Benelli 750 Sei

Benelli 750 Sei Restauration Teil 1

 

aus Kradblatt 3/15
von Karsten Louis Kracht

 

Die spanische Katze
Restauration einer Benelli 750 Sei, Teil 1

Benelli 750 SeiAls „como nuevo“ wurde eine Benelli 750 Sei aus Spanien im Internet angeboten und ein deutscher Gutmensch kaufte sie im Vertrauen auf die wahr klingende Aussage des spanischen Verkäufers und der schönen Fotos von der Maschine. Dieser Gutmensch rief mich im Sommer 2014 an, er war ziemlich verzweifelt und berichtete mir was ihm beim Kauf der Benelli widerfahren sei.

Nach dem Üblichen hin und her, das zwischen Käufer und Verkäufer entsteht, Fragen, Fotos, Zustand, Kilometer, Preis, Transport etc., einigte man sich auf einen Preis von 11.000 €. Dieser Preis schien dem Käufer gerechtfertigt, weil das Motorrad auf den Fotos einen sehr guten Eindruck machte und als „wie neu“ angepriesen wurde. Der Verkäufer machte, soweit man es aus der Ferne beurteilen kann, einen seriösen Eindruck zumal er angeblich schon viele Benellis europaweit verkauft hatte und in spanischen Benelli Kreisen kein Unbekannter ist, der Spanier pries die Benelli an mit: „acabado de sacar del horno“ – frisch aus dem Backofen. Funkelnagelneu (spanische Redewendung)
Kurz und gut, mein Gutmensch kaufte eine Katze im Sack, eine spanische.

Benelli 750 Sei MotorblockEs macht im Nachhinein wenig Sinn zu fragen, „warum bist du nicht nach Spanien gefahren um die Sei vor Ort zu begutachten und eine Probefahrt zu machen, zumal die Maschine in Barcelona stand wo man sehr günstig mit einer Billig-Airline hinfliegen kann, das wäre deutlich billiger geworden als alles was nach dem Kauf kam inkl. Enttäuschung, Ärger, etc. Aber passiert ist passiert und nicht mehr zu ändern.

Im Spätsommer kam dann die Benelli per Spedition an und die Freude musste sehr schnell einer herben Enttäuschung weichen.

Dass Fotos lügen bewahrheitete sich sehr deutlich, denn das Motorrad hatte sichtbare Mängel ohne Ende, wie z. B. verbogene und gebrochene Kühlrippen am Zylinder, Zylinderkopf und Motorgehäuse, tiefe Kratzer an den verchromten Schutzblechen, Tacho und Drehzahlmesser ragten in unterschiedlicher Höhe aus der Instrumentenbox, der Seitenständer schlug an den Auspuff, der Tank war total verdreckt und rostig, das Motorgehäuse und die Vergaserbank mit Silberbronze kaschiert, die Motornummer fehlt (die muss bei Benelli immer im rechteckigen Feld der oberen Motorhälfte sein!) Die Sekundärkette soll 5/8″ x 3/8″ sein, war jedoch 5/8″ x 1/4″ und somit viel zu schmal für ein Motorrad über 500 ccm. Der Spanier hatte wohl kein originales Kettenrad und hat deshalb das Antriebsritzel einfach von 8 mm Stärke auf 5,7 mm abgedreht damit die 1/4″ Kette passt und dann ein 1/4″ Kettenrad genommen in dem die Aufnahmebohrungen einen Durchmesser von 10 mm haben, bei Benelli sind es jedoch 8 mm Schrauben. Man kann sich also leicht vorstellen, wie „beweglich“ das Kettenrad auf dem Kettenradträger war.

Benelli 750 Sei Motornummer fehltDas waren die Mängel, die sofort auffielen, es kommt aber noch sehr, sehr viel dicker denn man kann ohne Übertreibung sagen, dass für 11.000 € ein Bastlerfahrzeug mit groben Schäden und Fehlern gekauft wurde.

Zur Zeit als die Benelli 750 Sei aktuell war, so Mitte bis Ende der 1970er Jahre konnte sich mein Gutmensch die Sei nicht leisten von der er immer geschwärmt hat, jetzt wollte er sich seinen Jugendtraum erfüllen und dann dieses Fiasko.
Nach dieser Enttäuschung, besser gesagt Täuschung (ich nenne es Betrug) versuchte mein Gutmensch vergeblich, den Verkäufer zu kontaktieren. Der hatte ja die 11 Mille bekommen und lacht sich ins Fäustchen.
Nachdem mir mein Gutmensch alles geschildert hatte, empfahl ich ihm radikal vorzugehen, nämlich das kompl. Motorrad von außen und innen zu prüfen und gründlich instandzusetzen.

Benelli 750 Sei KettenspannerEr bat mich dann die Benelli abzuholen und alles zu tun, um die Sei wirklich neuwertig zu machen. Ich sagte zu, machte aber auch darauf aufmerksam dass es nicht ruck, zuck und von heute auf morgen ginge. Das verstand er gut und von da ab war er nicht nur mehr mein Gutmensch sondern auch mein Kunde.

Neben der Restaurierung in den Topzustand hatte mein Kunde auch diverses Sonderwünsche, wie z. B. abrunden der Zylinderkopfecken à la Honda CB 500 Four, Kegelrollenlager in den Lenkkopf, gelochte Bremsscheiben à la Moto Guzzi Le Mans I und zigfache weitere Wünsche.

Benelli 750 Sei Kupplungskorb Bolzen gebrochenAls die Maschine dann in meiner Werkstatt war, begann ich langsam mit der Demontage und hielt alles mit Fotos fest wovon es inzwischen einige hundert geworden sind.

Auf dem ersten Foto der kompletten Maschine so wie sie aus Spanien kam, sieht sie da nicht richtig gut aus? Ich denke schon und entspräche das Foto der Realität dann gäbe es diesen Bericht nicht.
Betrachtet man die Bilder von Benellis Innenleben, dann sollte man nicht vergessen, dass das alles 11 Mille-Euro gekostet hat.

Die Bilder zeigen und sagen alles: dicker, fetter, schwarzer Schlamm in der Ölwanne, vermurkste Schrauben, Muttern, verbogene und gebrochene Kühlrippen, völlig abgelaufener Kollektor auf dem Lichtmaschinen-Anker, ebenso die Kohlebürsten, überall quillt graue Dichtmasse hervor, gerissene Schwingenbuchsen aus Kunststoff, usw., usw.
Wäre es ein Inlandsgeschäft gewesen, dann gäbe es einige Möglichkeiten den Verkäufer in Regress zu nehmen. Klar, man könnte von Deutschland aus auch in Spanien klagen, man kann sich jedoch locker vorstellen womit das alles verbunden wäre, nämlich: Anwalt hier, Korrespondenz­anwalt in Spanien, alles muss übersetzt werden, der ganze Ärger und, und, und.

Ich hoffe nun sehr, dass mein Bericht eine eindringliche Warnung davor ist, Motorräder unbesehen via Internet zu kaufen, anschauen und eine Probefahrt sind ein MUSS – zumal in der Preisklasse!
Heute kann man überall billig hinfliegen und wenn vielleicht 200 € bis 300 € dabei in den Sand gesetzt werden, weil das Motorrad nicht der Beschreibung entsprach, dann hatte man wenigstens ein z. B. schönes Wochenende in Italien, Spanien oder sonstwo und sich viel Ärger erspart.
So, das wärs fürs Erste, jetzt muss ich wieder an der Sei arbeiten und demnächst berichte ich hier im Kradblatt wie es weitergeht …

Die ganze Geschichte setze ich irgendwann im Laufe des Jahres danach auf meine Internetseite, www.kramo.eu oder www.karsten-louis.de.

Anmerk. d. Red.: Die Fotos zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Probleme.


Kommentare

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Ein Kommentar zu :
“Benelli 750 Sei Restauration Teil 1”


  • Zu jeder Dummheit gehören mind. zwei, eine Benelli 750 SEI für 11000 Euro anzubieten ist noch kein Vergehen, diese dann ohne Ansehen zu kaufen aber saudumm…sich danach aufzuregen noch dümmer…hätte man ja nicht kaufen müssen.
    Wie sieht denn der hiesige Markt für solche Motorräder aus…noch teurer? Dann wollte der Käufer wohl Geld sparen und ist damit reingefallen – Pech! Das nennt man dann wohl Lehrgeld!
    …und eine 520er Kette ist übrigens völlig ok für Strassenmotorräder bis ca. 1000ccm, wird u.a. original bei der Ducati 900SS verwendet, und in meiner 750er Laverda läuft die gleiche Größe auch völlig unauffällig – natürlich mit pasenden Kettenrädern, aber das sollte ja auch selbstverständlich sein.