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Suzuki SV 650 S (Mod. 1999)

aus bma 07/99

von Klaus Herder

Es gibt genau zwei Arten von günstigen Zweizylinder-Motorrädern. Diejenigen, bei denen man nur dann in die Garage geht, wenn es was zu fahren oder zu schrauben gibt. Solche Motorräder tragen dann zum Beispiel ein GS 500 E oder CB 500 in der Modellbezeichnung. Und dann gibt es auch noch Maschinen, bei denen man auch einfach nur mal so in der Garage vorbeischaut, ein wenig drumherum läuft, sich still und heimlich freut, vielleicht andächtig über Tank und Sitzbank streichelt und dann anschließend zufrieden in den Alltag zurückkehrt.
So ein Motorrad ist die Suzuki SV 650 S. Doch der Reihe nach: Sie ist günstig, denn inklusive Nebenkosten müssen gerade mal 11.790 Mark beim Suzuki-Händler hingelegt werden. Sie ist zweizylindrig. Und das sogar in V-Form. Je zwei Nockenwellen und vier Ventile pro Zylinder kümmern sich darum, daß der wassergekühlte Motor gesunde 71 PS bei 9000 U/min. leistet.
Warum die SV 650 S auch ein Motorrad zum Liebhaben ist, hat viele Gründe. Fangen wir doch mal mit dem sympathischen Äußeren an. Die Form ist nicht ganz neu – die TL 1000 S läßt grüßen – doch immer noch ein Augenschmaus. Die SV ist dort rundlich, wo Rundungen hingehören. Und sie ist schlank, wo es darauf ankommt, nämlich in der Taille. Der Doppelscheinwerfer sorgt für ein ausdruckstarkes Gesicht, und die rahmenfeste Halbschalenverkleidung erlaubt einen Blick auf den zumindest im Sichtbereich sauber verschweißten Gitterrohr-Rahmen aus ovalen Alu-Profilen. Der schwarz-glänzend lackierte 90°-V-Motor kommt weitgehend ohne häßliche außenliegende Schläuche und Leitungen aus. Die Abgase entläßt der Twin über eine elegante Zwei-in-eins-Auspuffanlage aus Edelstahl – leider ohne Kat. Die Dreispeichenräder mit den Reifen im Format 120/60 ZR 17 vorn und 160/60 ZR 17 hinten passen gut zum dynamischen Trainingsanzug der SV und machen sie noch erwachsener als sie ohnehin schon ist.

 

Genug der Schwärmerei, es wird gefahren. Oder zumindest erstmal gestartet. Lenkerfester Choke, zentrales Zünd-/Lenkschloß, Druck aufs Knöpfchen – der Twin kommt sofort und pröttelt kräftig gedämpft und vorerst ziemlich unspektakulär vor sich hin. Den sechsfach verstellbaren Bremshebel kann man derweil der persönlichen Prankengröße anpassen, beim Kupplungshebel wurden die Verstellmöglichkeiten leider gespart. Zwei Ampeln weiter kann die Starthilfe vollständig zurückgenommen werden. Der erste Gang ist relativ lang übersetzt, die fünf nachfolgenden dafür umso kürzer. Kurze Schaltwege, knackig-präzises Einrasten – die Schaltarbeit ist etwas für Genußmenschen und dabei doch gar nicht so oft erforderlich. Ab 2000 U/min. geht’s ruckfrei voran, ab 5000 Touren gibt’s richtig Druck und nun auch endlich den kernigen Vau-Zwo- Sound. Und das bis hinauf zur Nenndrehzahl von 9000 U/min und etwas weniger heftig noch weiter bis zum roten Bereich bei 10.500 U/min.
Die SV ist brutal durchzugsstark. Im direkten Ver- gleich nimmt sie selbst deutlich hub-raumstärkeren Maschinen Sekunde um Sekunde ab. Wer die Drehzahlmessernadel immer schön über 5000 U/min hält, kann reinrassigen Sportlern das Leben mächtig schwer machen. Wer allerdings allzu hektisch am Gasgriff dreht, wird mit leichten Lastwechselreaktionen und in Teilbereichen etwas verzögerter Gasannahme bestraft – insgesamt nichts Dramatisches. Biker mit rundem Fahrstil werden’s vermutlich gar nicht merken.
Für ausgeprägten Fahrspaß sorgt neben dem nahezu vibrationsfrei und turbinenmäßig laufenden Motor auch das wunderbar präzise Fahrverhalten. Sportlich vornübergebeugt, aber nicht unbequem untergebracht hat der SV-Pilot die vollgetankt gerade mal 193 Kilogramm leichte Suzi so spielend leicht im Griff, daß enge Wechselkurven zum Hochgenuß werden. Die Fußrasten sitzen weit genug oben, um die Schräglagenfreiheit einzig und allein zur Sache der Reifen zu machen – und die haften zumindest in der Erstausrüstung (Metzeler ME Z4) wie Pattex. Die SV ist jederzeit gut berechenbar und sorgt für grenzenloses Vertrauen. Kein linkes Lenkerschlagen, kein fieses Aushebeln – mit der Suzi sind auch Anfänger (eine 34 PS-Version ist lieferbar) frühzeitig flott und trotzdem sicher unterwegs. Sogar den einen oder anderen größeren Fahrfehler verzeiht die SV.
Zu dieser Gutmütigkeit passen auch die absolut alltagstauglich abgestimmten Vorderrad-Stopper. Die Doppelscheibe läßt sich nur schwerlich überbremsen, die Wirkung ist trotzdem ordentlich, Handkraft und Dosierbarkeit stehen in einem gesunden Verhältnis zueinander. Man muß zwar kräftig hinlangen, spürt aber jederzeit, was Sache ist. Mit der hinteren Soloscheibe sollte man es speziell bei Nässe dafür lieber etwas ruhiger angehen lassen – sie beißt zu heftig zu und blockiert relativ früh.
Die Fahrwerks-Grundabstimmung der SV ist komfortabel mit einem kleinen Schuß Sportlichkeit und für Otto Normalbiker goldrichtig. Sehr viel ändern kann man daran auch nicht, denn weder Telegabel noch Zentralfederbein lassen sich dämpfungsmäßig verändern – irgendwie muß der günstige Preis ja auch zustande kommen. Im Hinblick auf den bedingt empfehlenswerten Soziusbetrieb gibt’s immerhin eine siebenfache Verstellmöglichkeit der hinteren Federbasis. Bedingt empfehlenswert übrigens deshalb, weil Gesäß und Füße eines Mitfahrers etwas zu hoch und zu unbequem untergebracht sind, der stabile und mit Kunststoff über-zogene Haltegriff aber durchaus praxisgerecht ausfällt. Unterm Sozius-Brötchen ist zudem ein recht passables Staufach untergebracht.
Bis rund 160 km/h hält die Verkleidung der SV 650 S den auf dem Oberkörper lastenden Winddruck in angenehmen Grenzen. Darüber wird’s bis hinauf zur Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h dann doch sehr zugig. Die Körperlänge spielt fürs Wohlbefinden des Fahrers übrigens so gut wie keine Rolle. Die SV ist eine der wenigen Maschinen, auf denen ganz kurze und ganz lange Fahrer gleich gut untergebracht sind, 800 mm Sitzhöhe passen auch kurzen Menschen. Mit 16 Litern Fassungsvermögen fällt der einen engen Knieschluß ermöglichende Tank nicht gerade üppig aus, doch die Trinksitten der Suzi sind so zurückhaltend, daß fast immer deutlich über 300 Kilometer am Stück drin sind. Wer auf 100 Kilometern mehr als sechs Liter Normalbenzin abfackelt, muß etwas Grundlegendes falsch machen. Verbräuche unter fünf Liter sind eher die Regel als die Ausnahme.
Die Suzuki SV 650 S hat fast alles, was man sich von einem Mittelklasse-Sporttourer wünscht, nämlich jede Menge Kraft, Handlichkeit, ausreichend Komfort, ordentlichen Sound und irgendetwas, was den so vielbeschworenen Charakter ausmacht. Doch wie jeder Charakterdarsteller hat die SV auch ein paar klitzekleine Macken: Die Spiegelausleger sind etwas kurz, Fern- und Abblendlicht bestenfalls durchschnittlich, und der Hauptständer fehlt.
Das ändert aber nichts daran, daß die SV eindeutig zur zweiten Art der günstigen Zweizylinder-Motorräder gehört.

 

 

 


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