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BMW R 1200 R – 100.000 km Erfahrung

aus Kradblatt 06/22 von Torsten Thimm, www.ttmotorbikeblog.com

Die Schnugge rennt …

Die BMW R 1200 R ist ein klasse Reisemotorrad
Die BMW R 1200 R ist ein klasse Reisemotorrad

Diese Geschichte startet bereits im Jahr 2011, circa acht Monate nachdem ich den bisher schwersten Unfall meiner Zweiradkarriere verkraftet hatte. Die Muskeln und Knochen bewegten sich mittlerweile wieder einigermaßen normal und auch das Hirn war zurück im Motorradflow. Die zuvor mühsam aufgebaute MZ 1000 SF war nun allerdings Geschichte und mit dem unüberlegten Kauf einer Triumph Tiger 1050 hatte ich leider im Nachhinein betrachtet einen Fehltritt begangen.

Abholung der BMW  bei Lohrig in Syke
Groß Umstadt / Syke / Groß Umstadt, die 950 km haben sich gelohnt

Die englische Raubkatze hatte für mich bereits sechs Monate nach ihrem Kauf ihre Krallen verloren und musste weg. Nach einigen Überlegungen sollte es jetzt ein Naked Bike mit guten Tourer-Eigenschaften werden. Vor allem aber auch ein Motorrad mit der richtigen Sitzhöhe, um ausreichend Bodenkontakt für meine nicht allzu langen Beine zu haben! Beim preislichen Aspekt war zudem klar, dass nur ein 1:1-Tauschgeschäft Sinn machte. 

Unter diesen Vorgaben schaute ich noch am selben Abend in den Angebotsplattformen im Internet und bei Händlern nach einem adäquaten Ersatz und landete wider Erwarten schnell bei einer BMW R 1200 R aus der ersten Bauserie, dem Jahr 2007. „Hallo“, dachte ich im ersten Moment, „ich bin noch nicht mal 50 und mir gefällt eine BMW und dann auch noch ein Boxer … das kann ja was werden!“ 

Nachdem diese Selbstzweifel telefonisch mit Unterstützung meines Freundes Klaus schnell ausgeräumt waren, war klar, die wird es werden, wenn der Händler meinen Gedanken folgen und mitspielen würde. Ich verglich also die Daten der beiden Maschinen und schrieb Bernd Lohrig (damals Ducati und Triumph Vertragshändler Lohrig & Kölle) aus Syke bei Bremen ganz unverhohlen und freundlich an. 

Die großen BMW Koffer - hübsch ist anders
Die großen BMW Koffer – hübsch ist anders

Die Überschrift der Mail lautete: TAUSCHE TIGER 1050 GEGEN BMW R 1200 R. Danach ging ich aufs Sofa besprach meine Tat mit Carmen, die mich wiederum verblüfft anschaute und sagte: „DU GLAUBST DOCH WOHL NICHT, DASS JEMAND EINE BMW GEGEN EINE TRIUMPH TAUSCHT“. Eine gute halbe Stunde später bereits hatten wir eine Antwort darauf. Der Händler willigte ein und wenige Tage danach verspannte ich die ungeliebte Triumph auf dem Anhänger, fuhr nach Syke zu Bernd und holte die silbern schimmernde BMW nach Hause.

Noch original, die 2007er BMW R 1200 R
Noch original, die 2007er BMW R 1200 R

Doch so richtig glücklich war ich nach der Euphorie des Geschäftes und den ersten Touren mit dem Motorrad noch nicht. Schnell zeigte sich, dass sowohl der originale Lenker, wie auch die originale Sitzbank einfach nicht zu mir und meinen Körpermaßen passten und mir am Steiß und den Schultern Schmerzen bereiteten. Daher wurden beide Teile, wie auch die altbackenen Chromsturzbügeln und die viel zu großen Spiegel kurzerhand gegen passenderes Material ausgetauscht. Die gelben Blinker und das Rücklicht wichen im Zuge dieser Mission den schickeren LED-Varianten. Und auch der originale Auspuff hatte schnell seinen letzten Ton geblasen und wurde von einem BOS-Endtopf ersetzt. Mit diesen Veränderungen stieg die Freude am Fahren rasant an und mit der Zeit wuchs das Vertrauen in die Maschine und damit auch das Bewusstsein, genau die Richtige gekauft zu haben. Dabei bildet, neben der nun passenden Ergonomie, eindeutig der Boxermotor mit seiner fantastischen Performance und Kraftentfaltung, das Kernstück der R12R. Ergänzt wurde dieses Wohlgefühl für mich durch das sehr sauber zu schaltende Getriebe und das einfach zu bedienende ESA-Fahrwerk der ersten Generation. 

Viele gemeinsame und absolut problemlose Urlaube in Slowenien, dem Schwarzwald, Frankreich, Kroatien und natürlich auch auf ausgedehnten Touren in den heimischen Gefilden folgten und schweißten uns nach und nach zu einem perfekten Team zusammen. So wurde aus der R mit der Zeit meine SCHNUGGE (steht auch auf dem Tank), denn ein gutes Motorrad braucht auch einen Namen.

BMW R 1200 R - 100.000 km
100.000 km auf dem Motorradtacho, immer wieder eine Freude

Im Winter 2012 – die Zeit, in der man zu viel im Internet surft – fand und verpasste ich ihr aus optischen Gründen eine Wunderlich Classic Trophy Verkleidung. Die Hoffnung, neben der Optik auch einen fahrtechnischen Vorteil, in Form von besserem Windschutz zu bekommen, begrub ich allerdings schon nach der ersten Tour. Leider – und man muss es so deutlich sagen – hatte der Hersteller hier anscheinend selbst zu wenig getestet und ein nicht ausgereiftes und zudem schlecht verarbeitetes Bauteil erschaffen. Das Häubchen dient zu 75 % nur optischen Aspekten, trägt leider im Sonnenlicht betrachtet den falschen Lack und kam, nicht entgratet und mit starken Rattermarken an den Fräsflächen. Bei einigen meiner Helme sorgt sie zudem durch die falsch hinterlüftete Scheibe für ordentliche Verwirbelungen. Doch weil man Helme tauschen und den Rest mit etwas handwerklichem Geschickt passend machen kann ist die Classic Trophy Verkleidung bis heute an meiner Maschine montiert. 

Stimmige Optik mit Wunderlich-Verkleidung
Stimmige Optik mit Wunderlich-Verkleidung

Gehen mussten hingegen die zwischenzeitlich montierten Baer Speichenfelgen mit Schlauch. Die entsprachen gar nicht meinen Erwartungen und waren zu schwer. Dafür kamen in der Folge die schicken Sportfelgen der nachfolgenden R12R Generation in glänzendem Schwarz drauf, die das Konzept Silber/Schwarz meiner R abrundeten. 

Auch am Heck tat sich im Laufe der Zeit noch so einiges! Die originalen Kofferhalter wichen dem riesigen Topcase und Kofferträger von BMW und dann einem filigranen Top­case­halter von SW-Motech, welcher später noch mit den Haltern für die Urban ABS Koffer oder Legend Gear Taschen von SW-Motech ergänzt wurde. Damit schuf ich eine optisch schöne und sehr individuelle Gepäcklösung für alle Eventualitäten. 

Und dann war da ja noch die Sache mit der LED-Technik. Licht begeisterte mich schon immer, Blinker und auch das Rücklicht waren ja bereits zu Beginn unsere Liaison getauscht worden, der Frontscheinwerfer aber nicht. Parts Europe machte dies zusammen mit J.W.-Speakers Scheinwerferinlay 9780 und Motodemics Adapertring möglich. Grund genug also der Erste zu sein, der seine BMW R 1200 R mit LED-Scheinwerfer und adaptivem Kurvenlicht in Deutschland ausstattet. Eine gute Entscheidung, denn selbst wenn Nachtfahrten eher selten sind, so verleiht das helle LED-Licht erheblich mehr passive Sicherheit im Straßenverkehr. Der Hersteller fand das auf der anderen Seite so gut, dass noch heute meine Maschine die Titelseite des JW-Speaker Katalogs schmückt.  

Auf die nächsten 100.000 km, die Schnugge rennt …
Auf die nächsten 100.000 km, die Schnugge rennt …

Ausfälle und Reparaturen – auch so etwas gab es. Auf den nunmehr 105.000 km hat sie: Drei Batterien verbraucht (eine war meine eigene Blödheit); Ein ABS Modul wurde nach 54.765 km getauscht (Elektronik durchgebrannt); Einen Simmerring am Kardan nebst Manschetten gab es nach 68.743 km (einfach Verschlissen); den Radträger hinten auf Kulanz (dazu gab es einen Rückruf); zwei Staubkappen an der Gabel (ebenfalls verschlissen); einen Gummischutz am Kugelkopf des Telelevers (verschlissen und aufgerissen); ein Haltelager unten am Endantrieb (kann mal passieren).

Insgesamt gesehen spreche ich von einem stets zuverlässigen und sehr guten Motorrad. Die üblichen Modell-Krankheiten der Serie, wie defekte Tankanzeigen durch den kollabierten Foliengeber hatte meine bisher noch nicht und dem Rost am Tankdeckel bin ich mit Lack und der passenden Dichtung aus dem Zubehörregal der BMW S 1000 R begegnet. Hohe Inspektionskosten gibt es auch nicht zu beklagen, da die Technik offen liegt und jederzeit leicht erreichbar ist. 

Je länger ich meine Schnugge fahre, desto besser gefällt sie mir. Denn neben der noch relativ „einfachen“ Technik, überzeugt der Komfort und die sauber arbeitende Federung in Verbindung mit dem Paralever und ESA-Fahrwerk. Der breite Lenker und der niedrige Schwerpunkt lassen sie selbst in engsten Kehren sauber ums Eck wieseln. Und wo andere Kollegen am Tourenabend müde ihr Bein übers Bike abschwingen, habe ich noch immer das Lächeln des Tourtages im Gesicht. Daher ist und bleibt sie das für mich wohl beste Tauschgeschäft meines Lebens und somit auch ungelogen das beste Bike, das ich bisher hatte. 

Fazit: Tauschte ich Lifestyle gegen Funktionalität? Ich glaube nicht! Denn auch wenn wir in Sachen wie Leistung und Ausstattung nicht mehr an der Spitze der Nahrungskette stehen, ist die R 1200R der ersten Generation mittlerweile klassischer als jede R nineT. Und die wäre aus meiner Sicht tatsächlich auch die einzige Alternative. Doch hat die nineT eben nicht die komfortablen Vorzüge, über die meine R verfügt. Und das führt dazu, dass ich die BMW R 1200 R noch lange behalten werde, wenn nichts wirklich Schlimmes dazwischen kommt. 


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