aus Kradblatt 7/26 von Marcus Lacroix

Endlich Ruhe beim Motorradfahren?

ANC = „Active Noise Cancellation“ = aktive Lärmunterdrückung soll das Kaufargument für den Sena Phantom ANC sein
ANC = „aktive Lärmunterdrückung“ soll das Kaufargument für den Sena Phantom ANC sein

Auf der EICMA 2025 präsentierte Sena – vielen vor allem durch die weit verbreiteten Kommunikationsanlagen ein Begriff – u.a. seine neue Kollektion an Helmen. Darunter der „intelligente Integralhelm“ Phantom, der gleich in 5 Versionen auf den Markt kommt: CAM (mit 4K-Front-Kamera), XB (Extreme Bass für besseren Sound), KV (gewichtsreduziert aus Kevlar), Unplugged (Basisversion) und ANC. Bei ANC wurde ich hellhörig, den muss ich haben! 

Ihr fragt euch, was ANC ist? Also: ANC steht für „Active Noise Cancellation“ = aktive Lärmunterdrückung. Technisch gesehen wird eine Schallwelle mit der gleichen, aber gespiegelten Schallwelle überlagert. Schall und Gegenschall treffen auf das Trommelfell und heben sich im Idealfall auf = Stille. Das Prinzip ist ein alter Hut, dank der sich weiter entwickelnden Technik und immer schnelleren Mikroprozessoren ist es in Form von Kopfhörern (außenliegend mit Bügel oder sog. „InEar“) seit ein paar Jahren auch beim Endverbraucher angekommen. 

Sehr einfache Visierabnahme für Wechsel oder Reinigung
Sehr einfache Visierabnahme für Wechsel oder Reinigung

Nun mögen manche sagen: „Steck dir doch einfach Ohrenstöpsel rein, wenn du Motorrad fährst“. Klar, diese passive Lärmunterdrückung funktioniert auch sehr gut, ich habe sogar extra angepassten Gehörschutz. Meine Gehörgänge reagieren leider oft gereizt, wenn ich Stöpsel trage. 

Zurück zum Sena Phantom ANC, die Vorgeschichte kennt ihr jetzt. Im März kam die Presseinfo, dass Testhelme zur Verfügung stehen. Anfang April traf er in der Redaktion ein.

Der Sena Phantom ANC macht direkt mal einen guten Eindruck. Zwar gibt es ihn nur in Glanz-weiß oder in Mattschwarz, dafür aber mit drei Schalen in den Größen S bis XXL zum UVP von 619 €. Wenn man bedenkt, dass ein Sena 60S Kommunikationssystem (UVP 399 €) integriert ist, kostet der Helm rechnerisch nur noch 220 €. Dafür bekommt man einen Helm mit einer langlebigen Glasfaser-Verbundschale (statt einfachem Thermoplast), Pinlock-Antibeschlag der zweitbesten Kategorie (120 XLT), Doppel-D Verschluss, integrierter Sonnenblende und natürlich ECE R22.06 Zertifizierung.

Zusatzbeleuchtung / Bremslicht für mehr Sicherheit
Zusatzbeleuchtung / Bremslicht für mehr Sicherheit

Darüber hinaus verfügt der Helm über eine vertikal bewegliche, im Kinnteil montierte LED-Taschenlampe und zwei rote LED-Rückleuchten, die über Beschleunigungssensoren zudem als Zusatzbremslicht arbeiten und als Blinklicht eine Warnfunktion übernehmen können. Ob man diese Beleuchtung nun braucht, sei mal dahingestellt – man muss sie ja nicht einschalten. Auf jeden Fall gibt’s am Preis des Helmes erst mal nichts zu meckern.

Der Helm zieht sich über die kostenlose Sena-App direkt nach dem Einschalten erst mal das neueste Update – praktische Sache. Die Kopplung mit dem Smartphone klappt Sena-typisch problemlos.

Über die App hat man schnellen Zugriff auf verschiedene Funktionen und Einstellmöglichkeiten, z.B. einen automatischen Stromspar-Schlafmodus, wenn der Helm bei einer Pause beiseite gelegt wird und das Benutzerhandbuch. Wer mit Partner oder in der Gruppe fährt, kann sich leicht mit den anderen verbinden. Über Mesh 3.0 bietet Sena unbegrenzte Teilnehmerzahlen und zwei Kilometer Reichweite in freiem Gelände, Group-Mesh verknüpft bis zu 24 Teilnehmer, Abwärtskompatibilität zu Mesh 2.0 ist auch vorhanden. Setzt man Wave-Intercom ein, ist die Reichweite über das Mobilfunknetz quasi unbegrenzt. Die lt. Sena „KI-basierte Geräuschunterdrückung“ des Phantom-Helms soll Hintergrundgeräusche intelligent minimieren und dafür sorgen, dass die Stimme auch in lauter Umgebung deutlich gehört wird. Das funktioniert tatsächlich sehr gut. Auch die Musikwiedergabe ist besser als bei anderen Systemen, die ich pers. aktuell im Einsatz habe. Der Phantom ANC setzte dabei auf 45 mm große Lautsprecher, die anderen Helme der Phantom-Reihe auf 40 mm Harman Kardon Lautsprecher der 2. Generation.

Extra gepolsterte Lautsprecher und der Doppel-D-Verschluss
Extra gepolsterte Lautsprecher und der Doppel-D-Verschluss

Kommen wir aber zu dem zurück, warum ich den Sena Phantom ANC eigentlich kaufen würde: der versprochenen Ruhe beim Fahren.

Sena bewirbt den Phantom ANC auf seiner Website mit folgenden Worten: „EFFEKTIVE GERÄUSCHREDUZIERUNG FÜR KOMFORTABLES FAHREN – Für Langstreckentourer oder Hochgeschwindigkeits-Pendler bietet der Phantom ANC exklusiv die aktive Geräuschunterdrückung für Komfort und Gehörschutz. Sie reduziert Hochgeschwindigkeits-Windgeräusche um 20 dB und hält so ein sicheres Geräuschpegelniveau aufrecht.“

Eine Pegelreduzierung um 20 dB empfindet der Mensch lt. Wikipedia als eine Reduzierung der Lautheit auf ein Viertel. Während 60 dB dem Geräuschpegel in einem belebtem Büro entspricht, sind 80 dB starker Straßenverkehrslärm oder ein lauter Rasenmäher. Ist man auf der Arbeit dauerhaft Lärm über 85 dB (A) ausgesetzt ist Gehörschutz gesetzlich vorgeschrieben um bleibende Gehörschäden zu vermeiden (Quelle: www.berlinearguard.com)

Der Sonnenblende fehlt ein größerer Langnasen-Ausschnitt
Der Sonnenblende fehlt ein größerer Langnasen-Ausschnitt

Ich mache mich mit dem frisch geladenen und upgedateten Helm also auf den Weg, um ihn zu testen. Beim ersten Aufsetzten fällt eine gute passive Geräuschdämmung auf. Der Helm schließt an den Ohren etwas dichter als gewohnt und trägt sich sehr angenehm. Dass meine recht dicken Brillenbügel beim längeren Tragen drücken, kann man nicht dem Helm anlasten. Nun ist jeder Kopf anders und ein Helm der mir passt, muss nicht zwingend auch euch passen – aber den Hinweis kennt ihr ja. 

Ab auf die Autobahn, Tempomat auf 100 km/h, konstante Bedingungen. Die Überraschung: ich höre keinen Unterschied, egal ob ANC oder der ganze Helm ein- oder ausgeschaltet ist. Die seitlich angebrachten Mikrofonöffnungen sind frei (Schutzfolie für den Transport), die Außengeräuschdurchleitung über Lautsprecher funktioniert, alle anderen Funktionen auch. Hmm, das ist jetzt aber doof …

Der Sena Support reagiert schnell und nachdem auch alle Reset-Versuche nichts brachten, kommt postwendend ein Ersatzhelm, evtl. ist meiner ja defekt. Das gleiche Spiel wiederholt sich beim Ersatzhelm – zwei defekte Ausreißer ist unwahrscheinlich, wir haben ein Problem. 

Ich gebe die Helme meinem Nachbarn Gregor. Der ist nicht nur leidenschaftlicher Motorradfahrer und Technikfreak sondern auch Pilot für die großen Dinger. Gregor kennt sich mit ANC aus, Piloten nutzten die Technik seit vielen Jahren. Sein Fazit: eine leichte Geräuschreduzierung im Bereich von 50–70 km/h, das aber nur, wenn er seine Sonnenbrille nicht trägt. Er betont, wie wichtig bei den in der Fliegerei genutzten Over-Ear-Bügelkopfhörern eine gute Abdeckung der Ohrmuschel ist, damit ANC funktioniert. 

Drei Lüftungsschieber und mittig die Sonnenblendenbetätigung
Drei Lüftungsschieber und mittig die Sonnenblendenbetätigung

Ich kontaktiere verschiedene Medien-Kollegen, die den Sena Phantom ANC bereits als Testhelm im Einsatz hatten und stöbere auf YouTube & Co. nach Rezensionen. Die Bandbreite der Erfahrungen ist enorm – von „funktioniert überhaupt nicht“, so wie bei mir, bis zu einer 4,5 von 5 Sterne Bewertung der Zeitschrift Motorrad, die dem Phantom ANC eine „bis 120 km/h deutlich wahrnehmbare Lärm­unterdrückung“ attestieren, war alles dabei. Das ist krass und ganz sicher nicht im Sinne des Erfinders. 

Wenig ausgeprägte Lüftungskanäle
Wenig ausgeprägte Lüftungskanäle

Woran liegt es also, dass der eine Nutzer den Helm lobt und ein anderer seine Rezension lieber unter den Tisch fallen lässt, statt Sena ein „funktioniert nicht“ reinzudrücken? Ich probiere weiter rum und nehme Gregors Einwand mit der Ohrmuschel noch mal auf. 

Es ist in der Tat so, dass die ANC Funktion eine spürbare Geräuschreduktion bewirkt, wenn der Helm absolut perfekt sitzt. Nun ist mir die Größe S zu eng und in Größe M sitzt er nicht eng genug. Wenn ich die Helmschale während der Fahrt (Tempomat sei Dank) mit beiden Händen zusammendrücke, damit die Polsterung meine Ohren korrekt „abdichtet“, komme ich in den Genuss der aktiven Geräuschreduzierung. Aber leider nur dann – ansonsten bleibt es bei mir bei einem „funktioniert nicht“. Das erklärt jetzt auch die vielen verschiedenen Bewertungen der Testfahrenden. 

Fazit bezüglich des ANC: Ohne eine ausführliche Probefahrt, auch bei Landstraßengeschwindigkeit, solltet ihr den Helm nicht kaufen, wenn ANC für euch das Hauptkriterium ist. Nur wenn der Helm optimal sitzt, profitiert ihr von dem Feature! Bei hohen Dauergeschwindigkeiten kommt ihr aber auch mit ANC nicht um einen Gehörschutz herum. 

Was mir sonst noch so auffiel? Der Helm baut recht kurz und speziell bei der Sonnenblende haben die Asiaten – Sena stammt aus Südkorea – wohl nicht an uns europäische „Langnasen“ gedacht. Die Blende rastet nur in den beiden Endpositionen ein und guillotiniert meine Nasenspitze.

Das Visier lässt sich sehr einfach ohne Werkzeug abnehmen, das Pinlock-Innenvisier muss der Käufer selbst einsetzen. Der/die freundliche Verkäufer/in im Einzelhandel übernimmt das aber sicher auch für euch.

Der Doppel-D Verschluss ist gewöhnungsbedürftig, sitzt aber immer perfekt. Mit etwas Übung beim Auf- & Absetzen müsst ihr ihn auch nicht immer neu einfädeln.

Bedientasten: rechte helmseite ANC + Licht, links das Intercom / Mesh
Bedientasten: rechte helmseite ANC + Licht, links das Intercom / Mesh

Die Bedientasten am Helm sind recht klein, mit Sommerhandschuhen aber gut zu ertasten. Winterfahrer nehmen zur Anprobe am besten auch dicke Handschuhe mit. 

Die Belüftung über die vier zu betätigenden Schieber ist unbefriedigend. Die drei kleinen Öffnungen an der Stirn fangen in aufrechter Tourenfahrersitzposition kaum Fahrtwind ein und das Innenpolster deckt zudem die Luftkanäle ab. Die gute passive Geräuschdämmung und die fehlenden Windgeräusche durch das integrierte Kommunikationssystem werden durch die aufgesetzten Bedienelemente konterkariert. Der Phantom könnte auch ohne ANC leiser sein. Das Gewicht wird auf der Helmschale mit 1650 Gramm +/- 50 Gr. angegeben. Die Sena-Website spricht für den ANC und den XB in Gr. M. von 1720 Gr. +/- 50 Gr. Unser Testmuster bringt 1771 Gramm auf die Waage. Für Sportfahrer ist so ein schwerer „Fulldresser“ aber wohl eh keine Option, als Tourenfahrer kommt man gut mit dem Gewicht klar.

Und wie sieht das Gesamtfazit aus? Definitiv durchwachsen, wie ihr ja selbst gelesen habt. Selten war eine Probefahrt und ein eigenes Bild so sehr anzuraten, wie beim Sena Phantom ANC. Auch wenn 619 € für das Gesamtpaket, wie eingangs vorgerechnet, fair bepreist sind sollte man sorgfältig prüfen, ob einen die genannten Kritikpunkte stören. Persönlich würde ich den Sena XB (UVP 569 €) bevorzugen, da meine Kopfform leider nicht zur ANC-Funktion passt. 

Die Sena Phantom Helme kommen mit einer fünfjährigen Garantie auf Helm und Elektronik. Alle Infos gibt­’s im Fachhandel und bei Sena unter www.sena.com/de. 

Gut zugänglicher USB-C Ladeanschluss, integrierter Akku, drahtlose Updates
Gut zugänglicher USB-C Ladeanschluss, integrierter Akku, drahtlose Updates