Boom Mustang ST1

Boom Mustang ST1

 

aus bma 8/11 – Fahrbericht

von Marcus Lacroix

Boom Mustang ST1Irgendwie ist es seltsam: als Trike-Fahrer schlägt einem von breiten Teilen der Bevölkerung wohlwollendes Interesse entgegen. Köpfe drehen sich mit freundlichen Blicken, Kinder winken und möchten gerne mal probesitzen… nur in Bikerkreisen werden Triker bisweilen milde belächelt. Warum eigentlich? Streng genommen verbindet das Trike doch, ebenso wie ein Motorradgespann, alle Nachteile von Auto und Motorrad. Parkplatzprobleme, kein Durchmogeln im Stau und nass wird man auch noch. Trotzdem stehen Gespanntreiber eher als kernige Windgesichter da, Trikefahrer als Möchtegernbiker oder Exzentriker. Sicher werden wir hier keine soziologischen Studien durchführen, aber ein Grund mag der sein, dass ein Trike – auch wenn einem voll der Wind um die Nase weht – mit dem PKW-Führerschein gefahren werden darf. Ein anderer Grund sind möglicherweise die – aus Motorradfahrer-Sicht – eher dürftigen Fahrleistungen.

In den Anfangsjahren wurden Trikes in der Regel von lärmenden, aber arg leistungsschwachen VW-Käfermotoren an­getrieben. Dazu kamen Fahrwerke, die eigentlich eine Sonder-Fahrprüfung verlangt hätten. Wenig Führung durch schmale Asphalttrennscheiben und Springergabeln (wenn überhaupt) an der Front sowie erhöhte Kippneigung in Links- wie Rechtskurven ließen manches Trike im Acker (ver)enden. Um sich das anzutun, musste man wahrscheinlich wirklich etwas exzentrisch sein und der Ruf hat sich gehalten, wird von manchen Trikern sogar extra gepflegt.

Boom Mustang ST1Wie bei den Motorrädern ist aber auch bei den Trikes die Entwicklung nicht stehen geblieben. Die deutsche Firma Boom-Trikes entwickelt seit über 20 Jahren Trikes und das Fahrzeug, das Boom-Vertragshändler Dieter Wilkens aus Oldenburg (Telefon: 0441/ 86594, Web: www.trike-wilkens.de) uns für zwei Tage zur Verfügung stellte, dürfte auch echte Skeptiker überzeugen.

Das Boom Mustang ST1 Thunderbird räumt schon auf dem Hof stehend mit einer Vielzahl von Vorurteilen auf. Der lange Radstand und der offenbar sehr tiefe Schwerpunkt versprechen eine stabile Straßenlage. Die Sitzfläche des Fahrers befindet sich deutlich unter Kniehöhe! Selbst der Beifahrer, der früher oft hoch über allem thronte, sitzt gut geschützt hinter dem Fahrer und kann trotzdem über ihn hinwegblicken (ok, abhängig vom Körperwuchs). Das 200er Vorderrad wird von einer sehr massiv wirkenden Gabel aus poliertem 60mm VA geführt. Die geschobene Schwinge kennt man aus dem Gespannbau. Ebenso fett wirkt der Lenker, der sich weit dem Fahrer entgegenreckt.

Boom Mustang ST1 KofferraumIm Heck werkelt kein gestresster Boxermotor mehr, sondern ein 1,6 Liter Ford-Zetec-Motor mit 16 Ventilen und beruhigenden 110 PS (84 kW). Die moderne Trijekt-Einspritzanlage (www.trijekt.de) ist auf hohes Drehmoment abgestimmt und ein geregelter Katalysator ist selbstverständlich auch vorhanden. Die Schaltung kennt man vom Auto, sie wird allerdings mit der linken Hand bedient und das Schaltschema liegt auf der Seite. Das Ford-Getriebe hat fünf Vorwärts- und einen Rückwärtsgang sowie eine hydraulische, fußbetätigte Kupplung. Die Kraftübertragung übernimmt eine Aluminium-Schräglenkerachse mit Bilstein-Gewindefahrwerk. Auf den Achsenden stecken 10×15 Zoll Alufelgen mit wirklich imposanten 295er Niederquerschnittsreifen. An Gripp dürfte es also nicht mangeln.

Das Boom Mustang gibt es in den Aufbau-Varianten Sport- und Touringback. Wir fuhren das Touringback, das über einen praktischen Kofferraum verfügt. Dort finden nicht nur locker acht Helme Platz (falls die bikenden Kumpels jammern), sondern auch die Clarion-Musikanlage. Gesteuert wird diese vom Fahrersitz aus, Boxen hat Dieter in Form von Halbkugeln vor dem Fahrer sowie Koffern vor der Hinterachse montiert. Dies entspricht nicht der Serie, wobei Trikes aber auch sehr häufig von ihren Eignern personalisiert werden – die Möglichkeiten stehen denen beim Motorrad in nichts nach. Wer während der Fahrt Musik genießen möchte, ist meiner Ansicht nach allerdings mit einem Lautsprechereinbausatz im Helm oder Ohrhöhrern besser bedient – beim Treff ist man indes mit der Soundbox Disco-König.

Boom Mustang ST1 CockpitSchon bei der ersten Sitzprobe wird deutlich: das was da auf einen zukommt, hat wirklich rein gar nichts mehr mit der Vorstellung zu tun, die man eventuell noch vom Trikefahren hat. Kupplungs- und Bremspedal lassen sich einstellen, die Finger greifen dezent ins Leere – da ist nichts mehr. Gebremst wird integral, die Bremskraftverteilung auf Vorder- & Hinterräder erfolgt automatisch. Der Gasgriff liegt gut in den Fingern und lässt sich erstaunlich leicht drehen. Klar, Vergaserschieber mechanisch aufziehen war gestern. Bremse treten, Anlasserknopf drücken und schon nimmt der Vierzylinder seine Arbeit auf. Choke-Gefummel ist dank Einspritzung passé.

Auf den ersten Metern geht mir etwas die Muffe. Auch wenn sich dank Schutzbügel und ausladender Lichtanlage die Breite etwas besser einschätzen lässt, hinter einem rollen trotzdem 1,81 quer liegende Meter. Die Kupplung kommt spät, das Gas reagiert direkt. Vorsichtig fahre ich bei Dieter einmal die Einfahrt auf und ab, bevor ich mich in den Oldenburger Verkehr stürze. Gut das nach wenigen hundert Metern die Auffahrt zur Nordtangente kommt. Ab auf die Autobahn, erst mal ein wenig Fahrgefühl bekommen. Die Bedienung des Trikes hat man dann ziemlich schnell raus und schon geht es ab auf die Landstraße. Abseits des Verkehrs übe ich noch etwas das zügige Anfahren und Kuppeln und auch eine Gefahren-Vollbremsung sollte man antesten. Der Mustang zeigt sich völlig unbeeindruckt und hält stabil die Spur. Helferlein wie ABS und ESP sind allerdings nicht vorhanden.

Jetlight LichtsystemWirklich gut gelungen ist die soundmäßige Abstimmung des Trikes. Die „Dragster” Resonanz Auspuffanlage aus poliertem Edelstahl nervt Passanten nicht, der Fahrer hat allerdings einen anderen (subjektiven) Eindruck. Das dürfte am Ansauggeräusch hinter dem Rücken liegen und verführt immer wieder zu rasanterer Beschleunigung als eigentlich nötig. Aus Kreisverkehren heraus oder beim Abbiegen genießt man den Schub und den Sound, wenn man im zweiten Gang das Gas aufreißt. Häufig habe ich danach direkt in den fünften Gang geschaltet und war sofort wieder im Cruiser-Mode. In dem Zustand macht der Mustang nämlich ebenso viel Spaß – man gleitet sehr tief sitzend durch die Landschaft. Klasse Sache! Fühlt sich ein wenig wie Chopper-Fahren an, ist aber doch wieder was anderes. Man sitzt dank Rückenlehne vor allem viel bequemer. Und das Kurvenfahrverhalten erinnerte mich am ehesten an meinen damaligen tiefer gelegten Smart Roadster. Der hatte allerdings nur etwa halb so viel Hubraum und Leistung. Auf trockener Fahrbahn gelang es mir nicht, das Trike zum Ausbrechen oder zum Kippen zu bewegen.

Als Benzinverbrauch gibt Boom 6-7 Liter/100 km an. Gemessen haben wir 5,5 bis 7,1 Liter, wobei die zweite Tankfüllung auch den Autobahn-Vollgastest umfasste. Bei über 170 km/h nach Tacho liegt der Mustang immer noch satt auf der Fahrbahn. Dafür rappelt es extrem am Jethelm, was man aber kaum dem Trike anlasten kann. Die winddichte Biker-Brille gibt’s übrigens bei Viva Optik in Edewecht.

Während der zwei Tage, die wir das Trike fahren durften ist mir übrigens nur ein einziger Triker entgegen gekommen. Da macht das Grüßen wieder richtig Freude! Die meisten Motorradfahrer haben mich ignoriert – egal, ich hatte trotzdem meinen Spaß!

Boom Mustang ST1Kommen wir zu den Gründen, die eine weitere Verbreitung eines solchen Kraftfahrzeugs wohl verhindern: Platz und Geld. Dass man ein solch exklusives Gerät nicht unter der Laterne parkt, ist selbstverständlich. Also muss ein Stellplatz bzw. eine Garage her für ein Fahrzeug mit den Maßen 3,59 x 1,81 x 1,25 Meter. Da in einem Otto-Normalhaushalt meist die Familienkutsche in der Garage steht, schon mal ein Problem. Preislich geht es im Bereich von Oberklasse BMW- und Harley-Tourern los, die allerdings ja auch ihre Fangemeinde haben.

Das Boom Mustang ST1 Kassenmodell kostet 23.900 Euro. Je nach Ausstattung kann man eine ganze Menge Euronen mehr anlegen. Wer in dieser Preisklasse Spaßfahrzeuge kauft, der wird sich daher sicher auch für die Boom Trikes X11/X12 mit 2-Liter Peugeot-Motor und 200 PS interessieren. Das drückt dann wahrhaft mächtig voran.

Wer sich mit der PKW Heck-Optik des Trikes nicht anfreunden kann, findet bei Boom jetzt die Moto-Trikes, die auf Motorrädern basieren. Auch eine tolle Alternative, wenn man keinen Motorradführerschein hat! Und für alle Trikes gilt: mietet euch mal eins – das erweitert den Horizont und macht wirklich viel Spaß!

 

 


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