Richtig scharf!
aus Kradblatt 9/24, Text: D. Dürrfeld, Fotos: Jason Critchell, D. Dürrfeld
Die Aprilia RS-Familie genießt einen legendären Ruf und eine ganze Generation ist sprichwörtlich mit den Modellen groß geworden. Dank der geänderten Führerscheinregelung wurde die RS 125 ab Mitte der Neunziger in Deutschland bei jugendlichen Fans sportlicher Motorräder populär, nicht selten folgte auf die ersten Jahre mit dem 125er-Einstiegszweitakter der große Motorradführerschein. Bis 2002 hatten die Italiener für den nächsten Schritt mit der RS 250 auch das passende (Renn)eisen im Feuer, aufgrund der verschärften Abgasnormen verschwand das Aufstiegsmodell aber ersatzlos, während sich die 125er bis heute – inzwischen als Viertakter – bei jungen und dank B196 auch nicht mehr ganz so jungen Motorradneulingen großer Beliebtheit erfreut.
Nachdem Aprilia 2020 mit der RS 660 die Lücke zwischen dem kleinen Einzylinder der RS 125 und dem hyperpotenten V4 der aktuellen RSV4 etwas verkleinerte, war anzunehmen, dass da noch mehr kommt. Zur Saison 2024 folgt mit der RS 457 ein reinrassiger A2-Sportler, der nicht nur der Konkurrenz von KTM und Kawasaki Paroli bieten, sondern auch das sportliche Erbe der RS-Familie hochhalten soll.
DNA der RS-Familie
Wie ernst man bei Aprilia die Sache mit der Sportlichkeit nimmt, zeigte sich bei der Präsentation des neuen Familienmitglieds. In der Regel werden auch supersportliche A2-Motorräder hauptsächlich auf der Landstraße bewegt, für die erste Testveranstaltung entschied man sich in Noale aber für ein reines Rennstrecken-Event auf dem winkligen Kurs im italienischen Modena.
Mit MotoGP-Testfahrer Lorenzo Savadori und Grand-Prix-Sieger Maverick Viñales hatte man sogar zwei absolute Rennsport-Hochkaräter vor Ort, letztgenannter wurde nach seinem ersten Sprint-Sieg mit Aprilia direkt vom MotoGP-Einsatz in Portimão am Sonntag eingeflogen und war pünktlich am Montagmorgen vor Ort, um den angereisten Medienschaffenden zu zeigen, wie man die neue RS 457 artgerecht bewegt.
Vorher stand aber die Vorstellung der Neuerungen an. Während die Front der RS 457 stark an die RS 660 erinnert, ist unter der Vollverkleidung alles neu. Der 457 Kubikzentimeter große Paralleltwin wurde komplett neu entwickelt und reizt mit 35 kW (47,59 PS) das Leistungslimit des A2-Reglements vollständig aus. Laut Aprilia ist hierfür unter anderem die Rennsport-DNA der RS-Modelle mitverantwortlich. So kommen im Aggregat zum Beispiel gecrackte Pleuel und Kolbenbolzen mit DLC-Beschichtung (Diamond Like Carbon) zum Einsatz, die ECU stammt aus der RS 660. Der Motor selbst ist als tragendes Element konzipiert und die Fußrasten, die Auspuffanlage sowie die Stahlblechschwinge sind direkt mit dem Motor verbunden. Auch der Alu-Rahmen – Aprilia ist der einzige Hersteller, der in diesem Segment beim Chassis auf das Leichtmetall setzt – ist im Motorgehäuse verschraubt.
In Summe bringt die Gesamtkonstruktion mit Betriebsstoffen und vollem Tank 175 Kilo auf die Waage. Vielleicht hätte man an der ein oder anderen Stelle noch ein paar Gramm sparen können, da die Ingenieure bei Aprilia das maximale Leistungsgewicht von 0,2 kW pro Kilogramm aber bereits komplett ausreizen, wäre hier aufgrund der Zulassungsregularien gar nicht mehr möglich gewesen.
Grundsätzlich spielt das Gewicht bei der Aprilia aber überhaupt keine Rolle. Das merkt man schon bei der ersten Sitzprobe. Die Sitzhöhe beträgt lediglich moderate 800 Millimeter, das Polster und der Schrittbogen fallen sehr schmal aus. Ein Aspekt, auf den die Italiener besonders stolz sind. Denn der Aufwand, den man für Gewichtsreduktion sparen konnte, wurde in Ergonomie und Aerodynamik gesteckt. Der sichere Stand dank der extrem schlanken Konstruktion des Heckrahmens ist hier nur ein Beispiel. Auch die Position der Fußrasten wurde so gestaltet, dass sie trotz angenehmer Höhe viel Schräglagenfreiheit bieten. Im öffentlichen Verkehrsraum spielt das eher weniger eine Rolle, auf der Rennstrecke ist das aber umso wichtiger.
Nicht ganz Standard.
Auf dem Rundkurs ebenfalls von essentieller Bedeutung: die Bremsanlage. In der RS 457 werkelt eine Kombination aus axialer Bremspumpe, einem radial verschraubten Vierkolbenbremssattel von ByBre und einer schwimmend gelagerten Bremsscheibe, die so bis 2015 in der RSV4 zum Einsatz kam.
Im Erstkontakt will man nicht meinen, dass dieses Set-up brauchbare Verzögerungsleistung liefern soll, denn im Stand lässt sich der Bremshebel fast komplett bis an den Lenker ziehen. Mit dem ersten zaghaften Verzögerungsversuch verfliegen aber rasch alle Ängste, die Bremse entpuppt sich als rennstreckentauglicher Zwei-Finger-Stopper und zeigt keine Schwächen. Auch das lediglich in der Federvorspannung einstellbare Fahrwerk steckt den Rennstreckeneinsatz gut weg. Das gilt auch für das ABS. Obwohl dieses nur fürs Hinterrad deaktiviert werden kann, erlaubt die Front auch sehr sportliche Bremsmanöver mit Verzögerung Richtung Scheitelpunkt, ohne regulierend einzugreifen. Selbst ausgeprägte Stoppies sind möglich. Einzige Bedingung: der initiale Griff zum Hebel darf nicht zu heftig ausfallen. An dieser Stelle muss aber erwähnt werden, dass die Bremse am Testmotorrad mit Racing-Belägen aus dem Aprilia Zubehörkatalog ausgestattet wurden, die dank Straßenzulassung aber auch auf der Straße gefahren werden dürfen.
Für den Rennstreckeneinsatz wurde auch die Bereifung gewechselt. Rollt die RS 457 ab Werk auf Reifen von TVS (Eurogrip Protorq Extreme) in den Dimensionen 110/70 R17 und 150/60 R17, kommt in Modena vorgeheizter Superklebstoff vom Typ Pirelli Supercorsa SP V4 zum Einsatz. Überraschender Gripverlust ist hier also kein Thema. Umso erstaunlicher, dass am späten Nachmittag mit der Traktionskontrolle dann doch noch ein Regelsystem auffällig häufig aktiv wird. Die macht sich aber nicht durch das Einfangen eines auskeilenden Hinterrades bemerkbar, sondern durch deutlich reduzierten Vortrieb in Schräglage. Der Grund ist nach dem letzte Turn in Form eines komplett ausgelutschten Hinterreifens schnell gefunden.
Die RS 457 muss aufgrund der fehlenden IMU zwar ohne schräglagenabhängige Assistenzsysteme auskommen, die dreistufige Traktionskontrolle macht in den Riding Modes Rain, Eco und Sport aber einen guten Job. Dies bestätigt sogar MotoGP Stammfahrer Maverick Viñales, der die Traktionskontrolle im Sportmodus (niedrigste Stufe) laut eigener Aussagen nutzt, um bei viel Schräglage die Hinterhand zu kontrollieren. „Top Gun“ verdient zwar bei Aprilia seine Brötchen, da die Traktionskontrolle aber auch einfach deaktiviert werden kann, ist die Aussage wohl als glaubwürdig einzustufen. Ebenfalls voll des Lobes ist der Maestro ob des Gefühls für die Front, der Leistungsentfaltung und des Drehmoments des Antriebs.
Seinen Drehmomentgipfel erreicht der Twin mit 43,5 Newtonmeter bei 6.700 Umdrehungen, 82 Prozent stehen aber schon bei 3.000 Umdrehungen an. Auf der engen, gerade einmal 2,4 Kilometer langen Strecke in Modena bedeutet das, dass man fast den gesamten Kurs im dritten Gang fahren kann. Schaltvorgänge wären aufgrund des optionalen Blippers und der sehr leichtgängigen Anti-Hopping-Kupplung zwar problemlos möglich, sind aber einfach nicht nötig.
Einzig auf der Start-Ziel muss man den Schalthebel mehrfach bemühen, nachdem man sich hinter der knappen Verkleidung möglichst klein gemacht hat. Das geht bis zu einer Größe von 1,85 noch ganz gut, darüber bedarf es aber schon ausgeprägter Origami-Künste, um sich so zusammenzufalten, dass man am Ende der Gerade Höchstgeschwindigkeiten erreicht. Für den Kurs in Modena bedeutet das gut 160 km/h, hat die RS mehr Anlauf, soll das gut ablesbare 5-Zoll-TFT-Instrument laut Aprilia bis zu 190 km/h ausweisen.
So sportlich sich die RS 457 bewegen lässt – fährt man die Gänge voll aus – zeigt sich dann doch, dass die Aprilia einen eher auf Drehmoment optimierten Zweizylinder mit weniger als einem halben Liter Hubraum besitzt. Seinen Leistungszenit erreicht der Twin zwar erst bei 9.400 Umdrehungen und der rote Bereich beginnt gar erst bei 10.500 Touren, bereits über 8.000 Touren geht dem Antrieb aber etwas die Puste aus. Dank des sehr breit nutzbaren Drehzahlbandes tut das dem Fahrspaß aber keinen Abbruch.
Fazit. Macht ein Sportler wie die RS 457 Sinn? Dass es zumindest in Europa ein Interesse an entsprechenden Motorrädern in der Mittelklasse gibt, zeigt der Erfolg der großen Schwester RS 660, die aktuell der erfolgreichste Sportler in ihrem Segment ist. Es könnte also auch mit einem reinen A2-Renner klappen. Die Ausrichtung als sehr einfach zu fahrendes Motorrad mit nicht zu sportlicher Ergonomie, das sicher auch echte Supersportler-Fans zu begeistern weiß, spricht genauso dafür wie der für das Gesamtpaket mit 7.199 Euro absolut vertretbar Preis. Mit einem Inspektionsintervall von 12.000 Kilometern sollten sich auch die laufenden Kosten in überschaubarem Rahmen bewegen. Ob die RS 457 nun die erste Wahl für Aufsteiger aus dem 125er-Segment wird, oder doch eher selbst ein Einstiegsmotorrad ist, wird sich zeigen. Die Lücke in der Aprilia Modellpalette füllt sie auf jeden Fall perfekt aus und ist zweifelsohne eine richtig scharfe Bereicherung für den A2-Markt.
Mehr Infos? Auf der Website von Aprilia gibt’s ein 15 Minuten Video, in dem Tommaso Marcon (Aprilia Racing Testfahrer, Moto2-Fahrer und YouTuber) die 457 auf einem Streifzug durch das Aprilia-Werk vorstellt. Probefahrten (nach Verfügbarkeit) und weitere Informationen über Lieferzeiten, Zubehör usw. gibt’s natürlich bei allen Aprilia-Vertragshändlern.
—
Kommentare
Ein Kommentar zu “Aprilia RS 457, Modelljahr 2024”
Hallo. Ich habe kradblatt.de durchstöbert und bin an einem Gastbeitrag auf kradblatt.de interessiert. Wie lauten die Bedingungen für eine Zusammenarbeit? Danke, ich warte auf eine Antwort.