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Benelli Leoncino 800, Modell 2022

aus Kradblatt 07/22 von Jogi & Tine, penta-media.de

Der kleine Löwe

Benelli Leoncino 800
Benelli Leoncino 800

Als wir im Bekanntenkreis voller Vorfreunde erzählten, dass wir eine Benelli Leoncino 800 für einige Tage von Legendary Cycles aus Hamburg (www.legendary-cycles.de) für diesen Fahrbericht gestellt bekommen, fielen die Kommentare zu unserer Überraschung recht diskreditierend aus: „Ein China-Kracher?“ „Was ist denn daran noch italienisch, außer dem gekauften Namen?“

Zugegeben, die 1911 in Rimini gegründete Marke Benelli wurde 2005 tatsächlich an den chinesischen Motorradhersteller Qian­jiang verkauft, nachdem die letzten Modelle mit dem „Tornado“-Dreizylindermotor den wirtschaftlich notwendigen Erfolg nicht erzielen konnten. Etwas ältere Motorradfahrer bringen wohl eher legendäre Modelle, wie die mit sechs Zylindern gesegnete Benelli 750 Sei, mit dem Markennamen in Verbindung, doch auch hier wurde die Produktion in den 1980er Jahren mangels Nachfrage eingestellt. Die Benelli-Geschichte ist spannend, die Marke lebt weiter. 

Und so wurde die Leoncino 800 tatsächlich im italienischen Pesaro gezeichnet und entwickelt. Die Fertigung erfolgt komplett in China. 

Dass die Federführung der Chinesen durchaus positiv sein kann, beweist die Marke Volvo, die 2010 von Ford an Geely verkauft wurde. Wir werfen deshalb alle Vorurteile über Bord und machen uns auf, um den kleinen Löwen in Empfang zu nehmen.

Zu unserem Entzücken sitzt tatsächlich ein kleiner, aus Aluminium gefertigter, Löwe auf dem vorderen Schutzblech, wie es auch bei Leoncino Modellen in der Vergangenheit der Fall war. Benelli Logo und feine Leoncino-Schriftzüge verraten viel Liebe zum Detail. Sogar der klappbare Zündschlüssel ist ein kleines Designerstück.

Benelli Leoncino 800 LED-Tagfahrlicht
LED-Tagfahrlicht

Das Motorrad ist eine elegante Erscheinung und der Gitterrohr-Stahlrahmen erinnert ein wenig an die alte Ducati Monster. Insgesamt wurde sehr auf das Design geachtet. Dafür sprechen z. B. die überdimensionierte 50 mm Upside-down-Gabel und der fette 180er am Hinterrad. Vorne rollt ein typischer 120er. Das enduromäßige Profil des bestens bewährten Pirelli MT 60 RS wurde – wie bei der Ducati Scrambler – sicherlich auch nur aus optischen Gründen gewählt. Offroad wird man die Leoncino 800 wohl kaum antreffen.

Benelli Leoncino 800 - LED-Beleuchtung auch hinten
LED-Beleuchtung auch hinten

Beim Motor gingen den Designern hingegen die Ideen aus. Er wirkt zerklüftet und sehr massiv. Er dürfte maßgeblich für das stolze Gewicht von 222 kg bei vollem Tank verantwortlich sein. Bei genauerer Betrachtung ist äußerlich an der Verarbeitung des Motors nichts auszusetzen. Die schwarze Lackierung kaschiert die zerfurchte Motorlandschaft wirkungsvoll und das Gewicht fällt, dank des niedrigen Schwerpunktes, nicht weiter auf. Spätestens wenn das Motorrad rollt, sind die überflüssigen Pfunde vergessen. 

Bei der Beleuchtung wurde rundum auf LED-Technik gesetzt. Das Formenspiel ist markant, die Lichtausbeute jedoch eher mittelmäßig. Im Straßenverkehr scheint die Leoncino mangels Helligkeit ihres Frontscheinwerfers zwischen den Lichtern der anderen Verkehrsteilnehmer unterzugehen. Das Rücklicht ist im schnabelförmig gestylten Heckbürzel untergebracht. Das sieht klasse aus. Der anschließende Nummernschildträger ist zierlich gestaltet. 

Benelli Leoncino 800 - Übersichtliche Armaturen
Übersichtliche Armaturen

Schon auf den ersten Kilometern durften wir dann erfahren, wofür die Benelli nicht entworfen wurde: „Regenwetter!“. Designer an der Adria haben da wohl weniger Erfahrung mit, als der typische Norddeutsche. 

Benelli Leoncino 800 - Mächtige Vorderradbremse
Mächtige Vorderradbremse

Der kurze Frontfender lässt den Straßenschmutz fast frei auf den Motor fliegen, die hübsch gestaltete Heckpartie bewirft sich selber mit Dreck und zaubert dem Fahrer einen lustigen Streifen auf den Rücken. Diese Designmerkmale teilt sie sich leider mit diversen anderen aktuellen Motorrädern – der Kunde von heute ist da schmerzbefreit, zahlt bei anderen Marken bisweilen sogar gerne Extra für ein kurzes Heck. Beim kleinen Löwen ist es inklusive. 

Damit ist bereits klar, dass die Leoncino nicht für den praktisch denkenden Alltagsfahrer gebaut wurde, sondern eher für den designliebenden Schönwetterfreund. Dieser dürfte bestens bedient sein, denn die Aufmerksamkeit, die unserer 800er Benelli auf den Parkplätzen der Bikertreffs zuteil wurde, war erstaunlich hoch.

Dazu hat jedoch auch die Klangkulisse der Maschine beigetragen. Mit eingetragenen 93 dB Standgeräusch ist zwar noch alles im grünen Bereich, selbst wenn man nach Tirol reisen möchte, aber Motor und Auspuff sind in jeder Lebenslage sehr präsent. Vom hart tackernden Leerlauf bis zum löwenwürdigen Fauchen beim Angasen ist alles möglich. In Punkto leiserem Motorenlauf bleibt für unseren Geschmack also noch Luft nach oben.

Der Zweizylinder leistet im Alltag allemal ausreichende 76 PS (56 kW) bei 8500 U/min und erreicht bei 6500 U/min sein höchstes Drehmoment von 67 Nm. Richtig munter wird er erst ab 6.000 Touren. Die Kraftentfaltung ist gleichmäßig und jederzeit berechenbar. Es wundert deshalb nicht, dass auf elektronisch abgewürgte Fahrmodi getrost verzichtet werden konnte. Auch von einer Traktionskontrolle wurde abgesehen – Puristen erfreut das. Die sind ohnehin über Motorradfahrer amüsiert, die sich ein 150 PS-Bike kaufen, um es anschließend mit gedrosselter Leistung im Regenmodus zu fahren. Die 76 PS der Benelli reichen für flotte Beschleunigung und 190 km/h Höchstgeschwindigkeit – und mal ehrlich: wer fährt die schon dauerhaft mit einem Naked Bike?! 

Benelli Leoncino 800 - Tirol-tauglicher Auspuff
Tirol-tauglicher Auspuff

Als Durchschnittsverbrauch ermittelten wir die 4,9 Liter auf 100 km, die auch Benelli angibt. Mit einem Tankvolumen von 15 Litern, wovon 1,8 Liter laut Hersteller als Reserve gedacht sind, landet man also alle 270 km an der Zapfsäule. Versuche, durch niedrigere Drehzahlen Sprit zu sparen, scheiterten an dem für Zweizylinder mit geringer Schwungmasse typischen Ruckeln. Halbwegs erträglicher Rundlauf stellte sich temperatur- und gangabhängig erst bei 2500 U/min ein, die Benelli möchte geschaltet werden.

Die Bremsen sind trotz des Verzichtes auf sonstige elektronische Helferlein natürlich mit ABS ausgerüstet – der Gesetzgeber schreibt es ja auch so vor. Ein Benelli-Schriftzug glänzt selbstbewusst auf den Vier-Kolben-Radial-Festsätteln, die vorne über den beiden schwimmend gelagerten 320mm Scheiben sitzen. Hinten, auf der 260mm Scheibe, befindet sich ein Ein-Kolben-Sattel. Die Bremsen haben einen klar definierten Druckpunkt, lassen sich fein dosieren und beißen auf Befehl kraftvoll zu. Der Bremshebel und auch der Kupplungshebel sind in ihrer Griffweite einstellbar. Vorbildlich!
Je nach Temperatur ist es mit der Präzision der Kupplung jedoch nicht optimal bestellt. Im Stau steckend und mit steigender Motortemperatur neigte sie zum Rupfen. Bei freier Fahrt funktioniert die Mehrscheiben-Ölbad-Kupplung hingegen tadellos. Der Vorführer hatte allerdings erst ein paar Kilometer auf dem Tacho, nach der Erstinspektion mag das anders aussehen.

Benelli Leoncino 800 - Meistens gut ablesbares TFT-Display
Meistens gut ablesbares TFT-Display

Das Sechsgang-Getriebe schaltet sich klar definiert und sauber. Auch der Leerlauf lässt sich stets leicht finden. Die Ganganzeige im LCD-Display hilft dabei.

Das Tachoinstrument sieht wie ein etwas überdimensioniertes Mobiltelefon aus. Clean. Cool. Stylisch. Beim Einschalten der Zündung erfreut es durch einen kleinen davongaloppierenden Löwen und einen Benelli Schriftzug, nach dessen Davonwischen erst die eigentliche Tachoanzeige erscheint. Durch das selbsterklärende Menü für die Einstellungen lässt es sich mit den Tasten am Lenker klicken. Alle wichtigen Informationen sind übersichtlich angeordnet und auch der Blickwinkel des Fahrers auf das TFT-Display wurde bedacht. Leider erkennt man bei ungünstiger Sonneneinstrahlung – ja, die Sonne scheint sogar in Hamburg ab und zu – bisweilen trotzdem nichts auf dem Bildschirm und muss auf seine Sinne vertrauen. 

Benelli Leoncino 800 - Gut zugängliche Batterie
Gut zugängliche Batterie

Die Benelli 800 fährt sich äußerst agil. Bedingt durch ihren kurzen Radstand und den breiten Lenker ist sie sehr beweglich ohne unruhig zu erscheinen. Die Sitzposition ist vorderradorientiert und nicht unbequem. Die Sitzbank auf 805 mm Höhe ist relativ flach, aber ausreichend gepolstert und solange der Straßenbelag in gutem Zustand ist, sorgt das straffe Fahrwerk mit 130 mm Federwegen vorne wie hinten für komfortables Dahingleiten.

Während die Federvorspannung des hinteren, direkt angelenkten Federbeines mit einem Handrad bequem eingestellt werden kann, muss man mit den Gegebenheiten der Gabel aus hauseigener Benelli-Produktion leben. Kein Problem – das passt meistens. Nur auf unebe­nem Geläuf wird die Fahrt etwas holperig.

Unter der flachen Sitzbank befindet sich nichts, außer der gut erreichbaren Batterie. Kein Notwerkzeug, kein Helmschloss, keine Verbandtasche. Auch der Sozius findet nichts, an dem er sich festhalten könnte. Einzig ein Riemen soll Halt geben, wenn der Fahrer nicht schon auf diesem sitzen würde. Die Sitzbank ist stylisch kurz, zu zweit wird es für normalgewachsene Teutonen arg eng. Die Benelli möchte lieber im Solobetrieb bewegt werden, auch wenn ein zweites Paar Fußrasten montiert ist.

Benelli Leoncino 800 Die Benelli Leoncino 800 ist definitiv nicht das, was man landläufig als „China-Kracher“ bezeichnet. Als ernstzunehmender Mitbewerber im Mittelfeld hat sie aber auch ihren Preis: inklusive Nebenkosten steht sie für 7.999 € im Handel bereit. Entscheiden darf man sich dann zwischen den Lackierungen „Steel Grey“ und „Forest Green“. Eine schwere Entscheidung, denn in beiden Farben sieht die Benelli verdammt gut aus.

Mehr Infos und Probefahrtmöglichkeiten gibt es bei den Benelli-Vertragshändlern. Dort findet man dann auch die ebenfalls sehr schicke Leoncino 800 Trial, die für 8.299 € mit einer hochgezogenen Auspuffanlage und einer einstellbaren Gabel aufwartet.


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