BMW R 1150 RT

BMW R 1150 RT

aus bma 05/06

von Dieter Gehrken

Inzwischen sind es ein halbes Dutzend Motorräder, die vom Polarkreis bis in den Süden Frankreichs, über Feldwege, Landstraßen und Autobahnen ihr Können unter Beweis stellen mußten. Darunter Chopper, Sport- und Tourenmaschinen.
Meine letzte, ein japanischer Reihen-Vierzylinder mit hohen Toureneigenschaften, (Yamaha XJ 900 Diversion) wurde ersatzlos eingestellt. Nun stand die Frage nach einer neuen „Braut” an. Einer, die auch beim Älterwerden nicht an Charme und Wert verliert. Ein halb bis vollverkleideter Tourer mit Kardan oder Zahnriemen sollte es sein.
So üppig ist der Markt da nicht gesät. Entscheidend war für mich auch der Händler. Und da fiel die Wahl auf die BMW-Niederlassung in Bremen, die mir nicht ganz unbekannt war. Aber der Neupreis für ein Luxus-Tourenmotorrad wie die R 1150 RT oder die neue R 1200 RT ist schon sehr hoch, da braucht es etwas Überlegung. Etwa eine gebrauchte „Braut”? Eine BMW R 1150 RT?
Die Tests über die R 1150 RT waren nicht schlecht. Das Gebrauchtmotorradangebot für dieses Modell ist nicht allzu groß, was für den Werterhalt spricht. Und da stand sie vor mir im Ausstellungsraum. Piemontrotmetallic, 1 1/4 Jahre alt und 12000 km auf der Uhr. Der Preis gut 20% unter dem Neupreis, noch mit Werksgarantie, zuzüglich einem Jahr Händlergarantie und neuen Puschen. Den Rest schaffte Ramin Maleki, Verkäufer und „Inventar” der BMW-Niederlassung.
Nach dem letzten Reihen-Vierzylinder war der Boxer schon etwas gewöhnungsbedürftig. Drehte er doch sturer und schüttelte sich nicht schlecht, das kannte ich aber von meinen Choppern. Als es dann aber auf die Autobahn ging, waren wir fast schon Freunde. Es hatte zwischenzeitlich angefangen zu regnen, das Wetter blieb aber draußen. Mit einem extra hohem Windschild und tiefer Sitzbank – für einen wie mich mit 1,76 Metern über Grund – war dieser Wetterschutz eine neue Erfahrung.
Vollgetankt 279 Kilogramm schwer ist die RT beim Rangieren von Hand kein Leichtgewicht. Aber sobald man draufsitzt und Fußgängertempo er-reicht hat, kann von Schwere keine Rede mehr sein. Wobei man bei höherer Geschwindigkeit auf Grund des niedrigen Schwerpunktes das Gefühl hat, eher ein Leichtgewicht zu fahren. Mein vorheriger Japaner war da, obgleich er im Leergewicht weniger auf die Waage gebracht hat, schwerer zu dirigieren.
Raserei ist nicht meine Welt, ich halte mehr von der Richtgeschwindigkeit. Dafür benötigte ich bei meinem letzten Motorrad durchschnittlich 6,5 Liter Normalbenzin auf 100 km. BMW gibt bei der R 1150 RT einen Verbrauch von 5,5 Litern auf 100 km an. Auch wenn es jetzt Super sein muß. Mit dem angegebenen Verbrauch bin ich gut ausgekommen. Und wer wie ich ein Freund skandinavischer Touren ist, bei denen man oft nicht mehr als 80 km/h fahren darf, bleibt sogar bei unter 5 Liter auf 100 km.
In Norwegen war es auch, wo ich die Kurventauglichkeit bei den Trollstiegen testen konnte. Auch hier war festzustellen, daß es auf Grund des niedrigen Schwerpunktes ein Leichtes war, die Maschine durch die engen Serpentinen zu bekommen. Auch wenn das Wetter in Norwegen meistens besser als sein Ruf ist, kann es in großen Höhen im Sommer noch recht kalt sein. So bewährten sich die heizbaren Griffe, die von den Händen her den Körper angenehm wärmen.
Da wir gerade bei Norwegen sind: Das Ren trifft man in der Regel oberhalb des Polarkreises. Schafe hingegen sind überall frei anzutreffen. Eins davon wollte unbedingt das ABS meines Motorrads herausfordern. Wie ein Blitz kam es aus einem Graben geschossen, da das Gras auf der anderen Straßenseite besser schmeckte. Ich sah mich schon mit dem Schaf auf der Straße liegen. Aber denkste, ein beherzter Zug am einstellbaren Handhebel und ein Tritt auf die Fußbremse, und kurz vor dem Schaf konnten Schaf und ich uns in die Augen sehen. Auch das war eine neue Erfahrung. Das ABS hatte sich bewährt. Kein Ausbrechen, kein Rutscher, eher wie auf Schienen stand die Maschine nach wenigen Metern, gerade genug um das Unheil abzuwenden.
Wer nach Nordnorwegen fährt, weiß, daß das Tankstellennetz abseits der Hauptstraßen dünner wird. Die größte Entfernung waren 160 Kilometer. Bei einem Tankinhalt von 25 Litern ist das kein Problem. Freunde, die mir geraten hatten, auf großen Touren unbedingt genügend Öl mitzunehmen, da die R 1150 RT reichlich Öl benötigt, mußte ich enttäuschen. Von Norddeutschland bis Nordnorwegen und zurück habe ich nur einen halben Liter Öl nachfüllen müssen.
Eins noch zur Lichtorgel. Die Lichtausbeute ist nicht üppig, aber ausreichend. Die Nebelscheinwerfer hatte ich für Spielerei gehalten, aber in den dunklen Tunnels Norwegens, wenn auch etwas mißbräuchlich genutzt, trugen sie hervorragend zur Ausleuchtung bei. Insgesamt zeigt die R 1150 RT vom Fahrverhalten eine gute Stabilität. Hat mich bei anderen Motorrädern der Shimmy-Effekt schon überrascht, oder war ein Pendeln zu verspüren, so ist die BMW, auch wenn ich es einmal durch entsprechende falsche Zuladung auf einem Übungsplatz versucht habe um an die Grenze zu kommen, davon weit entfernt.
Da ein Radio im Motorrad für mich nicht in Frage kommt, habe ich die Einbauvorrichtung für die notwendigen „Sofort-Utensilien” genutzt. Platz fanden dabei: Parkscheibe, Sonnenbrille, Ledertuch, Taschenlampe, etc. Der Rest, bis hin zum Verbandkasten, verschwindet in der großen Gepäckablage unter dem Sitz.
Inzwischen haben meine neue „Braut” und ich mehr als das Doppelte seit unserer ersten Begegnung zurückgelegt. Heute möchte ich sie nicht mehr missen. Es ist ein angenehmes, im Fahrverhalten ausgeglichenes Motorrad. Gut geeignet größere Strecken an einem Stück zurück zu legen, ohne das der „Allerwerteste” sich meldet.
Gibt es denn nichts Negatives zu berichten? Doch, es gibt etwas: Für Schrauber ist das technisch hoch versierte Motorrad wenig geeignet. Die Einspritzung verlangt genaue Einstellung und ist nicht nebenbei zu regeln, wie viel andere Dinge auch. An die Batterie kommt man erst, wenn man die halbe Verkleidung abgebaut hat. Die Inspektionskosten sind die höchsten, die ich je bei meinen Motorrädern bezahlen mußte. Da ist sogar mein PKW aus Stuttgart günstiger. Und der Preis einer neuen BMW ist auch nicht gerade „von Pappe”. Dafür bekommt man aber eine Menge Motorrad Know-how. Wer sucht, bekommt bestimmt auch eine gute Gebrauchte.

 

 

 


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