ständig im Einsatz. Dem Verfall preisgegeben, konnte die imposante Mühle erst kürzlich gerettet und komplett renoviert werden.

Unser nächstes Ziel, Luckenwalde, steuern wir auf der mit Kurven gespickten Landstraße durch den Forst Woltersdorf an und beschleunigen in das Baruther Urstromtal nördlich des Niederen Flämings. Rechts der Straße liegt der Golmberg, seines Zeichens höchste Erhebung mit stolzen 178 Meter Gipfelhöhe, am anderen Straßenrand breiten sich die fast baumlosen Flemmingwiesen aus. Ein unbekanntes Verkehrszeichen mit dem Piktogramm eines Rollschuhfahrers erinnert uns daran, dass die Gegend zu den beliebtesten Skater-Regionen Europas zählt.

GurkeneisPetrus macht sich bei uns beliebt, als er am späten Nachmittag die letzten grauen Wolken vertreibt. Die Spree, die der Region Spreewald ihren Namen schenkt, entspringt an der tschechischen Grenze Sachsens.

Aus Cottbus kommend, verzweigt sie sich in ein Labyrinth aus kleinen und allerkleinsten Wasserwegen, den sogenannten Fließen. Preußische Monarchen holten einst Migranten ins Land, vergaben Parzellen und Privilegien, in der Hoffnung, den bis dahin undurchdringlichen Sumpf urbar zu machen. Der humusreiche Boden entpuppte sich als ideale Grundlage für den Anbau von kleinen Einlegegurken, die durch Zufügen von Essig und Kräutern für den Verzehr vorbereitet wurden. Auf Kähnen wurden die Gurkenerzeugnisse zu den Märkten geschafft.

Wir folgen der gut ausgebauten, topf­ebenen Hauptstraße nach Lübben, wo die zahllosen Wasseradern zusammenfinden. Die Überreste des Schlosses erinnern an die glorreichen Zeiten, als der Ort noch zu Sachsen gehörte, das auf der Seite Napoleons Krieg gegen Preußen führte. Im Juli 1813, die militärische Lage des kleinen Franzosen war besorgniserregend, inspizierte er seine Truppen, oder das, was von ihnen übrig war. Nach seiner Niederlage und dem Wiener Kongress fiel der Spreewald an Preußen.

BismarckturmWir streben nach Lübbenau, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft das Freilandmuseum Lehde auf unseren Besuch wartet. Mit betagten Möbeln und einfachem Geschirr ausgestattete historische Bauernhöfe schenken Einblicke in das Leben der Spreewälder, Trachten und Schmuck zeigen, was einst Haute-Couture war und selbstverständlich kann auch eine Kahnbauerei besichtigt werden.

Als der berühmte Dichter Theodor Fontane seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg unternahm, führte ihn die literarische Reise auch hierher: „Es ist die Lagunenstadt im Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag“. Weit entfernt von Fließen und Kanälen und abseits der wenigen Straßen dampfte seit 1900 die „Spreewald-Guste“ tagein tagaus auf einer Schmalspurstrecke mit Bahnhöfen in Lübben, Goyatz, Lieberose und Cottbus hin und her, bis 1970 das Aus kam. Doch die Bimmelbahnromantik blieb bis heute im Spreewaldbahnhof Burg erhalten. In dem von angerosteten Exponaten umzingelten Bahnhofgebäude befindet sich eine Gaststätte, die uriger nicht sein kann: Jeder freie Quadratzentimeter wird von Emailleschildern, Schaffnerutensilien und Eisenbahnkrempel bedeckt. Getränke und kleine Speisen werden stilecht mit einer Spielzeugeisenbahn bis an unseren Tisch gefahren. Für das Dessert suchen wir ein anderes Etablissement auf: Urbans Eiscafé in der Hauptstraße. Nur hier gibt es das einmalige Gurkeneis.

Ausgeschlafen und gefrühstückt starten wir die Maschinen, um am Ortsausgang von Burg schon wieder abzusteigen, Frühsport ist angesagt. Über hundert Stufen liegen unter uns, als wir von der Aussichtsplattform des 33 Meter hohen Bismarckturms über das grüne Dach des von Horizont zu Horizont reichenden Spreewaldes blicken.

Muellrose-See

Zurück auf der Straße, entpuppt sich der Wald als krasser Mix aus schlanken, kalkweißen Birken und knorrigen, bemoosten Eichen. Im nahen Straupitz besichtigen wir die vor zwanzig Jahren aus Ruinen auferstandene Holländerwindmühle, die es wortwörtlich in sich hat: Sie verarbeitet seit dem 17. Jahrhundert Korn, Öl und Holz und gilt damit als letzte produzierende Dreifachmühle Europas. Der Oberspreewald verschwindet in unseren Rückspiegeln, als wir durch weite, leicht hügelige und von kleinen Wäldchen durchsetzte Flächen an das südliche Ende des Schwielochsees schwingen.

Ziegelei LichtenowWährend der größte See Brandenburgs sich nur selten blicken lässt und auch das Teerband zu schwächeln beginnt, drängen sich ausgedehnte Sonnenblumenfelder bis an die Straße. In Friedland ist schon die Route zum Schlaubetal ausgeschildert, dem wohl schönsten Bachtal der Region. In Weichensdorf links abgebogen, breitet sich eine landschaftlich reizvolle, flott zu fahrende Strecke vor unseren Rädern aus, die ab Grunow mit runden Kurven und unerwarteten Höhenunterschieden noch eine Schippe Fahrspaß drauflegt. Nach wenigen Kilometern erreichen wir das Westufer des Großen Müllroser Sees, queren den Oder-Spree-Kanal und gelangen auf die mit zahllosen Gewässern gespickte Lebuser Hochfläche, wo unseren Blicken bis zum Horizont nichts im Wege steht.

Regen in RegenmantelAls Sammler von ausgefallenen Ortsnamen wie zum Beispiel Weitewelt, Benzin, Rom oder Hölle, darf ich am Weiler Regenmantel natürlich nicht vorbei fahren, ohne ein Foto vom Ortsschild gemacht zu haben. Kaum zu glauben, aber wahr: Mit Stillstand der Motoren und Zücken der Kamera fallen aus einer einzelnen dunklen Wolke ein paar Regentropfen, die einzigen des gesamten Tages.

Helm ab zum Gebet könnte es bei unserem nächsten Stopp heißen: Wo heute die Gedenkstätte Seelower Höhen thematisch interessierte Besucher informiert, begann Anfang 1945 die Rote Armee den entscheidenden Angriff auf die damalige Reichshauptstadt Berlin.

SpreewaldbahnhofDie Seelower Höhen oberhalb des Oderbruchs wurden von den letzten Wehrmachtsverbänden erbittert verteidigt, der sowjetische Vorstoß kam nicht voran, die Schlacht zog sich über Wochen hin, Zehntausende verloren ihr Leben oder wurden verwundet. Kaum haben wir das nahe Schloss Neuhardenberg passiert, ist von alledem nichts mehr zu spüren.

Mit Karlsdorf erreichen wir das Tor zum Naturpark Märkische Schweiz, eine ebenfalls durch die letzte Eiszeit geprägte Seen- und Hügellandschaft, deren höchste Erhebung, der Krugberg mit immerhin 129 Höhenmetern angeben kann. Von einem besonderen Klima verwöhnt, verbrachten hier einst zahlreiche Berliner Dichter, Denker und Künstler die Sommermonate. Ruppiger Teer, wechselnde Breiten, zickige Kurven, wenig Verkehr, menschenleere Gegenden – einfach genial!

Straupitz MühleHinter der B 168 gelangen wir im großen Bogen zuerst nach Lichtenow, wo ein hoher schlanker Schornstein die Lage eines historischen Ringbrennofens zur Ziegelherstellung markiert, dann nach Hangelsberg an der Spree. Den Flusslauf zur Rechten, treiben wir die Bikes in die Domstadt Fürstenwalde, an deren frühzeitlicher Gründung auch das Berliner Urstromtal Schuld ist.

Ein paar Kilometer später erreichen wir das westliche Ufer des langgezogenen Scharmützelsees, den der uns schon bekannte Fontane, zutiefst beeindruckt, das Märkische Meer nannte und eilen nach Wendisch Rietz, um am Südende des zweitgrößten Brandenburgischen Gewässers nach Ahrensdorf abzubiegen. Leise grummelnd zieht der Teer einer charaktervollen Landstraße am Rande des Naturparks Dahme-Heideseen unter unseren Pneus entlang. Schon von Weitem sind die markanten, hellen Doppeltürme der beeindruckenden Schinkelkirche zu erkennen, die von dem bekannten preußischen Baumeister im Stil des Klassizismus entworfen wurde.

Als sich Heide- und Ackerflächen in den Vordergrund drängen und rotbeinige Störche auf Nahrungssuche durch die feuchten Niederungen staksen, wissen wir: Der Spreewald ist nicht mehr weit!

Reisetipps:

Unterkunft: Gasthaus und Pension Hafeneck. Mitten im Spreewald gelegen, mit eigener Kahnanlegestelle an der Spree, gemütlichem Biergarten, einladenden Zimmern und einer Unterstellmöglichkeit fürs Motorrad. Ideal auch für Fahrten in die Lausitz und den Fläming. Der bekannte Eurospeedway Lausitz ist nur 50 Kilometer entfernt. Doppelzimmer mit Frühstück ab 70 Euro. Adresse/Kontakt: Am Hafen 7, 03096 Burg/Spreewald, Fon 035603- 278, www.hafeneck.com

Literatur und Karten: DuMont Bildatlas Band 121 „Brandenburg“. Über 100 Seiten gespickt mit zahlreichen Farbfotos, Straßenkarten und Informationen für den ersten Überblick. Dumont Reiseverlag, ISBN 978-3770192847. 8,50 Euro.

ADAC Kartenset Deutschland 2016/2017. 10 Doppelblätter im Set von MairDumont. Maßstab 1 : 200.000. Im Buchhandel oder über www.adac.de. ISBN 978-3826460463. 14,99 Euro.


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