aus bma 01/00

Von G√ľnter Pfeifer

Der neue Bayern-Boxer, ob nun als R, RS oder RT, ist in der Gespannszene ausgesprochen beliebt. Dies zeigt sich nicht nur durch die Vielfalt von Gespannen mit diesen Modellen als Zugmaschine, sondern auchBMW R 1100 R / Sauer Bruno ein zweiter und dritter Platz bei der Wahl zum Gespann des Jahres 1997 von den Lesern einer gro√üen Zeitschrift f√ľr Motorradgespannfahrer. Diese Beliebtheit mag zum einen an der modernen Technik mit Einspritzung, geringem Kraftstoffverbrauch, geregeltem Katalysator usw. und zum anderen daran liegen, da√ü diese Motoren und Fahrwerke √ľber viele Jahre unver√§ndert angeboten werden, von kleinen √Ąnderungen in Optik und Design mal abgesehen. Dadurch bekommen Gespannbauer die M√∂glichkeit einer besseren Arbeitsplanung bei der Herstellung ihrer Produkte. Serienfertigung wird praktikabel – das senkt Materialkosten durch Gro√üeinkauf, spart Entwicklungskosten und macht die Anschaffung von festen Produktionsmaschinenteilen wie Schwei√ülehren und Biegevorrichtungen rentabel.
Eine recht preiswerte BMW R 1100 R mit einem Bruno Seitenwagen bietet der Gespannbauer Peter Sauer aus Brodersby f√ľr 33.700,- DM an. Der BMW Roadster R 1100 wurde von Beginn an recht kosteng√ľnstig angeboten und lockte bereits 1994 seine K√§ufer mit einem Einstiegspreis von nur 16.500 DM.

Der luft-/√∂lgek√ľhlte Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor leistet bei 6750 U/min 59 kW (80 PS). In seinen K√∂pfen allerdings geht es technisch recht aufwendig zu. Je eine hochliegende, kettengetriebene Nockenwelle bet√§tigt √ľber Tassenst√∂√üel, Sto√üstangen und Kipphebel vier Ventile pro Zylinder. Das Motormanagement

BMW R 1100 R / Sauer Bruno √ľbernimmt die Bosch-Motronic √ľber Saugrohreinspritzung. Der Motor wurde samt Auspuffanlage von der GS √ľbernommen – Basis bildet das RS Triebwerk, dessen Leistung jedoch zugunsten von mehr Drehmoment und Durchzugskraft um 10 PS reduziert wurde. Die Unterschiede zur 90 PS-Version sind: ge√§nderte Nockenwellen und Steuerzeiten, angepa√üte Motronic, modifizierte Kolben, niedrigere Verdichtung, Auspuffkr√ľmmer und Schalld√§mpfer und eine k√ľrzere Hinterrad√ľbersetzung von 1:3. Die Kraft√ľbertragung im Prim√§rantrieb erfolgt von der l√§ngsliegenden Kurbelwelle √ľber Zahnr√§der, mechanisch bet√§tigte Einscheiben-Trockenkupplung, F√ľnfganggetriebe und wartungsarmen Kardan. Also insgesamt beste technische Voraussetzungen f√ľr Gespannbetrieb. Hinzu kommt eine ann√§hernd optimal verlaufende Kurve des Leistungsdiagrammes.
Auch am Fahrwerk wurden einige √Ąnderungen vorgenommen. Der Telelever wurde mit einer verstellbaren Stahlstrebe gegen den Steuerkopf blockiert. Die Radf√ľhrung √ľbernimmt nun eine geschobene, einstellbare Vorderradschwinge aus eigener Fertigung, bew√§hrte Bilstein-Federbeine sorgen f√ľr D√§mpfung- und Federungskomfort.
BMW R 1100 R / Sauer BrunoDie Verbindung zwischen Maschine und Fahrgestell des Seitenwagens, einer Schr√§glenker-Langschwingenkonstruktion ebenfalls aus eigener Fertigung, wird √ľber einen Hilfsrahmen hergestellt. An den vier Verbindungspunkten wurden von Peter Sauer seine bew√§hrten Federstreben mit Silentbuchsen eingesetzt, die eine vibrationsd√§mpfende Wirkung haben. Im Hinterradbereich der Maschine bleibt am Fahrwerk alles ‚Äěbeim alten‚ÄĚ. Die Paraleverschwinge wird beibehalten, das Monofederbein jedoch mit einer st√§rkeren Feder ausger√ľstet. Bei den R√§dern jedoch gehen die Sauer-Konstrukteure wieder eigene Wege und greifen nicht zuletzt aus Kostengr√ľnden ins PKW-Regal. Drei Stahlfelgen der Gr√∂√üe 5.5 x 14 bekommen gedrehte Naben aus Aluminium. Damit sind die Felgen untereinander austauschbar. Die Bereifung vorn 165/ 65×14, hinten 165/70×14 und am Seitenwagen 155/65×14 d√ľrfte ebenfalls kosteng√ľnstig zu beschaffen sein.
Die Autofelge vorn zwang die Konstrukteure jedoch zu neuen Wegen beim Bau der Bremse. Auf eine Scheibe wirken nun zwei getrennte Doppelkolbenbremss√§ttel. Dabei verdient die ‚Äědoppelte‚ÄĚ Integralbremsanlage uneingeschr√§nkte Hochachtung. √úber den Fu√übremshebel werden alle drei R√§der verz√∂gert. Bei der Handbremse wird der zweite Bremssattel im Vorderrad, sowie ein zweiter Bremssattel am Seitenwagenrad aktiv. Noch besser l√§√üt sich eine Gespannbremsanlage wohl kaum bauen. Da spielt es auch keine Rolle, da√ü im Vorderrad ‚Äěnur‚ÄĚ eine Einscheibenbremse ihren Dienst tut, sie wird mit der kinetischen Energie im Fahrbetrieb spielend fertig. Inwieweit hier ein schnellerer Verschlei√ü der Scheibe auftritt, mu√ü √ľber einen l√§ngeren Zeitraum beobachtet werden.
BMW R 1100 R / Sauer BrunoAm Fahrverhalten des handlichen Gespannes gibt es kaum etwas auszusetzen. Es folgt v√∂llig spurtreu allen Lenkeingaben des Fahrers. Dabei ist das Lenken selbst eine Spielerei und fast ohne jeden Kraftaufwand m√∂glich. Mit dem drehmomentstarken Motor ist im Drehzahlbereich zwischen 2500 – 5500 U/min eine kraftvolle Beschleunigung zu erreichen. Der Seitenwagen kommt in schnell gefahrenen Rechtskurven dank guter Schwerpunktlage nicht oder erst sehr sp√§t hoch. F√ľr Linkskurven gilt √§hnliches, denn es geh√∂rt schon rohe Gewalt dazu, ihn in der Querachse auf die ‚ÄěNase‚ÄĚ zu zwingen. Zum normalen Touren im sch√∂nen Schleswig-Holstein ben√∂tigt man nur eine gef√ľhlvolle Gashand. Etwas mehr Gas am Beginn der Rechtskurve und schon l√§uft die Maschine schneller als der Seitenwagen und somit nach rechts. F√ľr Linkskurven gilt, etwas weniger Gas und schon dr√§ngt der schnellere Seitenwagen die Fuhre nach links. Bei diesen Spielchen kommt Fahrfreude auf.

Die Bremsen arbeiten perfekt und einwandfrei. Auch wenn es mal eng wird und ein fester Zugriff erforderlich wird, das Gespann bleibt in der Spur. Der Druckpunkt ist dank Stahlflexbremsleitungen immer an der gleichen Stelle sp√ľrbar. Fu√ü- und auch Handbremse sind gut zu dosieren. Der bei Gespannen oft sp√ľrbare Rechtsruck beim Einsetzen der Seitenwagenbremse fehlt v√∂llig. Auch beim brutalen Einsatz beider Bremsen bricht das Gespann nicht aus. So stellt sich schon nach einigen Fahrkilometern ein Gef√ľhl der Sicherheit ein.
F√ľr Nicht-BMW-Fahrer sind die Schaltereinheiten am Lenker leicht gew√∂hnungsbed√ľrftig. F√ľr die Blinkerr√ľckstellung beider Seiten ist der Daumen der rechten Hand zust√§ndig und das mu√ü dieser erst lernen. Man sitzt recht gut, wenn auch tourenm√§√üig aufrecht im Fahrtwind. Darum spielt auch die Endgeschwindigkeit von ca. 160 km/h bei der Autobahnhatz nur eine untergeordnete Rolle, da die Arme schon ab Richtgeschwindigkeit 130 km/h beginnen, l√§nger zu werden.
Der breite Pferdesattel strotzt allerdings nur so vor Bequemlichkeit. Dies kann man vom hinteren Sitzbr√∂tchen nicht behaupten. Aber der Beifahrer geh√∂rt ja sowieso ins Boot und dort findet er eine komfortable Sitzgelegenheit vor – 70 cm breit und gut gepolstert, selbstverst√§ndlich mit Sicherheitsgurt. Platzangebot und Beinfreiheit sind auch f√ľr gr√∂√üere Mitfahrer ausreichend. Nur hinein mu√ü man erst einmal und dies ist mit Benutzung eines kleinen Trittbrettes nur √ľber die Bordkante m√∂glich. Hat der Passagier erst einmal Platz genommen, so wird er w√§hrend der Fahrt vor den Unbilden der Witterung durch eine Frontscheibe gut gesch√ľtzt.

Zur weiteren serienm√§√üigen Ausstattung geh√∂ren u.a. ein Radiofach, Leseleuchte, Zigarettenanz√ľnder, Spritzdecke, Teppichboden. Auch der Kofferraum ist beleuchtet und hat ein Fassungsvolumen von 150 Litern – also ausreichend Platz, nicht nur f√ľr den Kasten ‚ÄěFlens‚ÄĚ, sondern auch f√ľr das Urlaubsgep√§ck. Und damit dieses auch drin bleibt, ist der Kofferraum abschlie√übar.
Das Fahrwerk gibt keinen Anla√ü zu Beanstandungen. Die Bilstein-D√§mpfer vorn und am Seitenwagen und das verst√§rkte Monofederbein im Heck der Maschine sorgen f√ľr guten D√§mpfungs- und Federungskomfort. Wenngleich auch hier der sportliche Eindruck des Gespannes erhalten bleibt. Denn man merkt schon, wenn der Stra√üenbelag unter den R√§dern nicht mehr ganz eben ist. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, da√ü das R 1100 R-Gespann sehr flach ist, die Bodenfreiheit betr√§gt nur circa 7 cm. Dies sollte man im Fahrbetrieb nie vergessen, um ein unangenehmes Aufsetzen mit den entsprechenden Folgesch√§den zu vermeiden.
Über ein Halterohr an der vorderen, oberen Verbindungsstrebe ist zur Vorderradschwinge auch ein LSL-Lenkungsdämpfer angebracht, der es durch seine stufenlose Einstellbarkeit ermöglicht, Pendelbewegungen oder Schwingungen in der Lenkung zu eliminieren. Er wurde jedoch immer in entspannter Stellung gefahren, denn das Gespann neigte weder leer noch beladen zum Pendeln.

Auch die Lage des Schalldämpfers an der linken Fahrzeugseite erweist sich als ideal. Dadurch hält sich der Geräuschpegel des ohnehin recht leise laufenden Boxers in vertretbaren Grenzen, und als weiteres Plus kommt hinzu, daß der Passagier im Boot von unangenehmen Auspuffgasen verschont bleibt.
Insgesamt macht dieses Boxergespann einen sehr soliden Eindruck und weist hervorragende Fahreigenschaften auf. Der g√ľnstige Preis gilt jedoch nur f√ľr das komplette Gespann und nur in dieser Ausf√ľhrung mit dem Bruno Seitenwagen von J√∂rg Bosse. Umbauteile bzw. Ausbauteile bekommt man nicht, da ihr separater Verkauf in die Preiskalkulation mit eingerechnet wurde. Hiervon ausgenommen ist lediglich die zweite Bremsscheibe. Sonstige W√ľnsche des Kunden k√∂nnen bei anderer Preisgestaltung sicherlich ber√ľcksichtigt werden.