aus Kradblatt 5/26 von Anna Tanke
Beobachtungen einer Motorradfahrerin
Anna fährt Motorrad. Und als Motorradfahrerin begegnet sie natürlich auch anderen Motorradfahrerinnen und Motorradfahren. In loser Folge kommen ein paar Erlebnisse im KRADblatt. Zum Schmunzeln oder auch zum Nachdenken …

Wie sehr hat sich doch das Motorradfahren verändert im Laufe der letzten Jahrzehnte. Wer die motorisierten Zweiräder vom sagenumwobenen Damals mit denen von heute vergleicht, der steht mit einem Gemisch aus Staunen, Faszination und Wehmut da: Die schiere Anzahl an Pferdestärken, die man mittlerweile unter wie Spielzeuge anmutenden Zweirädern findet, aus Mechanik wurde Elektronik, an sinnvollen oder weniger sinnvollen Stellen, die Motorräder fahren bereits mit E-Antrieb, quasi allein und voll gesichert, während der Fahrer sich gemütlich die Landschaft anschauen, Zähne putzen oder mit der Gattin telefonieren kann.
Aber nicht nur die Technik hat einen Wandel durchlebt, nein. Auch die berühmte obere Hälfte des Motorrades hat sich, wie dem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen sein wird, deutlich gewandelt: Wo sich einst bärtige, tätowierte und bemuskelte Kerle lässig auf den Ledersitz geschwungen haben – umweht von einem Hauch Abenteuer, Bewunderung, Mut und herben Gerüchen, da bietet sich mittlerweile nicht mehr selten auch ein anderes Bild: Zierliche Finger zarter Persönchen umgreifen den Gashahn kleiner Maschinen, oftmals tiefergelegt, damit die Plateauschuhe mit Absatz den Boden erreichen. Ein wohliger Lavendelduft umhüllt die frisch geduschten, langen Haare, und unter dem Visier lächeln leicht zaghaft klimpernde Wimpern der Welt außerhalb des Helmes entgegen. Statt dem röhrenden Donnern des Harley-Auspuffs beim Starten des Vehikels hört man inzwischen beim Losfahren auch mal das gurgelnde Blubb eines abgewürgten Motors, dicht gefolgt von einem erschrockenen, vom Helm gedämpften „Huch!“. Was es mit all dem auf sich hat, ist eindeutig: Die Ära der motorradfahrenden Frauen hat Einzug gehalten!
Auf leisen Sohlen hat sich das schönere Geschlecht im Laufe der Jahre seine eigene kleine Nische in einer ursprünglichen Männerdomäne erobert. Anfangs von den hartgesottenen Kerlen noch mit einem Gemisch aus Skepsis, Verachtung oder schierem Entsetzen beäugt, haben die Ladies in Leder ihren Platz in der Motorrad-Szene einfach stoisch weiter besetzt.
In einer bemerkenswerten Vielfalt findet man auch bei den Frauen fast alle Fahrertypen, die man sich vorstellen kann: Selbstverständlich gibt es die kleinen, zierlichen Anfängerinnen, vielleicht noch etwas bang in der Büx, die bisher mit Fahrzeugen und Technik rein gar nichts am Hut bzw. am Helm hatten. Aber die werden locker gekontert vom Pendant zum bereits beschriebenen bärtigen tätowierten, muskelbepackten Mann, nämlich der – wenn auch meist nicht bärtigen – tätowierten und muskelbepackten Frau. Eine Walküre auf zwei motorisierten Rädern, mit der sicher beim Kickstart an der grün werdenden Ampel nicht zu spaßen ist! Es gibt die lebenslange Sozia, die bei jeder Fahrt hinter ihrem Mann warm eingehüllt neben der Kaffeemaschine auf dem hinteren Teil des Sofas … äähh … der Sitzbank einer GS zu finden ist, ebenso wie die Oldie-verliebte Schrauber-Oma, die seit den 1970ern mit ihrer Bonneville durch Dick und Dünn die Spur hält und nachts ohne Maulschlüssel unter dem Kopfkissen nicht einschlafen kann. Die routinierte Transalp-Tourerin grüßt nach einer wochenlangen Südeuropa-Rundreise lässig in den Serpentinen die Rennmäuse, die ihr in den schönsten Lederkombis auf Sportlern elegant entgegengezischt kommen.
Und was ist aus den kritischen Blicken zu Beginn der weiblichen Zweirad-Eroberung geworden? Es gibt sie noch, vereinzelt hier und da, ja. Aber liebe Männer, lasst euch gesagt sein: Wir gucken genauso kritisch zurück! Ja ja, wir rümpfen die Nase, wenn ihr ungepflegt daherkommt, und wir nehmen sie wahr, eure Zeugnisse des abendlichen Bierkonsums in runder Bauchform, vermeintlich versteckt unter der längst mittig zu straff sitzenden Lederkombi. Da könnt ihr noch so am Gas drehen, davon wird das Leder sich nicht weiten. Ja, wir schütteln den Kopf über rüpelhaftes Benehmen an der Frittenbude, und wir drücken empört auf die Hupe, wenn wir ganze Horden von euch im Vorbeifahren breitbeinig am Straßenrand stehend in die Büsche zielen sehen. Und glaubt mir, auch Frauen haben schon mal Männer darauf hingewiesen, dass einfach der Seitenständer hochgeklappt werden kann, wenn das Moped mal nicht starten will an der Tankstelle.
Aber inzwischen haben die meisten Männer auch schon einmal die Erfahrung gemacht, vom Lächeln der Frauen beim Pausenstopp verzaubert zu werden. Oder sie mussten zugeben, dass die Frau in ihrer Trainingsgruppe genauso souverän unterwegs war wie sie selbst. Sie sind als helfender Retter in der Not mit Kuchen zum Dank belohnt worden, oder sie haben in Gesprächen mit den Damen gemerkt, dass Motorradfahren auch für uns Mädels einfach Spaß am Zweirad, Freiheit genießen wollen und Liebe zum herrlichen Fahrgefühl bedeutet. Und so können sich doch am Ende des Tages fast alle einigen: Wie schön, dass es mittlerweile auch den Einfluss der Frauen in der Motorradszene gibt. Er bietet für beide Seiten immer wieder neuen Gesprächsstoff, neue Anregungen und Denkweisen, Lustiges und sicher Kurioses. Von diesen Eindrücken aus der wilden Welt der Motorrad-Frauen will ich gerne zukünftig an dieser Stelle berichten.
Alles in allem sind Frauen am Ende also eine weitere Spezies, die die schöne Welt des Motorradfahrens interessanter, bunter und vielleicht sogar ein bisschen hübscher macht.
Die Frisur gerichtet und die Linke zum Gruß, Eure Anna
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