Brunnen in Kyritz

Brandenburg im Hochsommer

aus bma 7/11 – Reisebericht

von Frank Sachau

Brunnen in KyritzHand aufs Herz: 32 Grad Celsius im Schatten können aus dem liebsten Hobby eine Schweiß treibende Angelegenheit werden lassen. Wahr ist, dass der bekannte Literat Fontane auf seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auch das Ruppiner Land erkundete, von der Region und ihren Menschen dermaßen begeistert, widmete er ihnen einen ganzen Band. Ungelogen wünschte sich Ende des 19. Jahrhunderts die elfjährige Emma von Hohenbüssow ein eigenes Museum. Die verzweifelten Eltern trugen allerlei ausgefallene Dinge zusammen und hoben das exotische Gantikower Lügenmuseum aus der Taufe, das an unserem Weg nach Kyritz an der Knatter liegt. Seltsam, durchfließt doch die Jäglitz den Ort. Längst verschwundene, knatternde Wassermühlen gaben dem ehemaligen Hansestädtchen den kuriosen Beinamen. In einer Ecke des von malerischen Giebeln und kunstvollen Erkern eingerahmten Markplatzes plätschert der Dorfbrunnen vor sich hin. Er trägt die Inschrift: Das Kyritzer Starkbier, Mord und Totschlag genannt, am Fürstenhof und in Hansestädten bekannt, sein Name hier zugleich Omen sei, manch Trinkgelage endete als Rauferei. Gut für manche Schlägerei war auch der 1702 gestorbene Ritter Christian Friedrich von Kahlbutz. In einem Rechtsstreit seine Unschuld beteuernd, hatte er geschworen: „Sollte ich der Mörder sein, soll meine Leiche nicht verwesen“.

Ritter-Gruft in KampehlDurch eine schnurgerade Allee knorriger Eichen treiben wir unsere Motorräder nach Kampehl, wo die sterblichen Überreste des Ritters in einer Gruft ruhen. Warum die Mumie bis heute so gut erhalten blieb, ist ungeklärt. Fakt ist, dass Theodor Fontane 1819 in der Löwenapotheke zu Neuruppin das Licht der Welt erblickte. Im Herzen des Ruppiner Landes wächst er auf und entdeckt seine Liebe zur Schriftstellerei. Nach anfänglichen Reisen durch die Mark Brandenburg trieb es ihn durch Europa. Die Stadt hat noch einen weiteren berühmten Sohn, Karl-Friedrich Schinkel. Bereits 40 Jahre vor Fontane geboren, machte er sich als erfolgreicher preußischer Baumeister einen Namen. Seinen Namen aufwerten konnte Kurfürst Friedrich Wilhelm, als 1675 in der Schlacht von Fehrbellin, 11000 schwedische Soldaten gegen nur 5600 brandenburgische kämpften, und das Kriegsglück auf seiner Seite war. Nach dem Sieg trug er fortan den Beinamen „Großer Kurfürst“. Das Gemetzel fand allerdings nicht in Fehrbellin, sondern im nahen Hakenberg statt, wo wir die Bikes vor der 34 Meter hohen Siegessäule parken. Etwas außer Atem oben angekommen, genießen wir das tolle Panorama über das Ländchen Bellin, eingerahmt von Rhinluch und Havelländischem Luch. Der Begriff „Luch“ steht für Moore, Wasserläufe und sumpfige Wiesen. Hier finden jene Störche ausreichend Nahrung, die in Linum, Deutschlands zweitgrößtem Storchendorf zu Gast sind. In der Storchenschmiede erhalten wir zahlreiche Informationen über Meister Adebar und können sogar per Videokamera in ausgewählte Storchennester blicken.

Storchennest TrabbiEine spannende Motorradstrecke führt uns anschließend durch ein Nest mit dem lustigen Namen Teerofen und mündet im Norden Oranienburgs in die B 96. Relaxt touren wir durchs Löwenberger Land bis nach Gransee. Im Ortskern, auf dem Schinkelplatz, spannt sich ein gusseiserner Baldachin über einen mit einer goldenen Krone verzierten Sarkophag. Hier stand der Sarg der 1810 verstorbenen und im Volk beliebten Preußen-Königin Luise in der Nacht während der Überführung nach Berlin. Sicher ist der Große Stechlinsee nur eines von unzähligen Gewässern der Region, aber doch ein ganz besonderes: 68 Meter tief und kristallklar. Fontane wohnte damals in Neuglobsow und machte die Naturschönheit in seinem Roman „Der Stechlin“ weltberühmt. In Fürstenberg queren wir die Havel und dringen in die südöstlichen Ausläufer der Mecklenburgischen Seenplatte ein. Auf schmalem Asphalt erkunden wir den Naturpark Stechlin – Ruppiner Land. Inmitten dunkler Wälder blinken durch zahlreiche Kanäle und Schleusen verbundene Wasserflächen im Sonnenlicht und malerische Badestellen laden zu erfrischenden Pausen ein. Wir setzen unsere Umfahrung der Gewässer gegen den Uhrzeigersinn fort und erreichen Rheinsberg. Fontane liebte es, er war hin und weg vom Reichtum von Wasser und Wald. Fernab vom höfischen Berlin ließ es sich inmitten prunkvoller Bauten und weitläufiger Parkanlagen gut leben. Im Norden, vor den Toren der Stadt, liegt das junge Hafendorf Rheinsberg, in dem ein eigener Leuchtturm für maritimes Flair sorgt. Dann lädt die Deutsche Alleenstraße uns ein, mit ihr durch die hügelige Ruppiner Schweiz zu schwingen. Wuchtige Eichen und schlanke Birken stehen abwechselnd Spalier.

Flecken ZechlinKurz vor Neuruppin schlagen wir einen Haken nach Nordwesten und gelangen hinaus aufs Land, mit seinem dominierenden Mix aus weiten Feldern, kleinen Wäldern und üppigen Wiesen. Irgendwann, bevor Fontane 1898 in Berlin starb, hat der diesen Satz zu Papier gebracht: „Die grade Straße bietet selten das Schönste; was neben dem Wege liegt, ist meist hübscher als der direkte Weg.“ Man könnte meinen, Fontane ahnte, dass wir am nächsten Tag in die Prignitz reisen wollen. „Da brat mir doch einer einen Storch“ – Wer diesen Spruch loslässt, hegt große Zweifel am Wahrheitsgehalt des eben gehörten. Wir wollen Meister Adebar aber nicht in die Pfanne hauen, was bei seinen langen Beinen auch große Probleme geben dürfte, wir wollen seine Kinderstube, die Prignitz erkunden. Unsere Grobstoller rollen in Richtung Dosse, den Flusslauf, der die dünn besiedelte Region im Osten begrenzt. Auf dem Weg dorthin ziehen wir den Zündschlüssel am hölzernen Blumenthaler Aussichtsturm, seine Plattform erhebt sich fast 100 Meter über das Meeresniveau und bürgt für eine unbeschränkte Rundumsicht über das nordwestliche Brandenburg. Wieder festen Boden unter den Füßen, lassen wir uns von einer schmalen und gewundenen Feld-Wald-und-Wiesenstrecke über sanfte Hügel zu den beeindruckenden Giebelwänden und Gewölben des Klosterstifts zum Heiligengrabe führen. Auf der Weiterreise denken wir über die Bedeutung des Hexenberges nach, den wir, nur wenige Gasstöße vom Zisterzienserinnenkloster entfernt, umrunden.

HakenbergMit Freyenstein erreichen wir eine historische Brandenburgische Grenzstadt: Schloss, Burgmauer und Stadttor stammen noch aus der Zeit, als die Nähe zu Mecklenburg-Vorpommern manche Keilerei mit sich brachte. Das benachbarte Meyenburg an der Stepenitz ist dann wieder für unsere Sozias interessant, das Museum im Schloss zeigt Teile der umfangreichsten europäischen Sammlung von Kleidermode des 20. Jahrhunderts von 1900 bis 1970. Zusammen mit der mäandernden Stepenitz schwingen wir südwärts zum Königsgrab bei Seddin, dessen Erbauer völlig unmodern, eher spartanisch umherliefen. Kein Wunder, denn das ungewöhnlich große Hügelgrab stammt aus der Bronzezeit. Die Stepenitz spült uns wenig später nach Perleberg, dem Hauptort der Prignitz. Auf dem Marktplatz der intakten Altstadt ragt ein steinerner, ernst dreinblickender Roland über fünf Meter in die Höhe, eine imposante Erinnerung an die längst vergangene Hansezeit. Die Kreisstadt liegt am Rande des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe, der Speisekammer und Kinderstube der Störche. Wir schlagen einen Bogen nach Karstädt und sind froh, dort die stark befahrene B5 wieder verlassen zu dürfen. Die anschließende Etappe nach Lenzen verwöhnt uns aber wieder mit entspanntem Fahrspaß: Erst zieht das angegraute Megalithgrab an der Straße bei Mellen vorbei, dann umrunden wir den in der Sonne glitzernden Rudower See an seiner südwestlichen Spitze. Es kommt noch besser! Als echte Sahneschnitte entpuppt sich die B195 nach Wittenberge.

Grabmahl GranseeWie im Rausch geben wir uns der kurvigen Alleenstrecke hin, bis der hoch in den stahlblauen Himmel ragende Uhrenturm der ehemaligen Singerwerke vor unseren Vorderrädern auftaucht. Wir achten auf die Ausschilderung nach Hinzdorf und gelangen auf mäßigem Teer direkt an die träge dahin fließende Elbe, cruisen ein kleines Stück auf der Deichkrone entlang und rollen, von windschiefen Obstbäumen begleitet, ins Storchendorf Rühstädt, wo wir uns im schattigen Garten des Café Rosenhof eine ausgiebige Pause gönnen. Nirgendwo gibt es mehr Storchennester als hier und das Geklapper vieler Schnäbel legt einen besonderen Klangteppich über den Ort. Von Ende März bis in den späten August baut das langbeinige Segelflugass seine Horste aus und zieht seine Jungvögel groß. Mit langsamen Bewegungen stakst Meister Adebar durch die feuchten Wiesen, ständig auf der Suche nach Nahrung für den hungrigen Nachwuchs. Wenige Kilometer später erreichen wir die Insel- und Domstadt Havelberg. Rote Backsteine und runde Bögen prägen den im 12. Jahrhundert im romanischen Stil erbauten Dom St. Marien. Von hoher Warte blicken wir auf das Elbtal, vor unseren Füßen mündet die Havel in die Elbe. In der Kathedrale beheimatet ist das Prignitz-Museum, welches tiefe Einblicke in die Geschichte der Region, der Stadt und des Domes gewährt. Etwas jünger ist ein anderes und durchaus nicht weniger interessantes Gotteshaus: Die Wunderblutkirche St. Nikolai, das Wahrzeichen Bad Wilsnacks. Bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts gehörte der Wallfahrtsort zu den berühmtesten in Europa. Gegen den Lauf der Karthane, die im Herzen der Prignitz entspringt, tasten wir uns zur etwas abseits gelegenen Festung Plattenburg vor. Damit keine Zweifel aufkommen: Es handelt sich nicht um einen typischen sozialistischen Plattenbau, sondern um die älteste Wasserburg Norddeutschlands. An ruhigen Tagen könnte man meinen, auf verwunschene Prinzen, böse Hexen und unglückliche Prinzessinnen zu stoßen. Mit der Karthane queren wir anschließend die B 107 und halten uns in Richtung Gumtow. Schatten spendende Alleen, die dunkelgrünen Korridoren gleichen, wechseln sich mit weiten Agrarflächen ab, als plötzlich ein mächtiger Schatten über den Teer huscht. Über uns kreist Meister Adebar und nutzt mit seinen zwei Metern Spannweite die Thermik des warmen Nachmittages für einen Ausflug.

Reiseinfos:

Unterkunft: Südlich von Pritzwalk liegt der Prignitzer Hof, vor dem ständig Motorräder parken. Die gemütlichen Zimmer sind genauso einladend wie der Biergarten und die Bowlingbahn. Chef Rico fährt selbst, kennt die Region wie seine Westentasche und sorgt auch für das leibliche Wohl seiner Gäste. Garage, Tourentipps. Das Doppelzimmer mit Frühstück kostet 51 Euro. Hotel Prignitzer Hof, Rico Knorr, Hauptstraße 4, 16928 Buchholz, Fon 03395 304090, www.hotel-prignitzer-hof.de

Literatur und Karten:

HB-Bildatlas Band 298 „Brandenburg“. Über 100 Seiten reich bebilderte, geballte Informationen für den ersten Überblick. Zahlreiche Straßenkarten. ISBN 978-3-616-06365-2. 8,50 Euro.

Motorrad Powerkarten „Nord- und Ostdeutschland“, Good Vibrations Verlag, 8 laminierte Blätter, Maßstab 1 : 250.000, nahezu unkaputtbar, ISBN-13: 97839374 18209, Preis 19,90 Euro.

Informationen:

Tourismusverband Ruppiner Land e.V.: www.ruppinerreiseland.de
Tourismusverband Prignitz e.V.: www.dieprignitz.dewww.fontaneseite.de

Allgemeines:

Nordwestlich von Berlin, zwischen Elbe und Oder liegt das Ruppiner Land, das von den drei W’s geprägt wird: Wiesen, Wälder, Wasserflächen. Menschenleere Regionen geben sich die Hand mit quirligen Kleinstädten, die stolz auf ihre Vergangenheit zurück blicken. Die Eiszeit hinterließ eine abwechslungsreiche, hügelige Landschaft, die Herrscher von einst glanzvolle Bauten. Die Straßen sind in einem sehr guten Zustand, das kulturelle Angebot groß und Motorradfahrer überall willkommen. Kurzum, das Ruppiner Land birgt ein großes Suchtpotenzial.

In der äußersten Ecke des nordwestlichen Brandenburgs schlummert die Prignitz. Eine weite, stille Landschaft, eingerahmt von der mecklenburgischen Grenze und den Wasserarmen von Elbe, Havel und Dosse. Die dünn besiedelte Region liegt abseits der Touristenströme, obwohl es hier viel zu entdecken gibt. Sattgrüne Wiesen sind das bevorzugte Jagdrevier unzähliger Störche, beschauliche Kleinstädte beherbergen historische Ortskerne. Das dichte Straßennetz ist gut in Schuss und führt frei von Stress häufig durch dunkle Alleen und weite Agrarflächen.

 

 


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