Die bessere Wahl
aus Kradblatt 9/25 von Michael Praschak, Fotos Praschak/Aprilia
Win on Sunday, sell on Monday – ein Spruch, den viele sicher noch aus den Achtzigern und Neunzigern kennen und der damals durchaus wörtliche Bedeutung hatte. Heute haben Siege im Motorradmotorsport kaum diese kurzfristige Relevanz. Dennoch werden sportliche Erfolge regelmäßig herangezogen, um die Qualitäten eines Motorrads hervorzuheben. Im Segment der Reise-Enduros kommt das zugegebenermaßen eher selten vor. Mir fällt zumindest keine entsprechende Kampagne aus den vergangenen Jahren ein. Das änderte sich, als die Pressemitteilung von Aprilia zur Ankündigung der neuen Tuareg Rally im Postfach eintrudelte.

Der Aufhänger: Rally-Profi und Aprilia-Entwicklungsfahrer Jacopo Cerutti konnte auf der Tuareg Rally den zweiten Sieg beim Africa Eco Race in Folge nach Noale holen – einem Rennen, das mit seinen Anlehnungen an die legendäre Dakar-Rally zu einem der härtesten Offroad-Rennen überhaupt gehört.

Die Standard-Tuareg hat zwar mit 240 Millimetern Federweg zumindest auf dem Papier die größten Reserven in ihrer Klasse, ein Einsatz unter Wettbewerbsbedingungen auf dem Standardmotorrad scheint aber eher weniger erfolgversprechend. Zeit für eine Verschärfung. Das soll die neue Aprilia Tuareg Rally nun ändern, und Siegfahrer Cerutti war maßgeblich an der Entwicklung beteiligt.
Die optisch auffälligste Änderung ist sicher das Dekor, das mit der mattschwarzen Grundfarbe und den weißen, roten und lila Akzenten an die Aprilia-Designs der Neunzigerjahre erinnert, aber vor allem die Verbindung zu den Erfolgsmodellen aus dem Motorsport herstellen soll. Damals profitierte Aprilia vom Engagement im Rennsport und vor allem durch die Erfolge in der 125er und 250er Weltmeisterschaft erfreuten sich auch die Straßenmodelle der Zweitakt-Werksrenner großer Beliebtheit.

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Rally genau dieser Rennsportphilosophie folgt und deutlich sportlicher geworden ist. Das fängt bei der massiven Sitzhöhe an. Mit 913 Millimetern platziert die Rally-Version ihren Jockey in sprichwörtlich luftiger Höhe – und das, obwohl die Sitzbank selbst nur 20 Millimeter zugelegt hat. Die Ursache für die zusätzlichen Zentimeter ist im überarbeiteten Fahrwerk zu suchen. Denn im Gegensatz zu den Dämpfern der Standardversion setzt man im voll einstellbaren Kayaba-Fahrwerk der Rally auf linear statt progressiv arbeitende Federn. Infolgedessen ist der Durchhang des Motorrads geringer, was zur zusätzlich größeren Sitzhöhe führt. Umso überraschender ist, dass man – dank der deutlich schmaleren Kontur des Sitzpolsters – mit 1,80 Metern Körpergröße problemlos mit beiden Füßen festen Stand hat und die Knie dabei sogar leicht angewinkelt sind. Auch kleingewachsenere Fans von Maxi-Enduros brauchen sich von den reinen Zahlenwerten also nicht abschrecken lassen.

Ebenfalls der Rally-Version vorbehalten sind der edel anmutende Endschalldämpfer aus Titan von SC-Project sowie die schmaleren, leichteren sowie stabileren Felgen von Ergal. Während letztgenannte bei Aprilia auch als Zubehör für die normalen Tuareg erstanden werden können, gibt es den Endtopf exklusiv bei der Rally. In Kombination mit der neuen, nun 500 Gramm leichteren Lüftereinheit reduziert sich das Gewicht auf 199 Kilogramm.
In der Rally verstecken sich aber zusätzlich Änderungen, die ab 2025 auch der Standard-Version zugutekommen.
Besonders aufmerksame Zeitgenossen fällt sicher direkt das nun schlankere Gesicht auf. Es wurde seitens Aprilia nicht explizit erwähnt, das Design der Vorgängerin kann aber durchaus als polarisierend bezeichnet werden und war unter Umständen ein Grund, einem anderen Modell den Vorzug zu geben. Das 2025er bekam nun sprichwörtlich ein Facelift und die Front wirkt nun deutlich dynamischer, da sowohl auf die Lippe unter dem Scheinwerfer als auch auf die „Bäckchen“ links und rechts verzichtet wurde.

Zwei Neuerungen, die man erst im Fahrbetrieb wahrnimmt, sind das leichtere Schwungrad der Lichtmaschine und die im Durchmesser auf 52 Millimeter angewachsenen Drosselklappenkörper. Die Anregung für diese Änderungen kam direkt durch die Fahrer der Racing-Abteilung und sie sollen dabei helfen, das Ansprechverhalten beim schnellen Gasanlegen spürbar zu verbessern. Bei einem Motorrad, welches den Zusatz „Rally“ im Namen trägt, waren hier natürlich nicht dynamischere Überholmanöver auf der Wunschliste der Offroad-Profis. Vielmehr soll das verbesserte Ansprechverhalten unter anderem dabei helfen, das Vorderrad beim Überwinden von Hindernissen schneller entlasten oder lupfen zu können.
Um die Änderungen gegenüber dem Standardmodell unter adäquaten Bedingungen testen zu können, hat man sich bei Aprilia für die Gegend südlich von Piacenza entschieden. Hier gibt es im malerischen Örtchen Grazzano Visconti mit „Enduro Republic“ einen Anbieter, der sich auf geführte Enduro-Touren in den nördlichen Ausläufern des Apennins spezialisiert hat. Eine exzellente Wahl.
Das liegt zum einen daran, dass der liebevoll aufgebaute Stützpunkt in ein im Rennaissance-Stil wieder aufgebautes Museumsdorf integriert ist und mit Bar, eigenem Hotel und der großartigen italienischen Küche der umliegenden Restaurants alles zu bieten hat, was man sich abseits des Motorradfahrens nur wünschen kann. Viel entscheidender: die von Gründer Lorenzo Napodano für die Präsentation gewählte Strecke umfasst alles, was das Adventure-Herz höherschlagen lässt und führt vorrangig über unbefestigtes Geläuf.

Die ersten Kilometer über Feldwege stellen für die Tuareg Rally noch keine Herausforderung dar, dank der zügigen Gangart weisen aber immer wieder Steinschläge akustisch auf den neuen Motorschutz hin. Vor allem bei heftigeren Schlägen beruhigend: Für den raueren Einsatz mit der Rally-Variante der Tuareg ist dieser jetzt 50 % stärker ausgelegt und soll sogar bis zu 80 % widerstandsfähiger sein.

Deutlich stabiler sind nun auch die Handschützer am weiter vorne und etwas niedriger positionierten Lenker. Wie nützlich diese sind, soll sich später noch zeigen. Auf der flotten und abwechslungsreichen Zwischenetappe zum nächsten Streckenabschnitt durch kleine Dörfer und über schmale Sträßchen und Feldwege fällt vorher aber auf, wie einfach man durch die verbesserte Ergonomie zwischen sitzender und stehender Fahrposition wechselt.
Viele Sitzphasen gibt es auf der Tour aber nicht. Lässt man die kleinen Örtchen hinter sich, durchschneiden immer wieder tiefe Gerinne die oft recht steile, von losen Steinen geprägte Piste. Schon hier fällt auf, wie viel besser das deutlich straffere Fahrwerk der Tuareg Rally zum Adventure-Bike passt. Während die Gabel der Standardversion durch die progressive Federate vor allem beim kräftigeren Anlegen der Bremse dazu neigt, schnell abzutauchen und dadurch weniger Gefühl vermittelt, arbeitet die Front der Rally deutlich direkter und transparenter. Ein Umstand der sich auf Asphalt positiv bemerkbar macht. Auf der Tour geht es auch immer durch die kleinen, verwinkelten Örtchen des Apennin, in denen man aufgrund der querenden kleinen Gässchen immer wieder kurz die Bremse antippen muss. Eine Disziplin, die auf der Rally mit deutlich weniger Bewegung im Fahrwerk gelingt.
Spätestens am Highlight der Tour, einer gut zwei Kilometer langen und schnellen Bergpassage, ist die Aprilia in ihrem Element. Wie spielerisch der erste steile Anstieg auf losem Untergrund mit der Rally bewältigt werden kann, zeigt Eco-Race-Gewinner Cerutti, der Teil der Offroad-Gruppe ist. In feinster Enduro-Manier jagt er auf der Tuareg den Hang hoch, das Vorderrad hat nur unregelmäßig Bodenkontakt, der Scorpion-Rally-Hinterreifen pflügt dabei unnachgiebig durchs weiche Erdreich, das sich dahinter fontänenartig verteilt.

Ganz so forsch gelingt der Anstieg den teilnehmenden Journalisten und vor allem dem Autor nicht, das früh anstehende Drehmoment der Tuareg schiebt Mann und Maschine aber auch dann noch souverän den Berg hoch, wenn man etwas zu zurückhaltend am Gas ist oder eine Gangstufe zu hoch eingelegt hat. Voraussetzung ist hierfür aber der richtige Riding Mode. Während bei „Urban“ schon der Namen verrät, dass hier nicht viel zu holen ist, verhindert auch im Explore-Modus die Elektronik den Vortrieb auf losem Untergrund. Nur durch die Modi Offroad und Individual lässt sich die Traktionskontrolle deaktivieren und das Hinterrad wird vollständig freigegeben.
In einer steilen Rinne mit großen Steinen und Blöcken ist dann aber doch Schluss. Vor allem auf Wunsch von Entwicklungsfahrer Cerutti wurde das Motor-Mapping hin zu einem schnelleren Ansprechverhalten entwickelt, um mit Gasstößen die Front vor Hindernissen schnell entlasten zu können. Dafür braucht man aber im Fall der Fälle die nötigen freien Kapazitäten bzw. Fähigkeiten … mit viel Spielen am Gas, der leichtgängigen Kupplung und den helfenden Händen des Schlussfahrers ist die Tuareg Rally wieder frei und der Reihentwin erledigt den Rest.

Ist es bergauf die TC, die man nicht vermisst, verzichtet man bergab auf losem Geläuf am Hinterrad lieber auf das Eingreifen des ABS. Auch dafür gibt es auf der Runde dank schmaler Single-Trails die passenden Abschnitte. Hier freut man sich dann auch über den aluminiumverstärkten Handschutz, wenn immer wieder Äste und Sträucher gegen das Motorrad peitschen. In dieser Passage fällt besonders auf, wie agil sich die Rally bewegen lässt, und durch das einfache Handling erinnert das Fahrverhalten hier fast an jenes deutlich kleinerer Hard-Enduros. Noch eine kurze Flussdurchquerung, dann geht es auch schon wieder Richtung Startpunkt.
Auf dem letzten Abschnitt über asphaltierte Landstraßen bietet sich nochmal die Möglichkeit, die unterschiedlichen Riding Modes und die dahinter liegenden Einstellungen zu testen. Hier wird auffällig, wie aggressiv die Rally im Offroad-Mapping im Vergleich zum Explore und vor allem zum Urban Mode Gas annimmt. Auch das Motorbremsmoment ist hier ausgeprägter.
Die Summe ihrer Teile macht die Aprilia Tuareg Rally zu einem spannenden Adventure-Bike für alle, die tatsächlich abseits hochfrequentierter Wege das Abenteuer suchen. Dabei schaffen vor allem die sportlichere Ergonomie und das deutlich straffere, voll einstellbare Fahrwerk viel Raum für Spaß im Gelände. Aber auch auf befestigten Straßen wäre die Rally für mich die präferierte Wahl – und das dank der toll gestalteten Sitzbank trotz der in Zahlen immensen Sitzhöhe. Auch durch das straffere Fahrwerk ist die Rally hier für Fans sportlicher Maxi-Enduro das direktere und damit bessere Motorrad. Dass Aprilia die Rally auch im Hauptbetrieb sieht, erkennt man an der Reifenwahl. Denn während die Motorräder für Tour mit offroadtauglichen Pirelli Scorpion Rally bestückt, rollt die Rally auf der straßenorientierteren STR-Variante vom Band.
Wie immer bleibt am Schluss nur die Empfehlung, das Ganze mal selbst auszuprobieren. Im Falle der Rally natürlich unbedingt mit einem Ausflug ins Gelände. Für diejenigen, die lieber Reisen und denen das alles zu viel Komfortverlust ist, gibt es ja noch die normale Tuareg – alle Updates inklusive.
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