BMW R 1200 S bepackt im Piemont

BMW R 1200 S Erfahrungsbericht

 

aus bma 12/12

Text: Volker Schütte
Fotos: Sandra Schütte (4), BMW (2)

BMW R 1200 S bepackt im Piemont

Die BMW R 1200 S hatte es mir von Anfang an angetan: großhubiger 2-Zylinder, Gitterrohrrahmen, Halbschale, die Systemkoffer und eine polarisierende, sich von dem japanischen Einerlei absetzende Form machten sie für mich so attraktiv.
Nach einigen kleineren – durch ABS vermeidbaren – Unfällen im engen Umkreis, verkaufte ich 2010 meine Ducati 749 und erfüllte mir den BMW-Traum mit einer 8.500 km alten Maschine Baujahr 2007, die ich beim Händler in der Nähe von Flensburg abholte. Bereits nach wenigen Kilometern hatte ich nur noch Mitleid mit allen Ducatisti: was hatte ich mir da die letzten Jahre bloß angetan?!

BMW-R1200S SerpentinenUm meine Bewertung einschätzen zu können ein paar Worte zu meiner Person: Baujahr 1965 bin ich 2006 mit meiner selbst fahrenden Frau (derzeit: CBR 600 F) wieder eingestiegen. Wir benutzen unsere Mopeds ausschließlich zum Vergnügen. Neben ein paar Kurztrips ins Bergische oder in die Eifel stehen bei uns Wochenendtouren und jährlich eine 2-wöchige Reise auf dem Programm, auf denen wir im Schnitt etwa 200 km pro Tag absolvieren. Meine Jahresleistung beläuft sich um die 7.000 km. Neben Schräglage und Landschaft stehen für uns schöne Unterkünfte und leckeres Essen im Vordergrund. Unsere Fahrweise würde ich als sportlich-moderat bezeichnen: wir halten uns mit „20 drüber“ an die Geschwindigkeitsbegrenzungen und unser „Angststreifen“ auf dem Hinterrad schmilzt in die Unsichtbarkeit.

Auch wenn die „R12S” nicht so filigran wirkt wie die übrigen Sportler und sie sich im Stand durch einen recht hohen Schwerpunkt subjektiv behäbiger als die angegebenen 213 kg anfühlt, lässt sie sich rollend herrlich bewegen und liegt satt auf der Straße. Fahrbahnunebenheiten, Bitumen, Spurrillen, Belagwechsel? Kenne ich nicht mehr! Dieser Landstraßenfeger bügelt mit seinem tollen Fahrwerk alles gerade, was mir vorher das Leben erschwerte, ohne die nötige Rückmeldung vermissen zu lassen. Neben dem Räubern auf der Landstraße lassen sich aber auch Passkehren gerade wegen des Schwerpunktes und nicht zu langen Radstandes sicher und zügig durchfahren. Ein Druck mit dem Schenkel reicht zum Einlenken, Korrekturen werden ohne Murren umgesetzt und beim Beschleunigen aus der Kurve kündigt sich der Grenzbereich ohne Schrecken an. Letzteres liegt sicher auch am Michelin Pilot Power 2CT, der gut zur Maschine passt und beim Bremsen in Schräglage so gut wie nicht zum Aufstellen neigt.

BMW-R1200S startbereitDen Soziusbetrieb kann ich nicht beurteilen, da ich noch nie mit einem gefahren bin und die Sitzabdeckung montiert habe. Das Platzangebot würde ich für einen Sportler als komfortabel bezeichnen, längere Strecken sind hinten aber sicher nicht empfehlenswert. Im Solobetrieb ist die Maschine auch für größer gewachsene gut geeignet, ich komme mit meinen 1,75 Metern mit beiden Füßen platt auf den Boden. Statt Sozius befördere ich bei kurzen Touren häufig das Gepäck meiner Frau und schwöre deshalb auf die BMW-Sportkoffer. Diese passen gut zur Maschine, sind schnell zu befestigen, mit dem Zündschloss gleich schließend, die Aufnahme ist kaum sichtbar und das Fassungsvermögen ausreichend. Für die letzte große Tour besorgte ich noch ein 30 Liter Ortlieb Rack-Pack für Schuhe, Kulturbeutel und Schnickschnack, das ich quer über dem Soziussitz verzurrte und damit mehr Stauraum besaß als für 14 Tage nötig. Das Fahrverhalten ändert sich durch das zusätzliche Gewicht kaum. Lediglich bei zügigen Autobahnfahrten sollte man sich an die Begrenzung der Koffer von 170 km/h halten. Denn diese „Heckspoiler“ entlasten bei schnellerer Gangart spürbar das Vorderrad bis zum – dankbaren – Einsatz des Lenkungsdämpfers. Der originale Tankrucksack ist gut dimensioniert und im Vergleich zu anderen Herstellern durch das Innenfutter wirklich wasserdicht, so dass auch die hochwertige Kamera darin transportiert werden kann, ohne bei Regen eine „Dusch-Haube“ überziehen zu müssen. Einzig nervig ist die Handhabung beim Tanken und das Gehupe bei vollem Lenkereinschlag.

BMW-R1200S CockpitDer Motor ist altbekannt bewährt und wurde für die S etwas modifiziert, um höhere Drehzahlen und ein paar mehr PS zu ermöglichen. Der Schub über 6.000 Umdrehungen ist dann auch noch mal gewaltig, wobei ich persönlich mehr das immer zu Genüge zur Verfügung stehende Drehmoment genieße und mich meistens in Drehzahlen unter 4.000 aufhalte. Die typischen Vibrationen gegenüber einem seidig laufenden Reihen-Vierzylinder nehme ich dafür billigend in Kauf, wobei diese sich bei der BMW im Gegensatz zu dem permanenten Unterhaltungswert der Ducati doch sehr in Grenzen halten. 

Auch in Grenzen hält sich mit durchschnittlich 5l/100km der Spritverbrauch. Die Reichweite liegt bei 250 bis 320 km und etwa 80 km vor Limit meldet sich der Bordcomputer und zählt recht genau die Reichweite runter – ein sehr sinnvolles Feature im Vergleich zu flackernden Birnchen oder kaum ablesbaren Balken im Display der Konkurrenz.

BMW-R1200S von-obenDas erste Jahr fuhr ich meine R12S bis auf weiße Blinkergläser und eine minimalistischere und höher sitzende Kennzeichenhalterung originalgetreu und bin auch kein Freund von „verbastelten“ Mopeds. Ein BMW Test-Ride vom Team Motobike auf dem LUK-Drivingcenter ließ mich aber Dank Physik-Nachhilfe durch Profi Jürgen Fuchs den eigentlichen Sinn eines Stummel-Lenkers verstehen. Da ich mich auf der Landstraße in Bereichen bewege, in denen der Vorteil dieser Unbequemlichkeit nicht im Entferntesten für mich nutzbar ist und mir das Bückeisen im Gegenteil meist nur hinderlich war, habe ich eine Woche später konsequent den Stummel gegen einen Rizoma-Superbike-Lenker getauscht und eine marginal höhere Scheibe (beides von Wunderlich) montiert, die ursprünglich für den Rennsport entwickelt den Oberkörper mehr entlastet und ein angenehmes Fahren bis 150 km/h ungeduckt ermöglicht. Puristen mögen mich beschimpfen und ich nehme die Kritik, das Mopedfahren macht jedoch seit den letzten zwei Jahren deutlich mehr Spaß und ich bin mit einem sichereren Gefühl schneller unterwegs, weshalb ich mit dem Kompromiss des so entstandenen GT-Sportlers hervorragend leben kann. Meine Frau hat die Aktion (mit einem kurzen neidvollem Blick auf meine Heizgriffe) charmant wie immer mit drei Worten zusammen gefasst: Du wirst alt.

Die Verarbeitung der Maschine ist BMW-typisch gut, nichts rappelt oder klappert. Lediglich das Knarzen der Kunststoffverkleidungsteile nervt beim Rangieren und der Schenkelschluss mit Textilkleidung ist an dem glatten Tank kaum möglich. Im Winter werde ich mir deshalb Wildlederstreifen auf die Innenschenkel meiner Rukka-Hose nähen. Mal sehen, ob es hilft. 

BMW-R1200S auf-TourDie Bremsen benötigen etwas mehr Druck als die vorher gewohnten Brembos der Ducati, verzögern aber ordentlich. Einen Schrecken habe ich beim ersten Einsetzen des ABS bekommen, als im Regelbereich die Verzögerung für Sekundenbruchteile aussetzte. Grundsätzlich sorgt das Wissen ohne Schaden voll in die Eisen gehen zu können jedoch für ein gutes Gefühl und schafft bei mir neben dem tatsächlichen auch ein psychologisches Sicherheitsplus, das ich nicht mehr missen möchte.

Mit dem Kardanantrieb bin ich sehr zufrieden und habe mich auch schnell an das kaum spürbare Ruckeln beim Lastwechsel gewöhnt. Die früher benötigte Zeit zum Putzen der Hinterradfelge investiere ich jetzt in das Polieren der wunderschönen Abgasanlage.

Außerplanmäßige Werkstattaufenthalte hatte ich bisher noch nicht, dafür ist das Moped mit knapp 27.000 gefahrenen Kilometer aber eigentlich auch noch zu jung. Inspektionen und Frühjahrs-Check lasse ich beim Kölner Honda- und BMW-Vertragshändler Stute & Hengst durchführen, mit dessen Service und Preisen ich sehr zufrieden bin (meine Frau hat dort auch ihre CBR erstanden und wir wohnen in der Nähe).
Wer 2-Zylinder mag und gerne sportlich tourt, für den ist die BMW R 1200 S, ob jetzt mit oder ohne Superbike-Lenker, eine tolle und wegen der geringen Stückzahlen individuelle Alternative. Für mich gibt es im Augenblick keine andere, weshalb ich meine sportliche Tourenkuh noch viele Kilometer mit Leidenschaft über Landstraßen und Pässe treiben werde.

 

 


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